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Full text of "Probleme der Mystik und ihrer Symbolik"

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PROBLEME 
DER MYSTIK UND 
IHRER SYMBOLIK 



VON 



HERBERT SILBERER 




WIEN UND LEIPZIG 

HUGO HELLER -30 #0. 



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INHALT 

.. Die Pa„boI. . . . '•^""»"-d" Teil. 

2. Traum= und Märchendeutuns '' 

20 

II. Analytischer Tel], 
1. Psychanalytische Deutung der Parabola 
2- Alchcmie 55 

5. Hermetische Kunst 75 

4- Roscnkrcuzcrci und Freimaurerei . ^* 

5. Das Problem der mehrfachen Deutung *'° 

»55 

III. Synthetischer Teil. 
Introversion und Wiedergeburt 
A. Vcrinnerlichung und Introversion. 

B- Folgen der Introversion '*^ 

C VX^iedcrgeburt . . . '7' 

2- Das mystische Ziel .... '^-^ 

?. Königliche Kunst ..." ^'® 

252 

Anmerkungen 

Quellen 258 

Index 265 

276 



1 




INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



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I. EINLEITENDER TEIL 



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1. ABSCHNITT / DIE PARABOLA 



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In einem alten Buche fand ich eine seltsame Erzählung, „Para 
bola" benannt. Ich stelle sie an den Ausgangspunkt meiner Be= 
trachtungen, weil sich aus ihr ein willkommener Leitfaden ergibt. 
In der Bemühung, die Parabola zu verstehen und psychologisch 
zu durchdringen, werden wir veranlaßt, jene phantastischen Ge= 
biete zu durchwandern, in welche ich den Leser führen möchte. 
Am Schlüsse unserer Wanderung werden wir dann mit dem Ver= 
ständnis des ersten Beispieles zugleich die Kenntnis gewisser psy« 
chischer Gesetzmäßigkeiten erworben haben. 

Ich will nun ohne weitere Vorbemerkungen das Beispiel mit« 
teilen und absichtlich den Titel des alten Buches vorderhand vcr= 
schweigen, damit der Leser imstande sei, die Erzählung ohne jede 
vorgefaßte Idee auf sich wirken zu lassen. Erläuternde Einschala 
tungen im Text, die von mir herrühren, kennzeichne ich durch 
eckige Klammern. Ich bleibe übrigens auch in der weitern Folge 
bei diesem Brauch. 



[i.] onß t(^ eittßö ma^U mic^ in emctn fc^önctt, gcÄncn un& iungen 
SBftlbc fpa^tetete, enb bie m&^e^ili$kH ölefeö UUn^ hettad)me, mit), 
tok toic büt<^ öen Bcfc^iDctlic^eii galt enfctcc cr|lro (Htun m folc^ @tenDe 
»nö Sammec getaf^en, öcroeinetc, tarn ii^ in folt^en @et>öncEeii fort* 
gc^cttbc eon i>em allgemeinem SBege, onnb [und] geriet^, »eig nic^f wie, 
auff einen engen Su^pfab, bec gang tauf)e, ungeba^net unb önnoegfam, 
au(^ mit fo üiclen @e6ü(c|>en önnb ©ttcut^en Bewßt^fcn marc, boö [daß] 
leit^tlic^ S« ecJennen, rote folc^er gar wenig gebraucht »lirbc. Öecowegen 
ic^ ecfc^rad, ijnb getne ttjicbcc ^urifcf gangen iöcce: folc^eö aßer toax ni(§f 
me^c in meinet ^ai^t, fmtemal ein Üatdtt SEßinö fo gereattiglic^ ^tnber 
mic^ ^er&lic|c, i>a€ Idaß] ic^ c^e je|tcn B^vitU fÄr mt^ alö einen sucutfe 
t^urt f6ttte. 
' [2.] ©ecowegen it^ bann foctwanbctn ennb bet tauten Srittc ni#t 
a($fen mufle. 



8 I. EINLEITENDER TEIL 

[3.] 2tlß it| nun eine gute geit foctganaen, fumme tt^ enMit^ auff 
eine liebliche 5Bicfc, »erc^c glcit^ einem tunöen Streut [Zirkel, Kreis] 
mit ^bnen fcucljfbacett SSÄumen umBttJöt^fen enb eon Den S{n«)i>^ttern 
Pratum feücitatis genennet toitb, enöcc [unter] eine ©c^ar ölfet SDJdnnet 
ölle mit etggtawen Sorten, o&ne baß einer [ausgenommen einen, der] 
ein jimlit^ junger ^m war, mit einem fpi&igem fc^war^en Surte; fo 
war fluc^ einet Darunter, ßefen SÜamen mir jiuar &cfönt »ar, fein 9tn? 
seiltet aBer je^o jut 3eif noc^ nic^t erfc^en föntet Der »«r noc^ jönger, 
&lc btöpufirtctt öon aUcr^anb Singen, infonöec^eit oon einem ^o^en ennt> 
gro0em ©e^eimnuß, fo in Der Sßatur Redete, toel(^eö @ott eor bet großen 
SEßelt öerborgen Stielte, unö nur allein wenigen, welche i^nliebten, offenBarete. 
[4.] 3c^ §6tete j^nen lange ju, önnb gefiel mir j^rDiscurs fe^rwo^I, 
dUein [es] woltcn etliche auf 6em @efc^ter [Geschirr, Zaum] fc^tagen, 
md)t sroac Die materiam oöet 9ir&eit fcctreffenöe [betreffend], fonbern 
ftjflö MeParabolas, similitudines önnb onbereParerga anlangete: öartn 
folgeten fte öeö Aristotelis, Plinij önb anöecer Figmentis [bildlichen 
Darstellungen oder auch Erdichtungen], n>e% je einer t>on &em anöern 
afegefc^riebcn ^te. ©a Eonfe it^ mic^ nic^t tengec enthalten, fonbecn 
mtfc^te memen ©enf mit barunter, rcfuftrcte foli^e nichtige Sing aug 
ber Expenents [Experienz, Praxis] ennb fielen mir bcr me^renf^eil ju 
[und die meisten stimmten mir zu], c?:amittir(en mi(^ in j^cer Facultet, 
tagten mtc^ jtmlic^ 6urc§ bic SBrÄnbe [machten mir recht heiß], aber 
mem Fundament war fo gut, ba^ \^ mit allen g^ren beflunbe, barü&er 
fle ü(^ alte mit cinanbcr öernrnnbctten, fc^toien [beschlossen] eitt&etliglT($ 
mi# tn ii)t Collegmm auf bnnb anjune^meu, begen tc& micb bann öon 
bergen crfcewete. t 

[5.] aiber, fagten fte, i<^ fbnte mä) fein rechter Collega fein biß i(6 
l^tcn Hvom etfl rec^t fenncn tetnete, önnb mi er inwenbig, fo wol üI^ 
öttpiuenbig fönte unb betmöc^te, tioßlommen wüilc. Setowegen fotte ic^ 
^ gleig anwenbcn, bap \^ i^n mir enbert^enig machte. 3^) fratcete mit 

i- fetbften jimlit^ toot, »erlieg j^nen, tc^ mite mm befleä bacbet) t^un: 

©ann [denn] i^re ©efetlfc^afft gefiel mir fo n>ol, baß ti^ ni^t ein große« 
genommen ^me, mb mic^ tjon j^ncn fc^eiöen laßen. 

[6.] ©ie flirteten mi(| ju bcm Sowen, befc^rieben mir bcnfetbcn fe^r 
fleißig: SEBie i^ aber anfangt mit j^m embge^cn fofte, »oltc mir Eetttcc 
fagen : etliche enter j^ncn t^cteti iwat Qtnbeutung bauen, aber fo confuse, 
bag bet Saufenbc j^n nic^t eetfle^en Ebntc, aber wenn it^ i^n erfl fefl 
gemacht, »nnb mid^ für [vor] feinen fc^arffen Slawen ennb fpi^igen 
S&nm öerfic^ert f}ztte, »ec^telten (te mir weiter^ nic^fg^). 3lun wac bet 

•) . . . dessen Namen ich zwar kannte, dessen Angesicht ich jedoch vorläufig 
noch nicht sehen konnte . . . 

*) Sie stellten mir in Aussicht, mir nichts mehr zu verhehlen, wenn ich nur 
erst den Löwen festgebunden usw. hätte. 



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M^WJI '•! 



* 1. ABSCHNITT/ DIE PARABOLA 9 

I SÄ» fe^r alt, gcimmig bnö gtoö, feine gelbe gote» Giengen j^me ü&et 

|V öen S^a% [er] fdEitcnc ganß tjnubemmbltt^, öaö [so daß] t(^ mic^ meittec 

j Temeritet ^atUn ^alh entfette, ennb gecnß »ie&ßc jutud gefettet hjcre, ' 

l m mim '^ü\m, t>nö baan bai [dann der Umstand, daß] bk mm 

' t>mh mi^ ^ecttmi> f^unben, ennö roaö ic^ beginnen wütbt, etwacteten, 

f mid^ ni^f auffge^alfen [abgehalten] fetten. ^^ trat sum S6wen mit 

guter 3uuer(!c^t in feinen ©toben, fieng i^m an ju fd;mcic^cln, er abec, 

fa^c mic^ mit feinen ^eflgrangcnt-ett aiugen fo ffac^ ön, baö für ^urc^t ' 

mic bei na^e baö SBaffet übet bie Sätbe gangen voäte: <Bkid}ml erinnerte \ 

P . i^ mi(^, ba§ i^ eon bcn alten einem [von einem der Alten], «Ig »ir 

ttflc^ bem £6wengröben gtengcn, ecrnommen ^attc, baö [daß] fe^r oiel 

? ^eute f>(^ öen Umn juswingen unternommen/ bnb j^rer wenig folt^e^ 

! SU gnbe bringen f6nnett, roolte ic^ nic^t sufc^anben werben, önnb erinnerte 

mi(^ manc^cr(et) ©riefflein [Griffe], fo ic^ burc^ großem fleiff in biefec 

Athletica gelerncf, su bem war ic^ aüä) in ber Snatiirric^en magia mh 

erfahren, eergaf^ bagegcn beö liebbfenÄ, önnb gtieff bett£6»en fo be^cnbe 

tünßid) önb subtile an, ba^ [daß] e^e er eö rec^t getoar toöcb, ic§ baä 

SSluf au^ feinem Scibe, ja aug feinem bergen ^craup langete, baö war 

fc^ön ro^t, aber fe^r c^olcrifc^, tc^ anatomirete weiter, ennb fanb bei) 

j&m, barÄber tc^ mt^i »erwunbern muffe, fonbertit^ waren feine ©ebcine 

fo wetfö aI0 ein ©c^nee, mb waren beren öicl me^r al^ fetneö asiutö. 

[7.] 3«& nun folc^eö meine lieben Sttten, fo oben bmb ben ©caben 

Öefumbfluttöett mb mir sufa^ea, tttnen würben, disputirten flc ^efftig 

önfcr einanbcc, fo öiel tc^ au^ j^rcn SSewegungen abnehmen möchte, 

wa^ fie aber fagten, Unte [konnte] ic^, alg ber it^ no^ tief ontcn im 

©raben war, ni^t eerne^men: Öoc^ al^ fie mit aBortcn ^acf an cinanber 

famen, ^örete ic^, baß einer fprac^, er muß i^n auc^ wieber lebenbig 

machen, fonffen (ann er unfer Collega nit^t fetjn. 3c^ wolte nit^t gerne 

fciet ®eit(euftigEcit machen, unb begab mic^ a«i bem ©raben ober einen 

großen 5pta§, önnb t<tm, weiß ni^t wie, auf eine febr ^o^e UKawren 

[Mauer], beren S^b^i ober 100. Sien gegen biß SEBotrfen aufffieig, oben 

war fie aber nic^t cineö ©c^u^e^ breit, önb [es] gieng öon anfange, ba 

t^ ^icnauf gangen, biß jum <£nbe eine eoferne ^anb^abc rec^t mitten 

auf ber gjJawren ^in mit öielcn eingcgoffencn ©tÄ^cn wolbefcfftgt. 

[Also oben auf der Mauer läuft gerade in der Mitte ein Geländer.] 

Stuf biefelbe s^aure fam i^, fag i(^, önb baac^te mit^ eö gienge einer 

(ein Mensch] eflic^e ©c^tlttc lang öor mir &cr auf ber rechten ©eiten ber 

^anb^abcn. 

[8.] Sllß iä) aber bemfetbcn eine weite nachgefolgt, fa^e ic^ hinter mir 
auf ber anbetn ©eiten auc^ jemanb folgen, jwciffel noc^, obö ein «ffian 
ober SBcib gcwefen, baS ricff mir önnb fagfe, auf feiner Seiten wcre cö 
beffer wanbetn,alß ba [woj i(§ gienge, welche« i^ leic^tUc^ glaubte, bcnn 
wegen ber ^anb^aben, fo in ber gRitten fiunb önnb ben ©ang gar enge 



10 I. EINLEITENDER TEIL 

möi^te, wat fc^r u&et ge^en in folc^et ^6^e. ©ann ic^ a\xt^ etliche, fo 
folc^en SBeg ge^cn holten, ^infcc mir &er ^ietuntcr fallen fa^c. ©eto? 
wegen ff^wöng ic^ mic^ önfer öer ^anb^aßen, mic^ got fcf!e mit öeti 
^Änben f)aüenbt [haltend], §mb«r^, ünb gicng dfo auf öer anbern 
[d. i. linken] ©ctten fort, &tg i(^ enbli^ an ein Ott bct CKfluccn fam, ber 
fc^t ge^e [jäh] önnb gefe^rHc^ ^ienunfec julommen toar. ©a seteivefe 
miä) et% büß ici) nic^t auf bec anbeten [der rechten] (Seifen &Ueßen roere 
ennb Eonfc auf bicfclBe m<^t mc^c önben ^in&urc^ fommen, fo mare ei 
mir aut^ unm69lii^ toieberumfe jureenbcn [umzukehren], önnö auf ben 
anbern 2ßcg mic^ iu&ege&cn. S^crowegen m^te iti) mi(^, frawete metnen 
guteit Pffe«/ ^ielt mic^ fefl enb tarn o^ne Schaben ^tcnunbec, enb dg 
ic^ cm wenig weiter gcwanbett, fa^e ünnb wü|le [wußte] ic^ oon feiner 
©cfa^r me^t, wufte auc^ ntc^t, wo bie SKoure ober ^anb^abe ^inEommen 
Ware. 

[9.] Sßac^beme ic^ nun ^ienunber kommen, ^mbe baferbf^cn ein fc^6ner 
Stofenfiod, barauf waren fc^öne rote enb iocife 9tofcn gewacßfen, boc& 
bec roten oiel me^r alö bzt weisen, beren Ijrac^e tc^ etliche ahe, bnnö 
Pedte fie auf meinen §ut. Wi^ Icbaüä^u aber bafelbffen eine ^Äaure 
fo emb einen großen ©arten gieng, in bem ©arten waren junge ©efellcn 
enb wetcn bie ^ungfrawen^) ju benfelben gerne in ben ©arten gewefen 
wolten aber nic^it weit ömbwanbern ober eiel gRü^e anwenben, m fie 
JUL- Spuren Eommen wercn. öa crSötmcte tc^ mic^ ober öiefetbigen gieng 
ben ^eg wteber, öen ic^ kommen war, bot^ auf ebener ©ane, tJitb gieng 
g gefc^wmbe, m ic^ balb bep etltc^c Käufer täm, ba ic^ bcrmcinefe beö 
©artnetö ^auf ju fmben. aiber i^ fanb bafelbfien fe^r biet ^Mß, ein 
jebeö f)aue feine eigene Sammer, waren langfam [;] 2. jufammen, bie 
arbeiteten gar fietftg: öoc^ i)atte ein jeber feine eigne 9trBeif ''). SSad jie 
aber tiefen, hibau^te mic^, bette ic^ eor biefem md) get^an anb gearbeitet 
«ttb tom mtr alle j&rc airbcit bewuf?, fonbeclic^ gebac^fe ic^, ftbe, t^un 
auc^ fo »lel anbere imt folc^e fc^mu^tge onb fubbel^afffige airbeit, fo nur 
einen ©i^em, [je] nat^bem cineg |cbcn 91nbilbung [wahrscheinlich: 
Einbildung] ijl, aber fein Fundament in ber Sßatur i)at, fo iff bicö ouc^ 
juuecseiben. SaJotte mic^ bcrowegen, weil it^ wüf^e, bai folc^e Äunfle mit 
bem atauc^e öerfe^winben, nit^t tengec hierein eecgeblie^ aufraffen, önnb 
gieng meinen ßorgenommenen SEBeg fort. 

[io.j m^ ic^ nun nac^ ber ©arfent^ür iugicng, fa^en mic^ ctlit^e auf 
cmer fette fa wr [sauer] an, öag ic^ fürchte, fie würben mit^ an meinem 

*) Außerhalb des Gartens und seiner Umfriedung standen also Jungh-auen 
Diese waren, wie nun ausgeführt wird, gerne zu den jungen Gesellen ge- 
langt, scheuten aber die Mühe des Umweges zur Tür des Gartens. 

*) Der Sinn kann sein, entweder: allein arbeitend waren sie langsam, zu 
zweit arbeitend fleißig; oder; zwei von ihnen arbeiteten zusammen und waren 
fleißig. Beides läuft, wie man später erkennen wird, auf eins hinaus. 



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1. ABSCHNITT/ DIE PARABOLA H 

Proposito [Vorhaben] m^mbeta: gtn&ece abct fagfett: ^e, btt m in 
ben &am% otKib mix ^abexi fo lange jet( @arfcmSien(lc allste gct^att 
ennb fcmö boc^ niemaln hinein bmmcn, miß wollen toir t&n au^Iac&cn, 
wenn et einen Sölogen fc^legt [wenn es ihm mißlingt]. 3c^ dbec öcfefete 
fold^eö a«e^ nic^f, weit ie^ öiefeö ©artenö ©cicgen&eit beper, d^ fic, 
ttujic, ob it^ fc^on tttcmaten öarin gewefen, fonbetn gteng mitten tu 
cinec Zm, 6ie mt fefle üecfc^Ioffett, öaö [so daß] mann au^ eon öuficn 
fem B(^tnMm fe^en noc^ ftnben fönte. 3c^ abec metdte, bafö ein 
Hein cuttöeä Soc^, baß mann bod} mit gemeinen atngen ntdjt fe^en fönte 
an bev S^üc mt, mb gebac^te algbätb, mann müfte öafelbf? öic £Är 
öftten: SEar betowcgen mit meinen ^iecju fonöectic^ becciteten 5Diebect(6 
fecfig fc^Iog auf, önnö gicng hinein, m^ i<^ nun jn öer Zt)ÜT hinein 
tuar, fanö i(^ noc^ etUc^ anöcce oerriegeltc Z^ot, bie ic^ boc^, o^ne sKt'ibe, 
ofnete. @ö war aber öi^ ein ©ang, glei^ d^ roerc eö in einem »orgebawe^ 
tem^aufe, etwa fet^ö ©c^ae breit, tjnb jiDangig lang, oben mit einem 
l^oöei^ Unö obwol bie anbern Stören noc^ uerft^tofTen, fönte [konnte] 
i^ bo^ önrcfj biefelbigen, al^ bie erfle X^üev geöffnet war, gnugfam in 
Den ©arten fe^en. 

. ["•] 3c^ itjanberte im Slamcn Ootfeö in ben ©arten fort, ba fanö 
t(^ mitten barinnen ein Heineö ©dctlein, fo öieretftc^t, &nb auf jebcr 
feiten bei) ©ec^^meßtuten [sechs Meßruten] lang in fit^ begrieffe, baä 
mt mit Oiofenborn ombr^ecfet, enb bluteten bie 3iofen fc&r fc^öne. aße« 
cö aber ein toenig regnete, unb fc^iene bie ©onn barin, t)etutfa(^ete enb 
gab eö ein fe^r «btic^en SHegenbogen. m^ iä} nun bet> bemfctben mttleia 
&intt)cg war, enb an bem Drf, ba i<^ bm 3ungfrait>ctt Reifen folte, ge^cn 
toll, fi&e, ba n>ecbe ic^ getoar, baä an ftat ber gjJauren ein niebriger ge? 
ffoc^tener 3ann bafelbf^en (lunb, enb gieng bie fc^önffe 3ungfratt> in ganfe 
»eigen mm gejieref, mit bem |?amig|lcn Söngling, fo enterm ^anffen 
unb in ©diartac^en befleißet war beo Bem 3Iofen.@acten eorbep, eincö 
baß anber tn 3fcmen fü^rcnbe, mb eiel wolriec^enbe S^ofen in ihren 
^anben tragenbe. 3c^ fptac^ j^ncn ju, «nb fragte fie, wie fie übet ben 
gautt fommen fönnen? liefet mein alleclieblier S5rautgam, fagte fie 
fat mir eberge^olfen, unb wir ge^en nun auf biefem neblic^cn ©artcil 
L"???*^?! ®^"^'*^ ??reuttbf(^afft jupfiegen. @ö ifi mir lieb, fagte icb 
baö [daß], o^ne meine weitere mm etoerm mUen ein ©enügen ge^^ 
f^ie^et: bennoc^ fe^ct i^c, wie fe^r ic^ mic^ geeilef, baä tt^ euc^ m bienen 
einen fo weifen SBeg, in fo fur^er Seif, embgelaufen bin. 5Rac^ beme fam 
ic^ m eine groffe sOJübte, eon ©feinen inroenbig crböwet, barin waren 
feine ^m<^iten ober anbece Singe, fo jum sOfablen gehören, fonbern 
man fa^e burc^ bie ?Ka«re etliche SSafTerrÄber im SBaffer ge^en icb 
fragte, »ie cö barumb eine ©elegen^cif ^ttte, ba antwortete mir ein atfer 
Saliner, baä ma^imtä if! auf ber anbern ©eiten öerft^loffen, wie bann 
au(^ t(^ fa^e öom ©c^ii^e ©tege [Schützensteg] ein [einen] sOlÄUecfnec^t 



!* 12 1. EINLEITENDER TEIL 

f)mm se^e«/ tme folgefc tc^ nac^. 9Hg ic^ nutt ahet ben etcß, öcr im 
Untm S^attb Die SSBafferräbcr f^atte, Eommett war, flunb i^ flUIe önttb 
ößctöutt&rttc mi(^ ob« öa^, fo ic^ öa fa^e. Oann bic DIdbcc waren nun 
ühet bm BtiQt, fcaä SBager So^Ifc^wat^, bcjTcn tcopff^tt bot^ itjct^ 
mten, önö toar öcr ©c^ü^e fleg [Schützensteg] ni^t ober bcep ginget 
btcif, gleic^tpol magfe ic^ m\<S) wiebec jutüdc, onnö ^telfe mic^ an öen 
$6t^ern, fo ö&ec bem ©c^Ä^e f!cge luaren, tarn alfo rool »nö o^ngenä^cf 
o6ecö 5IBagßr. ©a fragte i^ öen ötten gßüUer, »te etet aöa^ettdbci: et 
^HU: ge^en, antwortete er. Saö Stbcnt&euer lag mir im i^opffe, önö 
&cttc gerne getoüfl, waö bie SBcbeutung wecc. 3Hß ic^ aber öermerdtc, 
baö ber ^üikv nic^t tofbrc^en motte, gteng ic^ hinweg, örD war aor 
öer gßü^Ien ein erhabener gepflajicrfer ^itgct, barauff waren etliche ber 
öorigcn Sitten, bie fpa^ierten bet) ber ©onttcn, öie bamatn fe^r warm 
fc^iene, önnb Ratten einen SBtteff öon ber gangen Facultet an fte gfe 
fc^rtebcn, barüber consultirten (te'). 3c^ tsetmerdte batb, mä berSm 
l)aU fein möchte, önnb ba^ eß mic^ antreffe, gieng berowegen m \f)nm 
önb fprac^: 3§r Ferren, ifl^ meinet ^atben jut^un? 3«, fagten fte, j^r 
mufl ewet SSeib, fo j^r entengf? genommen, juc d^e Begatten, ober wir 
mäffenä enferm ^litflen anmetben. 3c^ fprac^, baß bebarff feiner ^üle, 
benn icfj mit i^t gtcic^fnm gebo^ren önb eon Äinb auf crsogen woröen 
bin, önnb weit ic^ fte ctnma^t genommen, wil i^ (te auc^ immerbac 
Be^ölten, ennb fot ön^ ber Sobt fetb|? nic^f fc^eiöen: ©enn tc^ ^aht (ic 
eon bröniligen ^cc^en lieb. SBaö ^abentuic bann für Stagc? anttüorten 
(iC/ bie sSraut ifi auc^ iufrieben, »nb wir ^aben j&cen SBUIen; \i)t mt'iffef 
e«c^ taffen copuliren. SBoIsufriebcn, fagte ic^. SEßotan, fpra^ ber eine, 
fo wirb ber Söw fein Men wiebetbefommen, ennb öiel mdc^tiger önnb 

t frifftiger werben alö eor^er, 

[i2.] ©fl fiet mir meine eotige SIKü^e enb atrbeif ein, önb gebac^te 
bei mir fetbf? aug fonberbaren Urfad;en, eß müite nic^t mic^, fonbcrn 
einen anbern, fo mir wot bcfont, betreffen: 3n bem fe^e tc^ bnfern 

( 95reutgam mit feiner ©rauf in öörigcm^abtt öa^er ge^en, jur Copulatlon 

fertig enb bereif, befVen id) mx<^ ^6c^Ii^ crfrewete: Senn iä) in groffen 

Singften gewefen, bie ©ai^en möchten mi(^ fefbOcn Antreffen [betreffen]. 

[13.] 3(t^ nun, wie gm^^t, tjnfec Sreutgam in feinem ©c^artat^cn 

gtin^enben ^teibern, mit feiner Iieb(len Srauf, bereu weifer attlafen 

t^ ») In unserer heutigen Schreibweise würde das bedeuten, daß die Alten 
. einen Brief an die Sonne gerichtet haben, und so finde ich die Stelle auch 
i ^ in einer englischen Übersetzung der vorliegenden Schrift aufgefaßt. Diese 
f. überaus schleuderhafte Übersetzung ist jedoch nicht im geringsten maßgebend. 
l IJ"d obgleich ein akzeptabler Sinn herauskommt, wenn man die Sonne als 
V *len gl«'ch darauf erwähnten „Fürsten" ansieht, glaube ich doch, eine unge- 
rn, zwungenere Interpretation angeben zu sollen: ... die Alten spazierten an der 
'' damals sehr warm scheinenden Sonne; sie berieten sich über einen Brief, von 
der Fakultät an sie (die Alten) geschrieben. 



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1 . ABSCHN ITT / D IE PARABOLA 13 

Slocf fe&c ^cUc ©(Carlen öon ftt^ ^aU, j« gemetten ailtcR (om«; Copu- 
lirten fie &ie &et)&ß ulfo bdöc, enö ecttDunbertc ic^ mic^ nit^f mentg, 
böö tiefe Sungftan), f» öo"^ j^teg SBreutgamä SKuttct fein foltc, noc^ fo 
jung ttKit, &öä (le aut^ jc^o etp gefio^cen fein fi^iene. 

[14.] 9lutt »ctg idj nic^t: »a^ öiefe bcp&e müflen gcfftnbtgf ^abßtt, 
al§ &aö fie, weil [obschon] fie aSrü&et enni) ©(^tueflet ioatcn, füc^ fott^ec 
maßen mit £ie&e öcrbnnben, öö^ fle öu^ nid^f meöec öon ctnanöec iU:; 
tcingen roaten, mh alfo gleii^ftim SSIuffc^anbe weiten beiüc^tigef roerDen. 
Siefc 6ei)t>e roucöen an ^<xt eineö 95cauf&etteö önnt» ^errlit^en ^oc^seit 
in ein jlefigö unö immetwerenöeä ©efängnufö, fo boc^ aon wegen i^t« 
^o^en @c&u«^, &n& anfe^nlic^en ©fanöe^, «u(^ öaö [damit] fte inö 
fünffttge nic^fö ^ctmti^cö Begeben, fonbem alt \^x %l)m ennb Sagen, 
ber fluff fie oetorbneten SSBoc^f Befant unb in Singen fein folten, gon$ 
bucc^ftd^fig, %t\\t enb Har, g£ei(^ einem eriflaU, »nb rtinb, wie eine 
^immeW 5?uget, formiret wac, condemniret snb öetfc^Ioffen, börin mit 
(Tefigen Sutanen, »nb wahrer Die» fÄt j^re begangene gUifTet^en ju* 
täffen unb gnug s« t^uen^). <ii »ucben j^ncn a&ec öor&et alte frembbe 
Slcibung önnb ©cfc^mörf, fo Oe juc giccbe an ficfj gelegt, abgenommen, 
öaö fte in foI(^em @cma(^e gang natfet enb bloß ein anbec bcowo&nen^') 
raupen. SRann gab i^ncn onc^ niemanb ju, ber in la^ ©emac^ i^tttt 
gc^cn mögen, j^nen auftuwatten, fonbecn nac^ bem mann jbncn alte 
3lo«ucft bon ©peife onnb Stand, »e^cr eon eongcm QBaffcr gcft^Öpfet, 
hinein get^an, roiltb [wurde] bic t^ht beö ©ema^g gan§ fcftc oerticgcU 
onb öccfc^foßen, auc^ ber Facultet ©iegel baföt gcfrüffet, ennb mir 
anbefobicn, b<ni \^ j^tct ^tccin ^liten, i>nb wciln bec SBintec för ber 
S^Är, tdi Qemac^ geboteneren erwdcmen folte, bamit fie webet feieren 
no(^ brennen, fie a«c^ auf feinerlcp »cgc ^erauß lommen unb entfliegen 
möchten; ©olte aber aber »erhoffen einiget ©c^abe xihfc big Mandatum 
fötlauffen, wÄtbe ic^ bcgwegen biUi(^ in große unb fc^wcce ©teaffc 
genommen werben, ^k war nic^t wotl bet) ber ©ai^e, mein ^utc^t 
unb ©ütgfeltigfeit mad^ten mic^ fleinmiitig: benn i(§ gebaute bei) mir 
fclbff, ha^ ti md)t ein geringes wete, waö mir anbefoblen worben, fo 
wäfie x^ aud^ baß ba^ Collegium sapientiae nii^t ju Hegen [lügen], 

^) statt in ein Brautbett werden die zwei in ein Gefängnis gebracht. Da- 
mit ihr Tun und Lassen überwacht werden kann, ist das Gefängnis durch- 
sichtig; es ist ein helles, krystallklares Gemach, wie eine Himmelskugel, dem 
hohen Stande der beiden Personen entsprechend. 

=) Es ist nicht anzunehmen, daß mit diesen Worten unmittelbar ein Bei- 
wohnen im heutigen Sinn (= Beischlaf) gemeint ist. Nach dem heutigen 
Sprachgebrauch müBte also die Stelle wohl so wiedergegeben werden: . , . 
nackt und bloß beieinander wohnen mußten. — Man könnte übrigens auch 
an die Sitte des Beilagers denken, die ja besonders bei der Vermählung von 
Personen hoher Geburt beobachtet wurde. 

Auf alle Fälle findet indes, trotz meinem Vorbehalt, eine Handlung statt, 
die dazu geeignet oder bestimmt ist, zur geschlechtlichen Vereinigung zu führen. 



H I. EINLEITENDER TEIL 

fonbern mi ü fagte, gcwig tnö mvä ju tic^fcn pffestc. 3c&oc^ ttjeit 
i(^ cö ttic^f enöetn Unte, ju öeme flU(^ ttefcö bcrfc^Iogene ©ema(^ miffm 
in cmem ftac^m Saunte jtuttOc, fo noc^ mit iiatäm VollKetäett unö 
$o§m Tanten ötn&gefectt toar, öarin mann mit simlic^cn, öoc^ flefem 
gewc bog gange ©emac^ ecwdcmm fottte, önterttöme tc^ mit^ Mefcg 
3tmp£ö, ünö ficng in ©o«cö JOamen an öaj ©emac^ suctttxirmett, unö 
&ic gefangene e^eleufc »on öet UUe jubefc^ü^en. aißec roaö gefc^ie^et ? fo 
&alöe fi'e bie wentgflc mätme emppnöcn, ömbfangen ftc ein anöet* fo 
liefen^, öaö bet gleichen nic^t halb mirö gefc^en ioerben, i>etbkihm 
üüd) in folget ^n&rÄnrrigfcit, baS öem jungen SBrcutgam ba^ ^ct^e 
im £cE&e fÄc in6i;iinfngei; Siefcc jerge^et, ouc^ fein gönnet £eib in feiner 
(te&ficn aicmcn gleirfjfam iecfc^ meldet, enö öon einanbet feilet. 3ll§ pe 
fo i^nen [ihn] nic^f weniger, alö er fte, geliebet, fo^eö gefc^cn, ^at fic 
i^n mu j&Kn S^rdnen &er§Iic^ feewctnct önnö gleic^fam begrafeen baä 
mann [so daß man] für i^ren öergoffencn X^rdnen, fo atlcö öBerfc^wcm^ 
mcf, nid^f mc^c gefe^en, roo er ^in fommen. ©olc^eö j^r 2Betnen unb 
Sröwren nun i)üt fie eine fetc^e Seit getrieben, onnb ^at für groffem 
^cc^enletb aucf; nit&t lenger leben rooHen, fonbern fii^ fceijwtnig in ben 
Zs>bt ba^'m gegeben, ^d) »e^e mir, in toaß 3(ngjt, Sßot^ unb 95cffim? 
mcrnu0 war ic^, ba^ iä) U^be mir anbefohlene gleic^ifam gong in SEaffec 
icrgangcn, önb Sobt für mic liegen fc^en folte. ^üHit (Tunbe mein ge^ 
toiffec 33ntergang für aiugen, enb welc^eö mir noc^ bai befc^toedigfte 
wäre, fürchte ic^ me^r ben mir für Qlugen fc^wcbcnben ^o^n »nb ©pot(^ 
fo mir toieberfa^cen würbe, al| ber ©c^aben, fo ober mtc^ ergeben foItc. 
[i5'] 3Hp i(^ nun in fötc^en forgfeltigen ©cbantfcn eflic^e Sage ju? 
gebrockt, onb wie ic^ meinen ©ac^en ratben möchte, bin önnb wieber 
bet) mir berat^fdjlagef, pele mir enblic^ ein, wie bie Medea beö Aesonis 
Sobfcn Ecib wiebec (ebenbig gemacht ^eftc, enb ^ibadl)te her) mir felb|?en: 
^at Medea ein fotc^eö t^un fönnen, wocnmb folfe bit fotc^e^ mi^UngenJ 
Sienge baranf an bet) mir iu bebcntfcn, wie ic^ folt^cm f^utt woIfc*: 
fanbe aber feinen be^crn 2Bcg, ofg baö it^ mit fieter SSärme wotte ant 
galten, bi^ fo lange baß ©ewä^er oergangen, ennb i^t enferer £ieb^ 
^aber Sobtc £ei(^nam wtebcr fe^en möchte, at^ bann öcc^offfe ^ auö 
aller ©efa^r mit meinem großen IRugen unb Sobc juentEommen. gu^r 
berowcgcn mit metnec angefangenen saJdrme fort, unb continuirete 
bieferbe eiergtg ganzer Sage, ba warb ic^ gewahr, bog baö SfBafer je 
(enget: je me^r abnam, önb bie Sobfenletc^nam, fo bot^ fo ft^war^ alf 
eine Äo^Ie waren, wieberumb ftc^ begunfen fe^en sulaßen: Pnb swar 
wete folc^eö wol e^e geft^c^en, wenn baä ©eroac^ nit^t allsu fe(!e m^ 
fc^Iogeti önnb eerfiegelt gewefen wete. Oöelc^cg id) boü) kimß 55?egeS 
eröffnen b6rffte. Senn ic^ merdte gar eigentlich, baß baß SBafer, fo in 
bie ^6^e iBeg, ennb ben SEBoIden jueilete, iid) oben in bem ©emac^c 
wiebet sufammen t&etc, onb wie ein aiegen herunter fiele: ba^ atfo ni^f 



I.ABSCHNITT/ DIE PARABOLA 15 

bdüm fommm toxite, biß öttfec SSreufgam mit feiner üebf^ett SÖMut 
fobt mb öcrfaulet, bitö &ero^aI&cn e&ec alle gÄöfe ebcl fitttc^enö für 
meinen Olngcn tagen. Sßntet öeßcn rouröe in &cm ©emac^e eon btt 
©onncnfc^ein in bsm feuchten SBettet ein aUtaa$ fc^öncc aicgen&ßgcn 
gefc^en, mit öbermäßigen fc^oncn gacbcn, öer mi^ öcnn ni^t »enig 
meinet übecflantenen Setrübnug ecfcewefe, eielme^r öbec wöcö tc^ 
frötic^, öaß id; meine he^bz Sicb^öbenöe föt mic^ roie&ec Hegen fa^e. 
aStc abec feine gcetoöe fo grog, welche nic^t mit öielcr ZtamiQkit am 
mift^f: Qllfo ttjucbc tc^ aui^ in metnec gterobigfett Uttühet, öteroeil ge? 
&aö^te meine Slnbefobtene noi^ tcbt fiit mit lagen, önnb mann fein Seben 
bet> i^nen fpüren fönte, saSeil tc^ aber tt>Ä(le, böö i^re Kammer eon fo 
reiner »nnb öic^tec Matena gemacht, auc^ fo fefle eecfc^toßcn, &aß \it 
©eet enttb ©cijl nic^t ^ecau^ fommcn, fonöern fefte uewa^rct noc^ 
Irinnen waren, fü^cc [fuhr] id^ mit meiner ftcfigcn SBärme fort, Züq 
önnö 3Ia(^t, mein anbcfobicn 3Imbt iuuerric^fcn, gen^Uc^ mir ein? 
bilöenbe, öaö &ie bet)&e jn öen Seibern nic^t wtcberEe^ren würben, fo 
lange bie geiit^figfcif we^rcte [währete]. Senn in öer feuchten 3iatur 
iiä) fetbige gerne galten. 5ajie ic^ bann auc^ in öer Z^at ünb SBac^eit 
befanbe. Senn i^ würbe burc^ fleißig^ 3tufffe^»n^ getoabr, ba$ eo» 
ber €rben gegen 9l6enö, aug S?raf£ bcr ©onnen, ottJ ©ünfle auffliegen, 
ennb fic^ in bic S^öi^e ho^iti, gleid^ ülg ob bte ©onne SBa^er it^e: ©ie 
coagulirten [kondensierten] ftc§ &ie Jßai^t ober in einen Ileblii^ett ennb 
fcbt fcu(^fbaren £^aw, wetc&er öeä 5]Jorgenö febr frü^e i)itab ^el, ennb 
öaö <itbmä) befeuchtete, aut^ önfcre Zobti Icic^nam abwufc^en, öa^ 
fie oon Sage ju Sage, je mebr folc^eö SSaben »nb SBafcTjen gefc^a^e, 
ie lengcr je fc^öncc onb weiter ronrben. 3e f^iönet önb weifer fi'e aber 
würben, ie me()r eertorcn ficfj öic geuc^ttgfeiten. Biß aut^ mbltc^, alß 
bic Sufft ^ell ünb fc^bnc, ünnb cUeö nebn(^te onnb feuchte Sffictter för 
ober [vorüber], ber @eifi önnb ©ecle ber SBraut in ber bfHen Suft fic^ 
nlc^f tenger mü)0i.\un fönte, fonbern giengen wicber ein in bzxi clarificirten 
önnb nunmcbc tjecfförten Seib bcr Ä6ttigtn, weli^ec alfo 6a£öe folt^c 
[nämlicii ihre Seele und ihren Geist] empfanb, önnb würbe biefetbe 
atugenblidlicb »ieber lebcnbig: wclcbeö micb bann, wie \^t leic^tlic^ 
erachten f6nnet, tiit^t wenig ccfrewete, fonberlicb bü ^ fie in öberanß 
fbflti^cm ©eWönbe, begen gteicbcn auf Stben bei> ben wenigften gefcben 
worben, önnb mit einer ffiflUc^en Ärone eon (autcr ©iamanten gcgieret, 
fcben fluffieben, ennb alfo reben ^ören: b^ret jbr ?Kenfcbcn 5?inber, 
ennb nemet war, bie i^r eon Sfßeibern gebobren feob, baö ber SttleE? 
i^t^iie sffiac^t W Sbnigc einjufe^en, ennb i?6ntge abjufe^en: €r machet 
Sicic^ ennb 3trme, nac^ feinem SSillen: lär tbbtet onö mattet roieber 
lebenbig. 

[i6.] ©e^et bcßen ölleö an mir ein warcö «nb tebcnbtgeö Epempel: 
3c§ war grof, enb wurb geringe: Sinn aber bin i^, alß ic^ gebemötigt 



,1 



V 16 I. EINLEITENDER TEIL 



1- 



l tootben, eine Äinigiii et^aben tUt öicl S6m9rci(^c: ic^ hin ©eföMet 

ent) Wietier te&cnbig gcmac^ef; SRit 2(rmctt i1n& &ie gtofen ©c^Äge &ec 
SEßcifen ottö ©ewoltigcn ocrttawct un& öbcrgebcn. 

[17.] öewiDegctt mit au(^ Sic gjjac^f gcflebcn »oc&cn, öen 9(tmen 
reic^ Sumöc^en, bem ©emöügcn ©nabe juuetlet^en mb bem Standen 
©efttttbbcit iubcingcn. atber tc^ bin noc^ ntc^t glei^ meinem öHct? 
Uebjten Grübet, bem gtogmäc^tigen Könige, fo noc^ ttjiebec öon ben 
Sobfen crwcdct »etbcn foU: sasenn bec (ommcn wirb, fo wirb ec be;f 
weifen, baß meine 3ieben war fcinb. 

[18.] 5Bnnb al^ fie btcö gefagf, fc^ein btc ©onnc fe^r ^eHe, ennb bcr 
Sag wurö wärmer alg junor, onnb waren bie ^unbötage für bcc Z^üt. 
SEBeit aber tang i«uorn auf bie ^errlic^e unb große ^oi^seif enferer newctt 
Sonistn oielertci föfllic^er 9i6c!e, al§ ton ©c^war^en ©ammet, afc^farben 
©amafi, grawcr ©eiben, ©ilberfarben Saffcf, ©c^neewetßen 3ttlag, ja 
einem übet auö fc^önen filbern ©türfe, fo mit B^Ut^en ^perlen unb 
^errli^cn ^ell gten^enben diamanten gefiüdet, iubereitef waren, ölfo 
würben au(^ gtetc^mdßig für ben jungen Äinig önferfi^iebcnc siciber, 
nemUc^ oon Incarnat, gelben 3turanien garben, f6|?ttciem 3euge »tinb 
cnblit^ ein rot^ ©ammetcö ÄIcib mit E6f!lie^en Slubinen önnb Satfundetn 
in febr großer SJlenge gef^idet, jugericitfet nnb bereitet: ©ie ©c^nciber 
aber, fo f&td^c ÄIciber maä}ten, waren gan^ enftc^tbar, baö ic^ mi^ auc^ 
ßcrwunberte, wenn ic^ einen fkod nac^ bem anbcrn, onnb ein Äleib nac^ 
bem anbcrn fertig fein fa^e, wie boc^ folc^eä angegangen were, fintema! 
i(^ »ot wnfie, ba^ niemanb me^z al^ ber Srcutgam mit feiner SSraut 
in bie (Sammer gangen waten: ba^ mi(^ aber am atletmcifien eer^ 
wunberte, war baä, fo balb ein anber SKod ober ein anber SIcib fertig 
werben, bie öorigcn für (vor] meinen Slugen gleit^fam oerfc^wunben, 
bai [so daß] ic^ ntc^t wui?e, wo folc^e binfommen, ober wer fte Ut}f 
gefc^loßen ^attt. 

[19.] 9Hß nun biefeö (ÄfHic^e Stetb eerfertigt, crfc^ien auc^ ber große 
önb m<ic^tige Ä6nig, in großem ©kn^e enb ^ccrligfeit, beme md^tß 
gleiten mag: SSnb alß ec ft^ befc^loßen bcfanbe, Ut er mit^ frcunblic^ 
önb mit fe^r bolbfetigcn SSÖocten, baä i<^ j^me bie £böt öffnen, önnb 
^etauß juEommen öergönnen wolte, eö folte mir jn großen frommen 
gereichen. 0h mir nun wol jum b^t^l^en oerbotten worben, baß @ema# 
nic^f S«6fnen, fo crfc^cedte mtc^ bo^ baß große 9tnfe&en, ennb bie ItcB^ 
lit^e ©ctebfamEeif beß Sbnigö, baö ic^ j^m gutwillig auftrat. Snnb 
alß er ^crauß gieng, war et fo freunbtic^, fo ^olbfelig, ja fo bemütig, 
baß er in bcr S^at bejeugfe, baß ^o^c Jperfoncn nid^f^ fo wol jieret alß 
biefe Sngenben. 

i [20.] SBeit er aber bie ^nnbötage ober in großer Spi^t iugebrac^f 

f ' &ö«e^ »ace er f«bc börffig, auc^ mat önnb mübi, mb Befalle mir, baß 

f i<^ öon bem (auffenben fc^ncllen SSaßer onfet ben 3RÄ^Icn?3i(ibern 



X 



( 



1 



1. ABSCHNITT/DIE PARABOLA 17 

f(^6^>fen enb Bringen foUc, wclc^cö, «tg ii^Ä öecct(^tct, et einen gcofen 
S^cil mit großer ^egiet&e ttanA, gieng toicbcr in feine Kammer, anb 
befahl mir bie Z^iit ^itxbtt j^m fc(te juuetfc^lie^en, bamit j^n memanb 
eerunrii^igen, ober au^ bem ©»^töffc auffwcrfett m6^te. 

[21.] ^ietttt tutete er toenig Sage, ennb rief mir bie £|ör ju 6ffnen: 
5SRi^ ö&cc &ebflttc^tc bflö et oicl fs^öner, bluttci^er unb fjetclic^ct TOorbcn, 
»clc^eö er bann aut^ öecmecrfet, »nnb fotc^e^ ein £)ertU(^ö önb gefunbeö 
?ßa^cf sufcitt ctflt^fetc, fotbcctc au^ fo &a(b me^r SaSö^cc, ttand aud) 
begcn öiel, me(>r d^ »or^cr, alfo auc^, baö ti^ bie Äammct ßicl toettcr 
in bflwctt enbtii^ bei) mir befc^ioßen^). 9fi^ nun bicfer Äinig folc^cö 
t&fi(i(^en XtöncEö, ben boc^ öic SSniuiffcttben für nic^iä achten, tiüd) 
feinem eignen SBillen gnugfam gettunden, reutb er fo fc^6n onb ^ertUc^^ 
bftö ic^ bie jeif mcineö Sebcn^ rocbct ^crcnc^crc spetfon, noc^ ^cttlic^et 
E^un öttb SEcfen gefe^en. Sann er fii^rcte mii^ in fein Ä^nigceit^, 
enb icigte mir alk ©c^Ä^e onb ateidjt^umb ber SJelt, baß id) beEcnnen 
mag, ba^ nlc^t atlctn bie Äbnigin Die SBa[)c^eit ecrfünbiget, fonbern am^ 
ben me^tllen S^eil betten, fo i^n fcnnen, jubcft^teiben, ^inbetlaffen: 
©cttn ©olbeä »nnb ebtet Sarfundclflcinc waten b<i (ein @nbe, SSer* 
iöngccung unb 5iBiebcrer (Raffung natÄttirf;er S^rifte, roic auc^ SiBieber? 
brtngung »etlorner ©efunbljeit önb ^inne^mung aller Srancf^cifen 
»ar ein gemein Siing bafclbfien. Saö tpar aber bae aiUetf6fUig|le, ba^ 
[daß] bie «eufc fclbigen Sanbcö j^cen ©c^6pffer fcnnen, formten unb 
e^ren, »nb oon bcmfclbtgen SEBeig^eit, önb SSerjlanb, unb enblic^ nac^ 
biefet seitlicfjen ^erctig(eit bie eroige ©eligfcit erlangen. Darju oerMffc 
onö ©Ott aSafter, ©i>^n onb ^eiliger 0ct(!. 

- ' 91 SB e SR. 

Der Autor der vorstellenden Erzählung nennt sie eine Parabel. 
Ihm mag ja ihre Bedeutung recht plastisch vorgeschwebt haben, 
und er setzte wohl auch voraus, daß die Leser seiner Zeit wüßten, 
welcherlei Lehren er darein kleidete. Auf uns wirkt die Geschichte 
eher wie ein Märchen oder ein bilderreicher Traum. Ziehen wir 
zur Verglcichung Parabeln heran, die unserem heutigen Empfinden 
näher liegen — etwa die von Rückert oder die in ihrer Einfachheit 
so leicht faßlichen des Neuen Testaments — , so werden wir des 
Unterschiedes deutlich gewahr. Der ungenannte Autor verfolgt 
zwar sichtlich einen bestimmten Zweck; man findet gewisse Leit« i 

motive in dem bunten Gewirr seiner Vorstellungen; wohin er aber 
zielt und was er mit den Bildern sagen will, das können wir nicht 
ohne weiteres erfassen. Tatsache ist für uns zunächst bloß, daß der 
Ungenannte in einer für uns nicht gangbaren Sprache spricht, und 

^) Offenbar weil der Insasse an Leibesumfang und Größe zunahm. 

SUbercr, Problem« der Myitlk 2 



=J 



IS I. EINLEITENDER TEIL 

zwar in einer Sprache, die mit jener der Träume und der Märchen 
entschieden Verwandtschaft zeigt. Wie immer sich in der Folge 
dieser eigenartige visionäre Charakter der „Parabola" erklären mag, 
fühlen wir uns somit aufgefordert, ihn mit Hilfe einer psycholoa 
gischen Methode zu betrachten, die, von der Oberfläche in die Tiefe 
strebend, den Gestaltungskräften des Traumlebens und verwandter 
Erscheinungsgruppen analytisch nachzuspüren und ihre geheimnis= 
vollen Symbole zu deuten vermag. 

Noch bin ich die Mitteilung schuldig, in welchem Buch, in 
welcher Umgebung sich die Parabola findet. Sie steht Im zweiten 
Heft des in Altona von 1785 bis etwa 1790 erschienenen Werkes 
„Geheime Figuren der Rosenkreuzer aus dem i6ten und i7ten 
Jahrhundert". Dieses enthält der Hauptsache nach große Tafeln 
mit bildlichen Darstellungen und daneben auch eine Anzahl Seiten 
Text. Nach einem Vermerk auf dem Titelblatt ist der Inhalt „Aus 
einem alten Mscpt [Manuskript] zum erstenmahl ans Licht gestellt". 
Die Parabola steht im zweiten Heft der drei Hefte umfassenden 
Sammlung, das den Untertitel führt: „Ein güldener Tractat vom 
Philosophischen Steine. Von einem noch Lebenden, doch vna 
genanten Philosopho, den Filiis doctrinae zur Lehre, den Fratribus 
aureae Crucis aber zur Nachrichtung beschrieben. Anno 
M.DC.XXV." 

Wenn ich hinzufüge, daß dieses Werk eine hermetische (alche= 
mistische) Schrift ist, so mag das wohl eine äußerliche KIassifizie= 
rung ermöglichen, wird aber kaum eine deutliche Idee von ihrem 
Wesen vermitteln; und zwar nicht bloß deshalb, weil diese Gattung 
Schriften heute nahezu vergessen ist, sondern auch weil die wenigen 
Vorstellungen, die man allenfalls mit ihnen zu verknüpfen pflegt, 
ein verzerrtes Bild liefern. Die hermetische Kunst, um die es sich 
hier handelt, und deren Lehrformen uns heute phantastisch an» 
muten, hängt mit mehreren, zum Teil in Verruf gekommenen „ge* 
heimen" Wissenschaften und Organisationen zusammen, mit der 
Magic, der Kabbala, der Rosen kreuzerei usw. Namentlich ist sie 
innig verwoben mit der Alchemie, so daß die Bezeichnungen „her= 
metische Kunst" und „Alchemie" (und wohl auch „Königliche 
Kunst") vielfach in identischer Bedeutung gebraucht wurden. Diese 
„Kunst" — um sie mit dem Namen zu bezeichnen, den sie selbst 
sich mit einer gewissen Berechtigung gibt — führt uns, vermöge 
ihrer vielen Verzweigungen, in eine ganze Reihe von Gebieten, die 
uns erwünschten Stoff zu unseren Untersuchungen liefern. 

Ich werde also zuerst, mit Absicht einseitig vorgehend, die Paraa 
bola als einen Traum oder ein Märchen betrachten und sie auf 
psychanalytischem Wege zerlegen. Dieser Behandlung habe ich zur 



1 



I. ABSCHNITT/DIE PARABOLA 



19 



Information des Lesers eine kurze Darstellung der Psychanalyse 
(Psycho=Analyse) als Deutungsmittel für Träume und Märchen 
vorauszuschicken. Dann werde ich, immer noch den Wurzeln des 
Materials nachgehend, jene Lehren vorführen, auf welche die Bilder« 
spräche der Parabola historisch hinweist; ich werde den chemischen 
Anschauungen der Alchemie sowie namentlich der hermetischen 
Philosophie und ihrer hieroglyphischen Lehrmethode Beachtung 
schenken. 

Es ergeben sich Zusammenhänge mit religiösen und ethischen 
Themen; auch werden geschichtliche wie psychologische Verknüpf 
fungen des hermetischen Ideenkreises mit der Rosenkreuzerei in 
ihren verschiedenen Auflagen und mit der Freimaurerei zu würdigen 
sein. Und wenn wir uns am Schluß des Analytischen Teiles meiner 
Arbeit anschicken werden, die gewonnenen Einsichten zur Enträtse* 
lung unserer Parabola sowie einiger Volksmärchen zu verwenden, 
werden wir uns vor ein Problem gestellt sehen, indem sich uns jea 
weils zwei scheinbar gegensätzliche Deutungen bieten, je nachdem, 
ob wir uns von der Psychanalyse oder von den hermetischen Hiero= 
glyphenschlüsseln haben leiten lassen. Es entsteht die Frage, ob 
und wie sich der Widerspruch hebe? Ob und wie man die zwei 
voneinander ebenso verschiedenen als in sich abgerundeten Deu= 
tungen einer Sache zueinander in Beziehung setzen und versöhnen 
könne? 

Die zunächst an einzelnen Beispielen aufgetauchte Frage ers 
weitcrt sich zum generellen Problem. Ihm ist der Synthetische Teil 
meines Buches gewidmet. Dieser wird uns u. a. in die Psychologie 
der Symbolbildung führen. Abermals werden uns Funde der Psyche 
analyse zu Hilfe kommen. Wir werden uns indes nicht an dem 2er= 
legen genügen lassen, sondern uns bestreben, gewisse Entwicklungs« 
tendcnzcn zu verfolgen, die, in psychologisch gesetzmäßig cnt= 
stehenden Symbolen sich aussprechend, ein seelisches Aufbauen 
oder Fortschreiten — das man etwa eine Anabasis nennen könnte — 
erraten lassen. Wir werden schließlich sehen, wie sich in dieser 
Betrachtungsweise die ursprünglichen Widersprüche heben und wie 
das früher Unvereinbare sich darstellt als zwei Pole eines Entwick= 
lungs Vorgangs. Dabei werden auch einige Grundsätze für die My- 
thendeutung gewonnen. 

Ich sprach soeben von einer Anabasis. Darunter läßt sich ein 
Emporschreiten in sittlichem und in religiösem Sinne verstehen. 
Das intensivste Erleben der Anabasis (was immer sie sei) ist Mystik. 
In der Psychologie der Mystik kann ich mich bloß tastend bewegen ; 
mehr Zuversicht glaube ich an den Tag legen zu dürfen, wo ich ihre 
Symbolik ethisch betrachte. 

2* 



r 



■■^ 



20 1. EINLEITENDER TEIL 

2. ABSCHNITT /TRAUM- UND MÄRCHEN- 
DEUTUNG^) 

An der ErzählunEf, die wir vorhin vernommen haben, ist uns ihr 
traumhafter Charakter bereits aufgefallen. Worauf beruht der? Offen= 
bar muß die Parabola Merkmale an sich tragen, wie sie den Träumen 
eigentümlich sind. Indem wir uns nach Übereinstimmungen umsehen, 
entdecken wir solche schon nach ganz oberflächlicher Prüfung. 

Da wäre vor allem der sonderbar plötzlich sich vollziehende Orts- 
wechsel. Der Wanderer — so will ich den Erzähler der Parabola fortan 
nennen ~ sieht sich von dem Platz neben der Löwengrube unvermittelt 
auf eine Mauer versetzt; weiß nicht, wie er da hinaufgekommen. Später 
gelangt er ebenso plötzlich wieder hinab. Und noch an anderen Stellen 
der Erzählung findet sich ein solch rapider Szenenwechsel, wie man 
ihn im Traum zu erleben gewohnt ist. Charakteristisch ist dabei, daß 
die Gegenstände selbst sich verändern oder verschwinden: der Szenen» 
Wechsel gleicht also, wie oft im Traum, einer richtigen Verwandlung. 
So ist z. B., sobald der Wanderer die Mauer verlassen hat, diese spurlos 
verschwunden, als wäre sie überhaupt nicht dagewesen. Ahnlich mutet 
auch jene Stelle der Gartenszene an, wo statt der zuerst beobachteten 
Umfriedungsmauer überraschenderweise bloß eine niedere Hecke sich 
befindet. 

Ferner fällt das unvermittelte Wissen auf. Man weiß manchmal im 
Traum etwas, ohne es eigentlich erfahren zu haben. Man weiß ganz 
einfach — unbekannt wieso — , daß in jenem Haus etwas Bestimmtes, 
Geheimnisvolles geschieht; oder man weiß, daß dieser Mensch, den 
man soeben zum erstenmal sieht, so und so heißt und sich das und das 
denkt; man ist zum erstenmal in einer Gegend, weiß aber ganz genau 
daß hinter jener Mauer ein Brunnen sein muß, zu dem man aus irgend" 
einem Grunde hin soll, usf. Ein solches unvermitteltes Wissen stellt 
sich in der Parabola auch mehrere Male ein. Der Wanderer weiß, ob- 
wohl fremd in der lieblichen Wiesengegend im Anfang der Erzählung 
daß sie von den Einwohnern „Pratum felicitatis" genannt wird Er 
kennt auch ohne weiteres den Namen eines der ihm unbekannten Männer 
In der Gartenszene weiß er, obgleich er bisher nur die Bursche bemerkt 
hat, daß irgendwelche Jungfrauen (die er nach der Beschaffenheit des 
Urtes gar nicht gleichzeitig sehen kann) zu diesen Burschen in den 
Garten hmem wollen. Man könnte sagen, dies sei alles bloß eine Eigen= 
heit der Darstellung, indem der Verfasser etwa aus Gründen der Be= 
quemhchkeit oder der Ungeübtheit oder der Kürze die Zwischenstücke, 
welche das unerklärliche Wissen vermitteln würden, auslasse; der Ver- 
gleich mit dem Traum sei deshalb unstatthaft. Diesem Einwurf ist zu 
antworten, d aß es der Traum eben auch so macht wie der Autor der 

^) Lesern, welche mit Freuds Psycho=Analyse vertraut sind, empfehle 
ich, dieses Kapitel zu überschlagen: sie würden darin bloß Bekanntes finden. 



2. ABSCHNITT/TRAUM= UND MARCHENDEUTUNG 21 

Parahola. Unsere Betrachtung geht ja zunächst auf die Form des fertig 
gegebenen Phantasieprodulites ; und sie zwingt uns zu der Beobachtung, 
daß — welches immer die Gründe hierfür sein mögen — die Parabola 
und das Traumleben gewisse „Eigenheiten der Darstellung" gemeinsam 
haben. 

Dem wunderbaren Wissen steht, wie im Traum, die sonderbare 
Unsicherheit in manchen Dingen, namentlich was die Rolle der eigenen 
Person betrifft, gegenüber. Wie dem Wanderer die Alten mitteilen, 
er müsse das Weib, das er genommen, ehelichen, weiß er nicht recht, 
ob die ganze Sache ihn angehe oder nicht; ein merkliches Schwanken 
seiner Ansicht darüber findet statt. Man fragt sich, ob er in die Rolle 
des Bräutigams eingesprungen sei oder ob eigentlich umgekehrt der 
Bräutigam des Wanderers Rolle übernommen habe. Ähnlich wirken 
Ungewißheiten wie diejenige beim Schreiten auf der Mauer, wo dem 
Wanderer ein Jemand folgt, von dem er nicht weiß, ob es ein Mann ist 
oder eine Frau. Hierher gehören auch jene Stellen der Erzählung, die 
der Wanderer mit einem „als ob" u. dgl. einleitet. Auf der Suche nach 
des Gärtners Haus trifft er viel Volks an und es „bedäucht" ihn, daß er 
das, was die Leute da jetzt tun, vordem selber getan hätte. 

Recht charakteristisch sind ferner die verschiedenen Gehhem= 
mungen und sonstigen Schwierigkeiten, die sich dem Wanderer entgcgen= 
stellen. Gleich im ersten Absatz der Erzählung hören wir, daß er er= 
schrickt, gerne zurückgehen möchte, dies aber nicht kann, weil ein starker 
Wind ihn davon abhält. Oben auf der Mauer erschweren ihm die 
Handhaben das Vorwärtskommen; bei anderen Gelegenheiten eine 
Mauer, ein Tor. Besonders das erste Erlebnis erinnert an jene häufige 
Erfahrung im Traum, daß man, ängstlich zur Flucht gewendet oder 
von peinlicher Eile gedrängt, nicht von der Stelle kann. In den Zusammen= ' 
hang mit dem Peinlichen und Bedrohlichen, wie wir es in dem jähen 
Abhang der Mauer und dem schmalen Steg bei der Mühle abgebildet 
finden, gehören auch die unverhofften Aufgaben und Zumutungen, die 
— wie es in Träumen und in Märchen zu sein pflegt — an den Wanderer 
herantreten. Als solche Aufgaben oder Gefahren nenne ich bloß: das 
scharfe Examen bei den Alten, den Kampf mit dem Löwen, die Ehe= 
Verpflichtung und die Last der Verantwortung für die beiden Braut= 
leute, die dem Wanderer große Beschwerden macht. 

Zu den augenfälligen Traumanalogien gehört schließlich noch (ohne 
daß meine Aufzählung deshalb etwa vollständig wäre) die eigentümliche 
Logik, die dem Wanderer oder dem Träumer ganz in Ordnung erscheint, 
den Leser oder wachen Beurteiler aber seltsam anmutet. Als Beispiele 
nenne ich, daß der getötete Löwe wieder lebendig werden soll, wenn der 
Wanderer das Weib, das er unlängst genommen, zur Ehe behält; und 
daß man die beiden Verliebten, die man für ihre Inzestschuld strafen 
will, just in ein solches Gefängnis tut, wo sie sich erst recht liebend um= 
fangen, nachdem man ihnen vorsorglich gar noch sämtliche Kleider von 
den Leibern genommen. 

So weit von den äußerlichen Ähnlichkeiten der Parabola mit dem 



V 



22 L EINLEITENDER TEIL 

Traumleben. Die tiefere Verwandtschaft, die bis in die innerste Struk= 
tur nachzuweisen ist, wird sich freilich erst bei der psychanalytischen 
Behandlung zeigen. Es wird nunmehr notwendig, daß ich den der 
Traumpsychologic ferne stehenden Leser von der modernen Traum» 
forschung, insbesondere von den psych analytischen Lehren und Ent= 
( deckungen unterrichte. Ich kann dies natürlich nur in aller Kürze tun. 

Zum eingehenden Studium muß ich auf die Werke Freuds und seiner 
Schule verweisen : die wichtigsten Bücher sind rückwärts im Literatur^ 
Verzeichnis angegeben. 

In einem anderen Sinne als der Volksglaube ist die moderne wissen= 
schaftüchc Traumforschung, für die Freud als Pfadfinder gewirkt hat, 
zu dem Schluß gelangt, daß Träume etwas „bedeuten". Während der 
Volksglaube sagt, sie kündigen etwas Zukünftiges an, beweist die Wisscn= 
Schaft, daß sie etwas in der Psyche Gegenwärtiges und durch die 
Vergangenheit Bestimmtes bedeuten. Die Träume sind nämlich, wie 
K Freuds Forschungsergebnisse zeigen, immer Wunschphantasien *). In 

i ihnen toben sich Wünsche, Strebungen, Triebe aus, die aus dem Grunde 

r der Seele auftauchen. Wunsch phantasien — wenn's im wachen Leben 

vorkommt, so nennt man das etwa: Luftschlösser bauen. Man träumt 
;■ sich die Erfüllung unerfüllter oder unerfüllbarer Wünsche. 

f Nur sind die Regungen, welche die Träume hervorrufen, vorzugs= 

' ■ weise solche Wünsche und Triebe, die wir uns selbst nicht eingestehen 

,: möchten und die wir daher, wenn wir bei wacher Besinnung sind, aus 

,■; unserm bewußten Denken abweisen, sobald sie sich zu melden versuchen : 

i' . zum Beispiel verbrecherische Tendenzen') oder solche sexuelle Neigungen 

j von welchen wir nichts wissen wollen. Also unterdrückte oder „ver= 

i drängte" Regungen. Sie haben die Eigenschaft, infolge ihrer Ver= 

: drängung dem Bewußtsein meist unzugänglich zu sein. 

f;, Der in die Traumforschung nicht Eingeweihte kann den Einwand 

\ machen, daß der Augenschein gegen diese Theorie sei. Denn die Mehr= 

V zahl der Träume schildere ganz harmlose Vorgänge, die mit Trieben und 

i:. Leidenschaften, die entweder aus sittlichen oder andern Gründen vcr= 

/ . werflich wären, nichts zu tun haben. Der Einwand erscheint im ersten 

i Augenblick wohlberechtigt, er fällt aber in sich zusammen, sobald wir 

j, erfahren, daß die kritische Macht der Gesittung, die uns bei Tage nicht 

f verläßt, auch im Schlaf einen Teil ihrer Kraft beibehält; und daß daher 

1, die lichtscheuen Triebe und Tendenzen, die sich bei Tage nicht hervor« 

[■ trauen, auch nachts nicht ihr wahres Gesicht enthüllen dürfen, sondern 

gewissermaßen in Verkleidungen oder symbolisch=allegorischcn VerhüU 
lungen auftreten müssen, um sich unbeanstandet ausleben zu können, 
r Die kritische Instanz, die ich soeben die „Macht der Gesittung" nannte, 

;■* vtfird von F reud sehr treffend einer Zensur verglichen. Was unsere 

^) ich verhalte mich bloß darstellend, nicht kritisch. Meine spätere 
Anwendung der Psychanalyse wird meine Vorbehalte gegenüber der Freud = 
sehen Lehre ohnehin erkennen lassen. 
l u ^^ Freud spricht eigentlich von „krass egoistischen" Regungen. Das 

f Kriminelle darin wird namentlich von Stekel betont. 

r 



2. ABSCHNITT /TRAUM- UND MÄRCHENDEUTUNG 23 

i Psyche produziert, wird sozusagen einer Zensur unterworfen, bevor es 

|. ins Licht des Bewußtseins treten darf. Und wenn sich die „lichtscheuen" 

Elemente hervorwagen wollen, müssen sie entsprechend maskiert werden, 
um die Zensur passieren zu können. Freud nennt diesen Verkleidungs= 
oder Umschreibungs Vorgang die „Traum entstellung". Es wird dabei 
'' ./ das Eigentliche durch ein Uneigentliches ersetzt, durch einen Neben= 
•*" umstand, eine Anspielung angedeutet. So etwa im folgenden Beispiel, das 

einen unbewußten Todeswunsch aufweist. Bei der Prüfung der Träume 
einer Dame fiel mir auf, daß in ihnen das Motiv eines toten Kindes, 
' und zwar meist in Verbindung mit Landpartien, häufig wiederkehrte. 

Gelegentlich einer Analyse fiel von den Lippen der Dame die Bcmers 
kung, daß, als sie ein Mädchen war, oft und oft die Kinder (ihre jüngeren 
Geschwister) das Hindernis waren, wenn es galt, eine Partie, eine Fest= 
lichkeit oder dergleichen mitzumachen. Die Assoziation Kinder — Hinders 
nis lieferte den Schlüssel zur Auflösung des stereotypen Traummotivs. 
Es drehte sich hier (wie weitere Indizien ergaben) um die Kinder eines 
verheirateten Mannes, den sie liebte. Die Kinder bildeten das Hindernis 
einer Scheidung des Mannes von seiner Frau, um meine Träumerin 
zu heiraten. Im wachen Leben würde die Dame einen Todeswunsch 
gegen die hinderlichen Kinder gewiß nicht aufkommen lassen; im 
Traume aber setzt sich dieser Wunsch durch und stellt die insgeheim 
erwünschte Situation dar: „Die Kinder sind tot, und nichts hindert 
mich mehr an der , Partie' oder der , Festlichkeit' (Hochzeit)." Man 
beachte den Doppelsinn von „Partie". Solcher Wortspiele bedienen sich 
die Träume gerne, um das Anstößige harmlos er scheinen zu lassen 
und die Zensur zu umgehen. 

Das psychanalytischc Verfahren, dessen man sich bei der Enträtse= 
lung der Träume eines Menschen bedient, könnte eine wissenschaftlich 
ausgestaltete Beichte genannt werden, die dem seelischen Inventar des 
ihr Unterzogenen mit unendlicher Geduld bis in die feinsten Verästeo 
lungen nachgeht. Die Psychanalyse wird in der ärztlichen Praxis zur 
Aufdeckung und Behebung der seelischen Ursachen neurotischer Er= 
scheinungen gebraucht. Man veranlaßt die Versuchsperson, von gegebenen 
Anknüpfungspunkten ausgehend, immer mehr zu erzählen, dabei gerät sie 
leicht „vom Hundertsten ins Tausendste", und doch wird man in dem 
Netze des zutage tretenden Gedanken« und Erinncrungsmaterials gewisser 
Knotenpunkte gewahr, die für das Gefühlsleben der betreffenden Person 
dominierende Bedeutung haben. Hier beginnt der Weg schwierig zu 
werden, denn er führt ins Intime. Die Geheimfächer der Seele setzen 
dem Eindringling (auch ohne absichtliches Hinzutun der Versuchsa 
pcrson) einen kräftigen Widerstand entgegen. Gerade dort sind aber 
sozusagen die wunden Stellen (pathogencn „Komplexe") der Psyche, 
auf die es bei der Untersuchung ankommt. Trotz den Hemmungen un= 
entwegt weiterforschend, legt man jene psychischen Wurzeln bloß, die 
sich im Dunkel des „Unbewußten" zu verstecken suchten. Das sind 
die verdrängten Elemente, von denen oben schon die Rede war; es 
sind alle jene Bestandstücke des seelischen Inventars, üus denen sich der 



24 I. EINLEITENDER TEIL --.-.- 

betreffende Mensch mühsam „herausgearbeitet" hat und von denen er 
sich nun frei wähnt. Sie müssen schweigen, weil sie in irgendwelchen 
Gegensatzverhaltnisscn zu dem Charakter stehen, den sich jene" 
Mensch anerzogen hat; und wenn sie, die Unterirdischen, sich dennoch 
zu melden versuchen, so z«:ingt er sie sogleich in ihre Unterwelt zurück - 
er erlaubt sich nicht, etwas zu denken, das zu sehr gegen seine An^ 
5chauunjen, seine Moral, sein Gefühl verstoßt. Er läßt die Stören, 
tnede, die m seinem eigenen Innern wohnen, nicht zu Wort kommen 
Uie btorenfriede sind aber bloß unterdrückt, nicht tot. Sie gleichen 
.r/'*^?- '^ %T ^^" °'y"^Pischen Göttern nicht zerschmettert 
sondern bloß in die Tiefe des Tartaros gesperrt wurden. Dort harren sie 
des Augenblickes, wo sie wieder emporsteigen können und ihre Häupter 
erheben in den Tag Von ihren Versuchen, sich zu befreien, erbebt dL 
Erde Auch die titanischen Kräfte der Seele streben wuchtig empor 
Und da sie sich im Licht des Bewußtseins nicht ausleben dürfen, toben 
sie im Fmstern. Sie spielen bei der Erzeugung der Träume die Hauptrolle 
rufen gegebenenfalls hysterische Symptome hervor, Zwangsvorstellungen 
Zwangshandlungen, Angstneurosen usw. Der AusUick auf diese seelischen 
btorungen ist für unsere späteren Untersuchungen nicht unwichtig. 
U k -^ u u u^^'^'^'^ durchaus nicht bloß auf die ärztliche Praxis 
beschrankt blieb, sondern bald begann, mit ihrer Fackel die Tätigkeit 
des menschlichen Geistes in allen ihren Formen (Dichtkunst, Mythen- 
bildung usw.) zu beleuchten^), wurde von mancher Seite als in sittlicher 
Beziehung schädlich verschrien. Nun ist es ja richtig, daß sie in allerhand 
seelischen Unrat hineinführt. Sie tut es jedoch im Dienst der Wahr- 
heit, und es wäre traurig, der Wahrheit ihre Existenzberechtigung ab- 
zustreiten. Wer sich dazu entschließen wollte, der könnte ohne weiteres 
auch die Lehre vertreten, daß man die Geschlechtskrankheiten durch 
Erkältung erwerbe. 

Der seelische Unrat, den die Psychanalyse aufdeckt, ist gleichsam 

der Dünger auf dem die Früchte unserer Kultur gedeihen. Die dunklen 

titanischen Triebkräfte sind in jedem Menschen das Rohmaterial aus 

dem die Kulturarbeit einen sittlichen Charakter formt. Wo viel Licht 

ist ist viel Schatten Sollen wir so unaufrichtig sein, wegen vermeint- 

■eher Gefahren die Schatten in unserem eigenen Innern zu verleugnen^ 

Verkleinern wir damit nicht auch das Licht? Die Moral, in deren Namen 

«..r 50 viel Ängstlichkeit treiben, gebietet vor allen Dingen Wahrheit 

und Aufnch .gke.t. Der Anfang aller Aufrichtigkeit ist aber, daß w 

uns selbst nichs vormachen. „Erkenne dich selbst!" stand über dem 

AlTnl'At u' r\", "t'''St"ms zu lesen. Und dieser schönen Fo^ 

derung des alles durchleuchtenden Gottes von Delphi sucht die Psych- 

analysc zu genügen, ' 

l' /""^ ?"^'" Gleichnis beruht der von mir später oft gebrauchte 
psycbolosrischc Terminus „titanisch". s^oraucnte 

™,..2 ^'^ ^""^^-^ j ^i^ ^" *^''=^/" ^""«" «^<=*» di« Psychanalyse an« 

Wh?f r' Tt" ^ n "" ^'" '"*"■'"' ^"^f' ""'"^ ''' '"^ ' Abschnitt des 
bynthetischen Teils anklingen. 



1 



z. ABSCHN ITT / TRAUM- UND MÄRCHENDEUTUNG 25 

Nach diesen einleitenden Bemerkungen dürfte nachstehendes, lehr= 
reiches Beispiel mit exquisit sexueller Symbolik das gebührende Ver= 
standnis imden. 

b.hn'^M"^ ^" ".'."" ^-'.l^'u t""^"""*"' ''^ ^^^'^ ^"f 'l" Eisen= 
Datin. Neben mir sitzt ein mädchenhaft zarter junger Mann oder Knabe- 

mir I, ^ 5*r:'" J""" ^'"^^^^^B^" exotische Gefühle aufkommen: 
(Mir scheint, daß ich memen Arm um ihn legte.) Da bleibt der Zue 
stehen, wir sind an einer Station angelangt und steigen aus. Ich beeebe 
mich mit dem Knaben in ein Tai, durch welches ein BächJein fließt, ' 
an dessen Ufer Erdbeeren stehen. Wir pflücken viele Erdbeeren. Nach- 
und erlfT " ^"^^ gesammelt, begebe ich mich zur Bahn zurück 

m.Vh^K'^Ü'^'''^' ^^'**«"""^f • "I-^h glaube mich zu erinnern, daß 
mich bei dem Knaben em unbehagliches Gefühl beschlich. — Das Tal 
zweigte von der Eisenbahn links ab." 

Aus einer Diskussion über den Traum ergab sich zunächst, daß T., 
der^soviel ich weiß, gegen Homosexualität eine prononzierte Abneigun^M 

.n De,t?M T "°\^Z ^'%-/"h'-l'^^- B-ichte über einen damal 
m Deutschland spielenden, Aufsehen erregenden Prozeß gelesen hatte 
Mf "t ''''f. ".'^ homosexuelle Vorgänge drehte. Ein hieraus gel 
.nll.l ^rV^^Hf*^ '"'' ~ ^''"^''^'^* unterstützt durch irgendwelche 
un erbewußte Triebkomponenten - zur Darstellung eines erotischen 
Wunsches in den Traum; daher die zärtliche Szene in der Eisenbahn 
Soweit wäre d,e Sache verständlich gewesen, wenn auch in einer ero= 
tischen Tages Phantasie das Bild eines Knaben bei den bestehenden 
^rlThäVt'^^T' V" '°";^" -t^chieden abgelehnt worden wäre 
SinT '^'^//^^^ -^'t d|n übrigen Vorgängen im Traume? Er= 
sagendT ' """'"" ^^''^ "''^*^* -sammenhangios? N,chts= 

der m^t^t'*" ' r^k" ""p"" ""' ^'^^^j^^S jenes Wunsches beschlossen, 
der mit der erotischen Erregung in Gesellschaft des Knaben se^eben 
ist. Der homosexuelle Akt dieser Wunscherfüllung wäre der Tr^aum- 

UnTder^Rf/f 't''"'''"-' 'T""^'' symbolisch angedeutet w den" 
Und der Rest des Traumes ist demgemäß nichts als eine geschickte VerJ 
kleidung des zensurwidrigen Vorganges s^a^nitKie vcr=. 

Schon daß der Zug zum Stehen kommt, ist eine artige Umschrei. 
bung«). Ähnliches meint wohl die Station, welche an d!e tasche 
Form „Status" gemahnt. Der Schauplatz des Waggons erinnert übr gen 
an einen VXJtz, der m einer Anekdote vorkommt, welche T. öfte,^ e nzü- 
fallen pflegte Sie lautet: „Eine Hausfrau ladet zu einer Soiree aTder 
auch ,unge M adchen teilnehmen sollen, einen Ungarn«) (die iyplchc 

^) Im Obcrbewußtscin natürlich. In den verdrängten Tiefen des Un= 
bewußten wurde sich gewiß auch die infantile homosexuelle Komponent: 

^) Von mir wegen des Späteren hervorgehoben. 



26 I. EINLEITENDER TEIL 

Wiener Witsfigur) ein, der wegen seiner .pikanten' Witze gefürchtet ist; 

sie schärft ihm gleichzeitig ein, mit Rücksicht auf die lVlädchengesell= 

Schaft keinen von seinen gepfefferten Scherzen zum besten zu geben. 

Der Ungar sagt zu und erscheint in der Gesellschaft. Zum Entsetzen 

der Dame gibt er den Gästen folgendes Rätsel auf: „Man kann von 

vorn hinein, man kann von hinten hinein; nur stehen muß er." 

Die Verz>weiflung der Dame bemerkend, macht er ein verschmitzt^ 

unschuldiges Gesicht und sagt: „Aber was ist denn dabei? Ainfaches 

Tramway wagen." Am nächsten Tag produziert sich die Tochter 

des Hauses vor ihren Kolleginnen in der höheren Töchterschule: „Kin» 

der, ich hab' gestern einen großartigen Witz gehört: Man kann von vorn 

hinein, man kann von hinten hinein, nur steif muß er sein." (Nebenbei 

bemerkt, ein netter Beitrag zur Psychologie der „unschuldigen" Mäd= '•, 

chen.) Die Anekdote war dem T. von einem Manne erzählt worden, jj 

den man ihm später als einen Homosexuellen bezeichnete. T. hatte ;' 

in seinem Leben mit wenigen Ungarn verkehrt; bei diesen wenigen 

war zufällig die Homosexualität ein beliebtes Gesprächsthema ge= 

wesen. 

Schon in obigem findet man also mancherlei vielsagende Beziehungen. 
Das Entscheidende sind aber die Erdbeeren. T. hatte, wie ihm bei 
dem Fortgang der Analyse einfiel, ein paar Tage vor dem Traum eine 
französische Erzählung gelesen, wo die ihm bisher unbekannte Wendung | 

„cucilhr des fraiscs" („Erdbeeren pflücken") vorkam. Er wandte sich i 

an einen Franzosen um Erklärung dieser Redensart und erfuhr, daß 
dieselbe eine zarte Andeutung für den Sexualakt sei, da sich Liebes= 
paare im Walde gern unter dem Vorwandc des „Erdbeerpfiückens" von ' 

der übrigen Gesellschaft entfernen. Auf welche Art sich der Traum= 
wünsch das Befriedigungserlebnis dachte, wird übrigens durch das 
Tal (zwischen zwei Hügeln!), durch welches der Bach fließt, bestimmt 
genug angedeutet. Hier gewinnt auch das oben hervorgehobene „von 
hinten" vielleicht eine Bedeutung. 



Der Umstand, daß der Traum gewissermaßen zwei Gesichter hat, 
eines, das er offen zur Schau trägt, und ein anderes, das er verbirgt, 
bringt es mit sich, daß man zwischen dem manifesten und dem la= 
tenten Material unterscheiden muß. Das zur Schau getragene Gesicht 
ist der manifeste Trauminhalt (so wie der Wortlaut des Traumberichtes 
den Traum darstellt); das Verhohlnc aber sind die latenten „Traum= 
gedanken". Zumeist ist ein recht ausgedehntes Gewebe von Traum= 
gedanken zum Traum „verdichtet". Ein Teil der Traumgedanken 
(nicht alle) gehören regelmäßig den titanischen Elementen unserer 
Psyche an. Die Formung des Traums aus den Traumgedanken nennt 
Freud die „Traumarbeit". Vier Prinzipien regieren sie: die Ver« 
dichtung, die Verschiebung, die Rücksicht auf Darstellbarkcit und die 
sekundäre Bearbeitung. 

Die Verdichtung wurde soeben bereits erwähnt. Viele Traum= 



^. ABSCHNITT/TRAUM. UND MARCHENDEUTUNG 27 
gedanken verdichten sich zu relativ wenigen Haf.Vr at,«,^ ~ i 

^ ^/J L II"'^ '"'^'■T ^"""^gedanken „determiniert'' zu sein M^^n 
spnchtdeshalb vonmehrfacher Detcrminationoder„aberdeterminieVun.^^^^ 

Die Verschiebung gibt sich darin kund, daß der Traum (offenbar" 
»m Dienste der Enstellung) Unwesentliches vorschiebt, WesentUchL 
beiseiteschiebt, kurz die psychische Wertigkeit (Interesse) derart verW 
da^ der 1 räum gegenüber den ihm zugrunde liegenden latenten Traum= 
gedankcn gleichsam „verschoben" oder „anders zentriert" erscheint 

Da der Traum eine anschauliche Darstellung ist, muß er alles, was 
er aussprechen will - auch das Abstrakteste - in eine anschauliche 
greitbare Form bringen. Die Tendenz zum !ebendig=anschaulichen oder 
plastischen Ausdruck, wie sie dem Traum eigen ist, entspricht somit 
einer Rucksicht auf DarsteJlbarkeit. 

cinlniS^^j^^i""''^''^", Bearbeitung hat man sozusagen den letzten 
Pin.ii ■ 7'"^"™'"'°''"''*^' zuzuschreiben. Sie sorgt für den Anschein 
Ini!L r^j T Zusammenhanges in dem Bildermaterial, das durch die 
entetcllendc Traumarbeit geschaffen wurde. „Diese Funktion [näm. 
Jich die sekundäre Bearbeitung], verfährt ähnlich, wie es der Dichter 
ßoshatt vom Philosophen behauptet; mit ihren Fetzen und Flicken 

mnh .5 Y^^^ '"* "^"^^^ ^^^ Traumes. Die Folge ihrer Be- 

mühung .st, daß der Traum den Anschein der Absurdität und Zusammen^ 
hanglosigkeit verliert und sich dem Vorbilde eines verständlichen Er- 
lebnisses nähert. Aber die Bemühung ist nicht jedesmal vom vollen Er= 

£nn ^ kT" J^''"'^' ^'t^^- S- '5°-> Die sekundäre Bearbeitung 
kann auch dem Aufbau einer Fassade verglichen werden 

Von der gesamten Traumarbeit sagt Freud (Trdtg., S. 358) zu= 
Serunvoul- f '''\"r^' ''r -^hlässiger, 'inkorrekte ,"gß 
fativ völlig Verschiedenes und darum zunächst nicht mit ihm vergleich« 

es sol en Gedanken ausschließlich oder vorwiegend in rrMatedal 
visueller und akustischer Erinnerungsspuren wiedergegeben wldenuTd 
r t nu' ^"^,^^^""g,^''^fchst für die TraumarbL die RücksSit auf 
DaT^tellbarkeit der sie durch neue Verschiebungen entspricht Es sol en 
(wahrscheinlich) größere Intensitäten hergestellt werden, a s n den 
Traumgedanken nachtlich zur Verfügung stehen, und di sem Zwecke 
dient die ausgiebige Verdichtung, die mit den Bestandteilen der TrTm= 
gedanken vorgenommen wird. Auf die logischen Relationen des Ge 
dankenmaterials ent ällt wenig Rücksicht; sie finden schließlich in for= 
malen Eigentümlichkeiten der Träume eine versteckte Darstel ung De 
Affekte der Traumgedanken unterliegen geringeren Veränderungen as 



jittmt 



*»— 1~ 



m 



28 I- EINLEITENDER TEIL 

deren Vorstellungsinhalt. Sie werden in der Regel unterdrückt; wo sie 
erhalten bleiben, von den Vorstellungen abgelöst und nach ihrer Gleich» 
artigkeit zusammengesetzt . . . 

Um das Wesen des Traumes kurz auszudrücken, gebraucht Stekcl 
einmal (Spr. d. Tr., S. 107) diese knappe Charakteristik: „Der Traum 
ist eigentlich ein Spiel von Darstellungen im Dienste der Affekte/' 

Eine ziemlich genaue „Formel" für den Traum haben Freud = 
Rank zu Uefern gesucht: „Der Traum stellt regelmäßig auf der Grund= 
läge und mit Hilfe verdrängten infantiUsexugllen Materials aktuelle, in 
der Regel auch erotische Wünsche in verhüllter und symbolisch ein« 
gekleideter Form als erfüllt dar." (Ib. ps. F. 11., S. 519 und Trdtg,, 
S. 117.) In dieser Formel dominiert, Freuds Ansichten entsprechend, 
die Wunscherfüllung; doch möchte mir scheinen, daß ihr in den (aller= 
dings affektiven) Grundlagen des Traums eine zu ausschließliche Rolle 
zugesprochen worden ist. Ein wichtiger Punkt ist das Infantile im Traum. 
Im Zusammenhange damit ist die „Regression" zu erwähnen. 

Die Regression ist eine Art psychischen Rückschreitens, das im 
Traum {und den verwandten psychischen Erscheinungen) in mehr= 
facher Beziehung zur Geltung kommt. So greift der Traum zurück auf 
infantile Erinnerungen und Wünsche'). Er greift auch zurück von den 
komplizierteren, vollendeteren Funktionen auf primitivere, vom ab= 
strakten Denken auf anschauliches Vorstellen, vom praktischen Handeln 
auf die halluzinatorische Wunscherfüllung^). Der Träumer nähert sich 
also der eigenen Kindheit, wie auch (durch Rückgreifen auf die primi= 
tivere, anschauliche Denkweise) der Kindheit der menschlichen Rasse^). 

Nietzsche schreibt („Menschliches, Allzumcnschliches") : „ Im 
Schlafe und im Traume machen wir das ganze Pensum früheren Mensch= 
tums durch ... Ich meine : wie jetzt noch der Mensch im Traum schließt, 
schloß die Menschheit auch im Wachen viele Jahrtausende hindurch; 
die erste Causa, die dem Geiste einfiel, um Irgend etwas, das der Er= 
klärung bedurfte, zu erklären, genügte ihm und galt als Wahrheit. Im 
Traume übt sich dieses uralte Stück Menschtum in uns fort, denn es 
ist die Grundlage, auf der die höhere Vernunft sich entwickelte und in 
jedem Menschen sich noch entwickelt: Der Traum bringt uns in ferne 
Zustände der menschlichen Kultur wieder zurück und gibt ein Mittel 
an die Hand, sie besser zu verstehen. Das Traumdenken wird uns jetzt 
so leicht, weil wir in ungeheuren Entwicklungsstrecken der Menschheit 



') Manchmal ist das schon am manifesten Trauminhalt kenntlich. Ge» 
wohnlich deckt es aber erst die Psychanalyse auf. Stark verdrängt, also schwer 
zugänglich ist das infantiUscxuelle Material. Ober die infantilen Formen 
der Sexualität sehe man Freud, „Drei Abhandlungen zur SexualtheoriB". 

^) Letzteres besonders deutlich in den „Bequemlichkeitsträumen". Man 
schlummert z. B. mit Durst ein. Statt nun zum Glas Wasser zu greifen, 
halluziniert man den Trunk. 

3) ober die zweite Art der Regression hat namentlich der Zürcher 
Psychiater C. G. Jung außerordentlich interessante Dinge zutage gefördert. 
Seine Arbeiten werden uns später mehr beschäftigen. 



2. ABSCHNITT/MÄRCHEN. UND TRAUMDEUTUNG 29 

gerade auf diese Form des phantastischen und wohlfeilen Erklärens au. 
dem ersten beliebigen Einfalle heraus so gut eingedrillt ™en sind 
Insofern .st der Traum eine Erholung für das Gehfrn, welches am Taee 
den strengen Anforderungen an das Denken zu genueen hat^r. .!! 
von der höheren Kultur gestellt worden." (Werke, B? US I', ff 

düngen (Mythen Säten M^.h?^- t^''' völkerpsychologischen BiU 
■aber es i t z B von d n'lTv h. h* '% """ \^'"^^«'^?^ abgeschlossen, 
entstellten Überresten vo^'w.n.^'r.'"' -^^""^'^heinlich, daß sie den 
Säkularträumen de junrn tl^hf''''" ^T""' ^^*'°"-' d- 
Sehr. 11, S. 20,.) Es Srsich rdt F /"*^''c\^^ ^^''""''- ^^■ 

wirklich derselben psychoSschen D ^'Z '^ '^^^^f^^" ""^ Mythen 
können wie die Träume daS^rnfi P.^"*""/ unterworfen werden 
gischen Hauptmotiver(Wrdr/n2ni^ '''l'^^"^^ t'''^''' P^^^^olo. 
meinsam sind) beruhen und da^LauT ein; ^^^^^ ff ^^"f^^" ^^= 
weisen wie die Träume. Am weitesten ist in d..P u""^" ^*''"'^*"^' ^"^= 
und Mythos wohl Abrahar(fr u MvtU f ''''^^^ 

radezu der Mythos der Tra.im L <J»' Sf^-angen. Für ihn ist ge- 

des einzelnen. Ersa^zBri:;^°i'"""V"h'^^"^ ^f''^ 

der Kulturentwicklung unterdrückt! nnh e'* ""^ "*'! '"^ '^'"^" 
gungcn abzuleiten bestimnit ist .0 klf '-* ""^^*"ß* gewordenen Re. 

fungen eine wichtige Rorsp e t Die fT W^ den dichterischen Schöp. 



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3Q I. EINLEITENDER TEIL 

die in ihrer Gesamtheit den (fast immer unbewußten, '«'^'1;"«^'^^^ 
verdrängten) Oedipus^KompIex konstituieren, cntsprmgen der Störung 
rerVerhältnisses .u den Eltern, welche mehr oder wemger ,edes Kmd 
rnt.inc eSten (sehr früh eintretenden) \exualregungen durchmach . 
Wenn der König Oedipus den modernen Menschen nicht minder zu 
erTchTttern weiß als den zeitgenössischen Griechen so kann die Losung 
wohl nur darin Wn, dag die Wirkung der grech.schen Tragödie mcht 
ruf dem GegcnsaÄ zwischen Schicksal und Menschenwillen ruht son- 
demTder Brsonderheit des Stoffes zu suchen ist, an welchem dieser 
Gegensatz erwiesen wird. Es mu& eine Stimme in unserem Innern geben, 
welche die zwingende Gewalt des Schicksals im Oedipus --f --" 
bereit ist, während wir Verfügungen wie in der Ahnfrau oder in an= 
deren Schicksalstragödien als willkürliche zurückzuweisen vermögen. 
IlTd ein Ses Moment ist in der Tat in der Geschichte des Königs 
OediDUS enthalten. Sein Schicksal ergreift uns nur darum, weil « auch 
das unsrize hätte werden können, weil das Orakel vor unserer Geburt 
tsXTFlucrüber uns verhängt hat wie über ihn Uns fn viel e.c^^^ 

s-^^Ä^:n^5^^Ä 

SSb r Scl^ÄÄÄ^Jf ^-^ 

unsere sexuellen Regungen von unseren Müttern abzulösen, unsere 
Eifersucht gegen unsere Väter zu vergessen. Vor der Person, an welcher 
sich jener urzeitliche Kindheitswunsch erfüllt hat schaudern wir zurück 
mit dem ganzen Betrage der Verdrängung, welche diese Wunsche in 
unserem Innern seither erlitten haben. Während der Dichter m jener 
Untersuchung die Schuld des Oedipus ans Licht bringt, nötigt er uns 
zur Erkenntnis unseres eigenen Innern, in dem jene Impulse, wenn 
auch unterdrückt, noch immer vorhanden sind. Die Gegenüberstellung, 
mit der uns der Chor verlä5t, 

„. . . sehet, das ist Oedipus, 

der entwirrt die hohen Rätsel und der Erste war an Macht, 

dessen Glück die Bürger alle priesen und beneideten; 

acht, in welches Mißgeschickes grause Wogen er versank'." 
diese Mahnung trifft uns selbst und unseren Stolz, die wir seit den Kin- 
desiahren so weise und so mächtig geworden sind in unserer Schätzung. 
Wie Oedipus leben wir in Unwissenheit der die Moral beleidigenden 
Wünsche, welche die Natur uns aufgenötigt hat, und nach deren tnt= 
hüllung möchten wir wohl alle den Blick abwenden von den Szenen 
unserer Kindheit .. ." (Freud, Trdtg., 5. ipof.) 

Ich glaube nunmehr den der Psychanalyse unkundigen Leser tdr 
die psychanalvtischen Teile meiner Untersuchung hinreichend intoert 
zi haben, um fortan zeitraubender Erläuterungen entraten zu können. 



~.JT- 



II. ANALYTISCHER TEIL 



rnf t-^i^ ' '" ' 



m 



1. ABSCHNITT /PSyCHANALynsCHE 
DEUTUNG DER PARABOLA 

Obgleich vwir wissen, daß die Parabola von einem Anhänger der 
hermetischen Kunst und wahrscheinlich in der Absicht, zu be- 
lehren, geschrieben wurde, wollen wir jetzt, mit guter Überlegung 
emscitig vorgehend, den später zu untersuchenden hermetischen 
Inhalt der Erzählung beiseitelassen und diese nur als ein Spiel der 
treien Phantasie betrachten. Wir werden versuchen, die Erfahrungen 
der psychanaiytischen Traumdeutung auf die Parabola anzuwenden 
und werden finden, dag diese, als Phantasieprodukt, bis in die Tiefen 
ihres Aufbaus dieselbe Struktur aufweist, wie die Träume Ich 
wiederhole nachdrücklich: wir gehen bei dieser Untersuchung vor- 
derhand höchst einseitig vor, indem wir uns bloß durch die Psych= 
analyse leiten lassen. 

1.A ^^'/^j Deutung der Parabola können wir nicht die ursprüngliche 
Methode der Psychanalyse anwenden. Diese besteht darin, daß man 
m emer Reihe von Sitzungen den Träumer Assoziationen vorbringen 
aßt. Der Traumer der Parabola — vx-ill sagen ihr Verfasser — ist 
angst nicht mehr am Leben. Wir müssen also von dem elementaren 
Vorgang absehen und uns an die abgeleiteten Methoden halten Es 
gibt deren drei. 

Erstens die Vergleichung mit typischen Traumbildern. Es hat 
sich gezeigt daß bei aller Individualität der Träume doch gewisse 
TraumgBStaltcn und Traumarten stets wiederkehren und in ihrer 
Symbolik eine weitgehende Allgemeingültigkeit haben, weil sie 
offenbar auf allgemein menschlichen Regungen aufgebaut sind und 
ihren bildlichen Ausdruck nach einer seelischen Gesetzmäßigkeit 
erzeugen, die von der Verschiedenheit der Individuen so ziemlich 
unberührt bleibt. 

Zweitens die völkerpsychojogischc Parallele. Die innere Ver- 
wandtschaft von Traum und Mythos bringt es mit sich daß zur 
Deutung eines individuellen Phantasieprodukts Parallelfälle aus den 
Erzeugnissen der Volksphantasie mit Nutzen herangezogen werden 
Können und umgekehrt. 

Silberer, Probleme der Myiiilt ■» 



34 



11. ANALYTISCHER TEIL 



Drittens das Schließen aus Struktureigentümlichkeiten des Trau= 
mes (Mythos, Märchens) selbst. In Träumen und deutlicher noch 
in den breiter ausgesponnenen Erzeugnissen der traumhaft schaffen^ 
den Phantasie^), wie z. B. in Märchen und Mythen, findet man 
häufig Motive, die sich in der gleichen Erzählung mehrmals wicder= 
holen, wenn auch in Abwandlungen oder in verschiedenen Graden 
der Deutlichkeit. Man kann dann aus der Vergleichung der ein= 
zelnen Erscheinungendes Motivs auf seinen wahren Gehalt schließen, 
indem man gleichsam die Linien der zunehmenden Deutlichkeit im 
Sinne ihrer eigenen Tendenz vervollständigt, so daß man — um in 
dem geometrischen Bilde zu bleiben — in ihren Verlängerungen einen 
Schnittpunkt erhält, um in ihm das Ziel zu erkennen, dem der im 
Traum nachweisbare Verdeutlichungsprozeß zustrebt, ein Ziel, das 
freilich nicht im Traum selbst, sondern erst in der Deutung erreicht 
wird. 

Wir werden die drei Deutungsmethoden verbunden gebrauchen. 
Wir gehen dabei im Grunde nicht anders vor, als die Psychanalysc 
bei ihren Märchendeutungen verfuhr. Denn auch hier gab es keine 
lebenden Autoren, die man neben sich setzen und ausfragen konnte. 
Man ist aber mit den abgeleiteten Methoden weit genug gelangt. 
Der Mangel der greifbaren lebenden Person wird sogar in gewissem 
Sinn durch die nie sterbende Volksseele und den unendlichen Reichs 
tum ihrer Äußerungen (Folklore usw.) ersetzt. Die Ergebnisse dieser 
Forschungen kommen uns natürlich bei der Betrachtung unserer 
Parabola zugute, sofern ich nicht genötigt sein werde, einige Schlüsse 
der Psychanalyse als problematisch mit Reserve aufzunehmen. 

Wenden wir uns also jetzt der Parabola zu. Folgen wir dem Ver= 
fasser, oder, wie wir ihn nennen wollen, dem Wanderer, in seinen 
Wald, wo er seinen seltsamen Abenteuern entgegengeht. 

Ich habe da soeben ein Bild gebraucht, „Folgen wir ihm in 
seinen Wald." Das ist beachtenswert. Ich meine damit natürlich, 
daß wir uns in seine Phantasiewelt begeben, seine Träume mit« 
erleben wollen. Wir verlassen die Pfade des Alltags, um in der 
Wildnis der Phantasie zu schwärmen. Wenn wir nun recht bedenken, 
hat der Wanderer am Eingang seiner Erzählung das nämliche Bild 
gebraucht. Er gerät in das Dickicht eines Waldes, verläßt den all= 
gemeinen Weg . . . Auch er spricht tropisch. Haben wir etwa uns 
Versehens, indem wir seine Symbolik zur unseren machten, von ihr 
ein Stück ihres Schleiers weggezogen? 

*) Man mißverstehe nicht. Ich will durchaas nicht die abgetane An« 
Sicht aufwärmen, daß die Mythen bloße Spiele der nach Beschäftigung 
verlangenden Phantasie seien. Meine Stellung zur Mythendeutung wird 
erst im Synthetischen Teil, i. Abschnitt C, klar werden. 



1. ABSCHNITT /PSYCHANALYT. DEUTUNG DER PARABOLA 35 

Es ist eine durch genügende Beobachtungen») erhärtete Tat» 
Sache, daß sich in hypnagogischen Halluzinationen (Halbschlafs 
biJdern vor dem Einschlafen) neben allerhand Gedankenmaterial 
auch der Vorgang des Einschlafens selbst gerne abmalt, ebenso wie 
sich auch in Traumschlüssen oder in hypnopompischen Haliuzina= 
tionen beim Erwachen der Vorgang des Erwachens häufig bildmäßig 
darstellt. Die Symbolik des Erwachens bringt etwa Bilder wie das 
Abschiednehmen, das Abreisen, das Offnen einer Tür, das Ver= 
sinken, das Hinausgclangen ins lichte Freie aus einer dunklen Um= 
gebung, das Nachhausekommen usw. Die Bilder für das Einschlafen 
sind z. ß. das Sinken, das Eintreten in ein Gemach, einen Garten, 
einen dunklen Wald, 

Dasselbe Waldsymbol kennt auch das Märchen. Ob ich beim 
Versinken in Schlaf die Empfindung habe, aus der Helligkeit des 
Tages in einen dunklen Wald zu treten oder ob sich der Held des 
Märchens in einen Wald begibt (was freilich auch noch andere Be= 
deutungs wurzeln hat), oder ob der Wanderer in der Parabola ins 
Dickicht gerät, das kommt alles auf eins heraus: immer ist es die 
Einleitung zum Phantasieleben, der Eintritt ins Theater des Traums. 
Der Wanderer hätte, wenn er für sein Märchen nicht die Ichform' 
gewählt hätte, auch so anfangen können : Es war einmal ein König, 
dessen gröBtcs Vergnügen die Jagd war. Einst, als er mit seinen 
Weidgenossen wieder in einen großen Wald gezogen war und einem 
flüchtigen Wild nachsetzte, entfernte er sich von seinem Gefolge 
und von den bekannten Wegen immer mehr, so daß er endlich er- 
kennen mußte, daß er sich verirrt habe. Er ging nun im Walde 
weiter und weiter, bis er von fern ein Haus erblickte 

Der Wanderer kommt durch den Wald zu dem P^ium felici- 
tatrs, zur Wiese der Gluckseligkeit, und dort beginnen seine Aben- 
teuer Auch hieran bewährt sich unsere Symbolik: durch das Ein= 
^hlafen oder den Übergang zum Phantasieren gelangt man in das 
Traum= und Marchenreich, jenes Land, in dem uns die Erfüllung 
unsrer kühnsten Wünsche zauberisch winkt. Das Märchenreich ist 

i". > J .""4 n ^^^ fL^^*""^' ^ann es bestätigen ~ ein Pratum 
fehatatis, trotz allen Gefahren und Widerwärtigkeiten, die es da zu 
bestehen gibt. 

Das Traumspiel beginnt, die Deutung, bisher leicht, wird jetzt 
schwieriger werden. Wir werden kaum streng chronologisch vor= 
gehen können. Das Verständnis der einzelnen Phasen der Erzäh» 
lung wird sich nicht nach der Abfolge ihrer Ereignisse richten 
Nehmen wi r es, wie es sich bietet. 

S.62lil,^'ivrs"67ffft'*'" **^" **'*" Schwdlensymbolik (Jb. p.. F. III, 

3* 



\ 



36 II. ANALYTISCHER TEIL 

Der Wanderer lernt die Einwohner des „Pratum felicitatis" 
kennen, die über gelehrte Dinge disputieren, wird selbst in den 
wissenschaftlichen Streit verwickelt und einer scharfen Prüfung 
unterzogen, um zur Aufnahme in die Gesellschaft zugelassen zu 
werden. Die Aufnahme geschieht also nicht ohne Mühe, sondern 
es stellt sich ihr ein schweres Hindernis entgegen. Der Wanderer 
erzählt, daß seine Prüfer ihn „ziemlich durch die Brände jagten", 
ein allegorisches Bild, das etwa von der Feuerprobe hergenommen 
ist. In dieser Schwierigkeit der Erreichung des Ziels begegnet uns 
der erste Fall aus einer Reihe analoger Begebenheiten, wo der 
Wanderer sich in seinen Handlungen in mehr oder minder pein= 
lieber, manchmal sogar gefährlicher Weise gehemmt sieht. Nach 
einer angstbetonten Phase fällt das Abenteuer aber stets gut aus, 
und es stellt sich nach der anfänglichen Hemmung irgendein Fort= 
schritt ein. Als eine erste Andeutung der kommenden Erfahrungen 
kann man schon die Gehhemmung im i. Absatz der Parabola auf* 
fassen, die sich insofern auch gut löst, als der Wanderer bald darauf 
in der lieblichen Gegend (Absatz j) anlangt. Die Traumpsychologie 
hat in Erfahrung gebracht, daß Hemmungen im Traum Willenskon« 
flikten des Träumers entsprechen, genau wie dies bei krankhaften 
Hemmungen der Neurotikcr der Fall ist. Die Angst entwickelt 
sich, wenn sich ein verdrängter Trieb ausleben will, dem ein anderer 
Wille, etwa jener unserer Gesittung, verbietend sich entgegenstellt. 
Das gehemmte Ausleben erzeugt Angst statt Lust, Angst mag des= 
halb auch eine Libido mit negativem Vorzeichen heißen. Nur wenn 
sich der betreffende Trieb ohne den peinhchen Konflikt durch= 
zusetzen versteht, vermag er Lust zu erreichen — was die psy= 
chische (nicht etwa die biologische) Tendenz jedes aus der Tiefe 
der Seele wirkenden Triebes ist. Die Grade der so im Traum 2u= 
Stande kommenden Lust können sehr verschieden, auch verschwin= 
dend klein sein, was namentlich dann zutrifft, wenn das wunsch= 
erfüllende Erlebnis durch überwuchernde Symbolik fast alles von 
seiner ursprünglichen Form eingebüßt hat. Gehen wir den Er= 
scheinungen des Hemmungsmotivs in der Parabola nach, und finden 
wir dabei die schon erwähnte jedesmal glückliche Lösung, so können 
wir zur Charakteristik des vorliegenden Phantasieproduktes schon 
konstatieren, daß es sowohl in seinen Teilen, als auch in dem Gang 
der gesamten Handlung eine Tendenz von der Angst zur ungetrübten 
Wunscherfüliung aufweist. 

Was nun die Prüfungsszene selbst betrifft, bis zu der wir in 
unserer fortschreitenden Betrachtung der Erzählung vorgedrungen 
sind, kann ein häufig auftretender Traumtypus zur Interpretation 
herangezogen werden: der Prüfungstraum. Fast jeder Mensch, der 



I 



i. ABSCHNITT/PSYCHANALYT. DEUTUNG DER PARABOLA 37 

schwierige Examina durchzumachen hatte, erlebt auch noch in 
spaterer Zeit, wo die Mittelschu]= oder Hochschulprüfungen längst 
hinter ihm hegen, quälende Träume, die mit der Angst vor einer 
Prüfung erfüllt sind. Freud (Trdtg., S. ^,6i.) spricht aus 
dah deriei Traume vor allem die unauslöschlichen Erinnerungen 
an die Strafen sind, die wir in der Kindheit für verübte Untaten 
erlitten haben, und die sich dann an den „Knotenpunkten unserer 
Mudicn,anderDies irae,Dies illa der strengen Prüfungen in unserem 
Innern wieder geregt haben." Nachdem wir aufgehört haben 
bchuler zu sein, sind es nicht mehr wie zuerst die Eltern und Er= 
zicher oder später die Lehrer, die unsere Bestrafung besorgen : die 
unerbittliche Kausalverkettung des Lebens hat unsere weitere Er- 
ziehung übernommen, und nun träumen wir von der Matura oder 
von dem Rigorosum, sooft wir erwarten, daß der Erfolg uns bc= 
strafen werde, weil wir etwas nicht recht gemacht, nicht ordentlich 
zustande gebracht haben, sooft wir den Druck einer Verantwortung 
fühlen. Zu beachten ist ferner die Erfahrung Stekeis, die auch 
durch die Praxis anderer Psychanalytiker bestätigt wurde daß Ma- 
turitätsträume recht häufig dann auftreten, wenn eine Probe der 
sexuellen Leistungsfähigkeit bevorsteht. Der Doppelsinn des Wor» 
tes „Matura" (das ja auch geschlechtliche Reife bedeuten kann) 
mag dabei als Wortbrücke für die Assoziation mit in Betracht 
kommen. Im allgememen wären also die Prüfungsträume Äuße- 
rungen einer Angst, etwas nicht recht zu tun oder nicht recht un 
zu können; mr. besonderen em Ausdruck der Impotenzbefürchtung. 
Es muß gleich hier vermerkt werden, daß nicht bloß im ersteren 
sondern auch im letzteren Fa c die Befürf htM„„ , ^f^ieren, 

psychischen Hemmung gelten wird ^ ^^''''•'' ''"'' 

Zur Interpretation der Prüfungsszene ist ferner das häufi. vor- 
kommende Marchenmot V der schwer ^i, «r^^i i, j "^"r g vor= 
als Parallele heranzuziehen, namentlh iene Fo ^b . ^'"'^''^''^ 

oder sonst eine Macht d;m Sen R^tsef "d 'r I' f'^ *^'?;^ 
wi j ij ij j- 1 . *"='"^n natsei oder Aufgaben stp tt 
Wenn der Held diese löst, bekommt er in der Regel neben anderen 
kostbaren Dinpn cm Weib, eine Prinzessin, mit der er sich ver» 
mahlt. Im Fa^l eines weiblichen Helden ist der Gewinn ein schöner 
Prinz Das Motiv der schwer erreichbaren Kostbarkeit paßt auch 
auf die spateren Hinderniserecheinungen in der Parabola. Das 
Wesen der Kostbarkeit ist freilich vorderhand fraglich 

Eine zweite Auflage der Prüfungsszene tritt uns im 6. Absatz 
als Kampf mit dem Löwen entgegen. Das Fortschreiten von der 
Angstphasc zur Erfüllungsphase springt hier deutlicher in die Augen, 
auch sind die Affekte des Wanderers kräftiger herausgearbeitet. Die 
bciiwierigkeit zu Beginn wird schon in dem vorhergehenden Ge= 



T~ ...^_ 



38 11- ANALYTISCHER TEIL 

sprach angedeutet, wo ihm keiner raten will, wie er am Anfang mit 
dem Raubtier umzugehen hätte, alle ihm jedoch Anleitung für 
später in Aussicht stellen, wann er den Löwen einmal festgemacht 
hätte. Der Beginn des Kampfes macht dem Wanderer denn auch 
harte Pein; er „entsetzt sich seiner Temerität halben", träte von 
dem Vorhaben gern wieder zurück, und es geht ihm „für Furcht 
beinahe das Wasser über die Kerbe". Er ermannt sich aber, ent= 
faltet glänzende Fähigkeiten und geht als Sieger aus dem Streit her« 
vor. Eine Befriedigung über das eigene Können ist unverkennbar. 
Die Szene, wiewohl eine Abwandlung der vorigen Prüfung, fügt 
ihr doch immerhin einige wesentlich neue Stücke hinzu. Die Er= 
Setzung der früheren Kampfgegner (d. i. der prüfenden Alten) durch 
einen andern (den Löwen) gehört nicht zu dem grundsätzlich Meucn ; 
es ist ein bloßer Ersatz, wenn auch ein, wie wir später sehen werden, 
sehr vielsagender. Durchaus neu ist das Resultat des Kampfes. 
Der Sieger fördert, nachdem er den Löwen getötet, aus dessen 
Körper weiße Knochen und rotes Blut ans Tageslicht. Man halte 
das Gegensatzpaar Weiß — Rot fest. Es wird noch wiederkehren. 
Denken wir nun an Sagen= und Märchenparallelen, so fallen uns 
selbstverständlich die Drachenkämpfe ein. Der siegende Held pflegt 
eine Jungfrau zu befreien, die in den Banden des Unholds schniach= 
tete. Das „Anatomieren" des getöteten Löwen findet zahlreiche 
Analogien in jenen Mythen und Märchen, in denen Zerstücke» 
langen des Leibes vorkommen. Es wird davon später ausführlich 
gehandelt werden. 

Als die nächste Schwierigkeit begegnet uns in der Parafaola die 
beschwerliche Fortbewegung auf der Mauer (Absatz 7 und 8). Wir 
haben hier wieder eine Gehhemmung im engeren Sinn wie im 1 . Ab= 
satz, doch mit einigen Zutaten. Die Mauer — selbst ein Bild des 
Hinderlichen, auch in Träumen — ragt hoch zu den Wolken empor. 
Wer da oben geht, kann tief hinabstürzen. Der Weg oben ist „nicht 
eines Schuhes breit", und eine „eiserne Handhabe" nimmt auch 
noch Raum weg. Das Gehen ist also unbequem und gefährlich. 
Das mittenhin laufende Geländer teilt die Bahn und laßt so zwei 
Wege entstehen, einen linken und einen rediten. Der rechte Weg ist 
der beschwerlichere. Wem fällt bei dieser Situation nicht sogleich 
Herakles am Scheidewege ein? Die Auffassung von rechts und 
links als recht und unrecht, gut und böse, ist der mythischen und 
religiösen Symbolik geläufig. Daß der rechte Pfad der schmälere^) 
ist, oder der dornenvolle, ist ohne weiteres verständlich. Auch in 
Träumen kommt die Rechts=Links=Symbolik typisch vor. Sie hat 
hier die gleiche Bedeutung wie in der religiösen Verwendung, nur 

^) Matth. VII, 15-14. 



■^ 



1. ABSCHNITT/PSYCHANALYT. DEUTUNG DER PARABOLA 39 

vielleicht mit dem Unterschied, daß sie vorzugsweise mit Bezug auf 
sexuelle Regungen angewendet wird, dergestalt, daß das Rechts 
einen erlaubten (d. h. vom Träumer als erlaubt, zulässig empfunde= 
nen), das Links einen unerlaubten Sexualgenuß andeutet. So ist es 
z. B. für den im vorigen Abschnitt erzählten Traum vom Erdbeer= 
pflücken charakteristisch, daß das Tal, welches der Träumer 
mit dem Knaben aufsuchte, um dort mit ihm „Erdbeeren zu 
pflücken", links von der Bahnstraße, nicht etwa rechts abbog. Der 
Sexualakt mit einem Knaben erschien eben dem Träumer als etwas 
Unzulässiges, Unschönes, Verpöntes. In der Parabola begibt sich 
der Wanderer von rechts nach links, gerät dabei in Schwierigkeiten, 
weiß sich aber, wie immer, gut aus dem Handel zu ziehen. 

Von der Mauer aus kommt der Wanderer (Absatz 9) zu einem 
Rosenstock, von dem er weiße und rote Rosen abbricht. Man bc= 
achte Weiß und Rot. Der Sieg über den Löwen hatte ihm weiße 
Knochen und rotes Blut, das Bestehen der Fährnisse auf der Mauer 
hat ihm jetzt weiße und rote Rosen eingebracht. Die Aneignung 
wird im letztern Fall besonders bezeichnet durch das Stecken auf 
den Hut. 

Im Verlauf der nächsten Absätze {9 — n) gibt es abermals Hin= 
dernisse. Zunächst stellt sich dem Wanderer eine Mauer entgegen. 
Ihretwegen muß er, um den Jungfrauen Zutritt zu den Gesellen 
im Garten zu verschaffen, ein langes Stück herumwandern. Bei 
der Tür (Absatz 10) angelangt, findet er sie verschlossen und fürchtet 
außerdem, die umstehenden Leute werden ihm den Eintritt wehren 
oder ihn verlachen. Kaum ist aber die erste Schwierigkeit durch 
ein magisches Offnen der ersten Pforte beseitigt, als auch schon die 
uns bereits bekannte Wendung von der Angstphase zur Erfüllungs^ 
phase eintritt. Der Wanderer passiert ohne Mühe den Gang, ja 
sein Auge eilt ihm voraus, und er sieht durch die noch geschlossenen 
Türen wie durch Glas in den Garten. Welchen Erfolg hat ihm nun 
diesmal die Überwindung der Schwierigkeiten gebracht? Wo ist 
der gewohnte weiß und rote Lohn? Wir brauchen nicht lange zu 
suchen. Im Absatz u wird berichtet: „Als ich nun bei demselben 
Gärtlein [im Innern des Gartens] hinweg war, und an den Ort, 
da ich den lungfrawen helfen soltc, gehen wil, sihe, da werde ich 
gewar, das an stat der Mauren ein niedriger geflochtener Zaun da= 
Selbsten stund, und gicng die schönste Jungfraw in gantz weißen 
Atlaß gezieret, mit dem stattligsten Jüngling, so vnterm Hauffen 
und in Scharlachcn bekleidet war, bey dem Rosen=Garten vor= 
bey, eines das ander in Armen führende, vnd viel wolriechende 
Rosen in ihren Händen tragende . . . Dieser mein allerliebster 
Brautgam, sagte sie, hat mir vbcrgcholfen, vnd wir gehen nun auß 



in 



40 ' H. ANALYTISCHER TEIL 



j diesem lieblichen Garten in vnserm Gemach Freundschafft zu 

pflegen." Hier erfüllt sich die Parallele mit den Märchen, enthüllt 

[ sich der Charakter der lohnenden Kostbarkeit. Das Rote und das 

Weiße entpuppen sich als Mann und Weib, das letzte Ziel ist, wie 

' die soeben zitierte Stelle in Aussicht stellt, und der weitere Verlauf 

der Erzählung genugsam erweist, die sexuelle Vereinigung beider. 
Auch die übrigen märchenhaften Kostbarkeiten fehlen nicht : Königs« 
würde, Reichtum, Glück. Und wenn sie nicht gestorben sind, so 
leben sie noch heute . . . Die Erzählung hat eine vollkommene 
Wunscherfüllung gebracht, das Verlangen nach Liebe, nach Macht 
hat sein Ziel erreicht. Daß der Wanderer das von ihm erworbene 
Glück nicht unmittelbar in eigener Person erlebt, sondern die Vor= 
Stellung von Liebesglück durch die Vereinigung zweier neuer Pers 
sonen in höchst illustrativer Weise expliziert wird, ist natürlich eine 
Eigenheit der Darstellung; man findet sie oft genug in Träumen. 
Das Ich des Träumenden ist in so einem Falle durch eine „ab» 
gespaltene" Person ersetzt, wodurch der Traum sein dramatisches 
Gepränge erhöht. Es ist als ob die Parabola sagen wollte : Der Held 
hat sich Liebesglück erkämpft; zur Liebe gehören aber zwei, ein 
Mann und ein Weib; also schaffen wir schnell ein Paar! Abgesehen 
davon, daß der Lohn selbstverständlich dem Helden zufallen muß, 

: der ihn errungen, wird zum Überfluß die Identität des Wanderers 

mit dem König in der Parabola selbst angezeigt, wenn auch etwas 

I umschrieben. Das Geheimnis des dramatisierenden Kunstgriffes 

der Darstellung wird am deutlichsten am Schluß des 1 1 . Absatzes 

I preisgegeben, wo die Alten, mit dem Brief der Fakultät in den 

Händen, dem Wanderer eröffnen, daß er das Weib, das er genom« 

j men, zur Ehe behalten müsse, was er ihnen auch bereitwillig ver« 

I spricht. 

Soweit wäre alles in Ordnung, und man mochte bei obcrfläch« 
lieber Betrachtung glauben, die psychanalytische Auflösung der 
Parabola sei beendet. Weit entfernt davon! Wir haben nur die 
oberste Schichte gedeutet und werden vor uns ein Problem sich 
aufrichten sehen, das uns einladet, in tiefere Schichten des uns vor= 
liegenden Phantasiegewebes einzudringen. 

[ Wir haben bemerkt, daß in der Parabola vieles, ja gerade das 

Wichtigste nur symbolisch und durch Anspielungen mitgeteilt wird. 
Ihr bisher ermittelter latenter Gehalt {entsprechend den latenten 

' Traumgedanken) wird in der manifesten Form umschrieben, in 

verschiedenen, gegen das Ende abnehmenden Graden der Ver= 

I hüllung. Es hat also eine Entstellung ( Traum entstell ung) statt= 

[ , gefunden. Mun tut der Traum oder die traumhaft schaffende Phan= 

! tasle nichts umsonst; und wenn «r auch seinem Wesen nach (aus 



.. ABSCHNITT /PSYCHANALYT. DEUTUNG DER PARABOLA 41 

„Rücksicht für die Darstclibarkeit") das Anschauliche auf alle Fälle 
bevorzugen muß, so erklärt diese Tendenz zum Bildlichen doch 
noch nicht eine so systematische Reihe von tendenziös wirkenden 
Verhüllungen wie die von uns beobachtete. Die Vorstellung der 
Vereinigung von Mann und Weib wird auffallend umschrieben Zu» 
erst als Blut und Knochen — ein Bild inniger, vitaler Zusammen» 
gehörigkeit; sie gehören einem Leib an, so wie zwei Liebende eins 
sind und später auch die Brautleute im Gefängnis zu einem Leib 
verschmelzen. Dann als zweierlei Rosen, die auf einem Strauch 
wachsen; der Wanderer bricht die Rose wie der Knab' das Heide» 
röslein=Mädchen. Und kaum ist von dem bisher Verhüllten der 
Schleier leis gelüftet worden, kaum erfährt man, daß der Wanderer 
ein Weib genommen hat (Absatz ii), als die Sache schon wieder 
auf dem Wege der Dramatisierung vertuscht wird (Absatz 12 ff.), 
so dag scheinbar ein anderer die Liebesfreuden genießt. Diese' 
konsequente Verheimlichung muß einen Grund haben. Vergessen 
wir nicht die so auffälligen Hemmungen, die der Wanderer immer 
wieder erfährt, und die wir noch gar nicht einmal vollzählig durch« 
gegangen sind. Die Traumsymbolik sagt uns, daß solche Hindere 
nisse Willenskonflikten entsprechen. Was für innere Widerstände 
mögen es sein, die den Wanderer bei jedem Schritt auf dem Weg 
zum Liebesglück hemmen? Bedenken wir, daß die Prüfungen zum 
Teil einen ethischen Beigeschmack haben. Dieser tritt etwa an der 
Rechts=Links=Symbolik hervor; dann an dem noch nicht gewür- 
digten Erlebnis bei der Mühle, wo der Wanderer wieder über einen 
ganz schmalen Steg gehen muß, dessen ethische Symbolik noch 
besprochen werden wird; dann an der auffälligen Verantwortlich= 
keit, die der Wanderer für das Tun der beiden Brautleute im glä. ] 

sernen Gefangn.s fühlt und das sich ausnimmt, als hätte er ein J 

schlechtes Gewesen. Alles das zusammen läßt uns keinen Zweifel 
ubng daß der Traum - die Parabola - das sexuelle Erlebnis de ) 

Wanderers aus Gründen der Zensur zu verhindern und zu ver 
hüllen gestrebt hat Man konnte sich nun vielleicht dabei beruhigen ' 

daß man sagt, das Sexuel^ an sich sei von der Zensur verpönt. Das' J 

,5t aber mcht der Fall. D.e Schilderung ist gesprächig genug und j 

gar nicht prüde; d.e Brautleute umfangen einander nackend, durch= ^ 

dringen einander und vergehen in Liebe, zerfließen in Wonne und 
Schmerz; was will man mehr? Der Sexualakt an sich kann also 
für die Zensur nicht das Anstößige gewesen sein. Der ganze Appa= 
rat von Bedenklich keiten, von Verhüllungen, von Abschreckungs» 
mitteln, d.e wie furchtbare Wächter vor den Toren verbotener 
Kammern stehen, kann aber anderseits nicht jeden Grundes ent- 
behren. Es fragt sich also: was ist's, wovor die Traumzensur in 



{ 



Si 



42 II. ANALYTISCHER TEIL 

den verschiedensten Formen (Löwe, gefährliche Wege usw.) ihr 
dräuendes Veto gesetzt hat? 

Bei dem im vorherigen Abschnitt mitgeteilten Erdbecrentraum 
haben wir gesehen, daß eine Umschreibung des latenten Traum= 
Inhaltes in dem Moment eintrat, wo eine von der Traumzensur des 
betreffenden Träumers verpönte Art des Geschlechtsverkehres volla 
zogen werden sollte (homosexueller Verkehr). Höchstwahrschein= 
lieh handelt es sich auch in der Parabola um irgendeine von der 
Zensur zurückgewiesene Form der Sexualität. Welche mag das 
sein? Auf ein homosexuelles Begehren weist nichts hin. Man wird 
also nach einer anderen erotischen Tendenz fahnden müssen, die 
von der normalen abweicht. Man könnte etwa, durch einige An» 
deutungen gelenkt, auf Schaulust (Voyeurtum) schließen; diese 
gehört zwar, wie fast alle abnormen erotischen Tendenzen, als ein 
Bestandteil auch zu unserer normalen psychosexuellen Konstitu= 
tion, sie kann aber, wenn sie allzu prävalierend auftritt, immerhin 
als eine Perversität gelten, gegen die sich die Zensur wendet. Die 
Momente in der Parabola, die für Schaulust sprechen, sind die= 
jenigcn, wo der Wanderer durch verschlossene Türen (Absat3 lo) 
oder Mauern (Absatz ii) Objekte sieht, die als Sexualsymbole ge= 
deutet werden können. Dieses magische Schauen entspricht dann 
einer umschriebenen Wunscherfüllung. Die Annahme, daß Schau» 
last die gesuchte, von der Zensur verpönte, erotische Triebkompo= 
nentc sei, wird aber zuschanden, sobald wir uns daran erinnern, daß 
gerade diese Komponente sich in der Parabola auf das offenste ausa 
lebt. Im 14. Absatz hat der Wanderer reichlich Gelegenheit, sie 
in die Zügel schießen zu lassen. Immer erhebt sich also die Frage 
vor uns : Welches ist die verbotene Tendenz? Es bedarf zu ihrer 
Beantwortung keiner weitläufigen Kombinationen. Der Wortlaut 
der Parabola selbst gibt uns darüber Auskunft. Im 14. Absatz heißt 
es: „Nun weiß ich nicht: was diese beyde müsten gesündigt haben, 
alß das sie, weil sie Bruder vnnd Schwester waren, sich solcher 
maßen mit Liebe verbunden, das sie auch nicht wieder von einander 
zubringen waren, vnd also gleichsam Blutschande wolten bezüch« 
tiget werden." Und an einer anderen Stelle (Absatz 15): „Alß 
nun . . . vnser Breutgam . . . mit seiner liebsten Braut ... zu ge= 
melten Alten käme : Copulirten sie die beyde also balde, vnd ver= 
wunderte ich mich nicht wenig, das diese Jungfraw, so doch jhres 
ßrcutgams Mutter sein sollte, noch so jung war." 

Die von der Zensur verpönte sexuelle Neigung ist der Inzest. 
Daß trotz der Zensur in der Parabola von ihm die Rede sein konnte, 
erklärt sich aus der überaus geschickten, unverdächtigen An« 
bringung der betreffenden Andeutungen. Der Traum ist darin sehr 



i.ABSCHNITT/PSYCHANALYT. DEUTUNG DER PARABOLA 43 

gewandt; und die gleiche {wahrscheinlicli für den Autor unbewußte) 
Geschicklichkeit findet sich in der nach allen Richtungen dem Traum 
verwandten Parabola, Vom Inzest kann deshalb ausdrücklich ge= 
sprechen werden, weil er Leuten zugeschrieben wird, die scheinbar 
mit dem Wanderer nichts zu tun haben. Daß der König im g]äser= 
nen Behälter niemand anderer ist als der Wanderer selber, wissen 
ja nur wir, dank unserer kritischen Analyse; der Träumer des 
Traumes (Parabola) weiß davon nichts; für ihn ist der König eine 
fremde Person, welche die Verantwortung für ihr Tun allein zu 
tragen hat, obgleich trotz der geschickten Bemäntelung doch einiges 
Vera ntworti ich keitsgefühi auf den Wanderer überfließt, ein eigen« 
artiges Gefühl, das uns schon früher aufgefallen ist und nun seine 
Erklärung findet. 

Wir werden später sehen, daß in der Parabola vom Anfang an 
lnzest=SymboIik vorhanden ist. Zuerst sehr dunkel, wird sie später 
etwas durchsichtiger; und genau in jenem Augenblick, wo sie ihre 
letzten Schleier abwirft, also eine für die Traumzensur unerträgliche 
Deutlichkeit erlangt: genau in diesem psychologischen Moment 
tritt die Abwälzung der verpönten Handlung auf die andere, schein» 
bar fremde Person ein. 

Ein ähnlicher Vorgang ist es natürlich, wenn im Erdbeertraum 
die Situationsveränderung genau in jenem Augenblick eintritt, wo 
die Sache eben beginnt, dem Träumer ungemütlich zu werden. 
Dieses Ungemütlich« Werden können wir in der Parabola wunder= 
schön verfolgen. Der kritische Übergang findet sich gerade an einer 
jener Stellen, wo die Darstellung am verworrensten erscheint: so 
sind meistens die schwächsten Punkte der Traumoberfläche bc= 
schaffen. Jene Punkte also, wo die äußere Hülle fadenscheinig ist 
und dem Blick des Analytikers eine Blöße bietet. 

Die kritische Phase der Parabola beginnt im ii. Absatz. Die 
Alten konsultieren über einen Brief von der Fakultät. Der Wanderer 
merkt, daß der Inhalt ihn betreffe, und fragt: „Ihr Herren, ist's 
meinethalben zu tun?" Sic antworten: „)a, jhr must ewer Weib 
so jhr vnlengst genommen, zur Ehe behalten." Wanderer: „Das be= 
darff keiner Mühe, denn ich mit ihr gleichsam gebohren [wie 
fein!] vnd von Kind auf erzogen worden bin." Jetzt ist das Ge= 
heimnis vom Inzest beinah verraten. Aber sogleich wird wirksam 
eingegriffen. Im Absatz \z heißt es: „Da fiel mir meine vorige 
Mühe und Arbeit ein, und gedachte bei mir selbst, auß sonderbaren 
Vrsachen [diese sonderbaren Ursachen sind die Traumzensur, die, 
unbewußt waltend, die nunmehr folgenden Verschiebungen be= 
wirkt!], es müste nicht mich, sondern einen andern, so mir wo! bea 
kant, betreffen [fürwahr ein wohlbekannter Anderer!]. In dem sehe 



<fc-- 



44 



II. ANALYTISCHER TEIL 



i 



ich vnsern Breutgam mit seiner Braut in vorigem Habit daher 
gehen, zur Copulation fertig und bereit, defeen ich mich höchlich 
crfrewete: Denn ich in grossen Ängsten gewesen, die Sachen möch« 
ten mich selbsten antreffen." Die Angst ist uns wohl verständlich ; 
eben ihr Auftreten ist es, weshalb die Verschiebung vom Wanderer 
auf die andere Person vorgenommen wird^. Im Absatz i? wird 
fortgefahren: „Alß nun . . . vnser Breutgam ... mit seiner liebsten 
Braut ... zu gemelten Alten käme; Copulirten sie die beyde . . . vnd 
verwunderte ich mich nicht wenig, das diese Jungfraw, so doch jhres 
BreutgamsMutterscinsolte, noch so jung war . . ." Hier, wo nun« 
mehr die Abwälzung stattgefunden hat, wagt sich, nachdem vorher 
nur die Andeutung auf eine Schwester gemacht worden, sogar der 
Gedanke: Mutter hervor. Absatz 14 spricht schließlich offen die 
Blutschande aus und sorgt sogar für die Bestrafung der Schuldigen. 
In dieser Form konnte die Sache selbstverständlich ohne Be» 
unruhigung des Gewissens weitergedacht oder bildlich weiter erlebt 
werden. 

Die in der Erzählung mit der Mutter alternierende Schwester 
ist nur eine Vorstufe^) der ersteren. Indem wir finden, daß sich 
der Ocdipus= Komplex in der Parabola auslebt, bringen wir 
diese in noch engere Verwandtschaft mit den Märchen und Mythen, 
zu denen wir sie in Parallele gesetzt haben. Das vom Helden gc= 
suchte und erkämpfte Weib scheint in tieferer psychologischer Bc« 
Ziehung immer die Mutter zu sein. Die Bedeutung des Inzest» 
motivs haben von einer Seite her die Psych anal ytiker (namentlich 
Rank, der ausgedehntes Material bearbeitete), von einer andern 
Seite her die Mythologcn gefunden. Daß viele moderne Mythos 
logen bei diesen Entdeckungen das Hauptgewicht auf den astralen 
oder den meteorologischen Gehalt der Mythen legen und die psycho= 
logischen Folgerungen nicht ziehen, ist eine Sache für sich, die 
später noch erörtert werden soll. Vorläufig sei nur konstatiert, daß 
die Übereinstimmung in dem aufgedeckten Material (Motive) um 
so bemerkenswerter ist, als sie im Verfolg ganz verschiedener Ten= 
denzen auftritt. 

Es ist an der Zeit, die Einzelheiten der Parabola auf ihre über= 
einstimmung mit dem jetzt bekannten Hauptthema zu prüfen und 
überhaupt eine geschlossene Interpretation zu gewinnen. Wir 
können uns jetzt schon an die chronologische Ordnung halten. 

^) Die Tendenz, in welcher die Zensur ihres Amtes waltet, die Trauma 
cntstellung ausübt, geht nach Freud, Trdtg S. 195, dahin, „. . . die Ent- 
wicklung von Angst oder anderen Formen peinlichen Affekts zu ver» 

hüten." 

') Richtiger gesagt: eine Abschwächung, wie sie nicht bloB der Traum= 
Psychologie, sondern auch der modernen Mythologie geläufig ist. 



1. ABSCHNITT/PSYCHA^3ALYT. DEUTUNG DER PARABOLA 45 

Der Sch^x'elIcnsymboIilt im Beginn der Parabola wurde bereits 
gedacht, ebenso der Gehhemmung, die einem psychischen Kon= 
fiikt gleichkommt. Man könnte es dabei bewenden lassen, doch ist 
eine ausführlichere Deutung recht gut möglich, wodurch sich ein= 
zeinc Bilder als überdeterminiert erweisen. Der Weg ist eng, mit 
Gesträuch bewachsen, führt zum Pratum felicitatis; einer typischen 
Traumsymbolik nach ist das auch eine weibliche Körperregion. Die 
Gehhemmung kennen wir als Zurückschaudern vor oder Verhindert:, 
sein an dem Inzest; es wird also wahrscheinlich, daß ein bestimmter 
weiblicher Leib, nämlich der der Mutter, gemeint sei. Das Ein= 
dringen führt zu dem Pratum felicitatis, zu seligem Genuß. Der Auf= 
enthalt im Wald bedeutet im Märchen häufig den Tod oder das m] 

Leben in der Unterwelt. Wilhelm Müller schreibt z. B. : „Als 
Symbole von gleicher Bedeutung ergeben sich . . . die Verwandlung 
in Schwäne oder andere Vögel, in Blumen; das Aussetzen im 
Walde; das Leben auf dem Glasberge, in einem Schlosse, im 
Walde . . . Alle beziehen sich auf Tod und Leben in der Unter» 
weit." Die Unterwelt ist, mythologisch betrachtet, nicht nur das 
Land, wohin die Sterbenden gehen, sondern auch woher die Leben= 
den gekommen sind; also für den Einzelmenschen und insbesondere 
für unsern Wanderer, der Uterus der Mutter. Es ist bezeichnend, 
daß der Wanderer beim Spazierengehen über den „Fall unserer 
ersten Eltern" nachdenkt und ihn „beweinet". Der Fall der Eltern 
war eine sexuelle Sünde. Daß sie außerdem ein Inzest war, wird 
später erörtert werden. Der Sohn, der im Vater den Nebenbuhler 
bei der Mutter sieht, beklagt es, daß die Eltern einander angehören. 
Ein sexuelles Vergehen (Inzest) verursacht den Verlust des Para= 
dieses. Der Wanderer betritt das Paradies, das Pratum felicitatis^). 
Der Weg dahin ist ihm nicht zu rauh (Absatz 2). 

Im Absatz 3 betritt der Wanderer sein Paradies = Inzest Bei 
der Mutter stößt er allerdings auf den Vater wie auf ein Hindernis 
Die Alten (Spa tung der Person des Vaters) wollen ihn nicht auf= 
nehmen verwehren ihm den Eintritt — in das Kollegium. Er 
selber, der Junge, sieht sich aber schon unter ihnen. Der jüngere 
Mann, dessen Namen er kennt, ohne das Antlitz zu sehen, ist ieden= 
falls er selbst. Er setzt sich an die Stelle seines Vaters. (Der andere 
junge Mann mit dem spitzigen schwarzen Bart dürfte eine An- 
spielung auf eine ganz bestimmte Person sein, berechnet für einen 
engen Lese rkreis der Parabola zur Zeit des Verfassers. Auch der 

2 „Wonnegarten", „Freudengarten", „Wonnenberg" usw wurde ia 
das Paradies genannt. Mun ist aber besonders bemerkenswert dafi die! 
selben Worte die Geliebte bedeuten können (G ri m m , D. Mythol 'l I S öSif 
= Kap. XXV, 781 f.). . ■ * • 



I) 



46 H. ANALYTISCHER TEIL 

Teufel oder der Tod könnte gemeint sein, doch kann ich solche 
Konjekturen durch nichts stützen.) 

Im 4. Absatz beginnen die Prüfungen. Zuerst kommt das 
Examen im engeren Sinn des Wortes. Der Beigeschmack des 
Väterlichen bei jeder Prüfung \wird schon in der oben zitierten 
Stelle Freuds betont; jedes Examen, jede Aufgabe hängt zu= 
sammen mit den Kindheitseindrücken von elterlichen Vorschriften 
und Strafen. Später (betreffs der Behandlung des Löwen) wird der 
Wanderer als der Fragende auftreten, während jetzt die Alten die 
Fragenden sind. Im Verhältnis zwischen Eltern und Kind spielt 
die Frage psychologisch eine hervorragende Rolle. Erstaunlich früh 
ist das Fragebedürfnis des Kindes auf das Sexuelle gerichtet. Die 
Frage, woher die Kinder kommen, steht im Zentrum seiner Wiß= 
begierde. Die ablehnende Haltung der Eltern bringt eine Ver= 
drängung der Urfrage zuwege; diese aber hört nicht auf, ihre trei= 
bende Kraft der Wißbegierde überhaupt zufließen zu lassen. Die 
Ablehnung bringt ferner eine charakteristische Trotzcinstellung des 
Kindes hervor, ein ironisches Fragen oder ein Besserwissen. Das 
Besserwissen gegenüber dem fragenden Vater sehen wir bei unserem 
Wanderer. Die Rollen sind vertauscht. Statt daß das Kind (sexuelle) 
Aufklärung von den Eltern verlangt, muß sich der Vater vom Kind 
belehren lassen (Wunschcrfüllung, selbst der Vater zu sein, wie 
oben). Die Alten wissen bloß In der Bildersprache („Similitudines", 
„Figmenta" etc.) Bescheid; der Wanderer aber ist in der Praxis 
beschlagen, in der Expcrienz, er ist der Erfahrene. In der Tat geben 
die Eltern in ihrem ablehnenden Verhalten auf die Frage: „Woher 
kommen die Kinder?" eine bildliche (wiewohl als Bild richtige) Ant= 
wort, indem sie sagen, der Storch bringe sie, während das Kind 
klaren Aufschluß (aus der Experienz!) erwartet. Über die Richtig« 
keit der bildlichen Auskunft, daß der Storch die Kinder aus dem 
Wasser hole, sei hier beiläufig nach Kleinpaul folgendes bemerkt. 
Der Brunnen ist der Mutterschoß, und der rotbeinigc Storch, der 
Kinderbringer, ist nichts weiter als ein launiges Bild für das gern 
mit einem langen Hals, einer Gans oder einem Storch verglichene 
Organ (Phallos), das die kleinen Kinder tatsächlich aus dem Mutter= 
leib herausholt. Man versteht auch, daß der Storch die Mutter ins ' 
„Bein" gebissen hat. 

Als eine Bedeutung der Prüfungsangst haben wir oben auch die 
Befürchtung der Impotenz kennen gelernt. Psychosexuelle Hern« 
mungen erzeugen Impotenz. Das Inzestbedenken ist eine solche 
Hemmung. 

Im Sinne von Laistner kann man die peinliche Prüfung als 
„Fragepein" — ein in unzähligen Mythen vorkommendes typisches 



I.ABSCHNITT/ PSYCH ANALYT. DEUTUNG DER PARABOLA 47 

Erlebnis des Helden — auffassen. Der genannte Autor führt, von 
diesem Zentralmotiv ausgehend, die Mehrzahl der Mythen auf den 
Alptraum zurück. Die Lösung der peinlichen Frage, das 2auber= 
wort, das den Spuk vertreibt, ist der Schrei des Erwachens, mit dem 
der Schläfer den drückenden Traum, den Alp, los wird. Das Pro= 
totyp des peinlichen Fragestellers ist bei Laistner die Sphinx. 
Wir sehen uns auch hier an den Ocdipus= oder Inzestkomplex er= 
innert. Sphinx, Drachen, Riese, Menschenfresser usw. sind my= 
thisch gleichwertige Figuren. Sic sind es, die den Helden bea 
drängen; mit ihnen hat er zu kämpfen. Die entsprechende Figur 
unserer Parabel ist der Löwe. 

Obgleich der Wanderer die Prüfung glänzend bestanden hat, 
nehmen ihn die Alten (Absatz 3) in ihr Kollegium nicht auf (das 
Motiv der Verweigerung kehrt später wieder), sondern schreiben 
ihm den Kampf mit dem Löwen vor. Dieser ist freilich eine Per« 
sonifikation des gleichen Hindernisses wie die Alten selber; in 
ihnen hat man sozusagen den zu bekämpfenden Drachen als Viel« 
heit vor sich. Analoge Vervieifälttgungen des Drachens findet man 
z. B. bei Stucken (in den SAM). Typische Drachenkämpfer sind 
lason, Josua, Simson, Indra; und ihre Drachengegner sind Viel= 
heiten wie die gewappneten Männer aus der Saat der Drachenzähne 
bei lason, die Amoriter bei Josua, die Philister bei Simson, die 
Dasas bei Indra. Daß bei dem Wanderer die Gesamtheit der Alten 
hauptsächlich als der Vater aufzufassen ist, wissen wir; das gleiche 
gilt nun von dem Löwen, der schon als Löwe (König der Tiere, 
königliches Tier, auch im hermetischen Sinne) an sich zum Vater= 
Symbol geeignet ist; Kaiser, König, Riese u. dgl. pflegen in Träumen 
Repräsentanten des Vaters zu sein. Auch große Tiere, namentlich 
reißende oder wilde, pflegen in dieser Bedeutung in Träumen vor- 
zukommen. 

Stekel (Spr. d. Tr.) führt folgenden Traum des Patienten Omi- 
kron an: „Ich war in meiner Heimat. Meine Familie hatte dorten einen 
toten Bären aufliewahrt. Sein Kopf war aus Holz, und aus dem Bauche 
wuchs ein mächtiger Baum, der uralt aussah. Um den Hals hatte das 
Tier eine Kette. Ich zog an derselben, fürchtete aber nachher, daß ich 
ihn vielleicht erwürgt habe, trotzdem er längst tot war." 

Und dazu die durch Analyse gewonnene Deutung: „Der Bär ist 
ein Brummbär, der ihm einst manchen Bären über die Entstehung der 
Kinder aufgebunden — sein Vater. Er schmäht ihn deshalb. Er war 
töricht, er hatte einen „hölzernen" Kopf. Der mächtige Baum ist der 
Phallos. Die Kette ist die Ehe. Er war auch ein Pantoffel mann, ein ge» 
zahmter Bär. Mutter hielt ihn an der Kette. Diese Kette (das Band der 
thc) wollte Omikron zerreißen, (Inzestgedanken.) Als der Vater starb, 
hielt Omikron die Hand vor dessen Mund, um sich zu überzeugen, ob 



I 11 

i 



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. 



4 



48 II. ANALYTISCHER TEIL 

er noch atme. Dann verfolgten ihn Zwangsvorstellungen, er habe den 
Vater getötet. Im Traume tauchen dieselben Vorwürfe auf. Wir er« 
kennen, wie mächtig seine Mordimpulse waren. Seine Vorwürfe sind 
berechtigt. Denn er hatte unzählige Todeswünsche, die sein teuerstes 
Haupt umkreisten." 

Ein noch nicht sechsjähriges Kind, Mädchen, erzählt seiner Mutter 

diesen Traum: 

„Wir sind zusammen gegangen, da haben wir auf einem Felsen ein 
Kamel gesehen, und du bist auf den Felsen gekraxelt. Das Kamel wollte 
dich immer anschnuppern, du hast es aber nicht lassen, und hast ge- 
sagt: ,lch möchte es tun, wenn du aber so bist, mach' ich 's nicht.'" 

Nach der Traumerzählung fragt die Mutter das Mädchen, ob es 
sich vorstellen kann, was das Kamel im Traum bedeutet, worauf es ihr 
sofort antwortet: 

„Den Papa, er muß auch so schleppen und sich plagen wie ein 
Kamel. Wei^t du, Mama, wie es dich anschnuppern wallte, war's, als 
wenn er auf kamelisch sagte: .Bitte, spiel' mit mir. Ich will dich hei^ 
raten, ich laß dich nicht scheiden.' — Der Felsen, wo du hinauf bist, 
\ war steil, der Weg war schön rein, aber das Geländer war sehr schmutzig 

und ein tiefer Abgrund und über das Geländer ist ein Mann in den Ab= 
grund gerutscht. Ob es der Papa oder der Onkel war, weiß ich nicht." 

Stekel bemerkt hierzu: „Das neurotische Kind versteht den ganzen 

Konflikt der Eltern. Die Mutter verweigert dem Vater den Beischlaf. 

Hier will sie mit dem Kamel nicht ,spielen'. Das Kamel will sie ,hci= 

raten'. Ebenso rätselhaft ist es, woher das Kind weiß, daß die Mama 

sich eine Zeitlang mit Scheidungsgedanken getragen hat , , . Die Kinder 

beobachten offenbar viel schärfer und genauer, als wir es bisher geahnt 

haben. Der Schluß des Traumes ist eine ziemlich durchsichtige Sym=- 

I bolik eines Congressus. Aber die Traumgedanken gehen noch tiefer. 

Ein Mann versinkt ja in einem Abgrund. Der Vater macht kleine Berg» 

Partien. Sollte das Kind den Wunsch haben, der Vater möge abstürzen? 

Der Vater behandelt das Kind schlecht und schlägt es mitunter in un« 

gerechter Weise. Jedenfalls ist in Betracht zu ziehen, daß der kleine 

Fratz der Mutter sagte: ,Du, Mama — nicht wahr, wenn der Papa 

; stirbt, wirst du den Doktor Stekel heiraten.' Ein anderes Mal plauschte 

sie: ,Weißt du, Mama — der Doktor N. gefällt mir viel besser als der 

Papa. Der würde viel besser zu dir passen.' — Auch die Gegensätze 

Ivon rein und schmutzig, die später im Seelenleben der Neurotiker eine 
solche wichtige Rolle spielen, sind hier schon angedeutet." 
y Nicht nur das Kamel, sondern auch das Geländer und der Ab= 

[ grund sind zum Vergleich mit der Parabola interessant, in deren 

1 j. und 8. Absatz die gefährliche Mauer mit dem Geländer vor= 

kommt. Leute stürzen dort hinunter. Es handelt sich offenbar um 

eine {auch dem Kind) naheliegende, primitive Symbolik. Doch ich ■ 

, , will nicht vorgreifen. 1 

j Dem Bärentraum ist kaum etwas hinzuzufügen. Er ist voll- f 



"t-is^^^-^mi^^a^^K^^^^^^^mmmiaji-^^ 



1. ABSCHNITT /PSYCHANALYT. DEUTUNG DER PARABOLA 49 

kommen acutlich. Nur das eine sei bemerkt: daß die nachträgliche 
Besorgnis um den Toten auch in der Parabel anzutreffen ist, aber 
w l be.m Wanderer sondern {im 7. Absatz) bei den Alten, die die 
wiederbeicDung des Löwen verlangen. 

Den Löwen beschreibt der Wanderer {Absatz 6) als „alt, grimmig 
und groß {der Brummbär des Traumes). Der Blick seiner Augen 
ist der dem Kinde imponierende vorwurfsvolle Blick des Vaters 

Der Wanderer besiegt den Löwen und „anatomierct" ihn dann. 
Rotes Blut, weiße Knochen kommen zum Vorschein. Männliches 
und Weibliches. Das Herauslangen der zwei Bestandteile ist jeden= 
falls in dem Sinn überdeterminiert, als es einerseits die Trennung 
des ursprünglich wie ein Leib verbundenen Paares Vater— Mutter 
anderseits die Befreiung der Sexualität im Sinne des Wanderers 
(Gewinn der Drachenjungfrau oder Mutter) bedeutet. 

Man darf die Figuren des Löwen und der Alten nicht einseitig 
als „Vater" auflösen wollen. Solche hochwertige Figuren pflegen 
Verdichtungen, Mischpersonen zu sein. Die Alten sind nicht bloß 
der Vater, sondern auch die Alten, die Alteren = Eltern überhaupt, 
insofern sie die gestrengen, unnahbaren sind. Als unnahbar würde 
sich ja wahrscheinlich auch die Mutter erweisen, wenn der er- 
wachsene^) Sohn sie als Weib begehrte. Der Wanderer hat beim 
Löwen mit seiner Zärtlichkeit kein Glück. Er fängt ja damit an 
daß er ihm schmeichelt (vgl. Absatz 6), aber der Löwe sieht ihn 
„mit semen hellglantzenden Augen" furchtbar an. Er gibt sich 
nicht gutwillig; der Wanderer muß mit ihm ringen. Ein Vergewal» 
tigen der Mutter kommt in Mythen öfters vor. Wir werden später 
ein Beispiel kennen lernen. Charakteristisch ist, daß der Wanderer 
vor seiner eigenen Kühnheit erschrickt 

Mythologisch gehören Drachenkampf, Zerstückelung, Inzest 
Trennung der Ureltern und noch mehrere andere Motive innig zu, 
sammen; .ch verweise auf die von Stucken aus imposanter Fülle 
von Material gewonnenen Motivgieichungcn'). Das Motiv der Zer- 
stückelung JSt für meine späteren Ausführungen von großer Be= 
deutung; ich muß deshalb etwas länger dabei verweilen 

Die Teile, die das Resultat der Zerstückelung sind, haben 
bexualwert (Zeugungswert). Das wissen wir bereits aus der Analyse 
der Parabel , ohne daß wir mythologische Parallelen nötig gehabt 

der Mutter ^%Tit ^°^a u* ^'^'^'" °** ^^""^ ""^'^l^^^ Erlebnisse mit 
Senen n kht 1„ 1 ? "'^'" ''% "'" ''' ^'' Zärtlichkeiten, aucii ihre 

«.»rts! ^^^ ''*" ^'"'" -^"""^ ^»^°" ^'* A ""t«^^ die Anmerkungen rück- 

Silbertr, Probleme der Myjtik x 



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i 



50 H. ANALYTISCHER TEIL 

hätten. Jetzt sei zuvörderst darauf verwiesen, daß viele Kosmo« 
gonien die Welt oder wenigstens die Erde oder ihre Lebewesen 
aus den zerfallenden Körperteilen eines großen Tieres oder Riesen 
entstehen lassen. In der jüngeren Edda heißt es von des Riesen 
Ymir Zerstückelung: 

„Aus Ymirs Fleisch ward die Erde geschaffen, 

Aus dem Schweiße die See, 

Aus dem Gebein die Berge, die Bäume aus dem Haar, 

Aus der Hirnschale der Himmel. 

Aus den Augenbrauen schufen gütige Äsen 

Mitgard den Menschensöhnen; 

Aber aus seinem Hirn sind alle hartgemuten 

Wolken erschaffen worden." 

Der iranische Mythos kennt einen Urstier Abudad. „Aus seiner 
Linken geht Goschorun, seine Seele, und steigt zum Sternenhimmel 
auf; aus der rechten Seite tritt hervor Kajomorts (Gäyomard), der 
erste Mensch, Von seinem Saamen nimmt die Erde ein Dritteil, 
zwei Dritteile aber der Mond auf. Aus seinen Hörnern wachsen 
die Früchte, aus seiner Nase die Laucharten, aus seinem Blute 
Trauben, aus seinem Schweife fünfundzwanzig Getreidearten. Aus 
dem gereinigten Saamen wurden zwei neue Stiere gebildet, von 
denen alle Tiere abstammen." So wie im iranischen Mythos das 
menschlich gedachte Urwescn Gäyomard und der Urstier zu= 
sammengehören, so findet man im nordischen neben Ymir die Kuh 
Audhumla. Ymir ist androgyn aufzufassen, die Urkuh ist nur eine 
Verdoppelung seines Wesens (SAM, S. 97). Der iranische Ur= 
stier kommt auch als Kuh vor. Man denke an Weiß und Rot, 
Weiblich und Männlich, im Leib des Löwen. 

Im indischen Asvamedha entsprechen die Teile des geopferten 
Rosses den Bestandteilen der sichtbaren Schöpfung. (Vgl. Brhada« 
ranyaka=Upanisad I, 1.) Eine primitive vcdische Kosmogonie läßt 
die Welt aus den Körperteilen eines Riesen entstehen. (Rg=veda, 
purusa=sükta.) 

So wie aus dem getöteten Urwesen, dem geopferten Mithras« 
stier Leben, Vegetation emporsprießt, so wächst in dem Traum 
Omikrons ein Baum aus dem Bauch des getöteten Bären. Mythisch 
kommen häufig Bäume auf Gräbern vor, die irgendwie das zeugende 
oder Lebens=Prinzip des Toten verkörpern. Interessant ist, daß die 
Welt, oder eigentlich eine verbesserte Neuauflage der Welt, so 
häufig aus dem Leib eines sterbenden Wesens hervorgeht. 
Jemand tötet dieses Wesen und verursacht so eine verbesserte 
Schöpfung. (Nach Stucken sind, nebenbei bemerkt, alle Mythen 
schließlich Schöpfungsmythen.) Dieses Verbessern ist nun psycho« 



1 



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'Ȋoft 



1. ABSCHNITT /PSYCH AN ALYT. DEUTUNG DER PARABOLA 51 

logisch mit dem oben erwähnten ßesserwissen des Sohnes (alU 
gemeiner ausgedrückt: der jeweiligen neuen Generation gegenüber 
der der älteren) identisch. Der Sohn beseitigt den Vater (die Jungen 
überwältigten die Altern=Eltern) und schafft gleichsam aus den 
Trümmern eine verbesserte Welt. Also neben dem ßesserwissen 
ein Bessermachen. Die Urwesen gehen zugrunde, nicht aber die 
schöpferische Kraft {Phallos, Baum, das Rote und das Weiße); sie 
geht auf die Nachkommen (Sohn) über, und diese gebrauchen sie 
in ihrer Weise. 

Es finden nicht immer vielfältige, sondern auch dichotomische 

Zerteilungen im Schöpfungsmythos statt. So spaltet in der baby« 

Ionischen Kosmogonie Marduk das Ungeheuer Tiamat in zwei 

Teile, welche nunmehr die obere und die untere Himmelshälfte 

darstellen. Winckler schließt, daß Tiamat Mann=Weib sei (Ur= 

clternpaar). Dies führt zu jenem Typus der Schöpfungssage, wo 

der Hervorbringer der (verbesserten) Welt das Urelternpaar, seine 

Eltern, trennt. Der chinesische Schöpfungsmythos erzählt vom ur= 

anfänglichen Chaos als von einem sprudelnden Gewässer, in dem 

die beiden Potenzen Yang (Himmel) und Yin (Erde), die beiden 

Ureltern, vermischt, vereinigt sind. Pwan=ku, ein Sproß dieser 

Urkräfte (Sohn der Eltern) zertrennte sie, und so wurden sie offen= 

bar. Im ägyptischen Mythos lesen wir (bei Maspero, Hist. des 

Peuples de I'Or., SAM S. 203): „La terrc et le ciel 4taient au debut 

un couple d'amants perdus dans le Nou et qui se tenaicnt ^troite» 

ment embrassfe, le dieu sous la d^csse. Le jour de la creation, un 

dieu nouveau [Sohntypus], Shou, sortit des eaux ^ternelles, se glissa 

entre les deux, et, saisissant Nouit [die Göttin] h plaines mains, la 

haussa par=dessus sa tete ä toute la volee de ses bras. Tandis que le 

buste 6toil^ de la decsse s'ailongeait dans l'espace, la tete ä l'ouest 

les reins ä Test, et devenait le ciel, ses picds et ses mains [als vier 

HimmelspfeilerJ retombaient dcfä et dclä sur notre sol." Der junge 

Gott oder der Sohn drängt sich zwischen die Eltern, trennt ihren 

Bund, so wie der Träumer Omikron die Kette des Bären (das ehe= 

liehe Band der Eltern) zerreißen möchte. Der Fall ist in der analy=. 

tischen Psychologie em ebenso allgemeiner Typus wie in der my. 

thischen Kosmolog>e. Das Kind ist wirklich ein Eindringling- 

wenn es auch mittelbar das Eheband fester knüpfen mag: elementar 

angesehen, tritt es als Konkurrent des Vaters auf; dieser ist fortan 

nicht mehr der einzig Geliebte seiner Frau; er muß die Liebe mit 

dem neuen Ankömmling teilen, dem sogar eher die größere Zärt= 

lichkcit zugewendet wird. Vom Standpunkt des heranwachsenden 

Sohnes aus gesehen, stellt sich das Eindringen als das Oedipusmotiv 

(mit dem Inzestwunsch) dar. 



f 



52 II. ANALYTISCHER TEIL 



1) Urbild des Titanenmotivs im engeren Sinn. 



■■■"1 






Die ausgesprochenste und dabei eine häufig vorkommende Form 
der mythologischen „Trennung der Ureltern" ist die Kastration 
des Vaters durch den Sohn. Das Motiv ist nach allem Gesagten 
psychologisch ebenso verständlich wie die im Mythos gleichfalls oft 
vertretene Kastration des Sohnes durch den Vater. Letzteres ist 
psychologisch geradezu das notwendige Korrelat der ersten Form. 
Die Nebenbuhler Vater und Sohn bedrohen einer des anderen 
Sexualleben. Daß es sich bei dem Kastrationsmotiv um Vater und 
Sohn {Schwiegersohn, wenn für die Mutter die Tochter gesetzt 
wird) handelt, wird vom Mythos entweder expressis verbis oder 
durch entsprechende Ersatztypen ausgedrückt. J 

Ein klarer Fall ist die Entmannung des Uranos durch seinen 
Sohn Kronos, der damit die weitere Kohabitation der Ureltern ver= 
hindert^). Wichtig für uns ist, daß die Kastration mythisch u. a. 
ausgedrückt wird durch Ausreißen eines Gliedes oder durch Zer« 
Stückelung. {SAM, S. 456, 443, 479, ö^Sf. Rank lnz.sMot„ 
S. ?iiff.) 

Auch die Adamsmythe enthält das Motiv der getrennten Ureltern. 
In dem Buch Genesis erblicken wir den Mythos natürlich nicht in 
seiner reinen Form. Er muß erst redressiert werden. Stucken besorgt 
dies, indem er Adam und Hawwa als das Weltclternpaar, Jahwe Elohim 
als den trennenden Sohngott auffaßt. Schon gelegentlich einer Vera 
glcichung Adams mit Noah fordert er durch Analogieschlüsse eine Ents 
mannung Adams. Gelegentlich des „Motivs des schlafenden Urvaters" 
bemerkt er später (SAM, S. 224), daß die Entmannung (oder schamlose 
Handlung, Ham mit Noah) ausgeführt wird, während der Urvater im 
Schlafe liegt. So entmannt Kronos den Uranos des Nachts, während 
dieser mit Gaia schläft. Stucken entdeckt nun, daß das Schlafmotiv 
auch im 2. Kapitel der Genesis enthalten ist. „Da ließ Jahwe Elohim 
den Menschen in einen tiefen Schlaf fallen, und nachdem er eingeschlafen 
war, nahm er eine von seinen Rippen und füllte ihre Stelle mit Fleisch 
aus." Nach Stucken steht nun die Rippe euphemistisch für das Zeu= 
gungsglied, und dieses wird dem Adam, während er schläft, von seinem 
Sohne abgeschnitten. Eine andere Art der Rcdressierung nimmt Rank 
(Völkerpsych. Parallelen) vor. Für ihn ist das Entspringen der Hawwa 
aus Adam (Rippe) eine Umkehrung. Er verweist auf die immer wieder^ 
kehrende „Weltelternmythe" der Naturvölker, in der der Sohn mit der 
Mutter das neue Geschlecht erzeugt. Er zitiert nach Frobcnius eine 
Erzählung aus Joruba (Afrika), wo Sohn und Tochter des Welteltern= 
paares einander heiraten und einen Sohn bekommen, der sich in seine 
Mutter verliebt. „Da sie sich weigert, seiner Leidenschaft zu willfahren, 
verfolgt und vergewaltigt er sie. Sic springt gleich darauf wieder auf 
die Füße und rennt jammernd von danncn. Der Sohn verfolgt sie, um 
sie zu beschwichtigen, und als er sie endlich fast erreicht hat, stürzt sie 



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j . ABSCHN ITT / PSYCH AN ALYT. DEUTUNG DER PAR ABOLA 53 

rittlings zu Boden, ihr Körper beginnt zu schwellen, zwei Wasserströme 
quellen aus ihren Brüsten und der Körper zerbirst. Ihrem zerklüfteten 
Leib^) entspringen fünfzehn Götter . . /' Rank nimmt nun an, daß die 
Symbolik des biblischen Weltelternberichtes der Inzestverhüllung (und 
natürlich gleichzeitig der symbolischen Durchsetzung des Inzcsts) dient. 
Er führt aus: „Man braucht nämlich nur die infantile Geburtstheorie^), 
die sich infolge Vernachlässigung des weiblichen Sexualapparates auf 
beide Geschlechter erstreckt, auf die nächsthöhere Erkenntnisstufe des 
kindlichen Wissens zu heben, die dem Weib allein die Fähigkeit zuschreibt, 
durch Öffnung ihres Leibes Kinder in die Weit zu setzen. Es stellt sich 
dann in Umkehrung der biblischen Erzählung der naturgetreuere Vor= 
gang her, wonach Adam aus dem geöffneten Leib der Eva herauskommt. 
Dürfen wir dies nach Analogie anderer tlberlieferungen für das Ur= 
sprüngliche nehmen, so ist klar, daß Adam dann mit seiner Mutter ge= 
schlechtlich verkehrt, und daß die Verhüllung dieses anstößigen Inzests 
zur Entstellung der Sage und zur symbolischen Einkleidung ihres ln= 
Halts Anlaß gab." Die Geburt aus der Seite des Leibes, aus dem Nabel, 
, aus dem After usw. sind bei den Kindern gewöhnlich vorkommende 
Geburtstheorien. In den Parallel mythen zur biblischen Apfelszene 
reicht fast immer der Mann der Frau den Apfel; der biblische Bericht 
dürfte eine Umkehrung sein. Der Apfel ist ein Liebesapfel und Bc= 
fruchtungssymbol. Die Befruchtung durch Speise ist wieder eine in= 
fantile Zeugungstheorie. Für Rank ist es also Adam, der die Trennung 
der Ureltern (Jahwe und Hawwa) und den Mutterinzest begeht. Die 
zwei vorstehenden Auffassungen des Adamsmythos dürfen nicht eine 
gegen die andere ausgespielt werden. Daß sie nebeneinander bestehen 
können, ist um so begreiflicher, als die Genesis selbst aus heterogenen 
Stücken zusammengeschweißt ist und verschiedene Bearbeitungen der 
Weltelternmotivc bringt. Verschiebungen, Umkehrungen und daher 
scheinbare Widersprüche müssen ganz naturgemäß in einem solchen 
Material liegen. Es kommt übrigens bei den Deutungen gar nicht 
so sehr auf die Träger der aufgefundenen Motive, als auf diese 
selbst an^). 

Kehren wir nun zum Motiv der Zerstückelung zurück. Eines 
der bekanntesten Beispiele für die Zerstückelung im Mythos ist 
diejenige des Osiris. Schon im Mutterschoße entbrannten, wie der 
Mythos erzählt, die beiden Geschwister Isis und Osiris in Liebe 
zueinander und begatteten sich, so daß von der Ungeborenen 
Arueris geboren wurde. So kamen die beiden Götter schon als Gc» 

^) Motiv der Zerreißung des Mutterleibs. Der zerstückelte Löwe ent« 
halt natürlich auch dieses Motiv. Aus dem zerrißncn Leib kommen mann« 
liehe und weibliche (rote und weiße) Kinder. 

*) Geburt aus dem Anus, dem Nabel usw. Das Entnehmen der Rippe 
= Geburtsvor^ang. 

*) über die Bedeutung der mythologischen Motive vgl. Lessmann 
(Aufs. u. Ziele, S. 12). 



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54 ' ■' II. ANALYTISCHER TEIL T JTIl^M "'* - 

schwistergatten zur Welt. Osiris durchzog die Erde, den Menschen 
Wohltaten spendend. Allein er hatte einen bösen Bruder, voll Neid 
und Scheelsucht gegen ihn erfüllt, Typhon (Set), der gerne die Abs 
Wesenheit seines Bruders benutzt hätte, um sich an seiner Stelle 
auf den Thron zu setzen. Isis, die während der Abwesenheit des 
Osiris regierte, wußte sich so kräftig und standhaft zu benehmen, 
daß alle seine bösen Anschläge vereitelt wurden. Endlich kehrt 
Osiris zurück, und Typhon, der mit einer Anzahl Genossen (die 
Zahl schwankt) und mit der äthiopischen Königin Aso einen Bund 
gemacht gegen das Leben des Osiris, veranstaltet in geheuchelter 
Freundschaft ein Fest. Er hat aber einen prächtigen Kasten machen 
lassen, und als sie fröhUch beim Gastmahle sitzen, läßt Typhon 
denselben hereintragen und verspricht ihn dem zu schenken, 
welcher ihn mit seinem Körper ausfüllen werde. Heimlich hatte er 
nämlich das Maß vom Leibe des Osiris genommen und darnach 
den Kasten verfertigen lassen. Alle versuchen es der Reihe nach. 
Keiner paßt. Endlich legt sich Osiris hinein. Da springt Typhon 
mit seinen Genossen herbei, sie schließen den Kasten zu und werfen 
ihn dann in den Fluß, der ihn dem Meere zuträgt (Creuzer, I., 
S. 259f.). Für die Tötung des Osiris durch seinen Bruder Set, 
die nach der ursprünglichen Version aus Herrschsucht geschieht, 
machen spätere Überlieferungen einen unbewußten Inzest verant= 
wortlich, den Osiris mit seiner zweiten Schwester Nephthys, der 
Gattin Sets, begangen hätte, welcher Verbindung Anubis (der 
hundsköpfige Gott) entsprossen sei. Set und Nephthys sind nach 
H.Schneider wahrscheinlich kein ursprüngliches Geschwister« 
gattenpaar wie Isis=Osiris, sondern dürften später auf dem Weg 
der Dublettierung eingeführt worden sein, um den Kampf zwischen 
Osiris und seinem Bruder zu motivieren. Mit Hilfe des Anubis 
findet Isis den Sarg wieder auf, bringt ihn nach Ägypten zurück, 
eröffnet ihn im stillen und läßt ihrer Zärtlichkeit und Trauer freien 
Lauf. Hierauf verbirgt sie den Kasten mit dem Leichnam im 
Dickicht des Waldes, an einem einsamen Orte. Eine Jagd, die der 
wilde Jäger Typhon anstellt, entdeckt den Sarg. Typhon zer= 
stückelt den Leichnam in vierzehn Teile. Isis bemerkt bald den 
Verlust, sie sucht auf einem Papyruskahne den zerstückelten Leich= 
nam des Osiris und fährt durch alle sieben Mündungen des Nil, 
bis sie endlich dreizehn Stücke zusammengefunden; nur das vier= 
zehnte, der Phallos, fehlt, er war ins Meer getragen und von einem 
Fisch verschlungen worden. Sie fügt den Leichnam zusammen und 
ersetzt das fehlende männliche Glied durch ein nachgebildetes aus 
dem Holze des Sykomorus und stiftet zum Andenken den Phallos 
(als Heiligtum). Mit Hilfe ihres Sohnes Horus, der nach späteren 



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1. ABSCHNITT/PSYCHANALYT. DEUTUNG DER PARABOLA 55 

Überlieferungen erst nach Osiris' Tode von diesem erzeugt wurde, 
rächt Isis die Ermordung ihres Gatten und Bruders. Zwischen 
Horus und Set, die ursprünglich selbst Brüder waren, entspinnt 
sich ein erbitterter Kampf, wobei die Gegner einander gewisse 
Teile des Körpers als kraftspendende Amulette entreiBcn: Set 
schlägt dem Gegner ein Auge aus und verschlingt es, verliert aber 
dabei seine eigenen Genitalien (Hoden), die der ursprünglichen 
Fassung nach wohl von Horus verschlungen worden sind. Schließ» 
lieh unterliegt Set und wird gezwungen, das Horusauge wieder von 
sich zu geben, mit dessen Hilfe Horus den Osiris wieder belebt, so 
daß er als Herrscher ins Totenreich eingehen kann. 

In der Zerstückelung mit schiießlichem Fehlen des Phallos ist 
die Kastration deutlich zu erkennen. Das Ausreißen des Auges ist 
gleichfalls als Entmannung aufzufassen. Man findet dieses Motiv 
als ( Sei bst=) Bestrafung für den Inzest am Schlüsse des Oedipus= 
Dramas, über die Zerstückelung des Osiris als Kastration schreibt 
Rank (Inz.=Mot., S. 711): »^eigt uns . . . die charakteristische 
Phallusstiftung der Isis, daß ihre Trauer vorwiegend dem Verlust 
des Phallus gilt — was auch darin zum Ausdruck kommt, daß sie 
nach einer späteren Version doch noch von dem entmannten Gatten 
auf geheimnisvolle Weise befruchtet wird — , so zeigt uns ander= 
scits das Verhalten des grausamen Bruders, daß es auch ihm bei der 
Zerstückelung wesentlich auf den Phallus ankam, da ja nur dieser 
unauffindbar ist, also offenbar unter ganz besonderen Vorsichts= 
maßregeln beseitigt wurde. Ja, beide Motivierungen scheinen 
geradezu vereinigt in einer von J er e m 1 a s (Babylonisches im 
N. T., S. 72t) angeführten Version, wonach Anubis, der Sohn 
aus der ehebrecherischen Verbindung des Osiris mit seiner 
Schwester Ncphthys, den Phallos des von Typhon mit zweiund= 
siebzig Gehilfen zerstückelten Osiris gefunden habe, den Isis in 
der Lade (Kiste) verborgen hatte. So konnte der Phallos allein, aus 
dem das neue Weltzcitalter entsteht, dem Typhon entgehen. Zeigt 
diese Version deutlich, daß Isis ursprünglich den wirklichen, unvera 
weslich gemachten Phallos des Gatten und Bruders im Kästchen 
bewahrte und nicht bloj^ einen hölzernen, so wird anderseits die 
Wahrscheinhchkeit, daß es sich ursprünglich lediglich um die Ent= 
mannung gehandelt habe, erhöht durch die verschTedenen Ab= 
schwächungs= und Motivierungsversuche, die uns im Motiv der 
Zerstückelung entgegentreten." 

In der Gestaltung der Osirissage tritt uns die Zerstückelung 
aber nicht bloß als Entmannung entgegen. Vielmehr erkennen wir 
auch die Trennung der Ureltcrn, das Hinsterben des Urwesens, mit 
der Befreiung der Urzeugungskraft zu frischer Weltschöpfung. Es 



Ji 



56 II. ANALYTISCHER TEIL 

ist ein recht interessanter Zug, daß in einer der Versionen aus dem 
Leichnam des Osiris ein gewaltiger Baum wächst. Ferner lernen 
wir zum erstenmal das wichtige Motiv der Wiederzusammensetzung 
des Zerstückelten, Belebung des Getöteten kennen. 

In dem finnischen Epos Kalevala stürzt z. B. Naßhut den Lern« 
minkäinen in die Fluten des Totenflusses. Lemminkäinen wird 
zerstückelt, dann fischt seine Mutter die Stücke, von denen übrigens 
einige fehlen, wieder heraus, setzt sie zusammen und belebt sie in 
ihrem Schöße. Nach Stuckens Erörterungen erkennt man in 
Naßhut eine Vaterfigur, in Lemminkäinen eine Sohnfigur. In der 
Überlieferung wird zwar kein Verwandtschaftsverhältnis zwischen 
den beiden erwähnt. Das ist aber eine „Differenzierung und Ab- 
blassung von Zügen, die jedem Mythologen geläufig ist" (S AM, S. 107). 

In der Edda wird berichtet: „...Daß ThSr ausfuhr mit seinem 
Wagen und seinen Böcken und mit ihm der Ase, der Loki heißt. Da 
kamen sie am Abend zu einem Bauern und fanden da Herberge Zur 
Nacht nahm Thor seine Böcke und schlachtete sie; darauf wurden sie 
abgezogen und in den Kessel getragen. Und als sie gesotten waren, 
setzte sich Thor mit seinem Gefährten zum Nachtmahl. Thor bat auch 
den Bauern, seine Frau und beide Kinder, mit ihm zu speisen. Des 
Bauern Sohn hieß Thialfi und die Tochter Röskwa. Da legte Thor 
die Bocksfcllc neben den Herd und sagte, der Bauer und seine Haua- 
leute mochten die Knochen auf die Felle werfen. Thialfi, des Bauern 
^ohn, hatte das Schenkelbein des einen Bocks, das schlug er mit seinem 
iVIesser entzwei, um zum Mark zu kommen. ThSr blieb die Nacht da, 
und am Morgen stand er auf vor Tag, kleidete sich, nahm den Hammer 
Miolnir und erhob ihn, die Bocksfelle zu weihen. Da standen die Böcke 
aut; aber dem einen lahmte das Hinterbein. Thor befand es und sagte, 
der Bauer oder seine Hausgenossen müßten unvorsichtig mit den 
Knochen des Bocks umgegangen sein, denn er sehe, das eine Schenkel« 
bem wäre zerbrochen." Zu bemerken ist hier besonders, daß der Hammer 
ein phallisches Symbol ist. 

Im Märchen kommen Zerstückelungen und Wiederbelebungen auch 
K äl/i \ ^°'^" ^° ^'^'^ ^' ^" '"" Härchen vom Machandclboom (Grimm, 
j j V*^' ein durch Köpfen getöteter Junge zerstückelt, gekocht 
u j *^'^ ^"'" ^^^^" vorgesetzt. Diesem schmeckt das Mahl aus=« 
nehmend gut. Auf seine Frage nach dem Sohn wird ihm geantwortet, 
der sei auf längere Zeit zu Verwandten gegangen. Der Vater wirft alle 
Knochwi unter den Tisch; sie werden vom Schwesterchen gesammelt, 
in ein Tüchlein gebunden und unter den Machandelboom (Wacholder) 
gelegt. Als Vöglein schwingt sich die Seele des Knaben in die Luft 
und wird dann später wieder in einen lebenden Jungen verwandelt. Die 
Brüder Grimm führen als Parallelen an: „Das Sammeln der Knochen 
kommt in den Mythen von Osiris und Orpheus, auch in der Legende 
von Adalbert vor: das Wiederbeleben in vielen anderen, z. B. im Mär- 
chen vom Bruder Lustig (KHM, Nr. 81), vom Fitchers Vogel (Nr. 46) 



^ 



I. ABSCHNITT / PSYCHANALYT. DEUTUNG DER PARABOLA 57 

in dem altdanischen Lied von der Maribö^Quelle, in der deutschen 

Sage vom ertrunkenen Kind usw " Dbrigens hat W. Mannhardt 

(Germ. Mythen, S. 57 — 7?) zahlreiche Sagen und Märchen dieser 
Art zusammengestellt. Man findet die Wiederbelebungen zerstückelter 
Rinder, Fische, Böcke, Widder, Vögel, Menschen. 

Das grausige Mahl im Märchen vom Machandelboom erinnert 
selbstverständlich an die Tantalussagc und das Thyestes=Mahl. Von 
dem zerstückelten Pelops, der von seinem Vater Tantalus den Göttern 
vorgesetzt wird, genießt Demeter (oder Thetis) eine Schulter des Kindes, 
die bei der Wiederbelebung durch eine Elfenbeinschulter ersetzt wird. 
Eine künstliche Schulter (aus Holz) bekommen auch Gemsen, die in 
einer Sage des nordöstlichen Kaukasus ähnlich zerstückelt und wieder- 
belebt werden, wie die Böcke Thors. 

Zur Wiederbelebung des Zerstückelten werden die Bestandteile 
regelmäßig in ein Gefäß oder eine Hülle (Kessel, Kiste, Tuch, Fell) 
eingeschlossen. Im Falle des Kessels, der dem Bauch oder Uterus 
entspricht, werden sie meistens gekocht. So im Märchen vom 
Machandelboom, bei den Verjüngungskünsten der Medeia, die sie 
— abgesehen von jener Version, die von Zaubertränken berichtet, — 
an Jason und Aison übt und auch an Böcken bewährt (so wie Thor 
an seinen Böcken). Aus Rank (S. 5 13 ff.) muß ich noch einige 
hiehergehörige Bemerkungen anführen. Das innig zur Zerstücke» 
lung gehörige Motiv der Wiederbelebung scheint nicht nur sekun- 
där die ursprüngliche Tötung kompensieren zu sollen, sondern 
auch die einfache Belebung selbst, d. h. die Geburt darzustellen. 
Rank glaubt, daß die Wiederbelebung sich ursprünglich auf eine 
zerstückelte Schlange (später andere Tiere, besonders Vögel) be- 
zieht, in der man leicht den symbolischen Ersatz des abgeschnittenen, 
j. e. zeugungsunfähigen Phallos der Osiris-Sage wiedererkennt, der 
durch das „Lebenswasser" wieder belebt werden kann. „Die Vor- 
stellung, daß der Mensch selbst bei der Zeugung oder Geburt aus 
einzelnen Stücken zusammengesetzt wird, hat nicht nur in typischen 
allgemcin=menschlichen Scxualtheorien der Kinder Ausdruck ge- 
funden, sondern auch in zahlreichen Schwänken (z. B Balzacs 
„Contes drolatiques") und mythischen Überlieferungen.* Von be- 
sonderem Interesse wird uns die von Mannhardt (Germ Myth 
S. -jo?) mitgeteilte altertümliche Ausdrucksweise, die von einer 
Schwangeren sagt: se hct 'n buk vull knaken (sie hat den Bauch voll 
Knochen), was auffällig an den in allen Überlieferungen betonten 
Zug gemahnt, daß die Knochen des Zerstückelten auf einen Haufen 
oder in einen Kessel (Bauch) geworfen oder in ein Tuch^) ein- 

^) Auch der getötete Jesus, der wieder lebendig werden soll, wird in 
ein Tuch gewickelt. Er gehorcht in mehreren Punkten den Anforderungen 
des richtigen Verjüngungsmythos. Der Zug fehlt nicht, daß die ins Tuch 



58 - 11- ANALYTISCHER TEIL 

gebunden werden." Den Umstand, daß dem vx/ieder zusammen« 
gesetzten Zerstückelten zumeist ein Glied fehlt, deutet Ranlt aus» 
nahmslos auf Kastration. 

Das über die Zerstückelung Gesagte können wir nun mit Bc= 
zug auf den Löwen der Parabola in die Schlagworte fassen : Tren= 
nung der Eltern — Beseitigung des Vaters — Kastration des Vaters 
— Seine Stelle Einnehmen — Freiwerden der Zeugungskraft — 
Bessermachen. In bezug auf den Inzestwunsch ist wohl „Kastra= 
tion" die treffendste Übersetzung für das „Anatomieren" des 
Löwen. Der Drachenkämpfer pflegt ein Weib zu erlösen. Die 
Vorstellung, daß die Mutter erlösungsbedürftig sei und daß es ein 
gutes Werk sei, sie von dem Unterdrücker, Vater, zu erlösen, ist 
nach der Ansicht der Psychanalyse ein typischer Bestandteil der 
unbewußten Phantasien des Menschen, welche am deutlichsten in 
den eingebildeten „Familienromanen" der Neurotiker sich aus= 
prägen. Zu dem typischen Drachenkämpfermythos gehört aber 
(nach Stuckcns gewiß richtigem Schema) auch das Motiv der Vera 
Weigerung. Tatsächlich wird dem Helden unserer Parabola der in 
Aussicht gestellte Preis — die Aufnahme ins Kollegium — ver= 
weigert, denn mehrere von den Alten stellen jetzt die neue Be= 
dingung auf, der Wanderer müsse den Löwen wieder lebendig 
machen (7. Absatz). In jenen Mythen, wo der Drachenheld mit 
einer Mehrheit zu kämpfen hat, fällt die Entscheidung häufig das 
durch, daß er Uneinigkeit unter seine Gegner bringt. (lason schleu= 
dert einen Stein unter die Männer aus der Drachensaat, diese balgen 
sich um den Stein und bringen einander um.) Die Uneinigkeit fehlt 
auch unter den Alten nicht. Sie kamen, wenn auch nur mit Worten, 
„hart aneinander" {7. Absatz). 

Durch den Kampf hat der Wanderer gleichsam ein Hindernis 
weggeräumt, eine Mauer oder Hemmung niedergerissen. Dieses 
Bild findet man in Träumen häufig; gleiche Bedeutung hat ein 
überfliegen oder überspringen von Mauern. Der Wanderer wird 
wie im Flug auf die höchste Höhe der Mauer getragen. Nun bei- 
kommenden Glieder intakt sein müssen, damit die Wiederherstellung recht 
gelinge (wie in einer Vogeimythc, wo dem getöteten Vogel sorgsam die 
Knochen geschont werden müssen) ; ebenso kommt auch das UnvoUständig= 
sein (Wundenmale) nach der Wiederbelebung vor. 

Joh. WX, 55; „Als sie aber zu Jesu kamen, da sie sahen, daß er schon 
gestorben war, brachen sie ihm die Beine nicht." — 4of.: „Da nahmen 
sie den Leichnam Jesu und banden ihn in leinene Tücher mit den Speze^ 
reien ... Es war aber an der Stätte, da er gekreuziget ward, ein Garten, und 
im Garten ein Grab, in welches niemand je gelegt war." 

Von der Bedeutung von Garten und Grab wird noch gesprochen werden. 
Sic unterstützt diejenige der Tücher. 




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1. ABSCHNITT/PSYCHANALYT. DEUTUNG DER PARABOLA 59 

ginnen aber erst recht wieder die Bedenklichkeiten. Die Symbolik 
der zwei Pfade, des Rechts und Links, wurde schon besprochen. 
Der Mann, der vor dem Wanderer geht (Absatz 7 — 8), darf wohl 
füglich als die Gestalt des Vaters aufgefaßt werden. Einmal deshalb, 
weil sich der Wanderer auf der Wanderschaft zur Mutter befindet 
(das ist ja die Tendenz des Traumes), und auf diesem Weg der 
Vater natürlich sein Vorgänger ist. Der Vater ist aber auch der 
Erzieher, der sich als Beispiel bezeichnet und zum Gehen auf dem 
rechten Wege anhält. Auch zur Mutter geht der Vater auf dem 
rechten Wege, er ist der rechtmäBige Gatte. Der Sohn kann nur 
auf dem linken Weg zu ihr gelangen. Den schlägt er ein; auch des 
Bcssermachens wegen. Ein Jemand folgt dem Wanderer auf der 
andern Seite (Absatz 8); man weiß nicht, ob Weib oder Mann. 
Der Vater vor dem Wanderer ist seine Zukunft, denn an des Vaters 
Stelle will er sich ja setzen. Das Wesen hinter ihm ist wohl die 
Vergangenheit — die sorglose Kindheit, die den Geschlechtsunter= 
schied zwischen Mann und Weib noch nicht kennt; sie wandelt 
nicht auf dem beschwerlichen rechten Weg, sondern spielerisch 
selbstverständlich auf dem linken. Der Wanderer geht nun selbst , 
zur kindlichen SUrupellosigkeit über, er betritt den linken Weg. 
Die vielen Leute, die hinabfallcn, mögen Folie sein zur Illustration 
der Gefährlichkeit des Weges, um den Eindruck des Bessermachens 
zu erhöhen. Phantasie hervorragenden Könnens, besonderer Macht; 
Gegenstück zur Prüfungsangst; beim Wanderer schlägt ja alles aus 
der Phase der Befürchtung in die der Erfüllung um. Ein ehrgeiziges 
Moment ist dabei nicht zu verkennen; es soll noch besprochen 
werden. Im Sinne der von Stucken aufgestellten Mythenmotive 
ist die ganze Mauerbegebenheit als „magische Flucht" aufzufassen; 
die Hinabstürzenden sind die Verfolger. 

Im Beginn des 9. Absatzes der Parabola reißt der Wanderer 
von einem Rosenstock rote und weiße Rosen ab und steckt sie auf 
den Hut. Rot — Weiß kennen wir schon als Sexualität. Das Ab= 
reißen von Blumen u. dgl. pflegt in Träumen Onanie zu bedeuten; 
auch die vulgäre Sprache kennt dieses „Abreißen" oder „Herunter= 
reißen". Der Hut ist in der Symbolik des Traumes und des Mythos 
zumeist der Penis. Diese Tatsachen allein wären kaum crwähnens« 
wert, es kommen aber andere gleichsinnige Züge hinzu. Auf eine 
auterotischc Komponente in der psychosexuellen Konstitution des 
Wanderers deutet die (freilich nicht als solche vollkommen sicher 
agnoszierte) Impotenzbefürchtung, sowie insbesondere die zum Ehr= 
geiz führende Angst vor Spott und Schande, welche sich in den 
Absätzen 6, 10 und 14 der Parabola am meisten zeigt. Daß das 
onanistische Symbol det jetzt folgenden Gartenszene vorangestellt 



60 11- ANALYTISCHER TEIL 

wird, könnte dahin gedeutet werden, daß die Masturbations Phan- 
tasie (die psychisch eine enorme Bedeutung hat) den (nun folgenden) 
Inzest erlebt oder vorherbestimmt. 

Die Mauer um den Garten, die den großen Umweg (Absatz 9) 
erforderlich macht, ist, wie wir wissen, die Hemmung. Überwinden 
der Hemmung ^ Umgehen der Mauer = Beseitigen der Mauer. 
Tatsächlich ist nach der Absolvierung des Umweges auch keine 
Mauer mehr da. Die Mauer bedeutet aber auch die Unzugänglich« 
keit oder Jungfräulichkeit des Weibes. Die Mauer ist um einen 
Garten gezogen; der Garten ist aber (abgesehen von der gleichfalls 
dahin führenden Paradiesbedeutung) eines der ältesten und un= 
bezweifeltsten Symbole für den weiblichen Leib, 

„Jungfräulein, soll ich mit euch gehn 
In euren Rosengarten, 
Dort, wo die roten Röslein stehn. 
Die feinen und die zarten. 
Und auch ein Baum daneben. 
Der seine Läublein wiegt, 
Und auch ein kühler Brunnen, 
Der grad darunter liegt." 

Ohne viel Veränderung steht die gleiche Symbolik in sehr erhabener 
Verwendung im Melker Maricnlied des XII. Jahrhunderts. (Vgl. Jung, 
Jb.ps.F., IV, S.79Sf.): 

Sancta Maria 

Verschloßnc Pforte 

Aufgetan Gott's Worte — 

Brunnen versiegelter, 

Garten verriegelter, 

Pforte vom Paradies." 

Man gedenke auch des Gartens, der Rosen und des Brunnens 
im Hohen Liede Salomonis. 

Der Wanderer wünscht seine Mutter als unberührte Braut zu 
besitzen. Auch ein der Psychanalysc geläufiger Zug. Das häufig 
damit koexistierende Gegenteil ist die Phantasie, daß die Mutter 
eine Dirne = erreichbares, geschlechtlich interessantes Weib ist. 
Vielleicht wird sich auch dieser Gedanke in der Parabola finden 
lassen. 

Die durch die Mauer getrennten jungen Leute beiderlei Ge= 
schlechtes kommen nicht zueinander, weil sie den weiten Umweg 
zur Türe scheuen. Mit etwas Kühnheit könnte man übersetzen: 
Die auterotische Befriedigung ist bequemer^). Auf seinem Umweg 

1) C. G. lung schreibt (Jb.ps. F., IV, S.zi^f.): „Psychologisch ist . . . 
die Onanie eine Erfindung von nicht zu unterschätzender Bedeutung: Man 
Ist geschützt vor dem Schicksal, indem keine sexuelle Bedürftigkeit es dann 



\ 



1. ABSCHNITT / PSYCHANALYT. DEUTUNG DER PARABOLA 61 

trifft der Wanderer (der ja doch zur Tür des Weibes gelangen ' 

möchte) Leute, die einzeln in Kammern sind und sudelhafte Arbeit 

verrichten. Schmutz und Onanie pflegen psychisch stark assoziiert 

zu sein. Die schmutzige Arbeit gewährt „nur einen Schein, nach« 

dem eines jeden Anbildung ist", hat aber „kein Fundament in der 

Natur". Der Wanderer weiß, daß „solche Künste mit dem Rauche 

verschwinden". Er hat sie früher selbst betrieben, jetzt will er sich 

nicht mehr damit aufhalten; er strebt zum Weibe. Daß die allein i 

getane Arbeit zu nichts führt, wird damit noch unterstrichen, daß I 

die Arbeit zu zweit förderlicher ist. Es ist aber bei der „sudek \ 

haften Arbeit" auch an Sinnengenuß ohne Liebe zu denken. 

Im lo. Absatz tritt uns wieder die schon besprochene Symbolik i 

des Gartens mit der Mauer entgegen. Der Wanderer ist der ein= , 

zige, der sich bei der Jungfrau Eingang verschaffen kann. Nach i 

einer vorübergehenden Impotenzbefürchtung (Angst vor Blamage) ', 

tritt er entschlossen an die Tür und öffnet mit seinem „Diedcrich", ^ 

den er in die enge, kaum sichtbare Öffnung steckt (Defloration). ( 
Er „weiß die Gelegenheit des Ortes", ob er gleich noch nicht darin 

gewesen sein will. Ich meine, einmal, bevor er noch er war, ist er | 

darin gewesen, im Leib der Mutter. Was nun folgt, mutet wie eine ? 

Geburts Phantasie an, wie sie in den Träumen vom Geborenwerden '! 

vorkommt. Tatsächlich macht jetzt der Wanderer das Geboren- ( 

werden in umgekehrter Richtung mit. Hier gebe ich einige Träume i 

vom Geborenwerden wieder: V 

„Ich befinde mich auf einer sehr engen Treppe, die in Wandel- 
gangen heruntergeht. Eine Wendeltreppe. Ich drehe und winde mich 
mühsam durch . . . Schließlich finde ich eine kleine Türe, die mich ins 
Freier auf eine grüne Wiese führt, wo ich im weichen, üppigen Ge- 
büsche der Rulie pflege. Der warme Sonnenschein tat mir sehr wohl " 

F. S. träumt: „Ich ging mit meinem Brüder in der Früh in den 
Dienst (da wir denselben Weg haben); in der hinteren Zollamtsstraße 
vor dem Amtsgebaude sah ich den Oberpostillon stehen. Von ihm aus 
führte der Weg zur btrafee zwischen zwei Holzwänden; der Weg schien 
sehrjang^nd schien sich gegen das Ende zu verschmälern, und zwar 



1- 



vermag, einen dem Leben [und seinen Schwierigkeiten] auszuliefern. Man 
hat ja mit der Onanie den großen Zauber in Händen, man braucht nur zu . 

phantasieren und dazu zu onanieren, so besitzt man alle Lüste der Welt ( 

und ist durch nichts gezwungen, durch harte Arbeit und schweres Ringen ' ! 

mit der Wirklichkeit, sich die Weit seiner Wünsche zu erobern. Aladdln /l 

reibt seine Lampe, und die dienstbaren Geister stehen zu seiner Verfügung; ■ 

SD drückt das Märchen den großen psychologischen Gewinn der billigen ;'l 

Regression auf die lokale Scxualbefricdigung aus." Jung bezieht das mytho- i 

logische Motiv der schwer erreichbaren Kostbarkeit und dasjenige des Feuer- ^ 

rauhes auf die Onanie. Ja, er scheint sogar die Feuerbercitung irgendwie 
von der Onanie abzuleiten. Dahin möchte ich ihm nllerdlngs nicht folgen. 



•M 62 II- ANALYTISCHER TEIL * 

-■ V 

V so arg, daB ich fürchtete, gar nicht durchzukommen. Ich ging voraus, 

If. -r mein Bruder hinter mir; ich war froh, als ich aus dem Gange heraußen 

-' war und wachte mit Herzklopfen auf." Nachtrag: „Der Weg war sehr 

düster, mehr wie ein Schacht. Man sah nichts. Nur in der Ferne das Ende 

wie einen Lichtpunkt in einem Bergwerksstollen. Ich schloß die Augen." 

Zu dem Traum von F. S. bemerkt Stekcl: „Der Traum ist ein 

typischer Geburtstraum. Der Oberpostillon ist der Vater. Der Träumer 

r*' will die Erstgeburt seines um zehn Jahre älteren Bruders rückgängig 

machen: Ich ging voraus, mein Bruder hinter mir." 

Ein weiteres hübsches Beispiel bei Stekel: „Inter facccs et urinas 

nascimur", sagt der heilige Augustinus. Eine drastische an diese Kloaken= 

theoric erinnernde Darstellung seiner Geburt bringt uns Herr F. Z. S.: 

, \. „Ich ging ins Bureau und mußte eine lange, schmale, holprige Gasse 

'"- passieren. Die Gasse glich eigentlich einem langen Hofe zwischen zwei 

Durchhäusern und ich hatte die unbestimmte Empfindung, daß der 
^ Durchgang nicht erlaubt sei. Trotzdem ging ich raschen Schrittes 

\ durch. Plötzlich öffnete sich über mir ein Fenster und jemand — ich 

?.V glaube ein weibliches Wesen — schüttete den nassen Inhalt eines Ge« 

'\ fäßes auf mich aus. Mein Hut wurde dadurch ganz naß und als ich ihn 

"^ später näher ansah, bemerkte ich noch die Spuren einer schmutzige 

grauen Flüssigkeit. Ich ging trotzdem ohne stehenzubleiben weiter 
und beeilte meine Schritte. Am Ende der Gasse mußte ich durch das 
eine Haus, welches mit dem andern durch ebendiese Gasse verbunden 
war, durchgehen. Hier befand sich ein Lokal (Wirtshaus?), das ich 
passierte. In diesem Lokal waren Leute (Packträger, Hausknechte u. dgl.) 
damit beschäftigt, schwere Gegenstände, Möbel u. dgl., zu transportieren, 
wie wenn ausgeräumt oder umgestellt würde. Ich mußte mich daher ein 
wenig vorsehen und durchzwängen. Endlich kam ich doch ins Freie, 
P- auf die offene Straße und suchte nach einer Elektrischen. Da sah ich 

auf einem Wege, der schief nach abwärts führte, einen Mann, den ich 
für einen Wirt hielt, mit dem Abmessen oder Befestigen eines Zaunes 
oder Gitters beschäftigt. Genau weiß ich eigentlich nicht, was er machte. 
Er zählte oder murmelte dabei etwas und war total betrunken, so daß 
er taumelte." 

Stekel: „In diesem Traume verbindet sich die Geburt mit dem 
Affekte des Verbotenen, Unerlaubten. Der Träumer geht den Weg 
wieder — offenbar als Erwachsener. Die Erlebnisse stellen eine Vera 
dächtigung der Mutter dar. Diese Verdächtigungen waren nicht grund= 
los. Herr F. Z. S. hatte eine freudenlose Jugend. Seine Mutter war eine 
schwere Alkoholikerin. Er belauschte oft den Koitus mit fremden 
Männern. (Einpacken = koitieren.) Die Möbelpackcr, Hausknechte 
sind die fremden Herren, die sein Wirtshaus (die Mutter war auch seine 
Amme) besuchen, dort schwere Gegenstände einräumen usw. Schlicß= 
lieh wird er noch in seiner Geburt gehindert, weil gerade ein Mann mit 
dem Abmessen beschäftigt ist. Der Vater war ein Vermessungsbeamter. 
(Der Wirt.) Auch in dem Traum mißt er das Gitter aus. Auch Gitter 
und Zaun sind typische Symbole für Hindernisse bei der Begattung." 



fiiMi 



n 



I. ABSCHNITT/ PSYCH ANALYT. DEUTUNG DER PARABOLA 63 

Man vergleiche Absatz lo — ii der Parabola genau mit dem 
wesentlichen Inhalt dieser Träume, und man iwird erstaunliche 
Übereinstimmungen finden. Man beachte auch Einzelheiten, wie 
die Rosenbüsche, die Sonne, den Regen, den Zaun. Zum „wohU 
gebaweten Haus" des lo. Absatzes möchte ich nur bemerken, daß l 

schon Scherncr darauf aufmerksam gemacht hat, daß der Traum f 

gern den menschlichen Leib als Gebäude darstellt. „Wohlgebautes j 

Haus" heißt „schöner Leib". ^, 

Wenn wir uns dessen bewußt bleiben, daß der Wanderer den j 

Geburtsweg umgekehrt geht, so werden wir uns nicht wundern, 
daß er im Garten noch ein Gärtlcin findet. Das wird wohl der 
Uterus sein. Der Wanderer erreicht die denkbar innigste Vcr= 

einigung mit seinem Ideal, der Mutter, indem er sich in ihren Leib > 

hinein phantasiert. Diese Phantasie wird in der Parabola noch viel 
unzweideutiger ausgeführt — ich will nicht vorgreifen. Soviel sei 
nur gesagt: Er besitzt die Mutter als Gatte und als Kind; es ist, 
als wollte er in der Tendenz, alles besser zu machen als sein Vater, 
nun auch sich selbst neu erzeugen. Wir kennen ja schon das mya 
thische Motiv der neuen Schöpfung, das auf die gewaltsame Tren= 
nung der Eltern folgen soll und von dem wir in unserer Parabola 
noch nichts gemerkt haben. Jetzt soll doch endlich die verbesserte 
Welt erschaffen, die zerstückelte Vaterkraft in eine Neugestaltung 
gebracht, der Löwe wieder lebendig gemacht werden? i." , | 

Der viereckige Platz im Garten mutet aber auch wie eine Grab= 'j 

stelle an. Eine Mauer bedeutet im Traum mitunter die Friedhofs« 
maucr, der Garten den Friedhof. Und so sehr auch diese Vor« ' } 

Stellung mit der vom lebengebenden Mutterleib kontrastieren mag, ' j 

gehört sie doch psychologisch eng mit ihr zusammen. Ja vielleicht '' 

nicht nur psychologisch. 

Stekel erzählt einen Traum der Frau Delta, worin auch ein 
„offener viereckiger Raum, Garten oder Hof vorkommt. ... In der 
Ecke stand ein Baum, der ist vor unseren Augen langsam ver» 
sunkcn, als ob er ins Wasser gesunken wäre. Ich habe geistreicher« 
weise bemerkt, als der Baum und der Hof auch Schaukelbewegungen 
machten: da sehen wir, wie die Veränderung an der Erdoberfläche 
vor sich geht." Die oberste psychische Schichte des Traumes er» 
weist sich als eine Erdbebenreminiszenz. „Erde" führt aber bald 
zur Vorstellung von „Mutter Erde". Der in sie versinkende Baum ■] 

ist der Lebensbaum Phallos. Der viereckige Raum ist das Schlaf= , i 

Zimmer, das Ehebett. Die Schaukelbewegungen kennzeichnen das .^j 

ganze Bild noch besser. Der Erdbebentraum enthält aber, wie in ]\ 

der Analyse gefunden wird, auch Todesgedanken. Der viereckige 
Raum wird zum Grab. Auch das „Wasser" des Traumes will be« 



fl 



i' 



'1 



64 ". ANALYTISCHER TEIL 

achtet sein. „Aus dem Wasser kommen die Kinder" lautet eine in= 
fantile Zeugungstheorie. Im Fruchtwasser schwimmen die Kinder, 
so lernen wir später. Dieses „Wasser" Hegt natürhch in der „Mutter" 
Erde. Anderseits haben wir das Wasser der Toten (Totenstrom, 
Toteninsel usw.). Beiderlei Wasser ist für die natürliche Symbolik 
gleich ; es ist der mythische Aufenthalt der nicht (noch nicht oder 
nicht mehr) in dieser Welt befindlichen Menschen. 

Da das Wasser in der Parabola noch an wichtigen Stellen vorkommen 
wird, verweile ich ein wenig dabei. 

Aus Hollas Brunnen kommen die kleinen Kinder. Es gibt in deut« 
sehen Landen eine Menge Hollenteiche und Hollenbrunncn {HoUaa 
brunn?) mit entsprechenden Sagen. Weiber, die in solche Brunnen .f 

steigen, werden fruchtbar, behauptet man. MüUcnhof berichtet von f'i 

einem alten steinernen Brunnen in Flensburg, der die GrÖnnerkeel heißt. ^' 

\ Sein klares, reiches Wasser fällt aus vier Hähnen in ein weites Becken ä 

" ' ' und versorgt einen großen Teil der Stadt. Die Flensburger halten diesen fl 

Brunnen sehr in Ehren, denn in dieser Stadt bringt nicht der Storch die ' 

kleinen Kinder, sondern sie werden aus diesem Brunnen aufgefischt. 
Dann erkälten sich die Frauen dabei, und darum müssen sie das Bett 
hüten. Bechstein (Frank. Sagensch.) erwähnt ein Lindenbrünnlein 
auf der Straße von Schweinfurt nach Königshofen. Aus ihm schöpfen 
die Ammenfräulein in silbernen Eimern die kleinen Kinder, und seine 
Flut ist nicht Wasser, sondern Milch. Wenn die Kleinen zu diesem 
Kindsbrunnen kommen, so sehen sie durch das Loch des Mühlsteins 
(wegen des Späteren hervorgehoben) hinab auf sein stilles Wasser, das 
ihnen das eigene Bild zurückspiegelt, und glauben dann ein Brüderchen 
oder Schwesterchen erblickt zu haben, das ihnen recht ähnlich sieht. 
(Nork, Mythol. d. Volkss., S. yoi.) 

Aus dem niedcröstcrreichischen Volksmund zitiert Rank nach 
Wurth (Zf. d. Mythol., IV. 140): „Weit, weit im Meere da steht ein 
Baum, bei diesem wachsen die kleinen Kinder. Sic sind mit einer Schnur 
an dem Baume angewachsen, wenn das Kind reif ist, so reißt die Schnur 
ab und das Kind schwimmt fort. Damit es aber nicht ertrinkt, so ist es 
in einer Schachtel und mit dieser schwimmt es nach dem Meere herab, 
bis CS in einen Bach kommt. Nun läßt unser Herrgott ein Weib, welchem 
er das Kind zugedacht hat, krank werden. Da wird der Arzt geholt. 
Diesem hat es unser Herrgott schon eingegeben, daß das kranke Weib 
ein kleines Kind bekommen wird. Er geht daher hinaus zum Bache und 
■s^ paßt da so lange auf, bis endlich die Schachtel mit dem Kinde herab« 

■' geschwommen kommt, welche er auffängt und dem kranken Weibe 

bringt, lind auf solche Weise bekommen alle Leute die kleinen Kinder." 

Ich weise noch kurz auf die Sage vom Jungbrunnen hin, auf die 
. mythische und naturphilosophische Idee des Wassers als des ersten 

V Elements und Ursprungs alles Lebenden, sowie auf den Göttertrank 

(Soma usw.). Vgl. auch die Brunnen in den S. 60 mitgeteilten Gc 
dichten. 



1' 



1. ABSCHNITT/PSYCHANALYT. DEUTUNG DER PARABOLA 65 

Das Brautpaar der Parabola schreitet (Absatz ii) durch den 
Garten, und die Braut sagt, sie seien im Begriffe, in ihrem Gemach 
„Freundschaft zu pflegen". Sie haben viele duftende Rosen ge= 
pflückt. Man erinnere sich des Pflückens der Erdbeeren im Traum 
des Herrn T. Der Garten wird zum Brautgemach. Der etwas 
früher (gleichfalls Absatz ii) erwähnte Regen ist ein befruchtender 
Regen, ist Lebenswasser, das auf die Mutter Erde niederträufelt. 
Es ist identisch mit dem versinkenden Baum des Traumes der Frau 
Delta, mit der vom Wanderer entfesselten Schöpferkraft, mit dem 
mythischen Göttertrank, der Ambrosia, dem Soma. Wir werden jetzt 
den Wanderer zu den Quellen dieses Lebenswassers empor= oder 
hinabsteigen sehen. Zum Gewinnen des Lebenswassers ist es my» 
thisch meistens notwendig, in die Unterwelt (Istars Höllenfahrt), 
in den Bauch eines Ungeheuers u. dgl. hinabzutauchen. Erinnern 
wir uns daran, daß der Wanderer sich in den Uterus seiner Mutter 
versetzt. Dort ist in der Tat der Ursprung seines Lebens. Der Vor» 
gang wird aber von der Parabola sogleich noch deutlicher ausgeführt. 
Der Wanderer gelangt (Absatz u, nach der Szene im Garten) 
in eine Mühle. Das Wasser des Mühlbaches spielt auch noch in 
der Folge eine bedeutende Rolle. Der Leser wird gewiß bereits 
darüber Bescheid wissen, was für eine Mühle, was für ein Wasser 
da gemeint ist. Ich begnüge mich mit der schlichten Mitteilung 
einiger Tatsachen aus Folk=lore und Traumleben. 

Nork (Myth. d. Volkss. S. 501 f.) schreibt: „. . . Daß Fcnja im . . . 
Mythus (Horwendil) weiblichen Geschlechts ist, muß man ihrer Be- 
schäftigung zuschreiben, denn im Altertum, wo nur noch Handmühlen 
im Gebrauch waren, besorgten ausschließlich Frauen dieses Geschäft . . . 
In der symbolischen Sprache bedeutet aber Mühle das weibliche Glied 
{fivUög, wovon mulier), und der Mann ist der Müller, daher der Sa- 
tiriker Petronius „molcre mulierem" für: Beischlaf gebraucht, und 
Thcokrit (Idyll. IV, 48) fivUo) (mahlen) in demselben Sinne. Der 
durch die ßuhlin der Kraft beraubte Samson muß in der Mühle mahlen 
(Richter XVI, 21), welche Stelle der Thalmud (Sota fol. 10), wie folgt, 
kommentiert: Unter dem Mahlen ist immer die Sünde des Beischlafs 
zu verstehen. Darum standen am Feste der keuschen Vcsta in Rom 
alle Mühlen still ... Wie Apollo, war auch Zeus ein Müller {/^iv^EÜg, 
Lykophron, 47?), aber schwerlich ein Müller von Profession, sondern 
insofern er als schaffendes, lebengebendes Prinzip der Fortpflanzung 
der Geschöpfe vorsteht. ~ Ist nun erwiesen, daß jeder Mann ein Müller 
und jede Frau eine Mühle, woraus allein sich begreifen ließe, daß jede 
Vermählung eine Vermehlung . . . usw." Vermehlung bezieht sich 
auf das römische „confarreatio"; bei Verlobungen pflegten die alten 
Römer zwei Mchlhaufen untereinander zu mischen. Bei demselben 
Autor {S. 505 und 570) : Fengo ist also die Personifikation des Mahlens, 
die Mühle (Grotti) ist sein Weib Gerutha, die Mutter des Amleth oder 

Silberer, Probleme der Mystik 5 



\ 



66 n. ANALYTISCHER TEIL 

Hamlet. Grotti bedeutet Frau und Mühle zugleich. Greeth ist nur 
eine Umschreibung von Frau. Er führt an: „Herzog Ott Ludwigs 
von Bayern jüngster Sohn . . . verzehrte sein Gut mit einer schönen 
Müllerin, namens Margareth, und vifohnte im Schlosse Wolfstein . . . 
Diese Mühle wird noch die Grethelmühle genannt, und der Fürst Otto 
der Finner." (Grimm DS, Nr. 496.) „Finner bedeutet wie Fengo den 
Müller {Fcnja, altn. die Müllerin), denn die Vermählung ist eine Vcr= 
mehlung, das Kind ist das gemahlene Korn, das Mehl . . ." 

Der gleiche Autor {Sitt. u. Gebr. S. 162): „In der Idee galt das 
Samenkorn gleich dem Menschenkeime. Das Weib ist die Mühle, der 
Mann der Müller." 

Bei DulauresKrausscReiskcl (Zeugung i. Glaub, usw. d. Volk., 
S. loof.) finde ich folgenden Zauber aus den Schriften Burkhards, 
Bischofs von Worms: „. . . Habt ihr nicht getan, was gewisse Frauen 
gewohnt sind zu tun? Sie entledigen sich ihrer Kleider, salben ihren 
nackten Leib mit Honig, breiten auf der Erde ein Tuch aus, worauf sie 
Getreide streuen, wälzen sich wiederholt darauf herum, hierauf sammeln 
sie sorgfältig alle Körner, die sich an ihren Leib geheftet haben, und 
mahlen sie auf dem Mühlstein, den sie dabei verkehrt drehen. Wenn die 
Körner zu Mehl gemahlen sind, so backen sie ein Brot daraus, das sie 
ihren Männern zu essen geben, damit sie siech werden und sterben. 
Wenn ihr's getan habt, so werdet ihr vierzig Tage lang bei Wasser und 
Brot Buße tun." Töten ist das Gegenteil von Zeugen; darum wird hier 
die Mühle verkehrt gedreht. 

Sprachlich ist noch zu bemerken, daß dem Verbum mahlen, Itera= 
tivum von mähen, ursprünglich eine Bedeutung des Sich=hin=und=hero 
ßcwegens zukommt. Mulieren oder mahlen, molere, }xvlleiv, für coire 
vgl. „Anthropophyteia" VIII, S. 14. 

Zahlreich sind die Geschiebten, worin die Mühle als ein Ort von 
Liebesabenteuern vorkommt. Bekannt ist ferner die „Altweibermühle"; 
alte Weiber gehen hinein und jung kommen sie heraus. Sie werden in 
der zauberischen Mühle gleichsam umgemahlen. Dem liegt die Vor« 
Stellung eines Umschaffens im Uterus zugrunde, ähnlich wie in der groben 
Redensart: „Lassen Sie sich umvögeln!" 

In einer Sage der transsilvanischcn Zigeuner: ... Da kam wieder 
eine alte Frau zum König und sagte: „Gib mir ein Stückchen Brot, 
denn siebenmal ist schon die Sonne untergegangen, ohne daß ich etwas 
gegessen habe!" Der König erwiderte: „Gut, ich will dir aber vorerst 
das Mehl mahlen lassen !" Und er rief seine Knechte herbei und ließ 
die Alte zersägen. Da verwandelte sich der zersägte Körper der Alten 
wieder in die gute Urme (Fee), die sich in die Luft erhob . . . (H. v. 
Wlislocki, Märchen u. Sag. d. transs. Zig.) 

Traum: „Ich kam in eine Mühle und in immer engere Räume, 
bis ich zum Schluß keinen Platz mehr hatte. Ich war fürchterlich 
geängstigt und wachte mit Schrecken auf." Eine Mutterleibs» bzw. 
GcburtsphantasJe. 



1. ABSCHNITT/ PSYCH ANALYT. DEUTUNG DER PARABOLA 67 

Ein anderer Traum (Stekel, Spr. d. Tr., S. ^gSf.): „(cfi 
komme durch einen Spalt zwischen zwei Brettern aus der ,Rad= 
stufae' hervor. Die Wände triefen vor Wasser. Knapp vor mir 
ist ein Bach, darin steht ein wackelig:es schwarzes Klavier. Ich be= 
nütze es zum Überschreiten des Baches, denn ich bin auf der Flucht. 
Hinter mir her ist ein Haufe Männer. Ihnen allen voran mein 
Onkel. Er feuert die anderen an, mich zu verfolgen, und brüllt 
und schreit. Die Männer haben Bergstöcke, die sie gelegentlich 
nach mir werfen. Der Weg geht durchs Grüne bergauf und bergab. 
Die Strafe ist mit KohlenabfäUen besät und daher schwärzlich. Ich 
muß mich furchtbar plagen, um vorwärts zu kommen. Manchmal 
komme ich mir vor, wie angewachsen, und die Verfolger kommen 
mir immer näher. Plötzlich kann ich fliegen. Ich fliege in eine 
Mühle durchs Fenster hinein. Darin ist ein Raum mit Bretter= 
wänden, an der gegenüberliegenden Wand ist eine große Kurbel. 
Ich setze mich auf das Heft, halte es mit den Händen fest und fliege 
in die Höhe. Wie die Kurbel oben ist, drücke ich sie durch mein 
Gewicht wieder herunter und setze so die Mühle in Gang. Hierbei 
bin ich ganz nackt. Ich sehe aus, wie ein Amor. Ich bitte den Müller, 
er möge mich hier bleiben lassen, ich würde ihm dafür die Mühle 
auf die besagte Art treiben. Er aber weist mich ab und ich muß zu 
einem anderen Fenster wieder hinausfliegen. Da kommt oben drau= 
ßen die ,fliegendc Post' vorbei. Ich setze mich vorne neben den 
Kutscher. Bald werde ich aufgefordert zu zahlen, aber ich habe 
nur drei Heller bei mir. Da sagt mir der Kondukteur: ,|a, wenn 
Sie nicht zahlen können, dann müssen Sie sich unsere Schwcißs 
fuße gefallen lassen.' Nun ziehen wie auf Kommando alle Insassen 
des Wagens einen Schuh aus und jeder hält mir einen Schweißfuß 
vor die Nase." 

Auch dieser Traum enthält (nebst anderen Dingen) eine Mutter» 
leibsphantasie. Radstubc, Mühle, Raum mit nassen Wänden = Mut= 
terleib. Der Träumer wird von einer Vielheit verfolgt, sowie auch 
unserem Wanderer eine Vielheit entgegensteht; die Alten. Diesen 
Traum, der uns noch näher beschäftigen wird, will ich den von der 
„Fliegenden Post" nennen. 

Kehren wir zur Parabola zurück. Die Mühle des Absatzes ii 
ist der Mutterleib. Der Wanderer erstrebt die innigste Vereinigung 
mit der Mutter; sein Bestreben, es besser zu machen als der Vater, 
gipfelt darin, daß er sich, den Sohn, noch einmal und besser zeugt. 
Er will die Mutter ganz erfüllen, ganz der Vater sein. Freilich, ohne 
psychische Hemmungen läuft die Phantasie nicht ab. Der angst= 
volle Gang über den schmalen Steg spricht es aus. Wir haben hier 
wieder die wohlbekannte Gehhemmung, und zwar in einer Form, 



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■'*} 



^ II. ANALYTISCHER TEIL 

die an den gefährlichen Pfad auf der Mauer erinnert. Der Gang 
übers Wasser ist auch eine Todessymbolik. Es wird nicht nur die 
durch den moralischen Konflikt erzeugte Todesangst angedeutet, 
sondern wir haben auch daran zu denken, daß der Gang in den 
Uterus ein Gang ins Jenseits ist. Das Wasser ist das Wasser des 
Todes (stygischcs Gewässer) und des Lebens; es ist in engerem Sinn 
das Sperma und auch das Fruchtwasser: es ist, wie es wohl alle 
Symbole sind, mehrfach determiniert. Das Wasserträgt die Totenfarbe, 
Schwarz; im Traum von der fliegenden Post kommt ein schwarzer 
Weg vor. Der Träumer hat ähnliche Konflikte wie unser Wanderer. 

Der alte Müller, der keine Auskunft geben will, ist der Vater. 
Der will ihn freilich nicht zur Mutter lassen ; und er gibt ihm keine 
Auskunft über das Mahlwerk des Zeugungsgeschäftes. Die Räder 
sind einerseits die das Kind mahlenden (es wie das Mehl hervor=! 
bringenden) Organe ; anderseits auch die zehn Gebote, deren irdische 
Handhabung — durch strenge Erziehung, Strafen — dem Vater 
obliegt. Indem der Wanderer über den Steg tritt, setzt er sich hin= 
weg über die zehn Gebote und über die Gerechtsame des Vaters. 
Der Wanderer zieht sich aber immer gut aus der Affäre; die Angst 
ist bald abgestreift, und es tritt die Phase der Erfüllung ein. Es 
ist nur wie ein schwacher Nachklang der väterlichen „Gebote", 
wenn die Alten (unmittelbar nach der Mühlenszenc, Absatz ii) 
dem Wanderer ihren Brief vön der Fakultät vorhalten. Im Grunde 
kommen sie ja — bei gewahrter Form ihrer Autorität — seinen 
eignen Wünschen entgegen. (Auch ein typischer Kniff der Traum= 
tcchnik.) Ich habe die Briefszene, sowie den 12. und den 13. Ab= 
satz schon genügend erörtert, brauche kein Wort mehr über den 
sich darin aussprechenden Inzestwunsch zu verlieren. 

Die beiden Brautleute werden (Absatz 14) in ihr krystallnes Ge^ 
fängnis getan. Wir haben die Wiederzusammensetzung des Zer= 
stückelten erwartet: sie geschieht jetzt vor unseren Augen. Die 
weißen und roten Stücke, Knochen und Blut, sind ja Bräutigam 
und Braut. Das Gefängnis ist das Fell oder das Gefäß, in dem, wie 
in den Mythen, die Wiederbelebung vorgenommen wird. Nicht 
im Sinne einer Wiederbelebung des vernichteten Vaters, sondern 
einer Umschöpfung (Bessermachen), die der Sohn vornimmt — 
obgleich die Schöpferkraft an sich die gleiche bleibt. Der Sohn 
„vermählt und vcrmehlt" sich mit der Mutter. Denn der krystallne 
Behälter ist wieder dasselbe, was die Mühle: der Uterus. Auch 
das Fruchtwasser und die Ernähr an gssäfte für den Foetus fehlen 
nicht. Und der Wanderer schafft sich um zum glänzenden König. 
Er kann's wirklich besser als der Vater. Der Traum treibt die 
Wunscherfüllung bis an die äußerste Grenze. 



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HiJ'.l <ß, U I ^ 



1. ABSCHNITT /PSYCHANALYT. DEUTUNG DER PARABOLA 69 

Betrachten wir den Vorgang etwas genauer. Der Wanderer ist 
jetzt infolge der Abspaltung doppelt vorhanden : einmal als der 
Jüngling im Innern der Glaslfugel, und einmal auBerhalb in seiner 
bisherigen Gestalt. Außen und innen ist er mit der Mutter ver= 
einigt, als Gatte und als das werdende Kind; und auch als der 
Ipnere, als Foetus, ist er nicht ohne Liebe: er umarmt da seine 
„Schwester" (Abbild der Mutter, die gleichsam mit ihm wieder« 
erneut wird) wie Osiris seine Schwester Isis. Und überdies findet 
die kindliche Sexualkomponente des Schautriebes Befriedigung, dem 
zuliebe die Hülle des Zeugungsmysteriums gläsern ist. Die sexuelle 
Einwirkung des Wanderers auf den Kessel (Uterus) wird durch die 
ihm zugewiesene Aufgabe des Feuerns symbolisch angedeutet. Das 
Feuer ist eines der häufigsten Liebcssymbole im Traum. Auch 
die Sprache pflegt vom Feuer der Liebe, von verzehrenden Flam= 
men der Leidenschaft, von glühendem Begehren usw. zu reden. 
Gebräuche, namentlich manche Hochzeitsgebräuche, weisen die 
gleiche Symbolik auf. Daß dem Wanderer seine Funktion auf« 
getragen wird, also just das befohlen wird, was er ohnedies haben 
will, ist wieder das schon vorhin erwähnte pfiffige Auskunftsmittel 
der Traumtechnik, um das Imkompatible zusammenzubringen. Fast 
witzig nimmt es sich aus, wenn das Behältnis mit dem Siegel der 
hochwohlweisen Fakultät verschlossen wird; ich erinnere an den 
Ausdruck „petschieren"; die Versiegelung ist eine Applisierung des 
väterlichen Penis. An Stelle des Vaters befindet sich natürlich der 
amtshandelnde Wanderer. Die Versiegelung bedeutet aber auch 
die Einschließung des in die Mutter gelegten Lebenskeimes. Wird 
doch auch gesagt, daß dem Paar nach der Vcrschließung des Gc=» 
fängnisses keine Nahrung mehr hineingereicht werden kann; und 
daß die Atzung, mit der sie versehen werden, ausschließlich aus dem 
Wasser der Mühle stammt; das geht also auf die intrauterine Er« 
nährung, zu der freilich nichts anderes geliefert werden kann als 
das Wasser der uns wohlbekannten Mühle. 

Das kostbare Gefäß, das der Wanderer bewacht, ist von starken 
Mauern umgeben; es ist unzugängHch für andre; nur er darf mit 
seinem Feuer nahe sein. Es ist Winter. Das ist nicht bloß eine 
Rationalisierung (Vorwand zur banalen Begründung) des Feuerns, 
sondern auch ein Anzeichen des im Uterus eintretenden Todes. 
Das liebende Paar im Gefängnis zergeht ja und stirbt, ja es verwest 
(Absatz 15) sogar. Ich muß zum Verständnis dieser Nuance ein» 
flechten, daß man zu der Zeit der Abfassung der Parabola den 
Bcfruchtungs vor gang mit der Idee der „Fäulung" oder „Verwesung" 
des Samens verknüpfte. Der Mutterleib wurde der Erde verglichen, 
in der das Getreidekorn „verwest". 



70 II. ANALYTISCHER TEIL 

Die der Entstehung der frischen Wesen vorangehende Ver^ 
wesung ist mit einer großen Überflutung verbunden. Mythisch 
pflegt nun tatsächlich eine Sintflut die (verbesserte) Schöpfung ein= 
zuleiten. Ein richtiger Mythos kann der Idee des Urwassers kaum 
cntraten. Ich möchte nebenbei anmerken, daf} die gegenwärtige 
Phase der Parabola mythologisch dem Motiv: Vcrschlungensein 
entspricht; das spätere Entlassen aus dem Gefängnis ist das Aus= 
speien (aus dem Rachen des Ungeheuers), Rückkunft aus der Unter= 
v/e\t. Auch das Zerstückelungsmotiv der Kosmogonien pflegt mit 
einem Flutmotiv verbunden zu sein. In der Flutschilderung der 
Parabola sind übrigens einige Züge der biblischen Darstellung ent= 
nommen; so z. B. die vierzig Tage, der Regenbogen. Dieser war, 
nebenbei bemerkt, schon einmal zu sehen ; er ist ein Zeichen des 
Bundes. Er verbindet Himmel und Erde, Mann und Weib. Die 
Flut rührt im vorliegenden Falle von Tränen her, entspringt also 
dem Körper des Weibes — es handelt sich um das genugsam be= 
kannte vieldeutige Wasser. S tckel hat für den Traum die sogenann= 
ten „symbolischen Gleichungen" aufgestellt; danach können u. a. 
alle Sekrete und Exkrete und manche anderen Stoffe symbolisch 
füreinander eintreten. Unter der Voraussetzung, daß das Gleich= 
heitszeichen nicht in seinem engeren Sinn aufgefaßt \!</ird, kann 
etwa folgende Gleichung aufgestellt werden: Schleim = Blut 
- Eiter = Urin = Stuhl - Sperma = Milch = Schweiß = Träne 
= Seele = Luft = (Atem = Flatus -) Sprache = Geld = Gift. Daß 
in dieser Gleichung auch Seele und Tränen vorkommen, ist für 
unsere Analyse der Parabola besonders interessant; das belebende 
oder zeugende Prinzip kommt im 15. Absatz als Seele in Form von 
Wolken vor. Diese bilden sich aus dem Wasser, dem Lebenswasser. 
Der daraus entstehende „Thau" befruchtet die Erde. 

Da wir eben bei den Exkreten angelangt sind, möchte ich an 
die in einer Flüssigkeit liegenden faulenden und stinkenden schwar= 
zen Korper der Parabola {Absatz 15) erinnern, auf die ein warmer 
Kegen niederfällt. Die Parabola, so wie wir sie psychanalytisch be= 
trachten ist das Produkt einer Regression, die ins infantile Denken 
und Fühlen führt: wir haben es an der Annäherung an die Mythen 
deutlich genug gesehen. Und da ist denn auch daran zu denken, 
ein wie großes Interesse die Kinder den Defäkationsvorgängcn zu= 
wenden. Ich würde dies gar nicht des Erwähnens wert erachtet 
haben, wenn nicht die hermetische Symbolik, wie wir später er= 
fahren werden, in parallelen Fällen wirklich die Ausdrücke „fimus", 
„urina puerorum" usw. ganz unmißverständlich gebrauchte. Als 
merkwürdig festzuhalten ist jedenfalls, daß aus den kot= und 
urinartigen Dingen, die da in widerlicher Weise stinkend sich zer= 



1 



1. ABSCHNITT/PSYCHANALYT. DEUTUNG DER PARABOLA 71 

setzen, frisches Leben entsteht. Einerseits stimmt dies mit jener 
infantilen Zeugungstheoric, daß die Kinder wie die Rückstände des 
Stoffwechsels zutage gefördert werden; es sind aber noch andere 
Zusammenhänge zu beachten, auf die ^Jcir später kommen werden. 
Mythologischer Parallelen ließen sich eine Reihe anführen. Ich be= 
gnüge mich damit, auf die schnurrige Geschichte „Der dumme 
Hans" (Jos. Haltrich, D. Volksm. a. Siebenbürg., II, S. 224ff.) 
hinzuweisen. Der dumme Hans lädt Mist (faeces, Jauche) in 
einen Wagen und fährt damit an einen Edelhof; dort erzählt er, er 
komme aus dem Mohrenlande (also aus dem Lande der Schwar= 
zcn) und führe in dem Fasse Wasser des Lebens. Da jemand 
unberechtigterweise das Faß öffnet, stellt sich der dumme Hans 
so, als habe sich infolge des Vorwitzes eine Verwandlung des Lebens= 
Wassers in Jauche vollzogen. Er wiederholt das Stücklein mit seiner 
toten Großmutter, die er in schwarze Tücher einnäht und für 
eine wunderschöne Prinzessin ausgibt, die in hundertjährigem Schlaf 
liege. Wieder wird (worauf er rechnet) die Hülle von unberufner 
Hand geöffnet, und Hans wehklagt, weil deshalb statt der Prin= 
zessin, die er dem König bringen wollte, nun ein ekelhafter Leich = 
nam hergezaubert worden sei. Er erreicht es so, daß man ihn mit 
viel Geld entschädigt. 

Insoferne sich der Wanderer unserer Parabola nicht außer=, 
sondern innerhalb des Gefäßes befindet, ist er wie in einem Bade. 
Ich bemerke beiläufig, daB Schriften, die der Parabola verwandt 
sind, an der analogen Stelle ausdrücklich von einem „Bad" sprechen, 
wie es übrigens auch die Parabola (Absatz i?) en passant tut. In 
Träumen scheint das Bild des Badens öfters als Mutterleibs^ oder 
Geburtsphantasie vorzukommen. 

Zu Ende des 14. Absatzes, als die Insassen des Gefängnisses 
sterben, stehet auch dem Wanderer „sein gewisser Untergang für 
Augen" — wieder ein leiser Anklang seiner Zusammengehörigkeit 
mit dem Bräutigam. 

Wir haben uns schon längst mit dem Gedanken vertraut ge= 
macht, daß in dem Glasgefängnis die Wiederbelebung des Zer= 
stückelten vor sich geht. Wer darüber noch einen geringsten Zweifel 
hat, kann dies am Beginn des 15. Absatzes aufs schönste bestätigt 
finden: nennt doch der Verfasser der Parabel selbst die Medcia und 
den Aison ! Von den Zerstückelungs= und Verjüngungskünsten der 
kolchischen Zauberin brauche ich nichts mehr zu erzählen. 

Im 18. Absatz „scheint die Sonne sehr helle, vnnd der Tag 
wurd wärmer als zuvor, und waren die Hundstage für der Tür". 
Bald darauf (Absatz 19) wird der König aus dem Gefängnis cnt= 
lassen. Er war vor dem Winter (Absatz 14), aber nach jener Jahres= 



yysr 



72 II. ANALYTISCHER TEIL 

zeit, wo die Sonne „sehr warm schiene" (Absatz it), also wohl 
im Herbst eingeschlossen worden. Wählen wir für die Einschlie= 
ßungr einen mittleren Zeitpunkt zwischen dem ausgehenden Sommer 
und dem hereinbrechenden Winter, etwa Ende Oktober, und ziehen 
wir m Betracht, daß die Hundstage in den August fallen, also Ende 
Juh vor der Tür stehen, so finden wir für das Verweilen im Behälter 
neun Monate — die Zeit der menschlichen Schwangerschaft. 

Der Neugeborne (Absatz 20) ist natürlich — durstig. Womit 
sollte er gespeiset werden, wenn nicht mit Wasser aus der Mühle'' 
Und das Wasser macht ihn wachsen und gedeihen. 

Zwei königliche Personen stehen vor uns, in Pracht und Herr= 
ichkeit. Der Wanderer hat sich da ein neues Elternpaar geschaffen 
(der Vater=König ist freilich auch er selbst), wie es dem „Familien= 
roman des Neurotikers entspricht, einem Phantasieroman, der wohl 
auch im Seelenleben des Gesunden spukt. Es ist eine Wunsch» 
Phantasie, die in ihrer ausgesprochensten Form darin gipfelt, daß 
man eigentlich aus königlichem oder sonstwie ausgezeichnetem Ge= 
blute stamme und von den wirklichen Eltern, zu denen man gar 
mcM paht bloß gefunden worden sei; diese verheimlichten die 
wahre Herkunft, einst werde aber der Tag kommen, an dem man in 
jene Herrlichkeiten versetzt werden wird, die einem von Rechts 
wegen gebühren: kurz es gehören jene zügellosen Wunschphanta- 
Sien hieher, die, gleichviel in welcher konkreten Form, den soeben 
naiv skizzierten Inhalt variiGren, Sie entspringen aus der Un= 
zufnedenheit mit der Umgebung und suchen zu der Enge oder 
Ärmlichkeit den angenehmsten Kontrast. In der Parabola wird be= 
sonders der König (in seiner Vatereigenschaft) hübsch charakteri- 
siert. Zuerst „erschreckt" im 19. Absatz das „große Ansehen" des 
gestrengen Herrn Vaters den Wanderer; dann stellt sich aber heraus, 
daß der Kon.g (idealer Vater) freundlich, holdselig, ja demütig ist 
und beweist, daß hohe Personen nichts so wohl zieret, als diese 
1 ugenden . Und dann führt er ihn in sein Königreich und läßt 
ihn aller nur erdenkhchen Schätze genießen. Es findet sozusagen 
eine Generalcrfüllung aller Wünsche statt. «zusagen 

Mythologisch sollten wir nun erwarten, daß der auseesoiene Held 

i"'wrklichd:rF*,f^." """"V^^ ^^^^^"^ mltgebraXhX. D^is 
tlZt ^ r T r ^'' '^ ^'= gewonnen, von dessen Her, 

stci ung die ganze Geschichte metaphorisch handelt: den Stein der 
Weisen. Der Wanderer ist also ein echter Soma=Räuber 

Greifen wir nochmals auf den vorletzten Absatz zurück. Hier, 
nahe dem Ende d^ Traumes, fühlt sich der König schläfrig. Der 
wahre Schlafer fühlt hier wohl schon das Erwachen nahen und 
mochte noch weiter schlafen (phantasieren). Er läßt aber das 



2. ABSCHNITT / ALCHEMIE 73 

an 



2. ABSCHNITT / ALCHEMIE 

Die Handwerkstraditionen der Metallurgie, deren Ausübung in 
fernste Zeiten zurückreicht, wurden in den spekulativen Perioden 
der Menschheit stark mit Philosophie durchsetzt. Vor allem scheint 
dies in Ägypten der Fall gewesen zu sein, wo die Metallurgie als 
Quelle des königlichen Reichtums, und namentlich die Prinzipien 
der Goldgewinnung und =behandlung als ein königliches Ge= 
heimnis gehütet wurden. Zur hellenistischen Zeit drangen in die 
Metallkunst, deren Kenntnisse sich erweiterten und deren Interesse 
sich zu einem wissenschaftlichen erhob, die philosophischen Thco= 
rien der Griechen, die Elementen« und Atomcnlehren der Natur« 



"^ 



Lastige von sich abwälzend, den König schläfrig sein. Und a.i 
dieses Erlebnis schließt sich bald ein Symbol des Erwachens: der 
Wanderer, der Träumer der Parabola, wird (Absatz zi) in ein 
anderes Land, und zwar in ein helles Land, geführt — er erwacht 
aus seiner Träumerei, einen frommen Nachklang seiner Wunsch» 
erfüUungen auf den Lippen . . . dazu verhelfe uns Gott Vater, Sohn 
und heiliger Geist — Amen. Es ist gar prosaisch, diesen schönen 
Ausklang mit der Formel „Schwellensymbolik" abzutun. 

Wenn ich noch in ein paar Worten resümieren soll, was die Paraa 
bola in psychanalytischer Betrachtung enthält, ohne durch den Hin^ 
weis auf die „Generalerfüllung" aller Wünsche zu allgemein zu 
werden, so muß ich wohl sagen : der Wanderer phantasiert die Be- 
seitigung oder Verbesserung des Vaters, gewinnt die Mutter, er« 
zeugt mit ihr sich selbst, genießt ihre Liehe auch im Mutterleib und 
befriedigt außerdem seine infantile Neugierde, indem er den Ztu= 
gungsprozeß von außen beobachtet. Er wird König und erlangt 
Macht und Herrlichkeit, ja übermenschliche Fähigkeiten. 

Man wird sich über soviel Ungereimtheit vielleicht wundern. 
Man bedenke indes, daß jene unbewußten titanischen Bildungs= ,^ 

kräfte, die aus dem Innersten heraus die dunkel schaffende, träu= ; 

mende Phantasie bewegen, nur wünschen können, nichts als wün= / 

sehen. Sie kümmern sich nicht darum, ob die Wünsche gereimt J 

seien oder ungereimt; die Fähigkeit zur Kritik ist ihnen nicht eigen ; f 

die ist Aufgabe des geordneten Denkens, wie wir es bewußt üben : > 

da betrachten wir die aus dem Dunkel emporsteigenden Wünsche i 

nach Maßstäben der Zweckmäßigkeit, vergleichen, erwägen. Das J 

unbewußt treibende Affektleben aber wünscht blind drauf los. Es l 

will; — um etwas andres kümmert es sich nicht. Ä 



'■4 






r 



74 H- ANALYTISCHER TEIL 

' Philosophen, des Piaton, des Aristoteles ein, die religiösen An= 

schauungen der Neuplatoniker, die Zauberlehren des Orients 
verschmolzen damit, christliche Elemente kamen hinzu, kurz der 
Inhalt der damaligen Chemie {die eben hauptsächlich von der Metall« 
behandlung ausging) nahm an den Gedankenkreuzungen des Syn= 
kretismus der ersten nachchristlichen Jahrhunderte lebhaft teil. 

Da die chemische Wissenschaft (in Alchemie, aUkimia, ist al 
der arabische Artikel vor dem griechischen XV/^^^^) »m Mittel* 
alter von den Arabern {Syrern, Juden usw.) zu uns gekommen ist, 
glaubte man lange, sie sei überhaupt arabischen Ursprungs. Später 
^ fand man jedoch, daß die Araber, wenn sie auch manches Eigene 
dazugctan, doch nur die Bewahrer griechisch=hellenistischen Wissens 
waren, und überzeugte sich, daß die Alchemistcn im Grunde recht 
daran taten, wenn sie traditionell als ihren Stammvater den sagen= 
haften ägyptischen Hermes bezeichneten. Diese Idealgestalt ist 
eigentlich der ägyptische Gott Thot, der zur Ptolemäerzcit mit 
dem griechischen Hermes identifiziert wurde. Man verehrte 
ihn als Herrn der höchsten Weisheit und liebte es, in philoso= 
phischen, vor allem theologischen Werken ihn als den Verfasser 
anzugeben. Es bildeten sich auch kultische Hermes=Gemeinden, 
die ihre eignen religiösen Hermes=Schriftcn hatten 0- In späterer 
Zeit schwächte sich die göttlich=köni gliche Hcrmesgestalt zu der 
eines Zauberers ab. Wenn ich in der Folge von „hermetischen" 
Schriften rede, meine ich {der oben erwähnten Tradition folgend) 
schlechtweg: die alchemistischen Schriften, allerdings mit einem 
Vorbehalt, der später erwähnt werden wird. 

Der Gedanke der Herstellung des Goldes wurde in der Alchemie 
so dominierend, da5 man von dieser geradezu als der „Goldmachers 
kunst" sprach. Man meinte, Gold aus geringerem Material, ins= 
besondere aus anderen Metallen, erzeugen zu können. Der Glaube 
daran und an die Verwandlungsfähigkeit der Stoffe war durchaus 
nicht unsinnig, sondern muß als eine Entwicklungsphase des 
menschlichen Denkens gewürdigt werden. Noch unbekannt mit 
der modernen Lehre von den unwandelbaren chemischen Ele= 
menten, konnte man aus den Veränderungen der Stoffe, deren 
Zeuge man täglich war, keine andere Konsequenz ziehen. Bereitete 
man Gold aus Erzen oder Legierungen, so durfte man meinen, 
man hätte es „gemacht". Man konnte auch analog den Färbver= 
fahren (die man an Geweben, Gläsern usw. übte) annehmen, man 
hätte das geringere Metall zu Gold gefärbt (tlngicrt). 

Unter philosophischem Einfluß entstand die Lehre, daß die 
Metalle wie die Menschen Körper und Seele hätten; letztere dachte 

^) Auskunft darüber findet man bei Reitzenstein, „Folmandres", 



2. ABSCHNITT / ALCHEMIE 75 

man sich als eine feinere Körperlichkeit. Man sagte, die „Seele" 
oder „erste Materie" (prima materia) sei allen Metallen gemein« 
sam; und, um ein Metall in ein anderes zu verwandeln {trans= 
mutieren), müsse man auf seine Seele tingierend einwirken. In 
Ägypten galt das Blei {unter dem Namen Osiris) als die prima 
materia der Metalle; später, als man das noch bildsamere Qucck= 
Silber (Mercurius) entdeckte, betrachtete man dieses als die Seele 
der Metalle. Man dachte sich, man müsse diese flüchtige (volatile) 
Seele durch irgendein Mittel fest machen (figieren), um ein edles 
Metall {Silber, Gold) zu gewinnen. 

Jenes problematische Mittel, welches zur Auffärbung oder 
Transmutation der geringen Metalle bzw. ihres Mercurius zu 
Silber oder Gold dienen sollte, hieß man den Stein der Weisen. 
Er hatte die Kraft, die kranken (unedlen) Metalle zu gesunden 
(edlen) zu machen: hier spielt die Idee der Universalmedizin 
hinein; die Alchemie wollte ja im Stein der Weisen auch eine 
Panazee darstellen, die den Menschen von allen Leiden befreien 
und verjüngen sollte. 

Es wird nicht überflüssig sein, gleich zu erwähnen, da^ man 
die hier genannten Materien, Substanzen, Begriffe in den theorc= 
tischen Abhandlungen der Alchemisten in um so allgemeinerer, 
umfassenderer Bedeutung — man kann auch sagen: großzügiger — 
verwendet findet, jemehr der betreffende Autor der philosophischen 
Spekulation zuneigt. Gerade die großzügigen Autoren sjcerden von 
den Alchemisten am meisten geschätzt und als die größten Meister 
gepriesen. Bei ihnen nun entfernt sich der Begriff „Mercur" (als 
Urstoffbegriff) wesentlich von jenem des gemeinen Quecksilbers. 
Auf dieser Stufe der Spekulation wird eben nicht mehr das Queck= 
Silber (Hg) für den Urstoff gehalten, sondern man betrachtet diesen 
als ein übersinnliches Prinzip, dem nur der Name des Quecksilbers 
Mercurius, verliehen wird. Es wird ausdrücklich betont, daß man 
den Mercurius Philosophorum nicht verwechseln dürfe mit dem 
gemeinen Quecksilber. Ahnliche Wandlungen macht der vom 
Mercurius eigentlich gesonderte Begriff der prima materia durch. 
Prima materia liegt allem Entstandenen zugrunde. Außerdem bc= 
zeichnet man so, namentlich in späterer 2eit, jene Materie, woraus 
der Stein der Weisen hergestellt werden soll; also gewissermaßen 
den Rohstoff (materia cruda) für seine Gewinnung. Doch ich greife 
da vor. Dies gehört eigentlich in die abendländische „Blütezeit" 
der Alchemie von der Scholastik an. 

Eine sehr bedeutende und sehr alte Idee ist in der Alchemie 
jene des Kcimens und der Zeugung. Die Metalle wachsen wie 
Pflanzen, vermehren sich wie Tiere. „Gold zeugt Gold, wie das 



I, 



76 n. ANALYTISCHER TEIL 

i Korn Korn, der Mensch Menschen zeugt", versichern die Adepten 

[. in der griechisch=ägyptischen Periode wie auch später. Die zu dieser 

{r Vorstellung gehörige Praxis besteht darin, der zu verwandelnden 

Mischung etwas Gold zuzusetzen, welches wie ein Samen darin 
aufgehen und Frucht (Gold) bringen soll. Auch als ein Ferment 
wurde dieser Goldzusatz aufgefaßt, der die ganze Mischung sauer= 
teigartig durchsetzt und gleichsam zu Golde gären macht. Ferner 
wurde auch der tingierende Stoff als Mann, der zu tingierendc Stoff 
als Weib aufgefaßt. Behält man das Symbol des Korns und Samens 
im Auge, so wird der Stoff, worein der Same getan wird, zur „Erde" 
und zur „Mutter", worin er keimen soll, um zur Frucht zu 
werden. 

In diesen Zusammenhang gehört auch das alte alchemlstische 
Symbol vom philosophischen Ei. Das Symbol wird dem 
„ägyptischen Stein" und dem Drachen gleichgesetzt, der sich in 
den Schwanz beißt, also das Zeugungssymbol einem Ewigkeits= 
oder Krcislaufssymbol. Der „ägyptische Stein" aber ist der Stein 
der Weisen oder, metonymisch, das große Werk (magnum opus, 
magistcrium) seiner Bereitung. Das Ei ist das Weitei, das in so 
vielen Kosmogonien wiederkehrt. Das große Magisterium weist 
überhaupt häufig Wcltschöpfungsgedanken auf. — Als „philoso= 
phisches Ei" wird auch das der Eiform sich nähernde Gefäß bes 
zeichnet, worin das große Meisterstück bereitet wird. Dieses Ge» 
faß wurde mit dem magischen Siegel des Hermes, also hermetisch, 
verschlossen. 

Eine weitere theoretische Konzeption, bei den Arabern ent= 
standen, ist die Lehre von den zwei Prinzipien. Sie wurde in der 
Folge beibehalten und noch ausgestaltet. Ibn Sina (Avicenna, 
980 — ca. 1037) lehrte, daß jedes Metall aus Mercurius und 
Sulp hur bestehe. Natürlich darf man hier nicht an das gewöhn» 
1 liehe Quecksilber und den gewöhnlichen Schwefel denken. 

Von den Arabern kam die Alchemic ins Abendland und ge= 
wann hier eine ungeheuere Ausbreitung. Auserlesene Geister 
finden sich hier unter den ersten Autoren: Roger Bacon, Albertus 
Magnus, Vincentius von Beauvais, Arnaldus von Villanova, Thomas 
von Aquino, Raymundus Lullus usw. 

Der geschichtliche Stoff, über den zu berichten wäre, ist enorm. 
Es ist jedoch nicht nötig, daß wir ihn betrachten. Was ich von den 
Anfängen der Alchemie berichtet habe, genügt nämlich bereits, 
um die folgende Darstellung des alchemistischen Gehaltes der 
Parabola zu verstehen. Und was ich über die alchemistischen Theo= 
rien der abendländischen Blütezeit noch nachtragen muß, erfährt 
man ohnedies gelegentlich der bevorstehenden Analyse. 



n 



XT» 



2. ABSCHNITT / ALCHEMIE ^^ 

Zum Schluß dieses vorbereitenden Überblickes muß ich nur 
noch einer Neuerung in der Theorie gedenken, die Paracelsus 
(1495 — 1541) eingeführt hat. Ibn Sina hatte gelehrt, daß zum 
Bestände des Metalls zwei Prinzipien gehören. Mercurius ist der 
Träger der metallischen Eigenheit; Sulphur hat den Charakter des 
Brennbaren und ist die Ursache der Veränderungen des Metalls 
im Feuer. Die Lehre von den zwei Prinzipien führte dazu, daß 
man zur Herstellung des Goldes sich bemühte, aus Metallen einen 
möglichst reinen, vollkommenen Sulphur und einen ebensolchen 
Mcrcur zu gewinnen, um durch Vereinigung beider das Gold zu 
erlangen. Paracelsus fügte nun zu den zwei Prinzipien noch ein 
drittes hinzu, das S al (Salz), als dasjenige der Festigkeit oder „Greiff= 
lichkeit", \)cie er sich ausdrückt. Nach meiner Meinung hat Para = 
celsus damit keine prinzipielle Neuerung eingeführt, sondern nur 
terminologisch in ein neues System gebracht, was andere schon 
vor ihm gesagt, wenn auch nicht so konsequent ausgeführt haben. 
Die Prinzipien: Mercurius, Sulphur und Sal — ihre Zeichen sind 
?, ^ und © — werden in der Folge von den Alchemisten in ihrer 
Kunstsprache außerordentlich viel verwendet. Sie werden gern 
auch genannt: Geist, Seele und Leib. Sie werden zu dreien, aber 
auch nach wie vor zu zweien zusammengestellt, je nach Erfordernis 
der Symbolik. 

Die bei den Alchemisten übliche Verschwisterung der Planeten 
mit Metallen hat man wohl den Babyloniern zu verdanken. Ich 
teile diese Korrespondenzen hier in der Form mit, wie sie in der 
Alchemie herrschend wurde. Ich muß den Leser bitten, sie sich 
womöglich einzuprägen, denn die Alchemie nennt häufig die Me- 
talle beim Planetennamen. Nach der alten (wenn auch nicht nach 
der ältesten) Anschauung gibt es sieben Planeten (worunter die 
Sonne sich befindet!) und sieben Metalle: 

Planet Zeichen Metall 



Saturn 


T? 


Blei 


Jupiter 


% 


Zinn 


Mars 


(f 


Eisen 


Sonne 





Gold 


Vcnus 


? 


Kupfer 


Mcrcur 


? 


Quecksilber 


Mond 


D 


Silber 



Bezüglich der Kunstsprache, die ich ja in meinen folgenden 
Ausführungen auch werde gebrauchen müssen, habe ich eine über« 
aus wichtige Bemerkung zu machen, die man sich wohl einprägen 
möge. Es ist eine Eigentümlichkeit der alchemistischen Autoren, 
daß sie für eine Sache fünfzig und mehr Namen abwechselnd ge» 



78 n. ANALYTISCHER TEIL 

brauchen und daß anderseits wieder ein und derselbe Name vielerlei 
Bedeutung hat. Zum Teil ist dieser Usus ursprünglich begründet 
in der Unsicherheit der Begriffe, die schon früher besprochen wurde. 
Diese Unsicherheit erklärt indes nicht, warum der Usus trotz den 
zunehmenden Kenntnissen geradezu absichtlich ausgebaut wurde. 
Über die Gründe, die da wirksam waren, wird später noch gespros 
eben werden. Vorläufig sei bloß die Tatsache selbst konstatiert 
und zugleich ein Hinweis gegeben, worauf es ankommt, um sich 
trotz der seltsamen terminologischen Freiheit, die beständig und 
mit Absicht eins mit dem andern verwechselt, in den hermetischen 
Schriften zurechtzufinden : abgesehen von einer gewissen Übung 
in der Bildersprache der Alchemisten ist es notwendig, sich die 
Worte, die gebraucht werden, gleichsam wegzudenken und einzig 
auf den Zusammenbang zu achten, in dem sie stehen. Wenn z. ß, 
das eine Mal beschrieben wird, daß ein Körper mit Wasser, das 
andere Mal, daß er mit Seife (sapo), das dritte Mal, daß er mit 
Mercurius usw. zu waschen sei, so ist nicht „Wasser", „Seife" 
oder „Mercurius" die Hauptsache, sondern die Beziehung beider 
zueinander: das Waschen; und dann dürfte sich bei näherer Bea 
trachtung des Zusammenhanges meist herausstellen, daß alle drei 
Male dasselbe Reinigungsmittel gemeint war, nur dreimal mit 
einem anderen Namen bezeichnet. 



Die alchemistische Deutung unserer Parabola ist eine Hcrau5= 
Wicklung dessen, was ihr Verfasser damit lehren wollte. Wir 
brauchen nicht erst zu beweisen, daß er einen hermetischen Zweck 
verfolgte, denn das sagt er uns ja selber, und sagt uns die Umgebung, 
das Buch, in dem die Parabola steht. In dieser Hinsicht wären 
wir also bei der alchem istischen Deutung viel besser dran als bei 
der psycbanalytischen, bei der wir aufs Unbewußte gezielt haben. 
Jetzt haben wir den bewußten Zweck vor uns, und gehen mit 
dem Einverständnis des Autors vor, während wir vorhin gleichsam 
gegen sein Einverständnis arbeiteten und aus seinem Geistesa 
Produkt Dinge ableiteten, die sein bewußter Mensch wohi kaum 
zugeben würde, wenn wir ihn lebend vor uns hätten — es sei denn, 

. , wir unterrichteten ihn und überzeugten ihn von der Bedeutung der 

^ ' Psychanalyse. 

In der einen Hinsicht sind wir also jetzt besser dran. In einer 

1 1 anderen aber recht schlecht. Denn die Materie, in welcher wir 

vorhin arbeiteten, das Unbewußte, bleibt sich in großen Zeit» 
lauften ziemlich gleich ; das Unbewußte des Wanderers ist in seinen 
Grundlagen nicht viel anders als das eines heutigen Menschen oder 



2. ABSCHNITT / ALCHEMIE 79 

jenes des Zosimos^): es ist die Seele der Rasse, die da spricht; das 
„Menschliche". Viel rascher ändern sich dagegen im Lauf der 
Zeiten das äußere Wissen und die Bilder, womit wir dieses Wissen 
ausdrücken. Von diesem Standpunkt aus ist das Bewußte schwerer 
zugänglich als das Unbewußte. Und nun gar ein unserer Bildung 
so ferne gerücktes Wissen wie das alchemistische. 

Zum Glück brauche ich es nicht als meine Aufgabe zu be= 
trachten, die Parabola etwa so ausführlich alchemistisch zu „deu= 
ten", daß jemand danach in einem chemischen Laboratorium ar* 
beiten könnte. Vielmehr genügt es für unsere Zwecke vollauf, 
wenn ich in großen Zügen angebe, wie man die Hauptgestalten 
und =vorgänge der Parabola in den Ideenkreis der alchemistischen 
Lehre einzuordnen hat. Wenn es mir gelungen ist, dies in ver= 
ständlicher Weise zu tun, so sind wir bereits um eine arge Klippe 
herumgekommen. Nachher erst darf ich mich weiter wagen — 
zur eigentlichen Aufgabe dieser Untersuchung. Doch Geduld! 
Wir sind noch nicht so weit. 

Es wird nun vor allen Dingen nötig sein, daß ich in einigen 
rohen Zügen eine Skizze davon entwerfe, wie man in der Blütezeit 
der Alchemie die Ausführung des großen Werkes zu schildern 
pflegte. Trotz der Vielfältigkeit der Darstellungen trifft man näm= 
lieh gewisse Grundsätze an, an denen im allgemeinen nicht gerüttelt 
wird. Von diesem eisernen Bestand der alchemistischen Anleie 
tungen will ich einiges mitteilen. 

Da ist vor allem die Zcntralidee der Zusammenfügung oder des Zu^ 
sammenwirkens zweier Dinge, die am häufigsten Mann und Weib, Rot 
und Weiß, Sonne und Mond, Sulphur und Mcrcur genannt werden. 
Daß die Metalle durch Zusammenwirken von Sulphur und Mercur 
bestehen, haben wir bereits bei Ibn Sinagesehen. Schon früher gab 
es aber Zusammenfügungen zweier Teile unter dem Bild der Befruch« 
tung. Beides fließt nun in ein Symbol zusammen, und zwar um so 
leichter, als es wohl in Verfolg gleicher (vom sexuellen Komplex kon= 
stellierter) Gedanken entstanden ist. Auch die Vorstellung kommt 
hinzu, daß man ein männhches Agens dem Gold, ein weibliches 
dem Silber entnehmen müsse, um durch ihre Vereinigung das zu 
erhalten, was den Mcrcur der Metalle zur Vollkommenheit bringt. 
Daher mag es ursprünglich rühren, daß für das oben erwähnte 
Paar, welches verbunden werden soll, auch die Bezeichnung Gold 
und Silber (O und ])) aufkam. Rot und Weiß = Mann und Weib 
(männliches und weibliches Agens) fanden wir auch auf psych= 
analytischem Weg in der Parabola. 

^) Zosimos ist einer der ältesten alchemistischen Autoren, von denen 
man Bestimmtes weiß; ca. IV. Jahrh. 






\ 



80 n. ANALYTISCHER TEIL 

Die „Turba Philosophorum" nennt „das Weib Magnesia, das 
Weiße; den Mann das Roth, Sulphur". 

Morienus sagt: „Unser Stein ist gleich der Erschaffung des Mcn= 
sehen. Denn erstlich ist allda die Zusammenvercinigung, und 2. die 
Corruption [d.h. die Putrcfaktion des Samens], 5. die Schwängerung, 
4. die Geburt des Kindes, 5. folget die Nahrung." 

Beide Bestandteile entspringen aus einer Wurzel, daher ver= 
sichern die Autoren, daß der Stein nur ein einiger sei. Nennt man 
die Materie „Mercurius", so spricht man deshalb häufig von einem 
doppelten Mercurius, der doch nur einer sei. 

Arnaldus (Ros. II, 17): „So erscheint es . . . gantz Wärlich, dass 
dennoch die Philosophen an dem die Warhcit gesagt, ob es schon den 
Thoren und Narren unmöglich zu scyn bedüncliet, daß ncmlich nur 
ein einiger Stein seye, eine einige Medicin, eine Anordnung, ein Werck, 
ein Gefäß, beydes den weissen und rothcn Schwefel zugleich, und auff 
«einmal zu machen." 

Derselbe (Ros. I, 6): „Dann es ist nur ein einiger Stein, eine einige 
Medicin, welchem nichts fremdes zugesetzt, auch nichts daran vermindert 
wird, ohne allein daß man das überflüssige davon absondert." 

- Hierin liegt die Idee der Reinigung oder Waschung; sie kehrt 
stets wieder. Arnaldus (Ros. 11,8): „Wenn Du nun die Ele= 
menten . . . geschieden hast, so wasche diesclbigen ab . . ." Die 
Idee des Waschens hängt mit jener der mechanischen Reinigung 
Zerreibung (Zerstückelung in der Parabolal), Zermahlung (Mühle) 
zusammen, sowie mit dem Bad und der Auflösung (Auflösung der 
beiden Brautleute), „Bad" heißt anderseits auch das umgebende 
Gefäß, Wasserbad. — Arnaldus (Ros. 1,9): „So ist derowegcn 
der wahre Anfang die Dissolution und Auflösung des Steins." 
Auch durch Feuer kann eine Auflösung geschehen; entweder die 
Schmelzung oder die der Zerreibung (contritio) ähnliche Ein= 
äscherung (calcinatio). Alles das sind Vorgänge, die den betreffenden 
Körper in seine reinste oder chemisch zugänglichste Form bringen. 

Arnaldus (Ros. I, 9): „Das Philosophische Werck ist, den Stein 
in seinen Mercurium dissolviren und aufflösen, damit er in seine primam 
Materiam [d.h. Urzustand, reinste Form] rcduciret und wiederbracht 
werde." 

Durch das Aufschließen der einigen Materia erhält man die 
zweierlei Dinge oder Samen, roten und weißen. 

Welches ist aber das „subjectum", das man diesen Behand= 
lungen unterziehen, die Materie, die man so bearbeiten muß? Ge= 
rade das ist es, was die Alchemisten am meisten verheimlichen. 
Sic geben der prima materta (Rohstoff) hunderterlei Namen, wovon 
jeder ein Rätsel ist. Man macht Andeutungen, will aber nicht zu 



i 



je 



I^w 



T 



2. ABSCHNITT /ALCHEMIE gj 

deutlich sein. Mur der Würdige soll den Schlüssel des ganzen 
Werkes finden. Den übrigen Prozeß könnte allenfalls verstehen, 
wer nur einmal die prinna matcria wüßte. Über sie und ihre Rätsel» 
namen wird viel geschrieben. Sie heißt (teils als Rohstoff, teils als 
Urstoff, teils als Urzustand usw.) u.a.: Lapis philosophicus, 
aqua vitae, vencnum, Spiritus, medicina, coelum, nubes, ros, umbra^ 
Stella signata & Lucifcr, Luna, aqua ardens, sponsa, coniux' 
mater, Eva: aus ihr werden dem König königliche Kinder geboren, 
virgo, lac virginis, menstruum, materia hermaphrodita catholica 
Solis & Lunae, Sputum Lunae, urina puerorum, faeces dissolutae, 
fimus, materia omnium formarum, Venus. 

Dem Psychanalytiker wird auffallen, daß die Urmateric mehr= 

mals mit Sekreten und Exkrementen identifiziert wird: Speichel, 

Milch, Kot, Menstruum, Urin. Das entspricht ganz den infantilen 

Zeugungstheorien sowie der Tatsache, daß diese Theorien leicht 

dort zum Vorschein kommen, wo die Phantasie in primitiver Tätig= 

keit Symbole schafft. Es ist auch zu vermerken, daß unzählige 

alchemistische Sudler, die die Werke der „Meister" nicht ver= 

standen, mit Stoffen arbeiteten wie Urin, Sperma, Speichel, Kot, 

Blut, Menstrualblut usw., wobei immer die dunkle Vorstellung des 

zeugungskräftigen Wesens dieser Dinge im Spiel war. Ich werde 

darüber beim Homunculus mehr sagen. Einstweilen möchte ich 

nur auf die enge Zusammengehörigkeit von Dreck und Gold in 

Mythos und FoIk«lore verweisen^). Es ist klar, daß für die Kunst 

der Goldbereitung diese mythologische Verwandtschaft von ße» 

lang ist. 

Zu den Tätigkeiten der Zerlegung der Materie, welche der Zu= 
sammensetzung oder dem Wiederaufbau vorangehen, gehört nebst 
der Waschung und Zerreibung auch die Putrefaktion oder Fäulung 
Ohne diese ist kein fruchtbringendes Werk möglich. Ich habe 
schon früher erwähnt, daß man sich dachte, das Sperma müsse 
faulen «rn^" befruchten. Das Samenkorn unterliegt in der Erde 
der Putrefaktion . Aber auch an die befruchtende Wirksamkeit 
des Dungers ist zu denken, will man die Assoziation Faulen - 
Zeugen genetisch recht verstehen. Putrefactio ist übrigens eine der 
Formen von Corruptio; und corruptio unius est generatio alterius. 

Arnaldus (Ros. I, 9): Wofern die Cörper nicht unleiblich oder 
flüchüg werden, also dass sie keine Cörper mehr [als solche also zerstört] 
seynd, ... so richtet ihr in eurem Werck nichts aus." 

Der rote Mann und das weiße Weib, auch roter Löwe und weiße 
Lilie und no ch mit vielen anderen Namen benannt, werden in einem 

^) Siehe rückwärts die Anmerkung B. 
silberer, Probleme der Mynik a 



82 



II. ANALYTISCHER TEIL 



/, 



I; 



Gefäß, dem philosophischen Ei, miteinander vereinigt und gekocht. 
Die gesamte Materie wird dabei alimähhch schwarz (und heißt 
Rabe oder Rabenhaupt), später weiB (Schwan); jetzt etwas stärkerer 
Hitze unterworfen, sublimiert sich die Substanz im Gefäß (der 
Schwan fhegt auf); bei weiterer Erhitzung tritt ein lebhaftes Farben» 
spiel auf (Pfauenschwanz oder Regenbogen), schließlich wird die 
Substanz rot, und das ist der Schluß der Hauptarbeit. Die rote 
Substanz ist der Stein der Weisen (auch unser König, roter Löwe, 
großes Elixier usw. genannt). Die Nacharbeit ist eine Nachbehand= 
lung, durch die der Stein noch gekräftigt, in seiner Wirksamkeit 
„multipliziert" wird. Dann ist er fähig, in der „Projektion" auf ein 
geringeres Metall riesige Mengen davon zu Gold zu tingieren^. 
Hätte man die Hauptarbeit in dem Grad der Weiße unterbrochen, 
statt die Röte zu erwarten, so besäße man den weißen Stein, 
das kleine Elixier, womit man die unedlen Metalle nur in Silber 
transmutieren kann. 

Wir haben soeben von der Hauptarbeit und der Nacharbeit ge= 
sprechen. Ich erwähne also der Vollständigkeit halber noch, daß 
die Zerreibung und Reinigung usw. der Materie, welche der Haupt= 
arbeit vorausgeht, die Vorarbeit genannt wird. Die Einteilung wird 
indes auch abweichend angegeben. 

Mit diesen Kenntnissen ausgerüstet, können wir uns nun daran 
wagen, die alchcmistischen Hieroglyphen in unserer Parabola auf« 
zusuchen. Ich muß den Leser bitten, sich die Hauptszcnen in Er= 

innerung zu bringen. 

Unter dem Wanderer haben wir uns einen Menschen vorzusteU 
Icn, der sich auf den Weg gemacht hat, um das Geheimnis des 
großen Werkes kennen zu lernen. Er gerät in den Wald der wi= 
dersprechenden Meinungen. Er ist tief in Irrtümer geraten, das 
Studium, obgleich beschwerlich, hält ihn aber fest; er kann nicht 
zurück (Absatz i). So verfolgt er denn seinen Zweck immer weiter 
(Absatz 2) und glaubt nun die richtigen Autoren gefunden zu haben 
(Absatz j), die ihn in das Kollegium der Weisheit einweihen könn= 
ten. Aber die Leute sind untereinander nicht einig. Auch ge= 
brauchen sie Bilderreden, die die eigentliche Lehre verdunkeln 
(Absatz 4) und die, der Praxis entgegengehalten, etwas Nichtiges 
sind. (Ich erwähne beiläufig, daß die großen Meister der her= 
metischen Kunst dem Leser einzuschärfen pflegen, er solle sich 
nicht an ihre Worte klammern, sondern die Dinge immer nach der 
Natur und ihren Möglichkeiten messen). Die Alten versprechen 
ihm wohl die Eröffnung wichtiger Lehren, wollen aber den An« 

*■) Im Stadium der Projektion wird die rote Tinktur durcii den Peliltaii 
versinnbildlicht. Warum, wird später erläutert werden. 






2. ABSCHNITT / ALCHEMIE 83 

fang des Werkes nicht mitteilen (Absatz 5 — 6, Vorbereitung zum 
Löwenkampf). Das ist eine ganz gelungene Charakteristik der 
hermetischen Literatur. 

Wir sind beim Kampf mit dem Löwen angelangt, der in einem 
Graben vor sich geht. Der Wanderer tötet den Lövx-en und ent= 
nimmt ihm rotes Blut und weiße Knochen, also Rot und Weiß. 
Rot und Weiß treten später als Rosen auf, dann als Mann und Weib. 

Ich setze nun einige Stellen aus verschiedenen alchemistischcn 
Büchern her. 

Höhler (Herrn. Phil., S. 91) führt — wahrscheinlich nach 
Michael Meiers „Septimana Philosophica" — an: Der grüne 
Löwe [ein häufiges Symbol für die Materie am Beginn] schließt die 
rauhen Samen ein; gelbe Haare schmücken sein Haupt [das Detail 
ist auch in der Parabola nicht vergessen], d. h. wenn die Projektion 
auf die Metalle geschehen wird, werden sie gelb, golden werden. 
[Grün ist die Farbe der Hoffnung, des Wachsens. Vorläufig ist 
nur das Haupt des Löwen goldig: seine Zukunft. Spater wird er 
ein roter Löwe — der Stein der Weisen, der König im Purpur= 
mantel sein. Vorher muß er allerdings getötet werden.) 

Der Löwe, der sterben muß, ist der Drache, den der Drachen= 
kämpfer tötet. So haben wir es in den mythologischen Vergiei= 
chungen gesehen. Die Psychanalyse zeigte uns ferner: Löwe = 
Drache = Vater ( — Eltern usw.). Es ist nun sehr interessant, daß 
die alchemistischc Symbolik ganz dieselben Gestalten füreinander 
einsetzt. Wir werden das noch öfters bemerken können, 

Bcrthelot zitiert (Orig. de l'Alch., S. 60) aus einem alten 
Manuskript: „Le dragon est le gardien du temple. Sacnfie=Ie, 
ecorche=le, separe la chair des os et tu trouveras ce que tu cherches." 

Dieser Drache ist, wie aus den alten Autoren erwiesen werden 
kann, auch die Schlange, die sich in den Schwanz beißt, die ander= 
seits auch wieder durch zwei Schlangen dargestellt wird. 

Flame] schreibt über ein hieroglyphisches Bild zweier Drachen 
(im 7. Kapitel seiner Auslegung d. hierogl. Fig.) u.a. das folgende: 
„Betrachte wohl diese beyde Drachen, denn dies sind die wahren An= 
fange der Philosophiae [Alchemiel, welche die Weisen ihren eigenen 
Kindern nicht haben zeigen dörfen . . . Der erste wird Sulphur genannt 
oder das Warme und Trockene. Das andere wird geheißen Quecksilber oder 
oder die Kälte und Feuchte. Diese sind die Sonne und der Mond . . . 
Diese sind Schlangen und Drachen, welche die alten Egypticr in Gestalt 
eines Cirkels gemahlet, da der Kopf in den Schwanz heilet, um dadurch 
zu lehren, daß sie von und aus einem Dinge [unserem Löwen!] ent= 
sprossen. — Diese sind die Drachen, so die Alten Poeten bestellet, ohne 
Schlafen die güldenen Aepfel im Garten der Hesperidischcn Jung= 
frauen zu bewahren. Diese sind diejenigen, über welche lason in seinem 

6" 



84 II. ANALYTISCHER TEIL 

Ebentheuer des güldenen Vlicsses die durch die schöne Medeam ihme 
zugerichtete Suppe geschüttet [vgl. meine Erläuterungen zum Motiv der 
Zerstückelung], von welchen Discursen die Bücher der Philosophen 
dergestalt angefüllet sind, dass kein einziger Philosophus jcmahls ge- 
wesen, von dem vwahrhaftigen Hermete Trismegisto, Orpheo, Pytha= 
gora, Artephio, Morieno und andern folgenden, biß auf mich zu rechnen, 
der nicht von diesen Dingen geschrieben hätte. Diese sind die beyden von 
Junonc {welche ist die Metallische Natur) herabgesandte Schlangen, die 
der starke Hercules (das ist der Weise in seiner SX/iegen) [unser Wanderer] 
erwürgen, das ist, überwinden und tödtcn soll, um dieselbige im Anfang 
seines Werks verfaulen, zerstören, und gebähren zu lassen. Diese sind 
die beyden Schlangen, welche um den Heroldsstab und Ruthc des Mer» 
curii fest gemachet sind . . . Derowegen, wann diese beyde, (welche 
Aviccnna die Hundin von Carasccne und den Hund von Armenien 
nennet) in dem Gefäß des todten Grabes zusammen gesetzet sind, so 
zerbeißen sie sich untereinander grausamlich. [Vergleiche den Streit 
der Drachenmänner bei lason, der Alten in der Parabola, aber auch das 
Umfangen der Brautleute und die mythologische Gleichung Rings 
kämpf = Drachenkampf == Gewinnen der Königstochter (=^ Inzest = 
Liebesumarmung bzw. Trennung der Ureltern usw.)] . . ." Eine Kor« 
ruption [Zerstörung] und Putrcfaktion muß stattfinden vor der Er= 
neuerung in besserer Gestalt. „Diese sind die beyden Männlich und 
Weibliche Saamcn, so ... in den Nieren und Eingeweiden . . . der vier 
Elementen selbst gezeugt sind." 

Den Drachen, der am Anfang des Werkes getötet wird, nennen 
die alten Alchemisten auch Osiris. Seiner Zerstückelung wurde 
bereits gedacht, ebenso seiner Beziehung zu Bleierzen. Flame! 
bezeichnet das Gefäß der alchcmistischen Operation ein „Grab". 
Olympiodor spricht in einem alchemistischen Werk vom Grab 
des Osiris. Nur das Antlitz des (offenbar wie eine Mumie eingea 
wickelten) Osiris sei sichtbar. In der Parabola ist nur das Haupt 
des Löwen golden. Das Haupt als das von der Tötung (Zerstückc= 
lung) Aufbewahrte steht wohl für das Zeugungsorgan. Der Phallos 
ist ja eigentlich das, was die zeugenden Materien (Samen) liefert. 
Der Phallos ist die Zukunft. Der Phallos wurde als Denkmal von 
der Isis gestiftet. 

Janus Lacinius gibt in seiner „Prctiosa Margarita" folgende 
Allegorie. In dem Palast sitzt der König mit dem Diadem ge= 
schmückt, das Szepter der ganzen Welt in der Hand. Vor ihm er= 
scheint sein Sohn mit fünf Dienern und fleht in fußfällig an, ihm 
und den Dienern die Herrschaft zu geben^). Da tötet der Sohn 

■') Der Autor packt die Sache von einem andern Ende an als die vorigen. 
Das Gold (König) wird von den übrigen sechs Metallen bestürmt, weil sie 
selbst Gold werden wollen. Der König wird getötet. Im Grunde handelt 
es sich aber doch wieder um dieselbe Sache wie oben. 



2. ABSCHNITT /ALCHEMIE 85 

im Zorn auf Anstiften der Gesellen den Vater auf dem Thron. 
In seinem Gewände sammelt er das Blut des Vaters. Es wird 
eine Grube [der Löwengraben, das „Grab"] gegraben, in die der 
Sohn den Vater hinabstoBen will, aber es fallen beide hinein, 
[Man vergleiche den gefährlichen Gang des Wanderers auf der 
Mauer, Absatz 8, wo Leute hinabfalien.] Der Sohn strengt sich 
an, wieder herauszukommen, abi.r es kommt einer, der es nicht ge«« 
stattet. [Symbolik der Hemmung, der verschlossenen Tür usw. 
in der Parabola. Das Grab geht unvermerkt über in das Gefä(}, 
wo die beiden Brautleute — bei Lacinius Vater und Sohn statt 
Mutter und Sohn — vereinigt und streng abgeschlossen werden.] 
Wann der ganze Körper gelöst ist, werden die Gebeine aus dem 
Grab herausgeworfen. Sic werden in neun Teile geteilt [Zer« 
Stückelung]; die gelöste Materie wird neun Tage lang über gelindem 
Feuer gekocht, bis die Schwärze erscheint. Wiederum wird neun 
Tage gekocht, bis das Wasser hell und rein wird. Die Schwärze 
wird mit ihrem Lebenswasser [in der Parabola ist das Mühlcnwasscr 
schwarz] neun Tage lang gekocht, bis die weiße Erde der Philo= 
sophen erscheint. Ein Engel wirft die Gebeine auf die gereinigte 
und geweifte Erde, weiche jetzt mit ihrem Samen vermischt wird. 
In einem stärkeren Feuer wird sie vom Wasser geschieden. Zua 
letzt wird die Erde der Gebeine rot wie Blut und Rubin. Da erhebt 
sich der König aus seinem Grab, voll der Gnade Gottes, ganz himm= 
lisch mit großer Gewalt, alle seine Diener zu Königen zu machen. 
Er setzt seinem Sohn und seinen Dienern goldne Kronen aufs 
Haupt. 

Als Träger von beiderlei Samen, männlich und weiblich, ist der 
Löwe androgyn. In der Tat wird auch sonst das Subjectum (d. h. 
die erste Materie) als zwiespältig, zwiegeschlechtig aufgefaßt. 
Man nennt es mit solchen Namen, die beide Sexus andeuten; es 
heißt auch „Hermaphrodit". Es wird als „Rebis" (res bina) dara 
gestellt, als ein Mensch mit einem männlichen und einem weib= 
liehen Kopf, stehend auf einem Drachen: aus dem überwundenen 
Drachen (Löwen) geht das Doppelte hervor. Die Materia heißt 
auch Mercurius; sein Stab trägt die zwei antagonistischen Schlangen, 
auf die Flame] hinweist. In der Parabola kommt dann noch ein 
Hermaphrodit vor: das Wesen (Absatz 8), von dem der Wanderer 
nicht weiß, ob es ein Mann oder ein Weib ist. Es ist die Materia 
des Ursprungs: Mercurius, ?, „unser Hermaphrodit". 

Im Absatz 9 der Parabola und auch später treten Rot und Weiß 
als Rosen auf. Die weiße und die rote Tinktur werden alchemistisch 
oft verglichen mit weißen und roten Rosen. 

Im Absatz 9 kommt der Wanderer zu jenen Häusern, wo einzeln 

\ 



86 H. ANALYTISCHER TEIL 

oder zu zvjcGit Leute arbeiten. Sie arbeiten „sudelhaft". Die alchec 
mistischen Patzer werden von den Meistern der Kunst häufig 
„Sudler" und „Sudelköche" genannt. Das sind die, die nicht nach 
der „Möglichkeit der Natur" arbeiten, die doch der Prüfstein alles 
richtigen Schaffens sein soll. 

Der Garten (Absatz lo — ii) ist einer der „Rosengärten", die 
z. B. der Alchemist Michael Meier gern erwähnt. 

Es macht Schwierigkeiten, die roten Jünglinge mit den weißen 
Mädchen zu vereinigen. Eine Mauer trennt sie. Der Wanderer 
beseitigt das Hindernis, indem er eine Tür aufschließt. Das mag 
ein chemisches Aufschließen besagen, durch welches die Körper 
einander chemisch näher gebracht werden. 

Der Wanderer kommt {Absatz ii) zur Mühle. Die Mühle bec 
deutet natürlich die schon besprochene Zerreibung der Materia. 
Sie hat aber auch Beziehung zur Fermentation, und zwar durch 
Vermittlung des Mehls. 

Rulandus (Lex., S. ziif., Schlagwort Fermentum): „Ferment ist 
Elixir, Sawrteig, Dcyssen, Hefel, oder Urheb, wie mans nennet, macht 
das corpus lück, daß auffgchei, vnnd der spiritus Platz findet, damit es 
zum backen geschickt werde: Wie nun das Meel kein Hefel ist, sonder 
das Meel vnd Wasser [Mühlenwasser!] vnd der gantze Teig wirdt durch» 
säwert, vnd eidel Hefel, also ist auch allhie der lapis sclbs das ferment, 
doch wirdt Gold vnd Mercurius auch ferment gcncnnct." 

Es beginnt nun das Hauptwerk — Verehelichung, Gefängnis, 
Umarmung, Conceptio, Gebarung, Verklärung — dem der Rest 
der Parabola gewidmet ist. 

Das Gefängnis ist das philosophische Ei. Man nennt es auch; 
„Athanor, ein Sieb, Misthauffen, Marien Bad, einen Brenn=Ofen, 
runde Kugel, grünen Löwen, Gcfängniß, Grab, Brunz=KacheI, 
Phiol und Cucurbit." Es ist „gleich als der Bauch und die Bär= 
mutter, die wahre natürliche Warme (um unsern jungen Könige 
das Leben zu geben) in sich begreiffend". Die Wärme, die man 
anwendet, soll zuerst gelind sein, „wie nach dem Winter"; später 
kräftiger, wie die Sonne im Frühjahr, im Sommer. IVgl. die Jahresi 
Zeiten in unserer Parabola.] (Fiamel, S. joff.) 

Daustenius (Ros. VII): „- . . Und dieses Dinges kann ein Exempel 
seyn der Frauen Bauch, welche, wenn sie empfangen hat, so wird alsbald 
die Mutter verschlossen ..." 

Derselbe (Ros. VII): „. . . Dcrowegen, wann du sie (das weiße 
Weib und den roten Mann) in ihr Gefäß geleget hast, so verschließe es 
aufs fleißigste . . ." [Siegel Hermetis.] 

Derselbe (Ros. VIII): „. . . Derowegen so du die Materien recht 
und fein einrichten, und dein Werk wohl regieren wirst, und Bluts= 



11 



2. ABSCHNITT/ ALCHEMIE 87 

Freunde mit ihren Bluts» Freunden gebührender Maassen verehelichen../' 
[Inzest.] 

Derselbe (Ros. VII): „So ist nun dieses unsere Solution, daß du 
den Gabricum mit der Beja vermählest: Welcher, wann er bey er Beja 
schläffct, stirbct er alsbald und wird in ihre Natur verwandelt... 
Und wiewohl die Beja ein Weib ist, so verbessert sie doch den Gabricum, 
darum, weil ervonihrist herkommen." [Tod des Bräutigam=Sohncs. 
Es sei daran erinnert, daß alle Metalle oder alle Stoffe überhaupt — also 
auch das O — aus der „Mutter", der Urmateric 5 herkommen.] 

In einer „Visio" von Daustenius soll der König in seiner Mutter 
Leib zurückgehen, um frisch gezeugt zu werden. Der König geht „in 
seine Schlafkammer, und unversehens wird er von großer Begierde des 
Beyschlaffens entzündet, und schiäffet alsbald ein, und hat gelegen bey 
einer überaus schönen Jungfrauen, welche eine Tochter war seiner 
Mutter". [Abgeschwächter Mutterinzest.] Später heiljt es in der Visio: 
„Das Weib aber verschloß ihren Mann, als eine Mutter, gar fleißig in 
das Innerste ihres Leibes." 

Die im Gefäß verschlossenen Körper zergehen und werden zum 
Teil flüchtig. Die Dämpfe („Seele") kehren aber in die Leiber 
zurück. Da geschieht die Conccptio. 

Daustenius {Ros. IX): „. . . Daher sind luftige Geister geworden, 
so miteinander in die Luft gestiegen, und daselbst das Leben empfangen 
haben, so ihnen von ihrer Feuchtigkeit ist eingeblasen worden, wie der 
Mensch von der Luft das Leben hat, darum er sich vermehret . . . Denn 
das Leben aller natürlichen Dinge bestehet vom Einblasen der Luft." 

Das Erteilen von Leben durch ein Einblascn von Luft spielt 
im Mythos eine große Rolle. Auch kommen insbesondere Bea 
fruchtungen durch Luft und Wind häufig genug vor. Es ist eine 
primitive ßefruchtungstheorie, die man auch im Vorstellungskreis 
der Kinder findet. 

Kindern scheint namentlich die Idee des Einblasens von Luft 
in den Anus eine natürliche Sexuaitheorie zu sein. Mir sind mehrere 
Fälle bekannt, wo diese Praktik mit entschiedener erotischer Be« 
tonung unter der Maske des „Doktor=Spielens" vorgenommen 
wurde. Ein Kind äußerte sich einmal darüber, was Papa und Mama 
tun, wenn sie allein sind: sie tun ihre nackten Popos aneinander 
und blasen sich gegenseitig Luft ein. 

Eine andere infantile Theorie erklärt die Befruchtung durch das 
Verschlucken eines Gegenstandes. In Mythen und Märchen 
kommt dieses Motiv außerordentlich häufig vor. Dem Verschlucken 
als conceptio entspricht als partus: defaccatio. Beiläufig bemerkt, 
gehen ja wirklich die Körper im philosophischen Ei in eine fau= 
Icnde, stinkende schwarze Masse über, die von manchen Autoren 
ausdrücklich ,,Mist" genannt wird, Dazu kommt als „Wasser" der 



88 II. ANALYTISCHER TEIL 

Urin. Die Prima matcria heißt auch „urina". Im philosophischen 
Ei verschlingt das weiße Weib den roten Mann. Menschenfresscr= 
motiv — vgl. Stucken. 

„Liber Apocal. Hcrmetis" {zitiert bei Höhler, S. loyf.): 
„. . . Darumb so haben die Philosophen diese Zarte reine Jungfrau 
dem Gabrico vermehlet (sie!), damit sie Frucht zeugeten, und da 
sie Gabricus beschlaffen, ist er gestorben. Die Bcga Id. i. die 
weiße Jungfrau] hat ihn von wegen grosser Lieb verschlucket 
und verzehret." 

Nun zur intrauterinen Ernährung des Foetus mit dem Lebens» 
Wasser: 

Daustenius (Ros. VI.): „. . . die Frucht im Leibe wird alleine 
ernähret von der Mutter Blut." Derselbe (Ros. X.): 

„Ohn Saamen keine Frucht dir jemahls kan aufgehen, 
Zuvor der Saam erstirbt, dann wirst du Früchte sehen. 
Im Magen wird die Speiß' gekochet sanftiglich, 
Daraus hernach das best' die Glieder ziehn zu sich. 
Wenn auch der Saame ist in Muttcr=Leib gegossen. 
Alsdann die Mutter bleibt fein sanfte zugeschlossen. 
Das Menstruum der Frucht zur Nahrung mangelt nicht. 
Bis sie zu rechter Zeit kommt an des Tages Licht." 

Später heißt es (ibidem XI) „. . . lege ihr den Sohn an, daß sie 
ihn säuge." [Das Wasser des Lebens ist also auch die Milch.] 

Der neue König ist geboren, und nun erscheinen er und die 
Gemahlin in immer köstlicheren Gewändern (Absatz 18 der Pa= 
rabola). Durch Gewandwechsel wurde der Farbenwechsel der 
Materie ausgedrückt (ähnlich wie: Pfaucnschwanz, Regenbogen). 
Das Fortschreiten geht von schwarz über grau zu weiß, gelb, rot, 
purpur. 

Mit Purpur ist die Vollendung erreicht. Der Wanderer schil=* 
dert zum Schluß die Tugenden des Steins der Weisen. Wir haben 
das große Elixier bereits mit dem Soma zusammengebracht. In dem 
alten alchemistischen Buch, das den Namen des persischen Magiers 
Osthanes {Berthelot, Orig., p. 52) trägt, heilt das göttliche 
Wasser alle Krankheiten. Wasser des Lebens = Lebenselixier. 



Mancher Leser ist vielleicht nur mit Kopfschütteln die psycho 
analytische Auslegung der Parabola durchgegangen. Die krasse 
Entwicklung der Sexualität und des Oedipus=Komplexcs mag ihm 
unwahrscheinlich erschienen sein. Die alchcmistischc Hierogly^ 
phik hat nun in unerwarteter Weise bewiesen, daß all die überra= 
sehenden Dinge nicht am Ende von der Psychanalyse in die Parabola 



Mja^MBfirii 'iT-- -■•"■■•■" 



z. ABSCHN ITT / ALCHEM IE 89 

hineinkomponiert, sondern richtig herausgelesen worden sind (wenn 
auch der Gehalt der Parabola damit noch lange nicht erschöpft ist). 
Was anfangs als kühne Vermutung erscheinen mochte, wie der 
Vatermord, der Muttcrlnzest, die Auffassung des roten Blutes und 
der weißen Knochen als Mann und Weib, die Fäkalien als Zeugungs» 
Stoff, das Gefängnis als Uterus : all das hat sich als beliebtes Bild= 
werk bei den alchemistischen Autoren erwiesen. 

Die Alchemistcn verweilen gern bei den Vorgängen der Zeugung 
und bei infantilen Sexualtheorien. Das tiefe Interesse, das sie diesen 
Dingen entgegenbringen, und ohne welches sie gewiß nicht so gerne 
in ihrer Hieroglyphik damit operieren würden; die Bedeutung, 
welche diese Dinge haben mußten, um für würdig erachtet zu werden, 
die Vorgänge des großen Meisterstückes zu illustrieren; und — 
die Bedeutung, die sie schließlich (in irgendeiner Form) im Gc= 
fühlsleben jedes Menschen haben : all das laßt begreiflich erscheinen, 
daß sich dieser eine Zweig der phantasiereichen Spekulationen, die 
wir kennen gelernt haben, zur selbständigen Behandlung empfahl. 
Wirklich fand so eine Abspaltung statt; die Zeugung wurde zum 
selbständigen Problem für Alchemisten. Doch die Jünger der Kunst 
lernten ja von der Natur, um ihre Kunst die Werke der Natur nach» 
ahmen, ja verbessern zu lassen; was wunder, wenn sich manche 
von ihnen auf die künstliche Erzeugung des Menschen legten? 
Ist doch der Glaube an die Gencratio aequivoca noch nicht so lang 
erloschen; mußte es nicht angesichts der vermeintlichen Tatsache, 
daß man Insekten aus der Erde, Würmer aus Mist usw. sich ent^ 
wickeln sah, irgendwie möglich sein, durch besonders künstliches 
Eingreifen auch höhere Lebewesen aus leblosem Stoffe entstehen 
zu machen? Und so ganz leblos war ja schließlich keiner von allen 
Stoffen; wuchsen und vermehrten sich doch sogar die „beseelten" 
Metalle. Kurzum, es ist, wenn man die Sache etwas näher betrachtet, 
gar nicht so absonderUch, daß es zu ernsten Bestrebungen kam, 
den Homunculus zu erzeugen. 

Gewöhnlich wird Paracelsus als Autor der Idee bezeichnet, 
die meines Erachtens für die nicht ganz kritischen Geister in der 
Luft liegen mußte. Betreffs der Rolle, die Paracelsus dabei spielte, 
kann man verschiedener Ansicht sein. Die Anleitung, die er zu der 
Herstellung des Homunculus gibt, befindet sich in einem Werk 
(De Natura Rerum), dessen Autorschaft vielleicht nicht feststeht. 
Und, gesetzt, Paracelsus wäre der Verfasser, so ist zu erwägen, 
ob er hier nicht dem fragelustigen Freunde, dem das Werk gewidmet 
ist, bloß ein Kuriosen=Ragout vorlegt, aus dem bunten Schatz, 
den er auf seinen Reisen, unter fahrendem Volk, bei Gott und der 
Welt gesammelt. Wir müssen die Dinge nehmen, wie sie liegen; 



^^.-J,^. — ;^ 



QO II. ANALYTISCHER TEIL 

die Untersuchung, ob Paracelsus oder nicht, wäre müßig. Genug, 
ein Buch ist da, von irgendeinem Verfasser, der das Werk beschreibt, 
und so beschreibt, wie es die naive Gelehrtheit ganz folgerichtig 
hat ima^iniercn können. Die Idee als solche ist uns ja schon 
begreiflich erschienen. Ihre Form in dem erwähnten Buch zeigt 
sich durch alchemistische Vorstellungen deutlich determiniert. Der 
Leser wird dies sogleich selbst wahrnehmen, denn ich gebe hier 
einige Stellen der Schrift wieder. (Vgl. die Straßb. FoIio=Ausg. 
des Paracelsus, I. Bd., S. 881 — 884.) Die Würdigung der Homun« 
culus= Bereitung erscheint mir deshalb wichtig, weil sie einen Haupte 
inhalt des alchemistischen Ideengewebes in vergrößertem Ausbau 
und vollendeter Ausprägung zeigt; einen Inhalt, der übrigens una 
gefähr das bietet, wonach die Psychanalysc hier suchen könnte. 

Paracelsus geht davon aus, daß die Putrefaktion alle Dinge in 
ihre erste Gestalt transmutiere und der Anfang der Generation und 
Vervielfältigung sei. Die spagirische Kunst ^) vermöge Menschen 
und Monstra zu erzeugen. Ein solches Ungeheuer ist der Basilisk. 
„Der Basiliscus wächst vnd wird geboren auß vnd von der grösten 
vnrcinigkeit der Weyber / nemlich auß den Menstruis vnd auß 
dem Blut spcrmatis, so dasselbig in ein Glaß vnd Cucurbit 
gcthan / in ucntre equino putreficirt / in solcher putrefaca 
tion der Basiliscus geboren wirdt. VX^er istnun so keck vnd frewdig/ 
dcnselbigcn zu machen / oder auß zu nemmen / oder widerumb zu 
tödten / der sich nicht zuvor mit Spiegeln bekleidet vnd bewaret? 
ich rahts niemandts / sonder will hiemit menniglich gewarnet 
haben*) . . . Nun ist aber auch die Generation der Homunculis 
in keinen weg zuvergessen. Dann etwas ist daran; wiewol solches 
bißher in grosser Heimligkeit vnd gar verborgen ist gehalten wor« 
den / vnnd nicht ein kleiner zweyffel vnd frag vndcr etlichen der 
Alten Philosophis gewesen / ob auch der Natur vnnd Kunst 
müglich sey / dass ein Mensch ausserthalben wcybiichs Leibs vnd 
einer natürlichen Mutter möge geboren werden? Darauff gib ich 
die antwort / daß es der Kunst Spagyrica vnnd der Natur in 
keinem weg zu wider / sonder gar wol müglich sey; wie aber solches 
Zugang vnd geschehen möge / ist nun sein Proceß also: Nemlich 
daß der Sperma eines Manns / in verschlossenen Cucurbiten 
per se, m it der höchsten Putrefaction ventre equino^) putreficirt 

^) Einer der Namen für Alcbemie. Von onäv (scheiden) und äysiQttv 
(vereinigen), 

*) Von dem Basilisken ist damals viel gefabelt worden. Auch der Glaube 
war verbreitet, dieses schreckliche Tier entstehe aus einem Hahncnei. Hierin 
liegt abermals die Vorstellung der unnatürlichen Zeugung. 

^) Ventcr equinus metonymisch für fimus equinus. Pferdemist oder 
Dünger war ein leicht zu beschaffendes Material, das dazu diente, ein Gefäß, 



2. ABSCHNITT /ALCHEMIE 91 

werde auff 40. Tag / oder so lang biß er lebendig werde / vnd 
sich beweg / vnd rege / welchs leichtlich zu sehen ist. Nach solcher 
zeit wirdt es etlicher massen einem Menschen gleich sehen / doch 
durchsichtig / ohn ein Corpus. So er nun nach diesem / tcglich 
mit dem Arcano sanguinis humani^) gar weißlich gespeiset 
vnd ernehret wirdt / biß auff 40. Wochen / vnnd in stäter gleicher 
Wcrme ventris equini erhalten: wirdt ein recht lebendig Mensch= 
lieh Kind darauß / mit allen Gliedmassen / wie ein ander Kind / 
das von einem Weyb geboren wirdt / doch vil kleiner: dassclbig 
wir ein Homunculum nennen / vnnd soll hernach nicht anders 
ais ein anders Kind mit grossem fleiß vnd sorg aufferzogen werden / 
biß es zu seinen Tagen vnd Verstand kompt. Das ist nun der aller 
höchsten vnd grossesten Heimligkeiten eine / die Gott den tödtlichen 
vnd sündigen Menschen hatt wissen lassen. Dann es ist ein Mirackel 
vnd Magnalc Dei, vnd ein Geheimnuß vber alle Gcheimnuss: 
soll auch billich ein Geheimnuß bleiben / biß zu den aller letzten 
Zeitten / da dann nichts verborgen wirt bleiben / sondern alles 
offenbaret werden. 

„Vnd wiewol solches biß anher dem natürlichen Menschen ist 
verborgen gewesen / ist es doch den Syluestris vnnd den Nym= 
phen vnnd Riesen nicht verborgen / sondern vor langen Zeiten 
offenbar gewesen / daher sie auch kommen. Dann auß solchen 
Homunculis, so sie zum mannUchem Alter kommen / werden '■;. 

Riesen / Zwerglen / vnd andere dergleichen grosse Wunderleuht==) 
die zu einem grossen Werckzeug vnd Instrument gebraucht wers 
den / die grossen gewaltigen Sieg wider jhre Feind haben / vnd alle 
heimliche vnd verborgene ding wissen / die allen Menschen 
sonst nicht müglich seyn zu wissen. Dann durch Kunst vber= 
kommen sie jhr Leben / durch Kunst vberkommen sie Leib / 
Fleisch / Bein vnnd Blut / durch Kunst werden sie geboren: dar« 
umb so Wirt jhncn die Kunst eyngeleybt vnd angeboren / vnd 
dörffen es von niemandts Ichrnen / sondern man muß von jhnen 
lehrnen : dann von der Kunst scind sie da / vnd auffgewachsen / 
wie ein Rosen oder Blumen im Garten / vnnd werden der Syl= 
vcstcrn vnd Nymphen Kinder gehcissen / darumb daß sie mit 
ihren Kräfften vund Thaten / nicht Menschen / sondern sich 

das man darein versenkte, in gleichmä(^iger, gelinder „feuchter" Wärme zu 
erhalten. Fimus cquinus hei^t dann schließlich die gelinde „feuchte Wärme" 
überhaupt, gleichviel, durch welches Mittel erzeugt. Im vorliegenden Fall 
darf freilich die engere Bedeutung des tierischen Venter oder Fimus nicht 
übersehen werden. Hier hat ja dieser Venter mit seiner feuchten Wärme als 
Ersatz eines Uterus zu fungieren. 

^) Das Wasser des Lebens, das den Foetus ernährt. 

') Ähnlich wie 1. Mose VI, 4. 



-'^-=^^— -f a-:-,- 



92 n. ANALYTISCHER TEIL 

Gcystern vergleichen." [Es ist charakteristisch, daß Paraceisus an=. 
schließend unvermittelt auf die Erzeugung der Metalle übergehtj 

In der Beschreibung der Generation des Homunculus hat sich 
wieder die Wichtigkeit der faulenden Stoffe gezeigt. Die der in=< 
trauterinen Ernährung entsprechende Speisung mit einem Ma= 
gisterium aus Blut {Wasser des Lebens) ist wohl verständlich. Wir 
wollen uns merken, daß aus den Homunculis Riesen und Zwerge 
und wunderbare Wesen werden. 

Nicht wenig Bedeutung für das Zustandekommen der Homun» 
culus= Praktiken scheint die Idee von der Palingenesie zu haben. 
Man stellte sich vor, daß ein getötetes Lebewesen wieder hergestellt 
werden könne {wenigstens als rauchartiges Bild), wenn man alle 
seine Teile sorgfältig sammle, zerkleinere und die Masse in einem 
Gefäß mit dem richtigen Feuer behandle. Dann erscheine nach 
einiger 2eit gleich einer Rauchwolke das zarte Bild des früheren 
Wesens (Pflanze, Vogel, Mensch). Die Wolke verschwinde wieder, 
wenn man die Erwärmung unterbreche. Es sei ferner möglich, 
wenn auch schwieriger, über dieses bloße Schattenbild hinaus^ 
zugehen und das frühere Wesen in seiner ganzen Leiblichkeit 
aus der Asche wieder erstehen zu lassen. In den diesbezüglichen 
Vorschriften spielt nun auch der Pferdemist oder eine sonstige 
faulende Substanz ziemlich regelmäßig eine wichtige Rolle. Manche 
Autoren fabeln von allerlei wunderbaren Proben, die sie selbst ge» 
macht hätten. So erzählt einer, er habe einen Vogel zu Aschen ver* 
brannt und wieder erstehen lassen, ein anderer will aus dem ver« 
wesenden Leichnam eines Kindes dessen Schattenbild in der Re» 
torte dargestellt haben usw. Man sieht hier eigentlich das mythische 
Motiv von der Zerstückelung und der Wiederbelebung in einer 
naiven Praxis sich ausdrücken. Sehr beachtenswert ist, daß diese 
Praxis dieselben Züge trägt wie die mythische Vorstellung: Es 
müssen alle Bestandteile des in kleine Teile Zerstückelten 
sorgfältig zusammengetan werden, sie werden in ein Gefäß ein« 
geschlossen und werden (häufig) gekocht. 

Das menschliche Kind als Ergebnis einer Kochprozedur oder 
sonst eines Vorgangs in einem Gefäß ist in primitiven Mythen 
nicht selten. Ich möchte eine ZuIu=Mythe (Frobenius, Zeitalt. 
d. Sonneng, I., S. 257) erwähnen: einer bis dahin unfruchtbaren 
Frau wird gesagt, sie solle einen Blutstropfen in einem Topf auf» 
fangen, dann den Topf verschließen und auf acht Monate bei= 
seitestcllen ; im neunten Monat solle sie ihn öffnen. Die Frau tut, 
wie man ihr geraten, und findet in dem Topf ein Kind. Der Bluts« 
tropfen aber stammt — notabene — aus ihr selbst. Die vielen Wal- 
fisch d räch enmythen (Frobenius), wo es im Innern des Walfisches 



2. ABSCHNITT / ALCHEMIE 93 

sehr heiß ist, gehören motivisch hieher. Aus dem Walfischbauch 
kommt ja der gleichsam ausgebackenc junge {Sonnen=)Held'). 
Interessant ist, daß die Idee des Menschenkochens in einem genau 
analysierten Fall von Dementia praecox sehr ausgeprägt vorkommt. 
{Spielrein im Jb. ps. F., 111, S. ^jSff.) In den stark regressiven 
Phantasien der Kranken werden Bruchstücke von allerlei Dingen ge= 
kocht oder verbrannt; und „die Asche kann zum Menschen >x'erden". 

Eine sehr interessante Variante der infantilen Theorie der Er« 
Zeugung des Lebenden im Miste findet man in dem Buch „De 
Homunculis et Monstris" (Bd. U, S, Z78ff. der Straßburgcr Aus= 
gäbe der Werke des Paracelsus). Es vc-ird dort behauptet, daß 
durch Sodomie, womit Päderastie, genauer: coitus in anum (und 
auch in os) gemeint ist, eine monströse Zeugung möglich sei. 

Wie der Alchemie überhaupt, haben sich Schwindler auch der 
Homunculus=Bereitung bemächtigt. Ihr Geschäft stützte sich auf 
die großen Vorteile, die man sich von dem Besitz eines Homunculus 
versprach und die denjenigen des Alrauns gleichwertig sind. Der 
Alraun leistete der Entwicklung der Homunculus= Idee und «Praxis 
gewiß Vorschub. Es läßt sich zeigen, daß auch ihm zum Teil 
Zeugungsgeheimnisse zugrunde zu liegen scheinen. 

Nicht von der Hand zu weisen ist die Möglichkeit, daß so 
mancher „Sudler" durch irrige Auslegung der in den alchemisti= 
sehen Schriften angewendeten Zeugungssymbolik zur Herstellung 
des Homunculus verleitet wurde. Er brauchte bloß in seiner ße= 
schränktheit ein oder die andere Anleitung ad iitteram zu nehmen. 
Auf diese Art sind ja wirklich die lächerlichsten Mißgriffe geschehen. 
Weil von einem philosophischen Ei die Rede war, nahm man Eier 
als Subjectum. Weil von einer spermatischen Masse die Rede war 
und von Samen, nahm man an, die prima materia sei der mensch» 
liehe Samen; so entstand die Schule der Seminalisten. Und weil 
von dem Subjectum geschrieben stand, daß es überall zu finden sei, 
wo Menschen wohnen, und daß es ein geringes, verachtetes Ding 
sei, das man, seinen Wert nicht kennend, wegwerfe; und weil man 
von der Putrefaktion nun einmal so viel hielt: vermeinte man im 
menschlichen Kot die rechte Materie zu finden, und so bildete 
sich die Schule der Stcrkoristen. Von dem Glauben an die Heil= 
und Wunderkraft des Kotes zeugt übrigens die berühmte „Dreck» 
apotheke", die in nicht geringem Ansehen stand. 

Das Thema „Homunculus" ist überaus interessant; leider kann 
ich mich im Rahmen dieses Buches nicht eingehender damit be= 
schäftigen. Ich werde es an anderem Orte tun. 

*) Der übrigens aucli liäufig im Walfisciidraclicnbauch sich Nahrung 
verschafft. Nutritio. Herz=Motiv bei Frobenius. 



y 



94 , 11. ANALYTISCHER TEIL 



3. ABSCHNITT / DIE HERMETISCHE KUNST 

Jedem, der sich eingehend mit der alchemistischen Literatur 
befaßt, muß der religiöse Ernst auffallen, der in den Schriften 
namentlich der bedeutenderen Autoren obwaltet. Jene „Meister", 
Vielehe bei den Jüngern der hermetischen Kunst die höchste Ach= 
tung genießen, haben eine gewisse großzügige Art, die sich von der 
detaillierten Beschreibung chemischer Laborantenarbeit fernhält 
und — wenngleich ohne von der alchemistischen Kunstsprache aha 
zuweichen — sichtlich irgendwelchen Themen zustrebt, die weit 
bedeutender sind als es jemals die Herstellung eines chemischen 
Präparates sein kann, und wäre dieses auch eine Tinktur, mit der 
man Blei zu Gold tingiert. Diese nach höheren, edleren Dingen 
ausblickenden Autoren, deren schlichte Sprache oft recht ans Ges 
müt greift, machen selber den Leser gern aufmerksam darauf, daß 
sie mit den „Sudelköchen", die in chemischen Küchen ihre Töpfe 
brodeln lassen, nichts gemein haben wollen und daß das Gold, von 
dem sie schreiben, nicht das Gold der Menge ist; nicht das feile 
Gold, das man für Geld eintauschen kann. Kaum anders klingen 
ihre Reden, als ob sie sagten: „Unser Gold ist nicht von dieser 
Welt." ja sie gebrauchen Redewendungen, die diesen Sinn mit 
vollendeter Deutlichkeit erkennen lassen. Die Autoren dieses Schlaa 
ges werden nicht müde, den Jüngern der Kunst einzuschärfen, daß 
der Glaube, das Bibelwort, die Frömmigkeit die wichtigsten Rc= 
quisita^) für den alchemistischen Prozeß seien. 

Wer die Augen offen hat, bedarf eigentlich nicht erst so deut= 
lieber Winke, um bei der Lektüre zu erkennen, daß es sich in den 
sogenannten „alchemistischen" Anleitungen nicht immer bloß um 
ein chemisches Werk drehen kann. Eine schwache Notion des Um= 
Standes, daß die alchemistischen Theorien schon in ihrem Beginn 
mit kosmogonischen und religiösen Ideen vermengt waren, muß 
eigentlich — so sollte man meinen — genügen, ja sogar überflüssig 
sein, um zu erkennen, daß z. B. in der berühmten Smaragdtafcl des 
Hermes^), einem ehrwürdigen Grundpfeiler der Alchemie, etwas 
mehr enthalten sein muß als ein chemisches Rezept. Die Sprache 
der Smaragdtafel gehört zwar notorisch zu dem Dunkelsten, was 
die hermetische Literatur hervorgebracht hat; es stehen da keine 
deutlichen Hinweise auf Glauben oder Frömmigkeit; und dennoch, 

^) Bei den „Sudlern" war es nämlich eine Kapitalfrage, wie viele und 
was für Ofen, Retorten, Kessel, Tiegel, Erze, Feuerungsmittel usw., kurz, 
welche „requisita" man zu dem großen Werk brauche. 

*) Ihr wahrer Verfasser ist unbekannt. 



7. ABSCHNITT / DIE HERMETISCHE KUNST 



95 



meine ich, wird ein unbefangener Leser, der nicht von vornherein 
eine chemische Anleitung erwartet, wenigstens dem Gefühle nach 
etwas von Philosophie oder Theologie darin empfinden: 

[i.l Verum, sine mendacio, certum et verissimum: [2.] Quod 
est inferius est sicut quod est superius, et quod est superius est 
sicut quod est inferius, ad pcrpetranda (auch : penetranda, praepa= 
randa) miracula rei unius. [?.] Et sicut res omnes fuerunt ab uno, 
meditatione unius: sie omnes res natae fuerunt ab hac una re, adap= 
tatione (adoptione). [4.I Pater ejus est Soi, matcr ejus est Luna. 
[5.1 Portavit illud ventus in ventre suo. [6.] Nutrix ejus terra est. 
[7.] Pater omnis Telesmi totius mundi est hie. [8.] Virtus ejus 
integra est, si versa fuerit in terram. [9.] Scparabis terram ab igne, 
subtile a spisso, suaviter, magno cum ingenio. [lo.] Ascendit a terra 
in coelum, iterumquc descendit in terram, et recipit vim superiorum 
et inferiorum. [ii-l Sic habebis Gloriam totius mundi. Ideo fugiet 
a te omnis obscuritas. Haec est totius fortitudinis fortitudo fortis, 
quia vincet omnem rem subtilem, omnemque solidam (solidum) 
penetrabit. [iz.] Sic mundus creatus est. [13.] Hinc erunt adaptaa 
tiones mirabiles, quarum modus est hie. [14. 1 Itaque vocatus sum 
Hermes Trismegistus, habens tres partes philosophiae totius mundi. 
[15.] Completum est quod dixi de operatione Solis. 

Übersetzung:: 1. Es ist wahr, ohne Liig:e und ganz ffewiß: 2. Das 
Untere ist wie das Obere, und das Obere ist wie das Untere, zur VolU 
bringung (Durchdringung) der Wunderwerke eines Dinges. 3. Und so 
wie alle Dinge von Einem und seinem Gedanken kommen, so sind sie 
alle aus diesem einen Dinge durch Anncigung (Einsetzung usw.) ent« 
standen. 4. Der Vater dieses Dinges ist die Sonne, seine Mutter der 
Mond. y. Der Wind hat es in seinem Bauche getragen. 6. Die Erde hat 
es ernährt. 7. Es ist die Ursache aller Vollendung in der Welt. 8. Seine 
Kraft ist voll, wenn es zur Erde wird. 9. Scheide die Erde vom Feuer, 
das Feine vom Groben, sanft und gar verständig. 10. Es steigt von der 
Erde zum Himmel und wieder herab zur Erde und empfängt die Kraft 
des Oberen und des Unteren. 1 1 . So hast du die Glorie der ganzen Welt. 
Und alles Dunkel wird von dir weichen. Es ist die Stärke aller Stärke, 
denn es überwältigt alles Feine, durchdringt alles Grobe. 12. So ist die 
Welt erschaffen worden. 13. Daher werden wunderbare Anpassungen 
(Anneigungen, Anwendungen) sein, deren Weise hierin liegt (oder: 
deren Vorbild jenes ist). 14. Darum werde ich Hermes der dreimal 
Größte genannt, der die drei Teile alles Wissens besitzt, ly. Vollendet 
st, was ich vom Werk der Sonne gesagt. 

Sonne und Gold sind in der hieroglyphischen Ausdrucksweisc 
der Alchemisten identisch. Wer nur das Chemische suchte, mußte 
also lesen: das Werk des Goldes, der Goldbereitung; und so haben 
denn auch Tausende, haben Millionen gelesen. Das eine Wort« 



96 II. ANALYTISCHER TEIL 

eben: „Gold" genügte, um Gemüter ohne Zahl für alles blind zu 
machen, was außer dem Goldrezept in der Tabula Smaragdina 
stecken mochte. Freilich gab es auch alchemistische Meister, die 
sich von dem „Gold" nicht b.cndcn ließen und die Rede der Tabula 
Smaragdina kongenial weiterführten; das waren eben die vor= 
erwähnten großzügigen Männer. Die gierige Menge der Sudler 
aber fiel pünktlich auf das „Gold" (der Smaragdtafel und anderer 
Schriften) hinein und hatte Sinn für nichts andres. Den modernen 
Historikern der Alchemie erging es lange Zeit ebenso. 

Die Tatsache, daß den hermetischen Arbeiten die heutige che= 
mische Wissenschaft entsprossen ist als der einzige, gegenwärtig 
klar sichtbare und greifbare Ast dieses nebelhaften Erkenntnis» 
baumes, brachte es mit sich, daß man, rückschauend, einen falschen 
Eindruck gewann. Chemische Fachmänner forschten in der her=> 
metischen Kunst und fingen sich in den Schlingen ihrer Hiero= 
glyphik ganz genau so, wie vor ihnen die verblendeten Goldsucher. 
Die hermetische Kunst {oder Alchemie im weitern Sinn) ist nicht 
erschöpfend definiert mit Goldmacherci oder auch nur mit pnmi= 
tiver Chemie. Für uns, die wir von den philosophischen Voraus^ 
Setzungen der Alchemie wissen, ist es am Ende nicht erstaunlich, 
daß neben der chemisch=handwerkhchen auch die philosophisch^, 
religiöse Seite Fortbildung und Pflege erfuhr; ich meine aber, daß 
dieses historische Wissen gar nicht notwendig wäre, um aus der reli= 
giösen Sprache mancher Meister der hermetischen Kunst ihre 
frommen Absichten zu erraten. Diese kindlich naive Logik war in= 
des den geschichtlich forschenden Chemikern verwehrt; ihre Fach= 
gelehrsamkeit behinderte sie. Es liegt mir sehr ferne, die Verdienste 
die sich ein Chevreul oder ein Kopp um die Geschichte der Chemie 
erworben hat, im geringsten schmälern zu wollen; was ich hervor» 
'heben möchte, ist bloß, daß die ehrenwerten Väter der chemischen 
Geschichte von der Alchemie bloß das „Inferius" und nicht das 
„superius" sahen — um mit der Tabula Smaragdina zu reden; und 
daß sie damit für das allgemeine Urteil dermaßen vorbildlich wirk^ 
ten, daß es erst einer besonderen Entdeckergabe bedurfte, um den 
zugeschütteten Bronnen wieder frei zu machen. 

Ich könnte jetzt ausführen, daß die Dichter glücklicher gewesen 
sind als die Gelehrten. So Wiciand, der z. B. in der „Musarion" 
{2. Buch) den Theophron sagen läßt: 

„. . . Das Schöne kann allein 

Der Gegenstand von unsrer Liebe sein: 

Die große Kunst ist nur, vom Stoff es abzuscheiden. 



■j. ABSCHNITT / DIE HERMETISCHE KUNST 97 

Ihr [der Seele] tut nichts Sterbliches genus:. 

Ja, Göjtterlust kann einen Durst nicht schwächen, 

Den nur die Quelle stillt. So, meine Freunde, wird, 

Was andre Sterbliche, aus Mangel 

Der höhern Scheidekunst, gleich einer Flieg' am Angel 

Zu süßem Untergange kirrt. 

So wird er für den ächten Weisen 

Ein Flügelpferd zu übcrird'schcn Reisen." 

Aber die Dichter pflegen ja nur gleich nisweise zu sprechen. So will 
ich's bei diesem einen Beispiel bewenden lassen. 

Das Verdienst, den über das Chemische und Physikalische hin= 
ausgehenden Gehalt der Alchemle wiedergefunden zu haben, gc 
bührt wohl dem Amerikaner Ethan Allen Hitchcock, der seine 
Ansichten über die Alchemisten in dem Buch „Remarks upon 
Alchemy and the Alchcmists" niederlegte, das 1857 in Boston er= 
schien. Und der Franzose N. Landur, Berichterstatter der wissen» 
schaftlichen Zeitschrift „L'Institut", schrieb 1868 im gleichen 
Sinne ^), ich weiß nicht, ob mit Kenntnis des amerikanischen Werkes. 
Die Bemerkungen Landurs führt Kopp {Alch. II, S. 192) an, 
weiß aber ihren Wert nicht zu würdigen. Es kann ihn deshalb, wie 
gesagt, kein Vorwurf treffen ; er ging eben als chemischer Fachmann 
an eine Arbeit, die ebensogut einen Psychologen, einen Philosophen 
und einen Theologen erfordert hätte. 

Die Entdeckungen, zu welchen der tiefsinnige Hitchcock gea 
langte, sind für unsere Analyse so wichtig, daß ihre ausführliche 
Entwickelung nicht umgangen werden kann. Ich würde einfach auf 
Hitchcocks Buch verweisen, wenn es nicht so viel wie unaufo 
findbar wäre. 

Wir haben gehört, daß die größte KÜppe für die Uneingeweihten 
in der hermetischen Kunst darin lag, das richtige Subjectum, die 
prima matcria, ausfindig zu machen. Die Autoren nannten sie mit 
hundert Namen; und die goldsuchenden Laboranten wurden denn 
auch hundertfach in die Irre geführt. Hitchcock liefert uns in 
einem einzigen Wort den Schlüssel zum Verständnis der her« 
metischen Meister, wenn er sagt : Das Subjectum ist — der Mensch. 
Man kann sich auch eines Wortspiels bedienen und sagen : das Sub^ 
jcctum ist das Subjekt. 

Der Unkundige liest bei manchen Alchemisten mit Staunen, daß 
„unser Subjectum", also die zu bearbeitende Materie, auch identisch 
sei mit dem Gefäß, dem Destillierkolben, dem philosophischen 
Ei usw. Das wird nun leicht verständlich. Hitchcock schreibt 
(HA, S. 117) sehr hübsch: „. . . Die Arbeit der Alchemisten war 

^) In dem Organ „L'Instilut", Ire Scction, T. XXXVI, p. 273f. 
Silbertr, ProWerae der Mystik 7 



98 11. ANALYTISCHER TEIL 

keine Verrichtung der Hände, sondern Kontemplation. Der al» 
chemlstische Alembicus, Ofen, Destillierkolben usw., worin das 
Werk der Fermentation, Destillation, Extraction von Essenzen und 
Geistern und die Präparation von Salzen vor sich geht, das ist der 
Mensch, — du, freundlicher Leser, du selbst bist es; wenn du 
dich in Arbeit nehmen, gutherzig und ehrlich sein willst und dabei 
keiner anderen Autorität gehorchest als der Wahrheit, so mag es dir 
leicht passieren, daß du unvermerkt etwas von der hermetischen 
Philosophie entdeckest; und wenn du auch am Beginn vielleicht ein 
wenig Zittern und Zagen verspüren magst, das Ende der Arbeit 
wird dir einen Frieden bringen, der diese überreich bezahlt." 

Der Alchcmist Alipili {HA, S. 34) schreibt: „Die höchste 
Weisheit für den Menschen ist die, sich selbst zu kennen, denn in 
ihn hat Gott sein ewiges Wort gelegt . . . Wer in die Tiefen der 
Natur eindringen will, lerne also zuerst wissen, was er selber sei, 
ohne in fremden Materien außerhalb seiner selbst zu suchen; durch 
die götthche Kraft, die in ihm liegt, heile er sich vor allem selber 
und transmutiere seine eigene Seele . . . Wenn du das, was du 
suchest, in dir nicht findest, wirst du es auch außer dir nicht finden. 
Wenn du die Vortrefflich keit deines eigenen Hauses nicht kennest, 
was streichst und suchest du nach der Vortrefflichkeit fremder 
Dinge? Der gesamte Kreis der Welt schließt nicht so große Gc= 
hcimnisse und Wunderdinge ein wie ein kleiner Mensch, von Gott 
nach seinem Bild beschaffen. Und wer zuvorderst sein will unter 
den Forschern der Natur, der wird nirgend ein größeres oder 
besseres Feld für sein Studieren finden als sich selbst. Darum will 
ich dem Beispiel der alten Ägypter folgen . . ., und aus gewisser Er= 
fahrung sprechend, dir dies ans Herz legen : Mensch, erkenne dich 
selbst; in dir ist verborgen der Schatz der Schätze." Ein Seminalist 
hätte hieraus geschlossen, die prima materia sei das Sperma; ein 
Sterkorist: der Kot. 

George Ripley beschreibt das Subjectum des Steins der 
Weisen so: 

».For as of one mass was made the thing, 

Right so must it In our praxis be, 

All our Secrets of one Image must spring: 

In Philosophers' books therefore who wishes may see, 

Ouv Stone is called the !ess=world, one and three. " 

Der Stein ist also die kleine Welt, der Mikrokosmos, der Mensch. 
One: eine Einheit; three: 2 Mercurius, -^ Sulphur, Q Sal oder 
Geist, Seele, Leib. Auch die Zweiteilung kommt oft vor: Mer- 
curius und Sulphur, was dann zumeist als Seele und Leib wieder» 
gegeben werden kann. Ein Autor sagt: „Man muß solche Minc= 



7- ABSCHNITT/ DIE HERMETISCHE KUNST 99 

ralia wählen, welche aus einem lebenden Mercurius und einem 
lebenden Sulphur bestehen; bearbeite sie sanft'), nicht mit Hast und 
Übereilung." 

Hitchcock (HA, S. 42): Das „eine" Ding der Alchemisten 
ist zunächst der Mensch seiner Natur nach [as a Nature]; essentiell 
und substantiell eines; — wenn aber die Autoren den Menschen 
seiner Erscheinung nach nehmen, so bezeichnen sie ihn mit ver= 
schicdcnen Namen, je nach den verschiedenen Zuständen vor und 
nach seiner „Purifikation"; oder sie meinen speziell den Körper, 
die Seele, den Geist, wofür sie verschiedne Namen gebrauchen. 
Manchmal sprechen sie von dem ganzen Menschen als Mercus 
rius . . . und wenden dann für etwas Besonderes wieder die Bczeich» 
nung „unser Mercurius" an, wofür es abermals eine ganze Menge 
andrer Ausdrücke gibt . . . Obgleich die Menschen verschiedene 
Anlagen und Temperamente haben, obgleich einige englisch, andere 
teuflisch sind, bestehen die Alchemisten mit St. Paulus darauf, daß 
die Menschen aller Völker eines Blutes seien; das heißt einer Natur. 
Und just dasjenige in den Menschen, wodurch sie einer Natur 
sind, das ist's, woran die Alchemie arbeitet, um es zum Leben und 
zur Aktivität zu bringen ; das ist's, was die Menschheit zu einem 
Bruderbund machen würde, wenn es universell in Wirksamkeit 
träte. 

Die Alchemisten sagen, daß eine Hauptschwierigkeit zu Anfang 
des Werkes die Entdeckung oder Beschaffung ihres unumgänglich 
notwendigen Mercurs sei, den sie auch den grünen Löwen, Mer^ 
curius animatus, die Schlange, den Drachen, scharfes Wasser, 
Essig usw. nennen. 

Dieser geheimnisvolle, entwicklungsfähige Mercur nun, der in 
den Menschen steckt, allen gemeinsam, nur ungleich heraus« 
gearbeitet, was ist er? Hitchcock antwortet: das Gewissen. Das 
Gewissen ist nicht bei allen Menschen gleich „rein", und nicht 
gleich ausgebildet; die Schwierigkeit der „Entdeckung", von der 
die Alchemisten erzählen, das ist die Schwierigkeit, es in der Brust 
des Menschen zu erregen, um es zu verbessern, zu erziehen. Der 
springende Punkt bei der Erziehung von Menschen ist ja eigentlich 
der; in ihrem Busen einen dauernden, permanenten Sinn für das 
absolut Rechte und den beständigen Vorsatz zur Befolgung dieses 
Sinnes zu erwecken. Es ist allerdings eines der schwierigsten Dinge in 
der Welt, „to take a man in what is called his natural state, St. Paul's 
natural man, after he has been for years in the indulgcncc of all 
of his passions, having a view to the world, to honors, pleasures, 
wealth, and make him sensible of the mere abstract claims of right, 
^ '■) Vgl, Tabula Smaragdina 9; „. . . suaviter . . ," 



\ 



100 II. ANALYTISCHER TEIL 

and willing to relinquish one singic passion in deference to it". 
Gewiß ist das die eine große Aufgabe der Erzieher; ist sie voll= 
bracht, so ist das Verbesserungswerk leicht und kann schicklich so 
geheißen werden, wie die Hermetiker die späteren Phasen ihres 
Werkes gerne nennen: ein bloßes Kinderspiel (HA, S. 44ff.). 

Niemand ist so mißtrauisch und so empfindlich wie diejenigen, 
deren eigenes Gewissen nicht empfindlich genug ist. Solche Leute, 
die selbst im Irrtum wandeln, sind wie Stachelschweine; es wird 
einem schwer gemacht, sich ihnen zu nähern; die Alchemisten 
haben für derlei Menschen passende Namen, wie Arsenik, Vipern 
usw.; und doch suchen sie in allen diesen Substanzen, wie auch im 
Antimon, im Blei und in tausend anderen Stoffen nach einem gec 
wissen Mercur, der ebensovicle Namen hat, als es Substanzen gibt, 
in denen er gefunden wird: Ol, Essig, Honig, Wermut usw. Bei 
aller Vielnamigkcit ist der Mercur aber doch ein einziges, unver« 
änderliches Ding. Es wird auch ein unverbrennlicher Sulphur go 
heißen, denn wessen Gewissen einmal richtig erweckt ist, der hat 
in seiner Brust ein immerwährendes Feuer brennen, das alles ver» 
zehrt, was seiner Natur zuwider ist. Dieses Feuer, das wie „Gift" 
brennen kann, ist eine gewaltige „Medizin", die einzig rechte, für 
eine (moralisch) kranke Seele. 

Das Gewissen im Rohzustand wird von den Alchemisten häufig 
als „gemeines Quecksilber" bezeichnet, zum Unterschied von 
„unser Quecksilber". Das erste in den Stand des zweiten zu ver= 
setzen, und nach den Erfordernissen der Natur, nicht gewaltsam: 
das ist der eine große Zweck, den die Hermetiker verfolgen. Dies 
erste Ziel ist die Voraussetzung zur weitern Arbeit. Wohin diese 
führt, könnte man mit dem einen Wort: „Gott" angeben. Und hier 
möchte schon der „circulare", kreisförmige Charakter des ganzen 
hermetischen Werkes auffallen, da doch der zur Vorarbeit, zur Reis 
nigung, notwendige himmlische Mercur selbst ein Geschenk Gottes 
ist; der Anfang hängt also vom Ende ab, setzt dieses voraus. Das 
Bild der prima materia ist nicht umsonst eine Schlange, die den 
Schwanz im Maule hat. Ich kann indes vorläufig auf das Problem, 
das hier auftaucht, nicht näher eingehen; nur mit einem Wort sei 
angedeutet, daß das Ende dem Anfang als ein Ideal vorschweben 
kann. 

Was soll mit dem entdeckten Himmelsboten Mcrcurius, dem 
Gewissen, geschehen? Einige Alchemisten geben die Anleitung, in 
den Mercur, als in eine Erde, Gold zu säen, „philosophisches Gold", 
das auch „Venus" — die Liebe! — genannt wird. Oft bewährt sich 
als der beste Kommentar der hermetischen Schriften das Neue 
Testament. Im ersten Korintherbricf III, gü. steht: „. . . Ihr seid 



i'j.m -.»«-■1.1. 



7. ABSCHNITT /DIE HERMETISCHE KUNST 101 

Gottes Ackerwerk und Gottes Gebäu. Ich nach Gottes Gnade, 
die mir gegeben ist, habe den Grund gelegt, als ein vweiser Bau= 
meister; ein andrer bauet darauf. Ein jeglicher aber sehe zu, »wie 
er darauf baue. Einen andern Grund kann niemand legen außer 
dem, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christ. So aber jemand auf 
diesen Grund bauet Gold, Silber, edle Steine, Holz, Heu, Stoppeln, 
So wird eines jeglichen Werk offenbar werden; . . .denn es wird 
durchs Feuer offenbar werden, und welcherlei eines jeglichen 
Werk sei, wird das Feuer bewähren." — Und Galater, VI, yii.: 
„. . . Denn, was der Mensch säet, das wird er ernten. Wer auf 
sein Fleisch säet, der wird von dem Fleisch das Verderben ernten. 
Wer aber auf den Geist säet, der wird von dem Geist das ewige 
Leben ernten. Lasset uns aber Gutes tun, und nicht müde werden; 
denn zu seiner Zeit werden wir auch ernten ohne Aufhören." Der 
Geist, auf den da gesäet wird, ist eben der ^ Mercurius; und das 
Gold, das aufgehen wird, soll sich im Feuer bewähren. 

Die Alchemisten sprechen von den Menschen sehr häufig als 
von Metallen. Bevor ich einiges aus des Johann Isaak Hollandus 
Werk über das Blei anführe, erinnere ich daran, daß das Blei, t?, 
den Namen des Saturn trägt. Die Schrift des Hollandus könnte 
ebensogut eine Abhandlung über den Menschen heißen, wie über 
das Blei. Zum besseren Verständnis sei noch hinzugefügt, daß 
unter Blei, dem weichen, dunklen Metall, in besonderem Zu= 
sammenhang der Mensch im Stadium der Demut oder Ergebung 
verstanden werden muß. 

Der Herausgeber der englischen Übersetzung des J. I. HoU 
landus, welche 1670 datiert ist, spricht den Leser also an: 

„Geneigter Leser, — Die Philosophen haben viel von ihrem 
Blei geschrieben, das, wie Basilius gelehrt hat, aus dem Antimon 
bereitet wird; und ich bin der Meinung, daß dieses Saturnine 
Werk des vortrefflichen Philosophen, Herrn Johann Isaak Hollan= 
dus, nicht zu verstehen ist von dem gemeinen Blei, . . . sondern von 
dem Blei der Philosophen . . /' Und bei dem Hollandus selbst 
heißt es; 

,,Im Namen Gottes. Amen. — Mein Kind wisse, daß der Stein, 
genannt der Stein der Philosophen, aus dem Saturn kommt. Und 
wisse, mein Kind, als eine Wahrheit, daß in dem ganzen vegetabi= 
lischen Werk [vegetabilisch wegen der Symbolik des Säens und 
Wachsens] kein höheres noch größeres Geheimnis ist als im Saturn. 
[Vgl. die früher zitierte Stelle aus Alipili.] Denn wir finden selbst 
im [gemeinen] Gold nicht die Vollkommenheit, die im Saturn zu 
finden ist, denn innerlich ist er gutes Gold. Darin stimmen alle 
Philosophen übercin; und es ist nur notwendig, daß du zuerst alles 



■■ 



102 II. ANALYTISCHER TEIL 

entfernest was darin überflüssig ist; dann, daß du das Innere nach 
aubcn wendest, welches die Röte ist: dann wird es gutes Gold sein 
I / xv!"^ bemerkt, daß Hollandus dasselbe meint, wie lesaias 
1, 16: Waschet, reiniget euch, tut euer böses Wesen von meinen 
Augen usw.] Gold kann aus nichts so leicht gemacht werden wie 
aus baturn; denn Saturn läßt sich leicht schmelzen und wieder fest 
machen, und sein Mercur ist leicht herauszuziehen. [Das heißt also 
daß sich nach der Tilgung der Superfluitäten oder Hindernisse in 
dem bildsamen ßlei=Mcnschen das Gewissen leicht entwickelt ] Und 
so dieses Quecksilber, aus dem Saturn gewonnen, purificiert und 
subhmiert wird, wie man Quecksilber zu sublimieren pflegt, sage 
ich dir, mem Kind, daß dieses Quecksilber ebenso gut ist wi'e dL 
Quecksilber^ das aus dem Gold gezogen wird, in allen Operationen 
ni.enn hegt nach HA eine Anspielung darauf, daß essentiell alle 

wohnt 1 """" ' '" '"'" '^'^ ^"^ ^""^^^ '""^" ' 

„Alle die seltsamen Parabeln, in denen die Philosophen mystisch j 

von einem Stein, emem Mond, einem Ofen, einem Gefäß geredet : 

r±i ^ aV'^ ^''"T ^'^.^- '"^^ ^'' ''' ^°- 1^-nschen ge= 
[hm IhT" * d^rf^tni'^hts Fremdes hinzutun, außer, was aus 

n cht das Werk unternehmen und ausführen könnte; denn Luna 
^T "* ^"^Saturn gemacht werden, in kurzer Zeit [Luna, 
Silber, steht hier für : gereinigtes Affektleben], und bald darauf kann 
daraus Sei bereitet werden. [Sol mag hier den Intellekt bedeuten" 
der in emen Stand großrer Klarheit kommt, wenn die Affekte puri= 
z^ert werden.] m Saturn ist ein vollkommenes Quecksilber; 

aUe Farben der Welt smd darin. [Das will sagen, daß in gewissem 

alle RM -^ " ^U-r'T '"" ^'"^^^^" ''^^' ^"d daß aus ihm 
a e Rligionen, Philosophien und Fabeln, alle Poesie, alle Künste, 
alle Wissenschaften ihren Ursprung nehmen ]" 

mJ^IiV^'^'W "^^"^/"^^«"is^h^n Essig [Gewissen] kann kein 

Metall [Mensch] weiß [innerlich rein] gemacht werden . . . Dieses 

Wasser ist eine Art Mittelsubstanz, klar wie fein Silber, welche die 

Tmcturen [Wesen] von Sol und Luna [kurz, wenn auch ungenau 

wiederzugeben durch: Seele und Leib], bekommen soll, also daß 

sie congehert und verwandelt werden in eine weiße und lebendige 

Erde, üzeses Wasser verlangt nach den vollkommenen Körpern 

aut daü es nach ihrer Dissoiution congeliert, figiert und coaguliert 

werde m eine weiße Erde. [Die erste Stufe ist die Reinigung, Auf. 

Josung, die anderwärts auch als Kalzination usw. aufgefaßt wird- 

SIC geschieht durch das Gewissen, unter dessen Einwirkung der 

harte Mensch weich gemacht, zum Fließen gebracht wird.] 



3- ABSCHNITT / DIE HERMETISCHE KUNST 103 

„Aber ihre [sc. der Alchemisten] Solution ist auch ihre Coagu» 
lation: beides liegt in einer Operation, denn das eine wird solviert, 
das andre congeliert. Kein andres Wasser vermag die Körper auf= 
zulösen, als dasjenige, >x'elches in ihnen wohnt. Gold und Silber 
[Sol und Luna von vorhinl müssen in unsrem Wasser exaitieret 
werden . . ., welches Wasser genannt wird das Mittel der Seele, 
und ohne welches nichts ausgerichtet wird in unserer Kunst. Es 
ist ein vegetabiles, mineralisches und animalisches Feuer, das die 
figiertcn Geister von Sol und Luna conserviert, ihre Körper zcr= 
stört und überwindet; denn es vernichtet, kehret um und verwandelt 
Körper und metallische Formen, indem es macht, daß sie keine 
Körper, sondern ein fixer Geist seien." 

„Das Argentum vivum ist . . . die Substanz von Sol und Luna, 
oder Silber und Gold, verwandelt von Niedrigkeit zu Adel. 

„. . . Es ist ein lebendiges Wasser, das die Erde befeuchtet, auf 
daß sie viel Frucht hervorbringe zur rechten Zeit . . . Dieses aqua 
vitae oder Lebenswasser . . . macht den Körper weiß und verwan= 
delt ihn in eine weiße Farbe . . . 

i „Wie kostbar und was für ein großes Ding ist doch dieses Wasser ! 
Denn ohne es kann die Arbeit weder verrichtet noch vollendet 
werden; es heißt auch vas naturae, der Mutterleib, der Schoß, das 
Behältnis der Tinctur, die Erde, die Amme. Es ist der königliche 
Quellbrunn, in dem der König und die Königin [0 und D) baden; 
und die Mutter, die in den Schoß ihres Kindes getan und darin ver= 
siegelt werden muß; und dieses ist Sol selbst, der aus ihr entsprang, 
und den sie gezeugt hat; und darum liebten sie einander als Mutter 
und Sohn, und sind miteinander vereinigt, weil sie von einer Wurzel 
stammen und von gleicher Substanz und Natur sind. Und dieweil 
dieses Wasser das Wasser ist des vegetabilen Lebens, macht es, daß 
die toten Körper vegetieren, wachsen und sprießen und vom Tod 
zum Leben emporsteigen, dadurch daß sie zuerst dissolviert und 
dann sublimiert werden. Und wenn dies geschieht, wird der Körper 
in einen Geist verwandelt und hernach der Geist in einen Kör* 
per . . . 

„Unser Stein bestehet aus einem Leib, einer Seele und einem 
Geist. 

„So ist denn offenbar, daß diese Zusammensetzung nicht eine 
Arbeit der Hände ist, sondern eine Veränderung der Wesen; sinte= 
mal die Natur sich selber auflöset und zusammenfüget und sich 
erhöhet und weiß wird, so sie gereinigt worden von den faecibus 
[diese facces sind natürlich dasselbe, was der Hollandus als das 
„überflüssige" bezeichnet] . . . Unser Erz oder Letten muß dann 
durch die Grade des Feuers steigen, aber aus eigenem Antrieb, frei 



104 II. ANALYTISCHER TEIL 

und ohne Gewalt. Wenn es aber hoch emporsteigt, wird es in der 
Luft oder dem Geist geboren und wird in einen Geist verwandelt- 
es wird ein mit Leben begabtes Leben. Und durch eine solche 
Operation wird der Körper zu einem subtilen Wesen, und der Geist 
wird dem Körper einverleibt und mit ihm in eins gebracht; und 
mit einer solchen Sublimation, Conjunction und Aufsteigung wird 
das Ganze, Leib und Geist weiß gemacht." 

Zur Erläuterung mögen einige Bibelstellen dienen: 

Hol. II, 11 : „In welchem ihr auch beschnitten seid mit der Be- 
schneidung ohne Hände, durch Ablcgung des sündlichen Leibes im 
neisch, nämlich mit der Beschneidung Christi." 

Psalm LI, 9: „. , .Wasche mich, daß ich schneeweiß werde." 

I. Kor. VI, ii:„..,abcrihrseid abgewaschen, ihr seid gcheiliset 
Ihr seid gerecht worden durch den Namen des Herrn Jesu . . ." 

Rom. VIII, 15: „Denn wo ihr nach dem Fleisch lebet, so* werdet ihr 
sterben müssen; wo ihr aber durch den Geist des Fleisches Ge- 
schäfte tötet, so werdet ihr leben." 

Job. IV, 14: „Wer aber des Wassers trinken wird, das ich ihm gebe 
den wird ewiglich nicht dürsten; sondern das Wasser, das ich ihm geben 
werde, das wird in ihm ein Brunnen des Wassers (2) werden 

das in das ewige Leben quillet." {In IV, 10 heißt es „lebendiges Was- 
ser .) 

Joh. XII, 24f : „. . , Es sei denn, daß das Weizenkorn in die Erde 
falle, und ersterbe*), so bleibt's allein; wo es aber crstirbet, so bringet's 
viele Prüchte. Wer sein Leben lieb hat, der wird's verlieren; und wer 
sein Leben auf dieser Welt hasset, der wird's erhalten zum ewigen 
Leben." 

Rom. VI, yf: „So wir aber samt ihm gepflanzet werden zu 
gleichem Tode, so werden wir nach seiner Auferstehung gleich sein, 
Dicweil wir wissen daß unser alter Mensch samt ihm gekreuziget 
[ich muß hier erwähnen, daß die Hieroglyphe für Essig >ii ist], auf daß 
der sündliche Leib aufhöre . , ." 

I. Kor. XV, 42ff.: „. . . Es wird gesäet verweslich, und wird auf- 
erstehen unverweslich. Es wird gesäet in Unehre, und wird auf= 
erstehen in Herrlichkeit ... Es wird gesäet ein natürlicher Leib, 
und wird auferstehen ein geistlicher Leib... Der erste Mensch, 
Adam, ,ward zu einer lebendigen Seele'; und der letzte Adam zum 
Geist, der da lebendig macht... Wir werden alle verwandelt 
werden . . . Dies Verwcsliche muß anziehen die Unverweslichkeit, und 
dies Sterbliche muß anziehen die Unsterblichkeit." 

1. Kor. XV, 4of.: „Und es sind himmlische Körper und irdische 
Körper.. . Eine andre Klarheit hat die Sonne, eine andre Klarheit 
hat der Mond..." 

Ephes. II, I4ff.: „Denn er ist unser Friede, der aus beiden Eines 
hat gemach t, und hat abgebrochen d?n Zaun, der dezwigchen war, in 
*) Putrcfactio, 






I 



5. ABSCHNITT / DIE HERMETISCHE KUNST 105 

dem, daß er durch sein Fleisch wegnahm die Feindschaft, Nämlich das G&= i 

setz, so in Geboten gestellt war, auf daß er aus aweien Einen neuen ' 

Menschen in ihm selber schüfe, und Frieden machet«, und daß er beide 

vcrsöhnete mit Gott in Einem Leibe durch das Kreuz, und hat die 

Feindschaft getötet durch sich selbst." — ' 

Wenn man die beiden Contraria, die vereinigt werden sollen, nach 
dem Vorgang der hermetischen Philosophen mit O und D (Sonne und 
Mond, Gold und Silber usw.) bezeichnet und sie verbunden darstellt, ' 

mit dem Kreuz + dabei, so erhält man §» mithin 5, das Zeichen des ^ 

Mcrcurius. Dieses Ideogramm birgt auch den Begriff: Ostern. Alle 
diese Ideen sind bekanntlich nicht erst mit dem Christentum auf die 
Welt gekommen. 

2. Kor. V, 1 : „Wir wissen aber, so unser irdisch Haus dieser Hütte 
zerbrochen wird, daß wir einen Bau haben, von Gott erbauet, ein 
Haus, nicht mit Händen gemacht, das ewig ist, im Himmel." j 

Joh. VII, 78: „Wer an mich glaubet — von des Leibe werden i 

Ströme des lebendigen Wassers fließen." ■ 

Ich erwähne gleich hier, daß die hermetischen Philosophen nicht 
spekulative Theologie trieben, sondern daß sie, wie aus ihren Schrif» i 

ten deutlich hervorgeht, den Inhalt der religiösen Lehre sich zum 
Erlebnis werden ließen; das war ihre Arbeit, eine Arbeit der My= ! 

stik. Alles, was der Leser in den obigen Schriftstellen vielleicht 
als bloß zum jenseitigen Leben gehörig aufzufassen geneigt ist, ! 

suchten sie als Mystiker schon auf Erden in sich darzustellen — 
unbeschadet der Hoffnung auch auf ein jenseitiges Leben. Ich ver= ' 

mute, daß sie deshalb von zwei „Steinen" reden, von einem himmc 
lischen und von einem irdischen. Der himmlische Stein ist die . 

ewige Seligkeit, ist (sovweit die christliche Vorstcllungswclt in Bc= ' 

tracht kommt) Christus, der dem Menschen zu dieser verholfcn '^ 

hat. Der irdische Stein ist der mystische Christus, den jeder 
Einzelne in sich kreuzigen und auferstehen lassen kann, womit er > 

ein Himmelreich auf Erden erlangt mit jenen Eigenschaften, wie 
sie dem Stein der Weisen allegorisch beigelegt werden. Darum heißt 
auch der irdische Stein ein Abbild des himmlischen. Und darum 
heißt es auch, daß aus Blei usw. leicht und „in kurzer Zeit" der 
Stein herzustellen sei, d. i. nicht erst nach dem Tode. 

Der Anempfehlung des „sputum lunae" oder „Sperma astrale", 
„Sternenschleim"^), kurz eines Ausflusses aus der Lichtwelt ober 
uns, als erster Materie für das Werk unserer Erleuchtung scheint, 
allerdings in primitiver Symbolik, ein religiöser Gehalt innezuwoh= 

^) In manchen alchemistischcn Anleitungen wird derlei empfohlen. 
Mißverstand führte dazu, einer sogenannten „Sternschnuppen Substanz" 
nachzujagen. Was man fand und für Stcrncnschleim hielt, war eine gallert- 
artige Pflanjc, 






106 n. ANALYTISCHER TEIL 

ncn, genau so wie dieser Stelle Joh. IX, 5ff.; „Dicweil ich bin in 
der Welt, bin ich das Licht der Welt. Da er [Jesus] solches gc= 
saget, spützte er auf die Erde, und machte einen Kot aus dem 
Speichel, und schmierte den Kot auf des Blinden Augen, 
Und sprach zu ihm: Gehe hin zu dem Teich Siloah, {das ist \terdoI= 
metscht: gesandt) und wasche dich. Da ging er hin, und wusch 
sich, und kam sehend." Die Übertragung einer Tugend durch 
Aufnahme eines Sekrets ist eine recht häufige primitive Vorstellung. 

Wie Michael Maier (Symbola Aureae Mcnsae, Lib. XI) be= 
richtet, faßte Melchior Cibincnsis, ein ungarischer Priester, die 
Geheimnisse der verborgenen Kunst unter der heiligen Gestalt 
der Messe. Denn da dem philosophischen Stein gleichsam Geburt 
Leben, Erhöhung, Leiden im Feuer und dann Tod in schwarzer 
und finsterer Farbe, endlich Auferstehung und Leben in roter und 
vollkommenster Farbe zugesprochen wurde, verglich er seine Be= 
reitung mit dem Werke der Erlösung der Menschen {also den 
„irdischen Stein" mit dem „himmlischen Stein"), nämlich mit der 
Geburt, dem Leben, dem Leiden, dem Tod und der Auferstehung 
Christi {Höhler, Herm. PhiL, S. 156). Die Bereitung des irdi= 
sehen Steines ist sozusagen die Nachfolge Christi. . 

Von Eirenäus Philaletha glaubt Hitchcock (HA, S. 145), ;:^ 

er habe an einer Stelle seiner Schriften deutlich auf die zwei gedankt 
liehen Prozesse; Analysis und Synthesis angespielt, die zum gleichen 
Ende führen. „Die Einheit durch Sol suchen, heißt, wie ich's auU 
fasse, den Intellekt auf die Idee der Einheit anwenden, bei einer 
Analysis, die in den Teilen endigt; im Mercur — was hier im 
weiten Sinn als Natur gesetzt ist — studieren, heißt synthetisch vor= 
gehen und durch Zusammenfügung der Teile zur Idee der Einheit 
vordringen. Beides führt zur selben Sache, wenn auch gleichsam 
von entgegengesetzten Extremen ausgehend; denn die Analysis 
irgendeines Dinges muß, vollständig durchgeführt, in den Teilen 
endigen, während die Teile, bei synthetischer Rekonstruktion, 
wieder die Einheit ergeben müssen. Einer von den zwei Wegen 
wird von Eirenäus eine herculische Arbeit genannt; ich denke, es 
ist der zweite, die Rekonstruktion der Einheit durch Wiedcrverbin» 
düng der Teile, was in Ansehung der Natur wirklich ein hercu= 
lisches Beginnen ist. Die hoffnungsvollere Methode ist die durch 
Meditation usw. 

.^^„Manche Autoren fordern uns auf, einen der zwei Körper in 
den Alembicus zu setzen, d. i. soviel als; nimm die Seele in die 
Arbeit und richte das Feuer (des Intellekts) auf sie, bis sie übcr= 
destilliert als Geist. Dann wird, so sagen sie, dies eine beiseite ge= 
setzt für späteren Gebrauch und der andere Körper der gleichen 



i^ 



1 



7. ABSCHNITT / DIE HERMETISCHE KUNST ,107 

Procedur unterzogen, bis auch er überdcstilliert. Nachher können 
die beiden Dinge, die als gleich befunden werden in NX^esen und 
Substanz, vereinigt werden." 

Die beiden Methoden, von denen Eirenäus spricht, werden in 
der Alchemie (in Anlehnung an chemische Prozeduren) auch der 
„nasse" und der „trockene" Weg genannt. Der nasse Weg ist der, 
der durch gedankliche Verarbeitung der Natur zur Einheit führt. 
Die Philosophie des indischen Lehrgedichtes „Bhagavad = Gitä" 
kennt auch die zwei Wege und nennt sie „Sämkhya" und „Yoga". 

„Denken (Särnkhya) und Andacht (Yoga) scheiden nur die Toren, 

doch die Weisen nicht; 
Wer ganz sich nur dem Einen weiht, erlanget aller beider Frucht'. 
Durch Denken und durch Andacht wird derselbe Standpunkt doch 

erreicht; 
Denken und Andacht sind nur Eins, — wer das erkennt, hat recht 

erkannt." (Bh. G-, V., 4-f-) 

„Särnkhya" und „Yoga" haben sich in der Folge zu ganzen philo« 
sophisclien Systemen ausgebildet. Ursprünglich sind sie jedoch bloß 
„verschiedene Methoden, um zu demselben Ziele, nämlich zur Er= 
langung des Ätman [Allgeistes] zu führen, welcher einerseits als 
die ganze unendliche Welt sich ausbreitet, andererseits voll und 
ganz im eigenen Inneren zu finden ist. Im ersteren Sinne kann der 
Atman erfaßt werden durch Reflexion über die mannigfaltigen Er= 
scheinungen der Welt und ihrer Wesensidentität, und diese Re= 
fiexion heißt Sämkhya (von sam + khyS, berechnen, reflektieren); 
andererseits ist der Atman ergreifbar durch Zurückziehung von der 
Außenwelt und Konzentration auf das eigene Innere, und diese 
Konzentration heißt Yoga." (Deussen, Allg. Gesch. d. Phil., I, j, 
Siy). 

Zur Ausübung der Alchemie wird ein sittlicher Lebenswandel 
gefordert, der als Vorbedingung zu bloß chemischen Arbeiten wohl 
kaum vonnötcn ist. Der lüngcr der Kunst soll den Vorschriften 
der Meister gemäß sein Gemüt von allen bösen Sitten befreien, 
besonders der Hoffart absagen; er soll dem Gebet fleißig obliegen, 
Werke der Liebe üben usw.; niemand soll seinen Sinn auf dieses 
Studium richten, wenn er nicht zuvor sein Herz gereinigt, der Liebe 
ZU wehlichen Dingen abgesagt und sich ganz Gott ergeben hat. 
(Höhler, Herrn. Phil., 8.62!) 

. Die Sudler, die, um Gold zu gewinnen, chemisch laborierten, 
) verwirtschafteten damit oft ihr ganzes Vermögen. Die Adepten 

aber versichern, daß auch der arme Mann den Stein erwerben 
J, könne; manche sagen sogar, der Arme habe eine bessere Materia 



108 II. ANALYTISCHER TEIL 

als der Reiche. Rom. !I, ii : „Denn es ist kein Ansehen der Person 
vor Gott." Matth. XIX, 24.: „Es ist leichter, daß ein Schiffstau 
durch cm Nadelöhr gehe, als daß ein Reicher ins Reich Gottes 
komme." Der Alchcmist Khunrath sagt irgendwo, die Kosten 
der Bereitung des Steins betragen dreißig Taler; man wird dies 
verstehen, wenn man sich erinnert, daß Jesus um dreißig Siiberlinge 
verschachert wurde. 

Rulandus (Lex., p. 26) definiert^) die Alchemie sehr hübsch: 
„Alchimia est impuri separatio a substantia puriore." Das kann für 
die chemische Alchemie ebenso gelten wie für die seelische. 

Warum die hermetischen Philosophen nicht ganz offen, sondern 
in Bildern schrieben, dafür lassen sich mehrere Gründe angeben. 
Zunächst ist daran zu denken, daß sie mit ihrer freien Doktrin 
die zwar nicht vom wahren Christentum, wohl aber von der eng= 
herzigen Kirche abwich, die Verfolgungen der letztern fürchten 
mußten, und daß sie deshalb ihre Lehre verhüllten. Hitchcock 
macht noch auf einen weiteren Punkt aufmerksam. Die Alche= 
misten äußern manchmal, die Kenntnis ihres Geheimnisses wäre 
(für die Allgemeinheit) gefährlich. Es scheint, daß sie ihre Zeit 
nicht für reif erachteten für eine Religion, die mehr auf ideale Forde= 
rungcn, auf sittliche Freiheit basiert war als auf Furcht vor Höllen» 
strafen, Erwartung von Belohnungen und auf äußerlich sichtbare 
Zeichen und Unterpfänder. Es kommt schließlich noch hinzu, 
daß, wie später ausgeführt werden wird, eine ganz klare Sprache 
sachlich gar nicht möglich und didaktisch nicht empfehlenswert ist. 

Immerhin tritt die mystische Absicht bei Autoren derjenigen 
Zeiten, wo die Schutzmaßregeln nicht notwendig waren, unter dem 
alchemistischen Gewände klarer hervor, wenn sich auch diesbezüg= 
lieh durchaus keine Regel aufstellen läßt. Für die Einhaltung der 
Symbolik waren ja eben auch andre, z. B. intellektuelle und konven» 
tionelle Gründe maßgebend. 

Sehr deutlich mystisch schreiben eine Anzahl hermetischer 
Künstler, die durch die geistige Schule Jakob Boehmcs hindurch^ 
gegangen sind. Dieser Thcosoph selbst bediente sich in so reichem 
Maß der alchemistischen Symbolik, daß man sie findet, wo immer 
man seine Schriften aufschlägt. Ich fange gar nicht an, ihn zu 
zitieren; will den Leser bloß aufmerksam machen auf seine ebenso 
schöne als kurze gcdankentiefe Schilderung des mystischen Ver« 
edclungsprozesses, die als „Processus" am Ende des 5. Kapitels 
seines Buches „De Signatura Rcrum" steht (Ausg. Gicbtel, col. 

22l8f.), 



^) In Anlehnung an Tab. Smar. 9. 



msM-i lt..- 



7. ABSCHNITT / DIE HERMETISCHE KUNST 109 



Ein Anonymus, der von dem „Philosophus Teutonicus" viel in 
sich aufgcnonimen hat, schrieb das seinerzeit von den Liebhabern 
der hohen Kunst sehr geschätzte Buch „Amor Proximi". Diese /i 

fromme Anleitung steckt durchaus in alchemistischem Gewände, ist i 

aber selbst für wenig Scharfsichtige als mystisches Werk kenntlich. -i 

Das gleiche gilt von dem ehemals berühmten „Wasserstein der ^- 

Weisen" (i. Auflage erschien 1619) und ähnlichen Büchern. Hier ■■•■ 

einige Proben aus „Amor Proximi": 

„. . . Diß V [V des Lebens] ist nun der Crcatur nicht fremde 
oder äusserlich, sondern es ist ihr aller innerstes, aber verschiosa 
sen . . , Siehe Christus ist uns nicht äusserlich, sondern er ist in uns i 

allen innerlich, aber verschlossen . . ." (S. 32). 

„Wer nun eine Sache practice ausarbeiten soll, der muss erstlich 
eines Dinges gründliche Erkäntnis haben; darum so der Mensch 
Microcosmicc, Magicc, das Bild Gottes in sich selbst, alles Gottes 
Reich, ausarbeiten soll, und in sich finden; so mus er erst dessen 
rechte Erkäntnis haben . . ." (S. 29), 

„Christus ist das grosse Universal^); der sagt: wer mir will 
nachfolgen, und mein Jünger (das ist, ein Particular oder glied an 
meinem Leibe) seyn, der nehme sein ^ auf sich und folge mir 
nach . . . Also siebet man, dass alle, so glieder am Leib des grossen 
Univcrsals seyn wollen, auch als kleine particulare Medicinen, jeder 
nach seiner Maas seines Leydens und Processes, theilhafftig werden 
muss..." (S. io8f.). 

„Faracclsus, der Monarcha Arcanorum, sagt: Dass die Astra, 
sowohl als das Licht der Gnaden, nicht lieber würcken, als in einem 
nüchtern reinen und ledigen Gemüt. So ist nun dis natürlich wahr, 
dass den groben Sand und Aschen die Sonne nicht erleuchten 
kan: also auch kan den alten Adam die SONNE der Gerechtiga 
keit Christus nicht erleuchten; es scy dann, dass der Sand und Asch 
{der alte Adam) im A (des »i« es) sich um und wiederum schmelzen 
lasse, dass ein rein Glas (ein neu geborner Mensch) aus ihm werde; 
so kan die G ihre Stralen dann gar leicht darein, und dadurch 
schiessen, und es also erleuchten und die Wunder seiner Weisheit 
offenbaren: darum muss der Mensch sich umschmelzen lassen 
im 'i'A [Kreuz=Feucr], dass die Strahlen beyder Lichter ihn durch« 
dringen können; anders wird warlich niemand ein weiser Mann 
werden" {S. pöf.). 

Schöne alchemistische Darstellungen, die den mystischen Gc« 

^) Das große Magisterium wurde von den Alchemisten auch das „Uni- 
versal" genannt; es tinglert alle Metalle auf Gold und heilt alle Krankheiten 
(Universalmedizin); etwas Geringeres ist ein „Particular", welches nur ein 
bestimmtes Metall tingicrt und nur einzelne Krankheiten kuriert. i 



110 n. ANALYTISCHER TEIL 

halt unschwer erkennen lassen, finden sich auch bei dem englischen 
Theosophcn Pordage und seinen Schülern, unter diesen nament- 
lieh bei Jane Lcade {beide XVII. Jahrhundert). Die Sprache ist 
bei ihnen klarer, durchsichtiger als bei Jakob Boehme. Aus ihren 
Schriften ließen sich zahllose, hierher passende Stellen anführen; 
da ich mich indes später eingehender mit Leadc befassen mußl 
setze ich bloß ein einziges Zitat aus Pordage („Sophia", 5.23) her: 

„. . . Solchem nach nun, und damit ich zu einer gründlichen und 
vollkommenen Reinigung von allem Unkraute und Irdigkeit 
kommen und gelangen möchte, übergab ich meinen Willen volI= 
kömmlich in Ihrem [der Sophia] feurigen Schmeltz=Ofen, als in 
einem ReinigungseFeucr auszuhalten, bis alle meine eitle, oder 
denen Spreuern gleiche Lüste, und Unkraut der Irdisch=Gesinnt= 
heit im Feuer abgcbrandt, und all mein Eysen, Zinn und Schlacken 
in diesem Ihrem Feuer=Ofen gäntzlich zerschmoltzcn wäre, damit 
ich in meinem Geiste als ein rein Gold erscheinen, und neue Himmel 
und eine neue Erde in mir geschaffen und formirt sehen möchte." 

Aus alledem geht in Verbindung mit den Ausführungen der 
nächsten Kapitel unzweilelhaft hervor, daß auch unsere Parabola 
als eine mystische Anleitung interpretiert werden muß. 



4. ABSCHNITT / ROSENKREUZEREI UND.,^,,, 
FREIMAUREREI 

, Das vorige Kapitel hat gezeigt, daß es eine höhere Alchcmic 
gab — sie wurde auch als die „wahre" Alchemie angesehen — , 
die sich zur chemischen Praxis ebenso verhält wie die Freimaurerei 
zur praktischen Baukunst. Ein hervorragender Chemiker, der sich 
gleicherweise mit der Geschichte der Chemie wie mit jener der 
Freimaurerei befaßte, schrieb mir einst: „Wer nach einem her= 
metischen Rezept ein chemisches Präparat herstellen wollte, der 
käme mir vor wie einer, der es unternähme, nach freimaurerischen 
Ritualen ein Haus zu bauen." 

Das Gleichnis ist nicht etwa zufällig entstanden. Vielmehr walten 
zwischen Alchemie und Freimaurerei beachtenswerte Zusammen» 
hänge, äußere und innere. Die Brücke geht zum Teil über die 
Rosenkreuzerei. Sintemal nun die Parabola, die stets der Kern 
unserer Betrachtungen bleiben soll, der rosenkreuzerischen Lite= 
ratur {und zwar vermutlich einem späten Zweig derselben) an= 
gehört, schickt es sich hier zuzusehen, wer und was die Rosenkreuzer 
eigentlich waren. Auf eine erschöpfende Erörterung dieses un« 



4. ABSCHNITT/ROSENKREUZEREI UND FREIMAUREREI Ul 



; 



gemein liompli zierten Gegenstandes kann selbstverständlich nicht . i 

eingegangen werden; es soll nur soviel zur Sprache kommen, als ' j 

für unsere Zwecke notwendig ist. Doch will ich nicht einseitig ' 

sein, sondern von beiden Parteien, die einander in dem hauptsächa J 

liehen Streit im historischen Rosenkreuzerproblem gegenüber» ■ 

stehen, Erwähnung tun. Es wird sich zeigen, daß der Zwiespalt : 

auf unser Problem glücklicherweise nur geringen Einfluß hat und J 

daß wir somit der schwierigen Aufgabe überhoben sind, uns durch ^ 
historische Beweisführungen zur Entscheidung in einer Alternative 

hindurchzuarbeiten, an der schon gewiegte Spezialforscher — zu ! 

denen ich nicht gehöre — gründlich gescheitert sind. .v J 

Es sind dreierlei Rosenkreuzer nach Epochen zu unterscheiden. ( 

Die alten, die mit den zu Beginn des XVII. Jahrhunderts erschie= 5 

nenen zwei Grundschriften „Fama" und „Confcssio" zusammen= i 
hängen, dann die mittleren, die, wie es scheint, eine Verwässcrung 

des ursprünglichen überaus ideal gedachten Bundes darstellen, / 
und schließlich die im XVIll. Jahrhundert sich zeitweise zu großer 

Macht entwickelnden Gold= und Rosenkreuzer. Diese letzten Rosen= ". 
kreuzer durchsetzten eine Zeitlang (in der zweiten Hälfte des 

XV III. Jahrhunderts) die Freimaurerei in einer wenigstens für die 

kontinentale Maurerei beinahe katastrophalen NX^eise, doch merke / 

ich vorgreifend gleich an, daß diese Art rosenkreuzerischer Ver» l 

breitung mit der Frage nach der ursprünglichen Verwandtschaft ' 

von Freimaurerei und Rosen kreuzerei nicht unmittelbar zu tun hat. t 

Man muß Auswüchse von der reinen Idee einer Sache zu unter« \ 

scheiden wissen. Die Rosenkreuzerei erlosch mit der Wende zum i 

XIX. Jahrhundert. Die heute noch in manchen Systemen der [ 
Maurerei bestehenden Roscnkreuzergradc {wie Chevalier Rose-= I 
Croix usw.) sind historische Relikte. Was sich sonst heute als Rosen» i 
kreuzer aufspielt, sind Betrüger und Bettogene oder aber Ver= ! 
einigungen, die sich den Rosenkreuzernamen als Aushängeschild i 
dienstbar gemacht haben. ; 

Viele ernste Gelehrte bezweifeln es, daß die alten Rosenkreuzer | 
je als organisierte Brüderschaft existiert haben. Ich verweise auf 

den Artikel „Rosenkreuz" im Handbuch der Freimaurerei" (Len= I 

ning), wo dieser skeptische Standpunkt dominiert. Andere Au= | 

toren glauben dagegen an die Existenz des alten Ordens und meinen, j 

daß die von 1717 an in der heutigen Gestalt auftretenden Freimaurer I 

nichts weiter seien als die unter verändertem Namen fortbestehenden [ 

Rosenkreuzer. Schon loh. Gottl. Buhle, ein Zeitgenosse Ni= f 

colais, hatte angenommen, der Rosenkreuzer Michael Maier habe ; 

die Rosenkreuzerei nach England gebracht, und daraus sei dann, I 

besonders unter Mitwirkung des Engländers Robert Fludd (1574 ; 



112 11. ANALYTISCHER TEIL 

bis 1637) die Freimaurerei entstanden. Sehr energisch, aber mit z. T. 
angreifbaren Argumenten, trat vor nicht langer Zeit Ferdinand 
Katsch für die tatsächliche Existenz der alten Rosenkrcuzer= 
Brüderschaft ein. Er nennt eine Anzahl von Leuten mit Sicherheit 
als „echte Roscnltreuzer"; unter ihnen: JuHanus de Campis, Mia 
chael Maier, Robert Fiudd, Frisius oder Frizius, Comenius. (Katsch, 
S. 35.) Die Roscnkreuzcrei habe sich aus praktischen Gründen 
in die Freimaurerei umgewandelt. Da sich nämhch die scham= 
losesten Betrüger für Rosenkreuzer ausgaben, sei dieser Bundes^ 
name auf die Dauer nicht festzuhalten gewesen. Der Unfug sollte 
verhütet werden, indem die echten Rosenkreuzer zunächst als solche 
zurücktraten, dann einen Wechsel ihres Gewandes vornahmen. 

Im allgemeinen stellt man sich die Entstehung der Freimaurerei 
anders vor. Man pflegt ihren Ursprung in der Werkmaurerci zu 
suchen, deren Logen sich bis ins XIV. Jahrhundert zurück verfolgen 
lassen. Den alten Genossenschaften der Bauleute schlössen sich 
nach und nach auch Nicht=VX/crkmaurcr, Laien, an, wodurch den 
Logen vorzüglich geistige Kräfte zugeführt wurden. Zu Anfang 
des XVIII. Jahrhunderts wurde sodann die alte Werkmaurerei 
unter Beibehaltung ihrer Formen in die geistige, symbolische Freio 
maurerci übergeleitet. Die Zahl der Bauhütten war damals in 
London bis auf vier zurückgegangen ; diese traten am 24. Juni 
(Johannistag) 1717 zusammen und wählten Anton Sayer zu ihrem 
Großmeister. Das ist der Geburtstag der Freimaurerei, wie sie 
heute besteht. 

Diese Ableitung wurde und wird von vielen für unbefriedigend 
erachtet, so sehr sie auch den rein dokumentarischen Ansprüchen 
genügt. Die Versuche, es besser zu machen, erforderten Entdecker^ 
phantasie, und diese wurde nicht immer glücklich betätigt. Die 
Rosenkreuzer=Theorie läßt sich aber, besonders wenn man sie in 
einem etwas weiteren Sinne auffaßt, nicht ohne weiteres von der 
Hand weisen. Im Sinne von Katsch erinnert Höhler (Herrn. Phil., 
S. 6) daran, wie allgemein man sich im XVI. und XVll. Jahr= 
hundert im ganzen westlichen Europa mit Kabbalistik, Theosophie^ 
Magie (Physik), Astrologie und Alchemie beschäftigte, und zwar 
gilt dies für höhere und niedere Stände, Gelehrte und Laien, 
Ordens= und Weltgeistliche. „Die ganze gelehrte Theologie drehte 
sich um Kabbalistik. Die Medizin wurde unterstützt von Theo» 
Sophie und Alchymie, und letztere ließ sich leiten von Thco= 
Sophie und Astrologie." Höhler geht in einer Hinsicht noch weiter 
als Katsch und vermutet: ,/Die Freimaurerei hat ihre Wurzeln in 
den chymischen Gesellschaften des XVI. und XVII. Jahrhunderts, 
in denen all das gepfle^ wurde, was den damaligen Stand der Wissen» 



, 



4. ABSCHNITT/ ROSENKREUZEREI UND FREIMAUREREI 113 

Schaft ausmachte." Diese Theorie ist unvergleichlich diskutabler, 
als wenn man die Wurzeln auf den so unsicheren Boden der Rosen= 
kreuzerei lokalisieren will. Wir werden die Bedeutung der „chy= 
mischen Gesellschaften" noch mehr würdigen lernen. 

Im Hinblick auf die für unseren Zusammenhang wichtige Frage, 
wie es mit der Alchemie der Rosenkreuzer (mögen diese nun bloß 
in Büchern oder als wirkliche Brüderschaft gelebt haben) bestellt 
sei, verlohnt sich ein Blick auf die Literatur. 

Joachim Frizius, den einige für identisch mit Fludd halten, 
schreibt im „Summum Bonum, quod est verum Magiae, Cabalac, Alchy» 
miae vcrae Fratrum Roscae Crucis verorum subjectum" (zuerst erschienen 
1629 in Frankfurt) u.a.: 

„Abcn (pn) bedeutet einen Stein. In diesem einzigen kaba> 
listischen Stein haben wir den Vater, den Sohn und den heiligen Geist . . . 
denn in der hebräischen Sprache bedeutet Ab (=s) Vater und Ben (p) 
Sohn. Wo aber der Vater und der Sohn gegenwärtig sind, da kann der 
heilige Geist nicht fehlen . . . Betrachten wir also zunächst diesen Stein 
als Grundlage des Makrokosmus . . . Also sprach der Patriarch Jacob: 
,Wie heilig ist diese Stätte; hier ist nichts Anderes denn Gottes Haus' 
(i- Mos. 28, 17) und stand auf und nahm den Stein, den er zu seinen 
Häupten gelegct hatte, und richtete ihn auf zu einem Mal und goß Ol 
oben drauf. Und sprach : ,dieser Stein, den ich aufgerichtet habe zu 
einem Mal, soll ein Gotteshaus werden' usw. Wenn also ein Gotteshaus, 
so ist Gott an jenem Orte oder dessen irdischer Substanz. Hier war es' 
wo der Patriarch, als er auf diesem Steine schlief, Göttliches und Wunderl 
bares gewahrte durch die Kraft jenes gcisterfüllten Steines, welcher sich 
in seiner Körperlichkeit verhielt wie der Körper zur Seele. Aber der 
seelische oder geistige Stein war Christus; Christus aber ist die ewige 
Weisheit, in welcher, wie die Schrift besagt, viele Wohnungen sind, 
welche zweifellos also unterschieden werden wegen der verschiedenen 
Grade ihrer Herrlichkeit und Glückseligkeit. Denn dem Wissen oder 
Erkenntnis folgt die Glückseligkeit; je Höheres und Mehreres wir wissen 
um so weiter nahern wir uns der Gottheit . . ." (Summ. Bon., p. lyf ) 
„Daraus erscheint klar ersichtlich, wer dieser makrokosmische s4in 
Aben . . . eigentlich sei und daß sein feuriger . . . Geist sei der für alle 
gegebene Grundstein Aller (sit lapis scu petra Catholica atque uni= 
vcrsalis) . . . welcher gelegt ward in Zion als das wahre Fundament 
auf welchem die Propheten ebenso wie die Apostel gebaut haben, welcher 
aber auch den unkundigen und schlechten Bauleuten der Stein des An=» 
Stoßes und Ärgernisses ward. Dieser Stein also ist Christus, der uns 
zum Eckstein geworden ist . . ." (Summ. Bon., p. 19.) „Betrachten wir 
nun aber den Stein Aben in seiner Bedeutung für den Mikrokosmos 
so . . . gewahren wir bald, daß als ein steinerner Tempel Gottes nicht 
minder auch jedweder äußere Mensch gelten kann, insofern ja auch 
in ihm der heilige Geist von jeher eine Inwohnung gleichfalls sich vor= 
behielt. (Summ. Bon., p. 20.) 

SMberer, Probleme der Mysiik b 



11 



114 IL ANALYTISCHER TEIL 

„. . . Das also ist der Grund, weshalb der Stein Aben in doppelter 
Form uns erscheint (quod ambae Petrae), nämlich ebenso in makrokos« 
mischer wie in mikrokosmischer . . . Denn der geistige Stein ist Christus, 
der das All erfüllt; daher sind auch wir Teile des geistigen Steines und 
als solche auch lebendige Steine, abgelöst von jenem Universalsteinc 
(a petra il!a catholica excisi) . . ." (Summ. Bon., p. 20.) Hier haben wir 
wieder den alchemistischen Unterschied zwischen dem Universal und 
dem Particular; der gleiche Unterschied wird auch ausgedrückt durch 
die Gegenüberstellung des himmlischen und des irdischen Steines. Von 
lebendigen Steinen spricht das zweite Kapitel des ersten Petrusbriefes. 
1. Kor, X, 4 sagt sogar: „Und haben alle einerlei geistigen Trank ge» 
trunken; sie tranken aber von dem geistigen Fels, der mit folgetc, 
welcher war Christus." Alchemistisch ausgedrückt heißt das aurum 
potabile. 

„Nun fragst du aber: Ei, wo ist denn all das Gold, mit welchem jene 
Aichymistcn [der Fama] so ruhmredig prahlten? Da antworten wir 
dir...: unser Gold ist ja keineswegs das Gold des großen Haufens, 
sondern es ist das lebendige Gold, das Gold Gottes ... Es ist die Weis= 
heit, welche der Psalmist meint Ps. X 11, 7 : ,Dic Rede des Herrn ist lauter 
wie durchläutert Silber im irdenen Tigel, bewähret siebenmal' . . . Willst 
nun du . . . den wahren und wirklichen animalischen Stein dir darstellen, 
dann suche den Eckstein, der alle Verwandlungen und Umwandlungen 
vermittelt, in dir selbst. . ." (Summ. Bon., p. 34ff.) 

„Es soll aber endlich der Bruder in Gestalt eines Baukünstlers 
der Vollendung seines Werkes obliegen (dcnique sub architecti figura 
operatur frater ad huius operis perfectionem) . . . Allein zu besserer 
Durchführung unseres Baues und, um hindurch zu gelangen bis zu dem 
in Mitten unserer Grundlage verborgenen rosenroten Blute unseres 
Kreuzes . . . dürfen wir nicht oberflächlich das Werk angreifen, sondern 
müssen bis zur Mitte der Erde graben, klopfen und suchen . . ." 
(Summ. Bon., p. 48. — Ubers. Katsch, S. ^ijii.) Unmittelbar nach= 
her ist von den drei Raumausdehnungen, Höhe, Tiefe, Breite, die 
Rede. Zur alchemistischen Symbolik gesellt sich im „Summum Bonum" 
deutlich genug die maurerischc. Man übersehe nicht das Klopfen und 
Suchen; und das in den Lehrfragstücken über die Gestalt der Loge Vor= 
kommende. Zum Überfluß wird gleich darauf vom geometrischen 
Kubus gesprochen. 

Frizius und Fludd teilen auch einen Brief mit, welchen Rosen» 
kreuzer an eine deutschen Bewerber gesandt haben sollen. Darin heißt 
es: „. . . cum scilicet talis sis, qualem concupiscis lapidem et 
quäle opus . . . purga te lachrymis, sublima te moribus et virtutibus, 
orna ac colora te gratüs sacramentalibus, fac animam sublimem ad 
coelestium contemplationem subtilem ac angelicis spiritibus confor= 
mem, ut corpus putridum, ut vilem cinerem, possis vivificare, deal= 
bare atquc incorruptibile impassibileque omnino per ].[esum] 
C.[hristum] D.[ominum] N.[ostrum] resurrcctionem efficerc . . /' An 
einer anderen Stelle heißt es da: „Transm utemini ergo, transmutemini 



. 



Die Zusammenstellung: von Maurcrei und Alchcmie bleibt auch 
dann aufrecht, wenn man kritischer zu Werke geht als Katsch, 
dem man große Ungenauigkciten vorwirft. Ich berufe mich nament= 
lieh auf die neueren Untersuchungen des gründlichen und weit= 
blickenden Dr. Ludwig Keller. 

Für die Aufhellung des Dunkels, das über die Vergangenheit 
der Freimaurerei gebreitet ist, kommt nach Keller {B., W. und Z., 
S. 1 — 2) dem reichen Material der Symbolik, das sich dem fleißigen 
Forscher bietet, „in erster Linie die überaus reiche gedruckte und 
besonders die handschriftlich überlieferte Literatur in Betracht, die 
unter dem Namen der Chemie oder Alchemie bekannt ist". 

In den Bildern der Alchemisten, der Rosenkreuzer, der Bau= 

■ bütten usw. „tritt uns eine Sprache entgegen, die unter allen 

abendländischen Völkern in verwandter Art Verwendung gefunden 

hat, zwar keine Buchstaben=Sprache und keine Wortsprache, aber 

8* 



1 



I 



4. ABSCHNITT /ROSENKREUZEREI UND FREIMAUREREI 115 

de lapidibus mortuis in Lapidcs vivos philosophicos" — Wandelt, 
wandelt Euch aus todten Steinen in lebendige und philosophische. 

In der „Clavis Philosophiaeet Alchymiae Fluddanac" (lateinisch cr= 
schienen lö^^) kommen Stellen vor wie: „. . . Allerdings ist jeder fromme ! ! 

und gerechte Mensch ein geistiger Alchemist . . . Wir verstehen dar= 
unter einen Mann, der das Falsche vom Wahren, das Laster von der 
Tugend, das Dunkel vom Lichte, der die Verunreinigungen des Lasters 
von der Reinheit der Gott nacheifernden Seele nicht nur zu unter= 
scheiden, sondern durch das Feuer des göttlichen Geistes auch ab= 
zuscheiden [spagirische Kunst!] versteht. Denn nur auf diese Weise 
wird unreines Blei in Gold umgewandelt." (p. 75:.) „Wagte nun aber 
jemand zu sagen, das Wort oder Christus oder der heilige Geist der Weisa 
heit wohne im mikrokosmischen Himmel Id. h. in der Seele des Mcn= 
sehen], wie würden den die blinden Kinder der Welt nicht für gottlos 
und verrucht ausschreien! lEben der göttliche Geist ist aber, so wird 
weiter ausgeführt, der rechteckige Stein in uns, auf dem wir bauen 
sollen.] Dieser göttliche Funken aber ist beständig und ewig, er ist 
unser von Christus erkäufliches Gold ... So geschieht es gemäß der 
Lehre Christi oder des fleischgewordenen Wortes, wenn die echten 
Alchemisten nunmehr suchen und klopfen, um zur Erkenntnis des 
lebendigen Feuers ... zu gelangen." {p. 81). Wieder das in der 
maurerischen Symbolik wichtige Klopfen und Suchen, und zwar, um ein 
Feuer kennen zu lernen. 

Angesichts der wirklich erhebenden Gedanken des „Summum Bo= 
num" ruft der für seine Idee begeisterte Katsch {S. 441} aus: „Welch' 
eine Sprache!! Welch' ein unerschütterlicher Mannesmuth, welch' eine 
würdevolle Demuth ! Auch der Widerwilligstc wird nunmehr der An= 
erkenntnis nicht mehr sich zu entziehen vermögen, daß er hier ganz 
unerwartet . . . dem Urs und Idalblld der Freimaurerei entgegenge= 
treten ist." 



4 



I 



' 



116 IL ANALYTISCHER TEIL 

immerhin eine Sprache, eine Zeichen« oder eine Bildersprache von 
ausgebildeten Formen, die schon in den Felsen=TempeIn der sog. 
Katakomben nachweisbar sind, die man einst Latomien und Loggien 
nannte. Die einzelnen Bilder und Zeichen sagen freilich nur dem» 
jenigen etwas, der diese Sprache überhaupt versteht; dem, der sie 
nicht versteht, sagen sie nichts und sollten ihm nichts sagen." 

Betreffs der „Zeichen« und Bildersprache", die nur den Einge- 
weihten verständlich war, könnte man natürlich schon auf die antiken 
Mysterien hinweisen. Die Kultvereinc der ältesten Christen haben in 
den Jahrhunderten, wo das Christentum im römischen Reich zu den 
staatlich verbotenen Kulten gehörte, unter der Form von erlaubten Ge= 
nossenschaften, d.h. als Gilden, Begräbnisvereinc und Körperschaften 
aller Art, eine DascinsmÖglichkeit vor den Gesetzen gefunden. Die 
ältesten Christen waren nicht die einzigen verbotenen Kultverbändc, 
die diesen Ausweg suchten und fanden. Unter der Hülle von Schulen^ 
Gewerkschaften, literarischen Gesellschaften und Akademien bestanden 
im Gebiete des römischen Weltreiches und später innerhalb der Welt= 
kirche Organisationen, die vor dem Gesetz weltliche Vereinigungen, im 
Sinne der Eingeweihten aber Genossenschaften mit sakralem Charakter 
waren. Innerhalb dieser Genossenschaften erscheint sehr frühzeitig ein 
fest ausgebildetes System von Symbolen, die vielfach behufs wirksamerer 
Durchführung der durch die Umstände gebotenen Verschleierung den 
Gewerkschaften und deren Werkzeugen und Bräuchen entnommen 
waren, die man als Deckmantel gewählt hatte — Symbolen, die im 
Kreise der Eingeweihten im Sinne der Lehren des Kultvereins ausgelegt 
und gedeutet wurden. 

Wertvolle Denkmäler solcher Symbolik sind heute noch in den ge= 
waltigen Fclsentempeln erhalten, die sich in Ägypten wie in Syrien in 
KIcinasien wie auf Sizilien und der Apenninischen Halbinsel, in Griechen» 
land wie in Frankreich und am Rhein finden, und diese Gruftbauten 
die teilweise auch den ältesten Christen als Kultstätten gedient haben', 
zeigen in ihren Bildern und Lchrzeichen wie in ihrer baulichen Anlage 
eine so nahe Verwandtschaft, da^ sie als Eigentum großer, über viele 
Länder verbreiteter Kultvereine angesprochen werden müssen die 
für den Gebrauch solcher Symbole und für die Herstellung dieser Bauten 
feste Traditionen besessen haben. 

Viele dieser Symbole sind, beiläufig bemerkt, den Zeichen und Werk» 
zeugen der Baukorporationen, wie sie zur Durchführung dieser Bauten 
nötig waren, entlehnt worden. (Keller a. a. 0., S. 4). Eine große 
Rolle spielten in der frühchristlichen Symbolik auch die heiligen Zahlen 
und ihnen entsprechende Zeichen — ein Lchrzeichenkomplex, den man 
gleicherweise in den pythagoräisch=platonischen Schulen findet. Es ist 
bekannt, daß die symbolische Sprache der unterirdischen Felsentempel, 
die teilweise von den ältesten Christen für ihre Kulthandlungen benützt 
worden sind, mit der pythagoräisch=platonischen Lehre aufs engste ' 

zusammenhängt. Von dem Jahre 325 an galt jede Abweichung von dem 1 

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4. ABSCHNITT/ROSENKREUZEREI UND FREIMAUREREI 117 

Glauben der Staatskirche für ein staatliches Verbrechen. Damit waren 
jene Christen, die an der Verwandtschaft mit den antiken Philosophcn= 
schulen festhielten, der Verfolgung preisgegeben. In der kultischen 
Zeichensprache der Kirche treten daraufhin die heiligen Zahlen natür= 
lieh mehr und mehr zurück. In den Schriften Augustins beginnt der 
Kampf wider die Zeichensprache, deren Gebrauch er für eine Eigen= 
art der Gnostiker erklärt. Trotz dieser Zurückdrängung dauert die Lehre 
von den heiligen Zahlen in stilien, aber starken Strömungen, die neben 
der Staatskirche herliefen, durch alle Jahrhunderte in kultischer Ver= 
Wendung fort. Die Sektennamen, die von der Streittheologie erfunden 
worden sind, um die Richtungen zu kennzeichnen, die man als Nach= 
folger der Gnostiker betrachtete, sind höchst mannigfaltiger Art: es mag 
genügen, daran zu erinnern, daß in allen denjenigen geistigen Strö= 
mungcn, die wie die altdeutsche Mystik, der ältere Humanismus, die so« 
genannten Naturphilosophen usw., einen starken Einschlag platonischer 
Gedanken zeigen, die Lehre von den heiligen Zahlen in mehr oder 
weniger verhüllter Form, aber doch deutlich erkennbar, wiederkehrt. 
(Keller, Heil. Zahl., S. 2.) 

Da die alte Zahlensymbolik auch einen Bestandteil der alche= 
mistischen Hieroglyphik ausmacht, will ich einen Augenblick dabei 
verweilen. Die Verwendung mathematischer und geometrischer 
Zeichen geht von dem Gebrauche der einfachsten Formen, den 
Punkten und den Linien aus, doch mit der Maßgabe, daß beide, 
die Punkte wie die Linien, in allen Fällen, wo es sich nicht um Dar= 
Stellungen in der Ebene, sondern um Darstellungen im Räume 
handelt, durch plastische Gestalten, nämlich durch die Gestalten 
von Säulen, Kugeln, Balken, Bändern, Würfeln usw. wieder» 
gegeben werden. Von hier aus war bis zur Verwendung von Bau» 
mcn, Blättern, Blumen, Werkzeugen und sonstigen Dingen, die in 
ihren Gestalten Ähnlichkeiten zeigen, nur ein kleiner Schritt. Die 
Säulen kommen daher für die Symbolik der Kulträume ganz be= 
sonders in Betracht. In allen Fällen, wo uns auf Bildern und Zeich= 
nungen Punkte und Linien begegnen, treten bei plastischer Dar= 
Stellung der Gedanken und Symbole die Säulen uns entgegen. Sic 
bilden das Grundelement der kultischen Ausgestaltung der Akade= 
mien und Museen und rechtfertigen daher die Mamen Säulenhalle, 
Stoa, Portikus und Loggia, die überall neben den sonstigen Be=> 
Zeichnungen wie „Oikos aionios" usw. vorkommen. 

Auch für die Symbolik, die der Kennzeichnung der Organia 
sationsformen und des Aufbaus der Brüderschaft in Stufen und 
Graden diente, waren Linien unverwendbar, wohl aber konnten 
plastische Formen, wie sie in Winkelhaken, gekreuzten Balken usw. 
zur Verfügung standen, an Stelle der Linien und Punkte Ver- 
wendung finden. (Keller, a. a. 0., S. 10.) 



118 II. ANALYTISCHER TEIL 

Wie der Kreis das All und die ewige oder himmlische Einheit 
des Alls und die Gottheit symbolisiert, so kennzeichnet die Ein« 
zahl, die einfache Linie, der Stab oder das Szepter das irdische 
Abbild der Macht, die herrschende, leitende, stützende und 
schützende Ge^walt der zur Freiheit gelangten Persönlichkeit auf 
Erden. 

Dem göttlichen Kreis entspricht in der Alchemic das Sonnen= 
oder Goldsymbol O, und derselbe Kreis kommt auch in anderen 
Zeichen der Kunst, wie in ?, 2 usw. vor. 

Die Zweiheit, die Dyas, stellt gegenüber dem einigen himmlischen 
Sein das zerteilte irdische Sein dar, das durch den Widerstreit der 
Dinge beherrscht wird und nur ein vergängliches Teilwesen ist: 
die Gegensätze Flüchtig und Fix, Sulphur und Mercur, Trocken 
und Feucht usw. 

In dem Zeichen der Dreizahl, das häufig in der Form des Winkels "^ 
hakens auftritt (drei Punkte, durch zwei Gerade verbunden), wird 
erkennbar, wie die zerteilte und sinnliche Natur durch die höhere 
Kraft der heiligen Dreizahl zur Harmonie der Kräfte und zu einer 
neuen Einheit geführt wird. Das Symbol der über die Materie zum 
Siege gelangenden Vernunft wird sichtbar. Eine Darstellung der 
Dreizahl ist auch durch das normale Kreuz möglich: man kann 
darin zwei Elemente erblicken, die Linien, die durch ihre Ver= 
einigung oder Durchdringung das dritte als Schnittpunkt ergeben. 
Häufiger ist allerdings das Kreuz als Fünfheit bzw. 4 + i=heit auf= 
zufassen (alchcmistisch vier Elemente, die um die Quinta essentia 
geschart sind). Eine Kreuzform, worin sich die Einheit in die 
Zweiheit spaltet, so daß sich die Dreiheit ergibt, ist diese: Y. Man 
nennt Y das Gabelkrcuz. Aus der Einheit erwächst die Zweiheit, 
d. h. Natur spaltet sich in Geist und Materie, in die Tat und das 
Leiden, in die Notwendigkeit und die Freiheit. Das Zerteilte kehrt 
aber durch die Dreiheit zur Einheit zurück. Alchemistisch haben 
wir hier die Gestalt Rebis, den Hermaphroditen mit den zwei 
Köpfen, vor uns. Das antike Lehrzeichen Y wurde später (in be= 
absichtigter Verschleierung oder in mehr zufälliger Umdeutung) 
als Buchstabe Y (Ypsilon) aufgefaßt, ebenso wie das Lehrzeichen 
der drei Linien: A oder A u. dgL nach und nach zu einem A ge= 
worden zu sein scheint, das man in den Katakomben häufig findet. 
Keller weist (a. a. 0., S. 14) auch insbesondere auf die Ver= 
doppelung des Winkelhakens hin, die sich gleichfalls in den alten 
Latomien findet und das Aussehen zweier verschränkter geöffneter 
Zirkel hat. Auf das maurerische Analogen brauche ich wohl kaum 
erst aufmerksam zu machen; alchcmistisch haben wir hier die 
Durchdringung von A und V, also ^, welches u. a. das Zeichen 






•-«(■■i, »KKÜ^-'^' 



4. ABSCHNITT/ROSENKREUZEREI UND FREIMAUREREI 119 

für die Materie des Steins ist'). Mit Bezug auf die sechs Spitzen, 
wird alchemistisch ^ auch Chaos genannt im Gegensatz zu ^, 
\welches Kosmos bedeutet; ähnlich wie der Alaun O wegen des 
mangelnden Zentrums (Gott, Glaube, Sammlung) etwas UnvoIl= 
kommenes ist neben O. In den Katakomben findet sich das Drei=i 
eck auch in der vielfachen (fünffachen) Vcrschlingung: A. 

Vier Linien, etwa in der Gestalt des Rechtecks, definieren den 
begrenzten Raum der irdischen Welt mit der Nebenbedeutung des 
heiligen Bezirkes, Hauses, Tempels. Maurerisch ist □ als Loge 
wohlbekannt. Das Viereck ist verwandt mit dem Kubus, Ich er= 
wähne also schon hier den kubischen Stein, dieses wichtige maure= 
rische Symbol, dessen alchemistisches Äquivalent noch zur Sprache 
kommen wird. 

Die Fünfzahl wird in einer vielfach üblichen Umdeutung durch 
fünfblättrige Pflanzen (Rose, Lilie, Weinstock) symbolisiert. „Die 
Blumen aber und der Garten, in dem sie wuchsen, galten früh= 
zeitig als Symbol der Gefilde der Seligen oder des ,besseren Landes', 
in dem die durch den Tod zum Leben eingegangenen Seelen wohnen ; 
im Gegensatz zu dem irdischen Hause Gottes, dem mit Händen er= 
bauten Tempel, der durch die Vierzahl □ dargestellt ward, be= 
zeichnete die heilige Fünfzahl die himmlischen Wohnungen der 
zur Vollendung gelangten Seelen, und mithin zugleich das Haus 
der Ewigkeit oder die ,Stadt Gottes' und das .himmlische Jerus 
salem' . . . Die heilige Pentas schmückte unter dem Symbol der 
Rosen sowohl in der antiken wie in der altchristlichen Welt die 
Gräber der Toten, die ihrerseits wieder die Gärten der Seligen ver= 
sinnbildlichten. Und die Bedeutung, die in den Akademien und 
Loggien gerade der in der Rose dargestellten Pentas beigelegt ward, 
erhellt aus der Tatsache, daß ihr kultisches Hauptfest gerade an 
diese Sinnbilder anknüpfte. Schon in der antiken Welt wurde am 
Feste des heiligen Johannes das Rosenfest, der Rhodismos oder die 
Rosalia gefeiert, bei denen sich die Teilnehmer mit Rosen schmück= 
ten und wo kultische Mahlzeiten stattfanden." (Keller, a.a.O., 
S.zi.) 

Wie schon erwähnt, drückt auch das Kreuz, namentlich das 
griechische Kreuz mit seinen vier gleichlangen Armen, die Fünf= 
zahl aus. Interessant ist, daß in der alten Zahlensymbolik bereits 
Rose und Kreuz vereinigt vorkommen, was ich in Hinblick auf die 
spätere Verbindung dieser zwei Dinge (Rosenkreuzer) hervorhebe. 

^) A und V sind die Zeichen für die Elemente Feuer und Wasser. 
Feuer und Wasser bedeuten aber nebstbei auch die berühmten zwei Gegen= 
Sätze, die ebensogut durch Warm und Kalt, Rot und Weiß, Seele und Leib, 
Sol und Luna, Mann und Weib bezeichnet werden. 



1 



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120 



11. ANALYTISCHER TEIL 



Der Halbkreis oder Mond ist ein Abzeichen des erborgten 
Lichtes Neben den Kreisen oder Kugeln, den Sinnbildern der 
Äonen (göttlichen Wesenheiten, Kräfte), die im Äther als ewige 
Wesen thronen, erscheint die menschliche Seele — die Psyche oder 
Anima, die nicht mit der Vernunft oder der geläuterten Seele 2u=. 
sammenfällt — als geteilter Kreis. Wie die Sonne und ihr Bild 
der strahlende Kreis, das ewige Licht symbolisiert, so ist der Ha!b= 
Ijreis gleichsam das Lehrzeichen jenes Funkens vom Licht, der in 
der Menschenseele schlummert oder, wie die Alchemisten oft 
sagen: des verborgenen Feuers, das durch den Prozeß geweckt 
, werden soll. Halten wir diese Symbolik fest und denken wir daran 
daB das Kreuz eine Durchdringung ausdrückt, so erklärt sich leicht 
das alchemistischc Zeichen $. Es ist nun recht interessant, daß 
die gleiche Verbindung in den unterirdischen Kultstätten vor= 
kommt, in dieser Form: 2 (a. a. 0., S. 27). Keller nennt es 
ein Symbol des Alls und der Menschenseelc. 

Die Siebenzahl (sieben Planeten usw.) spielt auch eine gewisse 
Rolle in den alten Latomien, Bemerkenswert ist ferner, daß Sonne 
und Mond häufig als menschliche Gestalten erscheinen; die Sonne 
trägt dann auf dem Haupt eine Krone, einen Kranz oder einen 
strahlenden Stern, während die Mondgestalt das Zeichen t^ zu 
tragen pflegt. Auch die Alchcmie stellt O und 3) gern menschlich 
dar, und zwar häufig als gekrönte Figuren, etwa als ein königliches 
orautpaar. 

Aus der alten Lehre von den heiligen Zahlen weht uns etwa 
dieser Geist entgegen: „Die Menschenseele, die durch die Ge« 
lassenhejt oder die Demut, wie man damals sagte, zur Reinheit 
und zur Vereinigung mit dem Ewigen hindurchgedrungen ist, hat 
em höheres Leben in sich, das durch keinen Tod vernichtet werden 
kann Die Lehre von dem unendlichen Wert der Seele ... und 
von Gottes Eingehen in die reine Menschenseele bildet den Mitteln 
punkt des Gedankeninhalts der Kultgenossenschaft . . . Weder für 
den Upicrkult, den die Staatsreligionen übten, noch für den Glauben 
an die Dämonen, von dem die Massen beherrscht wurden, noch 
für die Idee eines hcilsvermittelnden Priestertums war in diesem 
System Platz, und nicht eine Spur solchen Glaubens ist in dieser 
Rehgion der Weisheit und der Tugend nachweisbar." (Keller 
a, a. 0., S. 55.) 

Neben der frühchristlichen Richtung, die die Verwandtschaft 
der Lehre Christi und der uralten Weisheit des Piatonismus er= 
kannte und förderte, gab es frühzeitig eine andere, die mehr den 
Gegensatz als die Verwandtschaft betonte und weiter auszubilden 
sich bemühte. Von der Zeit an, wo die neue christliche Staats« 



^ 



4- ABSCHNITT/ROSENKREUZEREI UND FREIMAUREREI 121 

kirche ins Leben trat und der Opferkult und der Teufelsglaubc 
und das Priestertum wiederhergestellt wurden, entwickelte sich 
ein Kampf auf Leben und Tod zwischen der Kirche und den so=» 
genannten Philosophenschulen. „Die Brüderschaft sah sich ge« 
nötigt, die Maske noch tiefer als früher in das Gesicht zu ziehen, 
und aus dem ,Haus der Ewigen', der .Basilika', den , Akademien' 
und den ,Museen' wurden Werkstätten von Steinmetzen, Laa 
tomicn und Loggien oder harmlose Gewerkschaften, Gilden, Ver» 
eine und Gesellschaften aller Art. Alle späteren größeren religiösen 
Bewegungen und Richtungen aber, die am alten Glauben festa 
hielten, gleichviel ob sie unter den Namen der Mystik, der AI« 
chymie, der Naturphilosophie, des Humanismus oder unter sona 
stigen Decknamen und Deckfarben als Gewerkschaften und So^ 
zietäten erscheinen, haben die Lehre von den ,heiligen Zahlen' 
und die Zahlen=Symbolik mehr oder weniger treu bewahrt und in 
der richtig verstandenen Lehre von der ewigen Harmonie der 
Sphären den Schlüssel der Weisheit und der Erkenntnis gefunden." 
(Keller, a. a. 0., S. 38.) 

Keller leitet die moderne Freimaurerei aus den Akademien 
der Renaissance her, die, wie wir soeben gehört haben, den Geist 
der alten Akademien fortleiteten. Es ist nun interessant, daß die 
späteren Zweige dieser kultischen Verbände (nach der Renaissance- 
zeit) u.a. die Form von Alchemistengesellschaften annehmen und 
daß ferner auch solche Gesellschaften oder Fraternitäten, die sich 
nicht alchemistische nennen, doch Symbole verwenden, die wir 
von der Alchemie her kennen. Der Inhalt der alchemistischen 
Hieroglyphik scheint eben den zu behandelnden religiös=philoso- 
phischen Ideen ganz besonders entgegenzukommen. Die Roscn= 
kreuzerei aber war eine der kultischen Organisationsformen der 
Alchemie. Es ist ferner wichtig, daß in ebenjenen Sozietäten des 
beginnenden XVII. Jahrhunderts, welche von den Außenstehenden 
„Alchymisten" oder „Rosenkreuzer" genannt wurden, auch die 
charakteristischen Sinnbilder der alten Bauhütten vorkamen, wie 
der Zirkel, der kubische Stein, das Richtscheit, der rechtsschrei- 
tende Mann, die Sphäre, das längliche Viereck (Symbol der Loge) 
usw. (Keller, Zur Gesch. d. ßauh., S. 17.) Diese „Alchy» 
misten" verehrten in derselben Weise den heiligen Johannes, wie 
es für die Gesellschaften des XV. Jahrhunderts nachweisbar ist. 
Daß die moderne Maurerei in ihrer wichtigsten Form den Namen 
„Johannis=Maurerei" trägt, brauche ich kaum erst in Erinnerung 
zu bringen. 

Vom Beginn des XVIL Jahrhunderts an sind innerhalb der 
„Brüderschaft", wie man die Gesamtheit der gleichsinnig wirkenden 






■ r 



122 



II. ANALYTISCHER TEIL 



1 



Sozietäten nennen kann, Versuche nachweisbar, einen passenden 
Namen für diese Gesamtheit zu allgemeinerer Anerkennung zu 
bringen, der auch ein einigendes Band für die zerstreuten Ein« 
zelorganisationen bilden könnte. Die Führer wußten und spra= 
chen es gelegentlich auch aus, daß ein angesehener Name der ge= 
meinsamen Sache zugute kommen würde. Besonders tritt diese 
Absicht in Briefen des Comenius tiervor. Eine unentschiedene 
Frage war es damals allerdings, welche Nation sich an die Spitze 
des großen Unternehmens zu stellen habe. (Keller, in den MH. 
der C. G., 1S95, S. 156.) „Thatsächlich wurden denn auch gerade 
in den Jahren, wo in Deutschland die Brüder an mächtigen Fürsten 
einen Rückhalt gewonnen hatten und die Bewegung einen großen 
Aufschwung nahm, sehr entschiedene Versuche, sowohl zur Schaf= 
fung größerer Verbände wie zur Einbürgerung eines geeigneten 
Gesamtnamens gemacht. Die Gründung [der Sozietätl des Palm= 
baums {1617) war das Ergebnis der ersteren Bemühung, und die 
Schriften Andreaes über die angebliche Entstehung und die Ziele 
der Rosenkreuzer hängen mit dem anderen Bedürfnis zusammen. 
Die Schlacht am Weißen Berge und die unglücklichen Entwick= 
lungen, welche folgten, ertöteten beide Versuche gleichsam im 
Keime." (Z. Gesch. d. Bauh., S. zo.) In Parenthese sei bemerkt 
daß der Name der „Bruderschaft des Rosenkreuzes" von Symboleri 
geholt war, die in den Sozietäten bereits gebräuchlich waren. 
Angesichts dessen ist es wohl verfehlte Genauigkeit, zu behaupten' 
CS heiße richtig: „Brüderschaft des Rosencreutz" und nicht „des 
Rosencreutzes", wie es das Handbuch d. Freimaurerei, S.'zjo 
cmendiert. Der Vatter Christian Rosencreutz ist doch sclbstver» 
ständlich nur eine zum Träger einer bestimmten Symbolik (Christ 
Rose, Kreuz) komponierte legendarische Gestalt (und wäre sie 
auch bloß zum Scherz komponiert). Der Name kommt nicht von 
der Person des Stifters, sondern umgekehrt die Person des Stifters 
vom Namen. Dieser, bzw. die zugrunde liegenden Lehrzeichen 
und =ausdrücke sind das Primäre. 

Die erwähnten Versuche, einen gemeinsamen Namen zu finden 
taugten auf die Dauer nicht. Die als „Rosenkreuzer" und „Alchy» 
misten" verschrienen Schwärmer und,, Ketzer" wurden angefeindet, 
verfolgt. Ob es eine organisierte Brüderschaft der Rosenkreuzer 
gab, ist hier irrelevant; es genügte, im Ruf der Rosen kreuzerei zu 
sein. (Keller, 2. Gesch. d. B., S. 21.) Die große Organisation 
gelang erst, als eine europäische Großmacht ihre schützende Hand 
über sie ausbreitete, d.h. im jähre 1717, wo in England das neu« 
englische Großlogen=System der „Free and accepted Masons", 
also der Freimaurer, entstand. (Keller, D. Soc. d. Hum., S. 18.) 



4. ABSCHNITT/ROSENKREUZEREl UND FREIMAUREREI 123 

Man sieht, Keller kommt auf einem anderen, sichereren Weg als 
Katsch 2u einem Resultat, welches die zwischen den Alchymisten 
oder Rosenkreuzern und den späteren Freimaurern bestehende 
Sukzession erweist, wenn auch nicht genau so, wie es sich Katsch 
ausgemalt hatte. Insbesondere kommt Keller ohne die unerweis= 
liehe Behauptung aus, daß es (von den späteren Gold= und Roscn= 
kreuzern abgesehen) organisierte Rosenkreuzer gegeben habe. Er 
beweist etwas viel Wichtigeres, nämlich, daß es Sozietäten gab, die 
den Namen Rosenkreuzer (oder irgendeinen ähnlichen) tragen 
konnten. 

Einige interessante Einzelheiten möchte ich nicht übergehen. 
So z. B,, daß Leibniz um 1667 Sekretär einer Alchymistischen 
Sozietät (von sog. Rosenkreuzern) in Nürnberg war. Leibniz be= 
zeichnet die Alchymie „als Anleitung für die Theologia mystica" 
und stellt die Begriffe „Arcana naturae "und „Chymica" einander 
gleich. (M. H. der C. G. 1905, S. 145; 1909, S. i69f.) — In 
den Gesetzen der Großloge „Indissolubilis" (XV IL— XV Hl. Jahr= 
hundert) finden sich als Lehrzeichen der drei Grade die alchemisti= 
sehen Zeichen des Salzes (Rectification, Reinigung), des Queck= 
Silbers (Erleuchtung) und des Schwefels (Vereinigung, Tinctur), 
in der Verwendung, wie sie den Stadien der Realisation des „Großen 
Werkes" entsprechen. Die M. H. d. C. G., 1909, S. lyjf. bc= 
merken dazu, daß man darin vielleicht einen Zufall erblicken möchte, 
wenn sich nicht in berühmten hermetisch=chemischen Schriften 
die gleichen Zeichen mit Zutaten fänden, die für den Sachkundigen 
jeden Zweifel über die Absicht ausschließen. Im Jahre 1660 er= 
schien zu Paris eine Ausgabe der unter den Anhängern der „Kunst" 
sehr berühmten Schrift „Zwölf Schlüssel der Philosophie", 
die angeblich von einem Bruder Basilius Valcntinus verfaßt 
war. In dieser Ausgabe sieht man zu Eingang ein merkwürdiges 
Kupfer, dessen Verwandtschaft mit maurcrischen ßildereien un= 
verkennbar ist. (Figur 1.) Als Zusatz zu dem zuunterst angeord= 
neten Symbol des Salzes (G, als kubischer Stein dargestellt) 
findet sich ein deutlicher Hinweis auf die Erde und das Irdische^ ; 
die „Rectification" des in der Kunst aufgenommenen Subjektes 
(Menschen) vollzieht sich ja in der Tat durch die Prüfung mit 
irdischen Elementen, gemäß der Anweisung der Alchemisten, 

^) Ich muß bemerken, daß die Alchemie neben dem Zeichen G auch a 
für Sala anwandte; darin wird besonders auf die irdische Nötur des Salzes 
angespielt. Bei Piaton sind die kleinsten Teilchen des Elementes Erde 
kubisch. „Salz" und „Erde" wechseln in der Terminologie ab, ebenso wie 
Merkur J und Luft A oder Wasser V; wie Sulphur '^ und Feuer A : 
allerdings nur, wo es der Zusammenhang gestattet. 



124 



IL AKALYTISCHER TEIL 



welche den Anfang des Werkes „Vitriol" nennen und aus den An» 
fangsbuchstaben dieses Wortes den Spruch bilden: Visita Interiora 
Terrae, Rectificando Invenies Occultum Lapidem. In halber Höhe 
schwebt das in den Brüderschaften als „Bandzeichen" geltende 
2 (als solches ein Symbol der Bundgenossenschaft), und links 

und rechts davon findet 
man den Mond und die 
Sonne oder den FIam = 
niendcn Stern. Weiter 
oben hat man dann den 
Triangel ^; in ihm 
siehtman einen Phönix, 
der sich aus Flammen 
erhebt; und auf dem 
Triangel steht der ge-* 
krönte Saturnus oder 
Hermes (maurerisch ; 
Hiram) mit einer Sense 
und einem Zirkel in 
den Händen. Links und 
rechts von dieser könig= 
liehen Gestalt, an deren 
Brust und Bauch Pia» 
netenzeichen angebracht 
sind, bemerkt man 
Wasser in Tropfenform 
(Tränen) und Flama 
men, die auf das Lei« 
den und Wiederauf= 
erstehen hindeuten. 
„Wenn man beobachtet, 
daß nicht nur die Grund= 
Sätze der alten ,Lieb= 
haber der Kunst' mit 
denen der , Königlichen 
Kunst' [= Freimaurerei] 
übereinstimmen, sondern daß auch die Symbolik in allen Teilen 
die gleiche ist, so erkennt man, daß die neueren maurcrischen So= 
zietäten nur eine moderne Umgestaltung der alten Sozietäten sind, 
die die entwerteten Namen der Alchymisten abstreiften, um in 
neuem Gewände wieder zu erstehen." (A.a.O., pag. 175.) Daß 
die Behauptung von der durchgängigen Gleichheit der Symbolik 
kein bloßer Wahn ist, werden die noch folgenden Ausführungen 




Figur 1 



4- ABSCHNITT/ROSENKREUZEREI UND FREIMAUREREI 125 

(nicht nur dieses Abschnittes) zur Genüge demonstrieren. In den 
nachstehenden Beispielen wird das, worauf es am meisten ankommt 
durch gesperrten Druck hervorgehoben. 

Die Alchemie wird von ihren Jüngern als eine königliche 
Kunst angesehen. Alte Quellen geben an, daß die Kunst der 
üoldbereitung in Ägypten nur den Kronprinzen geoffenbart wurde 
Nur den Königssöhnen pflegten die Priester im alten Orient die 
magischen Wissenschaften mitzuteilen. Die Hermetiker führen 
Ihre Kunst ausdrücklich auf Könige zurück; Hermes, Geber und 
die anderen Erzväter der Alchemie werden als Könige aufge« 

Nach Khunrath (Amphitheatrum) führen zur ewigen Weisheit 
ücbet, Arbeit und Beharrlichkeit auf der mystischen Leiter der 
sieben theosopbischen Stufen. Alles in allem besteht die Weis= 
heit in der Erkenntnis Gottes und seines Sohnes, in dem Verständnis 
der heihgen Schrift in der Selbsterkenntnis und in der Kenntnis 
der großen Welt und ihres Sohnes, der Magnesia der Philosophen 
oder des Sterns der Philosophen. Die mystischen Stufen umfassen 
im allgemeinen drei Tätigkeiten: hören (audire), ausharren (perse-- 
verarej, kennen und wissen (nosse et scire), das auf fünf Objekte 
sich erstreckt so daß man im ganzen sieben Stufen unterscheiden 
kann Mur die Reinen dürfen den Tempel der Weisheit betreten 
nur den Würdigen sollen die Geheimnisse anvertraut werden, 
die Profanen sollen aber fernbleiben 

Auf der fünften Tafel in Khunraths Amphitheatrum ist die sieben, 
zackige Burg der Pallas abgebildet (Proverb. IX, i). Am Eingang 
jst eme Tafel mit der Inschrift Opera bona. Dahinter sitzt ein 

^vramTde 1^':^'"''<J'^- ^"/^f ^" ^^'*^" '^* ^"- vierseitige 
T .? x!^"^'^" ^P^*"" ^^^ ^'"'^^" i^t die Sonne, auf der 
rechten der Mond. Auf jener steht das Wort Fides, auf dieser 
Taciturnitas. Hinter dem Manne liest man das Wort Mysterion 
über dem inneren Eingang; Non omnibus 

Die Alchemie spricht häufig von zwei oder drei Lichtern 
Unter diesen versteht sie © und I), ^ 5 0, Licht der Gnade 
und Licht der Natur usw. Interessant ist auch die 2usammen= 
Stellung G, 3) und C^; niemand kann zu dem ersehnten Ziele ge= 
angen bevor durch das kreisrunde Rad der Elemente die FettL 
keit oder das Blut der Sonne und der Tau des Mondes durch 
Wirkung der Kunst und der Natur in einen Körper nach der Ge- 
stalt des Hexagramms sich verbinden, was nur nach dem Willen 
des Allerhöchsten geschehen wird, der allein dieses einzige Ge= 
schenk des heiligen Geistes und unschätzbare Kleinod nach 
semer besonderen Barmherzigkeit zuteilt. (Das oben erwähnte 



1 



r^K^ 



126 



II. ANALYTISCHER TEIL 



kreisrunde Rad ist identisch mit der Schlange, die sich in den 
Schwanz beiBt; es ist eine sich immer verzehrende und erneuernde 
Kraft. Dieser Kreis scheint im flammenden Stern nicht zu fehlen : 
es ist das runde Auge oder das gleichfalls rund gestaltete G, welch 
letzteres der Schlangenhieroglyphe recht ähnUch sieht. Die Deutung 
auf Genesis hat ihren guten Sinn. Übrigens stellt das Hexagramm 
S^ im kabbalistischen Sinne die mystische Vereinigung der männ= 
liehen mit der weiblichen Potenz, A mit V vor; nach einem rabbi= 
nischen Glauben soll in der Bundeslade nebst den Gesetzestafeln 

ein Bild gelegen sein, das 
einen Mann und ein Weib 
in inniger Umarmung, in 
Hexagrammform zeigte. 
In kabbalistischen Schrif= 
ten, wie z. B. in denjenigen 
von H. C. Agrippa, fin= 
det man bisweilen die 
menschliche Gestalt in 
einen Stern, zumeist ins 
Pentagramm, eingeschrie= 
ben. Das Genitale fällt 
genau in den Mittelpunkt 
und ist manchmal durch 
ein beigefügtes 2 als 
mann= weibliche, andro= 
gyne ZeugungsUraft her= 
vorgehoben. — Eine der 
schlangenförmigen ägyp= 
tischen Hieroglyphen geht 
häufig in arabisches 5, 
d.i. gimel, über. Ob diese 
Tatsache hier etwas zu 
sagen hat, weiß ich nicht. — Betreffs der obigen Stellen, die vom 
„Willen des Allerhöchsten" reden, verweise ich auf Wechselreden, 
die sich auf das G beziehen, z. B.: „Bedeutet es sonst nichts? — 
Etwas, das gröBer ist, als Ihr. — Wer ist größer als ich usw.? — Es 
ist Gott, den die Engländer durch God ausdrücken." — „Betrachtet 
diesen geheimnisvollen Stern: er ist das Symbol des Geistes . . . das 
Sinnbild des heiligen Feuers usw." 

Rebis wird als Hermaphrodit dargestellt. Die schon erwähnte^} 
Gestalt mit den zwei Köpfen — Figur z — befindet sich (wie 
Höhler an gibt) in dem i6i8 zu Frankfurt erschienenen Werk: 
^) Siehe S. 8? und ii8. 




Figur -2 



I 



4. ABSCHNITT/ ROSENKREUZEREI UND FREIMAUREREI 127 

Joannis Danielis MylU Tractatus III. seu ßasilica Philosophica, 
doch ist sie auch in anderen alchcmistischen Büchern zu sehen! 
Der Hermaphrodit steht da auf einem Drachen, der auf der Erd= 
liugel hegt. In der rechten Hand hält er einen Zirkel, in der 
linken ein Winkelmaß. Auf der Erdkugel sieht man ein Qua= 
drat und ein Dreieck. Um die Figur herum sind die Zeichen 
der sieben Planeten, zuoberst ? . — Auf einem Bildchen im „Dis= 
cursus nobilis" des Johannis a Münster sehen wir Sonne und 
Mond, oben in der Mitte den Stern O (auch mit Y =''YXi] be= 
zeichnet) von Strahlen umgeben. (Höhler, Herm. Phil., S. 105.) 

In der Kabbalah, die in die alchemistisch=rosenkreu2erische 
Vorstellungswelt Eingang gefunden hat, spielen drei Säulen und 
zwei Säulen keine geringe Rolle. 

Als ein großer Alchemist wird Thubalkain gerühmt. Er war . 
ein Erzvater der Weisheit, ein Meister in allerlei Erz und Eisen= 
werk (Gen. IV, 22). Er besaß nicht allein die Kenntnis der ge= 
meinen Chemie und des dazu erforderlichen Feuers, sondern auch 
der höheren Chemie und des verborgenen elementarischen Feuers. — 
Nach der Sündflut war kein Mensch mehr, der die Kunst wußte, 
als der fromme Noah, den etliche Hermogencs oder Hermes 
nennen, der die Kenntnis der himmlischen und der irdischen Dinge 
besaß. 

Der Kunstbeflissenc muß ein freier Mann sein. (Höhler, 
a.a. O., S.6L) Das Ordinale von Norton begründet das un= 
getalir so: „Die Könige haben in alter Zeit angeordnet, daß nie« 
niand die freien Wissenschaften lernen sollte außer der Freie von 
edlem Geiste, und wer ihnen ergeben wäre, sollte in seinen Studien 
auts freiste sein Leben hinbringen. Daher haben sie die Alten 
die sieben freien Künste genannt; denn wer sie vollkommen und jl 

gut lernen wollte, der mußte sich einer gewissen Freiheit erfreuen " ? 

überaus häufig findet man bei den Alchemisten Bilder des [ 

Todes: Grab, Sarg, Gerippe usw. So zeigt in Michael Maiers 
„Atalanta Fugiens" das Emblema XLIV, wie der König mit der 
Krone im Sarge liegt, der eben geöffnet wird. Dabei steht 
rechts ein Mann mit Turban, links zwei, die den Sarg öffnen und ,1 

die Gebärde der Freude erkennen lassen. In der Practica des ■{ 

Basilius Valentinus zeigt das Bild zum vierten Schlüssel einen ' 

Sarg, auf dem ein Gerippe steht; das Bild zum achten Schlüssel 
— siehe Figur 5 — ein Grab, aus dem ein Mann mit aufrechtem 
Leib und erhobenen Händen halb herausragt*). Zwei Männer schießen 

') Ich verdanke diese Reprodulftion sowie auch Figur i der Liebens=. 
würdig'keit des Herrn Geh. Archiv^Rats Dr. Ludwig KelJer und des Ver» 
lages der ComeniusoGesellschaft. ' 

I 






128 



II. ANALYTISCHER TEIL 



auf das in Form einer Scheibe auftretende uns wohlbekannte Zei» 
chen O (ein in den alten Logen übliches Lehrzeichen), während 
ein dritter säet. (Gleichnis vom Säemann und dem Samen.) Das 
Zeichen 4^ ist eine geschickte Verwendung der Sulphur=Hiero= 
glyphe und ist identisch mit dem Stammbuchzeichen des dritten 
Grades der Hauptloge Indissolubilis. Das Zeichen O an der Mauer 
ist gleichfalls ein Lehrzeichen der Akademien: es ist der Halb= 
kreis, der Mensch, dem das Licht erteilt wurde, und bedeutet, 
wenn kollektiv auftretend, die Brüderschaft; der Gedanke, die ge= 




TpSTTJT 



Figur j 



schlossene Sozietät als Umfriedungsmauer darzustellen, ist ja 
verständlich. Der Engel mit der Posaune ist der Engel des Ge= 
richts, der die Toten erweckt. Betreffs der Vögel verweise ich auf 
Matth. XIll, 4.: „Und indem er säete, fiel etUches an den Weg; 
da kamen die Vögel und fraßen's auf." Im Text das Basilius 
Valentinus, IV. Schlüssel, ist von der uns wohlbekannten Fäu= 
lung/ also dem Zerfall, die Rede. Die Idee der Zerstückelung 
wird nicht selten deutlich zum Ausdruck gebracht, noch deutlicher 
als in unserer Parabola. Schon in den ältesten alchemistischen An= 
leitungen wurde eine Operation als das Grab des Osiris bezeichnet. 
Eines der von Berthelot (Orig., p. 60) angeführten Manu= 
skriptc sagt: „Der Drache ist der Wächter des Tempeis; opfere 
ihn, ziehe ihm seine Haut ab, scheide das Fleisch von den Kno= 






4. ABSCHNITT/ROSENKREUZEREI UND FREIMAUREREI 129 

chen, und du wirst finden, was du suchst." Der Drache heißt 
auch Osiris, mit dessen Sohn Horus= Harpokrates der kunstreiche 
Hermes auch identifiziert wurde. {Bedarf es des Hinweises auf die 

Beförderung im dritten Grad? „J , die Haut verläßt 

B - . ., das Fleisch verläßt . . ."; „M . . B er lebt im Sohne'.") 

Deutlicher als sonstwo sehen wir hier die maurerische Sym= 
bolik mit dem Welteltern= oder Schöpfungsmythos verwachsen. 
Die mythenbildendc Kraft scheint nirg:end, wo sie schafft, ihre 
Gesetze verleugnen zu wollen. Auch der aus dem Grab oder Leib 
des getöteten Urvaters („. . . bei den Gräbern unserer Väter". 
„Ich wurde eines schrecklichen Verbrechens beschuldigt") wach= 
sende Baum fehlt nicht; es ist die Akazie, deren Vorhandensein 
damit rationalisiert erscheint, daß sie ein Merkmal bilden soll zum 
Wiederfinden der Stätte der Verscharrung. 

Ein ägyptisches Märchen erzählt von zwei Brüdern. Der 
jüngere Bata, wird von seiner Schwägerin fälschlich ange = 
schuldigt {wie Josef von Potiphars Frau). Sein Bruder Inpw 
(Anepu) verfolgt ihn deshalb. Der Sonnengott erschafft ein 
machtiges Gewässer, das den Verfolger vom Verfolgten trennt. 
Bata entmannt sich und wirft sein ZeugungsgÜed ins Wasser, 
wo es von einem Fische geschluckt wird. Batas Herz verwandelt 
sich _,m späteren Verlauf der Erzählung in eine Blüte an einer 
Akazie oder Zeder^). Bata versöhnt sich mit Inpw und teilt ihm 
beim Abschied mit, daß eine Kanne mit Bier ihm als Zeichen dienen 
soll, wie es dem in der Ferne wohnenden Bruder geht. Wenn das 
Bier autschäume, befinde er sich in Gefahr. Batas Weib läßt den 
Akazienbaum, an welchem Batas Herz sich als Blüte befindet 
fallen, und mfolgedessen stirbt Bata. Durch die Kanne erfährt 
Inpw von Batas Lebensgefahr und bricht auf, seinen jüngeren 
Bruder zu suchen Inpw findet die gefällte Akazie und an ihr 
eine Beere, die das verwandelte Herz des Bruders ist. Bata er= 
c "^*iv; L I r ^" wieder; er verwandelt sich in einen Stier. 
Sein Weib läßt den Stier schlachten unter dem Vorwand, sie 
mochte des Stieres Leber essen. Vom durchschnittenen Halse des 
Stieres fallen zwei Blutstropfen zu Boden und verwandeln sich in 
zwei Persea=Bäume. Das Weib des Bata läßt die Persea=Bäume 
fallen, fcin Holzspan fliegt ihr in den Mund, sie verschluckt ihn 
und wird dadurch schwanger. Das Kind, das sie zur Welt bringt 
ist der wiedergeborene Bata. Dieser lebt also im Sohne weiter' 
als Kind einer Witwe. ' 

^) Auf den Zufall, daß hier eine Akazie vorltommt, will ich natürlich 
kein Gewicht legen; auf das Motiv des Baums als Lebenszeichen kommt 

CS än> 

Silbercr, Probleme der Uyatlk Q 



130 



!I. ANALYTISCHER TEIL 



Das zweite Fragment der „Physica et Mystica" vom Pseudo« 
Demokrit, welches Berthelot (Orig., p. lyi) anführt, erzählt, 
daß der Meister starb, ohne Demokritos in die Geheim = 
nisse der Wissenschaft eingeweiht zu haben. Demokritos be= 
schwor ihn aus der Unterwelt herauf. Der Geist ruft: „Das ist 
also der Lohn für das, was ich um dich getan!" Auf die Fragen 
des Demokrit antwortet er: „Die Bücher sind im Tempel." Man 
fand sie nicht. Einige Zeit hernach sah man bei Gelegenheit eines 
Festes eine Säule klaffen; und in der Öffnung fand man die Bücher 
des Meisters, welche nur drei mystische Axiome enthielten: „Na= 
tur gefällt sich in Natur, Natur triumphiert über Natur, Natur be= 
herrscht Natur." 

Die Beispiele lehren freilich nur die Außenseite der Zusammen» 
hänge zwischen Alchemie und Freimaurerei kennen. Die hinter 
der SymboHk liegende sachUche Verwandtschaft, von der übrigens 
unsere Betrachtung über die hermetische Kunst bereits einiges 
ahnen läßt, wird später behandelt werden. 

Man könnte auch noch einen psychologischen Zusammenhang 
annehmen in der Art eines „ätiologischen Anspruchs" nach der 
Terminologie der Psychanalyse. Er würde die zeitweilige Ver= 
Schmelzung vom alchemistischcn Rosenkreuzertum mit der Frei= 
maurerei erklärlich machen. Der rosenkreuzerische Taumel hätte 
sich — das will ich sagen — in der Maurerei nie ereignet, wenn 
keine Disposition dazu vorhanden gewesen wäre; es muß eine 
emotionelle Grundlage für die Erscheinung existiert haben. Und 
da die Rosenkreuzcrci vornehmlich auf dem Boden der Maurerei 
spukte, ja eigentlich nur dieser gefährlich wurde, muß dieser ätio» 
logische Anspruch ein solcher sein, der auch ein emotionelles Mo= 
ment in der Maurerei selbst abgibt, nur vielleicht in diskreterer, 
heilsamerer Form. In der Maurerei mögen psychologische Momente 
gespielt haben, die, wenn unrichtig geführt, ausarten konnten, so wie 
es eben geschah, als man der Maurerei die Gold= und Rosenkreuzcrci 
aufpfropfte. Die Bewegung bloß aus der äußerlichen Vereinigung 
der Rosenkreuzerei mit dem freimaurerischen Apparat zu erklären, 
erscheint mir zu wenig gründlich; so richtig die Beobachtung ist: 
den Kern der Sache, das Treibende, das nur die Psychologie er= 
mittcln kann, das trifft sie nicht. Die Freimaurerei muß in der Rosen« 
kreuzerei etwas Verwandtes gefühlt haben, etwas Verwandtes in den 
psychischen Grundlagen der Ausdrucksmittcl (Symbolik, Ritual) 
beider. Nur sind offenbar die Ausdrucksmittel der Rosenkreuzerei 
weitergehend oder gefährlicher in dem Sinn, daß sie {lockere gesell» 
schaftliche Führung immer vorausgesetzt) schwache Naturen eher 
zu einer mißbräuchlichen Auffassung und Übung ermuntern konnte. 



4. ABSCHNITT/ ROSENKREUZEREI UND FREIMAUREREI 131 

Daß die Rosenkreuzerei in ihrem besseren Aspekt mit der 
höheren Alchemie identisch ist, daran sollte nach dem mitgeteilten 
Material niemand mehr zweifeln. Das psychologisch Gemeinsame 
wird sich also dann zeigen, wann wir — wie dies in späteren Ab= 
schnitten geschehen wird — der tiefern gemeinsamen Grundlage 
von Alchemie und Freimaurerei nachgehen werden. Erst dann 
wird also der gesuchte „ätiologische Anspruch" zur wünschens« 
werten Deutlichkeit gelangen. So viel dürfte aber bereits klar ge- 
worden sein, daß wir in beiden Gebieten Gebilde mit religiösem 
Gehalt vor uns haben, wenn auch zeitweise Namen gebraucht 
wurden, welche diese Tatsache verschleierten. Ich teile nun vor= 
greifend einen Satz mit, dessen klare Formulierung der Psycho, 
analyse vorbehalten war: daß nämlich der Gegenstand der kultischen 
Verehrung regelmäßig als ein Symbol der Libido') anzusehen ist 
dieser psychologischen Göttin, die das Wunschlebcn des Menschen 
beherrscht (und deren Kanzler Eros ist). Wenn nun das zum 
idealen Vorwurf erhobene Libidosymbol zu nackt vor 
den Suchenden gestellt wird, ist immer die Gefahr des 
Mißverstehens und des Mißbrauchs vorhanden. Denn er 
wird durch seine Instinkte verleitet, das Symbol wörtlich, d.h. in 
seinem ursprünglichen, niedrigeren Sinn zu nehmen und danach 
zu handeln Deshalb sind alle Kulte ausgeartet, in denen man als 
kultisches Libido=Symboi die un verschleierte Sexualhandlung 
selbst wählte; und deshalb mußte auch ein Kult ausarten, bei dern 
man das Gold, diesen Gegenstand der Gier, als Symbol führte. 

(A UA *"? '"j •" ^^"'"^•■«^ ""d ^n der Alchemie den Suchenden 
(d.h. den, der diese Bezeichnung wirklich verdient) vorwärts treibt 
zeigt sich sichtbar als eine gewisse Unbefriedigtheit; dem Suchen^ 
den genügt das nicht, was er in den Graden jeweils erfährt, er er- 
wartet mehr, will erschöpfendere Aufschlüsse haben, will wissen, 
wann ihm endlich das „Eigentliche" gezeigt wird. Man klagt z B 
über den zu geringen Inhalt des Gesellengrades. Viel mehr 'als 
der objektive Inhalt irgendeines Grades fällt indes der subjektive 
Reichtum des zu Befordernden ins Gewicht. Je geringer dieser ist 
desto wenig er wird er auch in den Graden „finden", und desto 

U U '' ^k» 't '? ^[^ ^" l* °'^%" ^^\ ^"^ ""' L"^*' *'^ " ""==«■■ Triebicben 
beherrscht. In der ärztlichen Sprache vorwiegrend für sexuelle Lust anzc- 

wendet, erweiterte sich der Begriff Libido in der Psychanalyse (namentlS 
bei C. G Jung) zur treibenden Kraft des psychischen Geschehens über- 
haupt. Libido wäre also die Innenansicht dessen, was man in objektiver 
Bezeichnung „psychische Energie" nennen müßte. Wie es zu dieser Er- 
Weiterung kommen konnte, sieht man ein, wenn man um die Verwandlungs- 
und Subliraierungsfähigkeit der Libido weiß, wovon später noch die Rede 
sein wird. 

9« 



132 



11. ANALYTISCHER TEIL 



minder befriedigt wird er sein, falls er überhaupt etwas erstrebt. 
Hier ausgleichend zu wirken, ist natürlich Aufgabe der Einführenden. 
Die erwähnte Unbefriedigtheit ist es aber auch, die von geheimnis« 
vollen Oberen höherer Grade wunderbare Künste erwarten läßt, 
eine Erwartung, die wie geschaffen ist zur Ausbeutung durch 
Schwindler, die es natürlich auch gegeben hat, und zwar auf dem 
Gebiet der Alchemie genau so, wie spater zur kritischen Zeit in der 
Hochgrad=Maurerei. Wie groß die Anteile der Habsucht, des Ehr« 
geizes, der Eitelkeit, der Neugierde, endlich eines nicht unlöblichen 
Gefühlshungers gewesen sein mögen, wer kann das genau be= 
stimmen? 

Von den Spekulanten, die im trüben Wasser der späten Rosen= 
kreuzerci fischten, wurde so manches begehrenswerte Ding als 
Köder an die Angel gesteckt: Gewalt über die Geisterwelt, Ein- 
dringen in die verstecktesten Teile der Naturlchrc, Ehre, Reichtum, 
Gesundheit, langes Leben; dem einen wurde die Hoffnung erregt, 
eines, einem anderen ein anderes von diesen Zielen zu erreichen. 
Der Glaube an das Goldmachen war zu jener Zeit, wie schon ers 
wähnt, noch lebendig. Aber nicht allein das Fortbestehen dieser 
Überzeugung ließ an die alchemistischen Geheimnisse der Hoch= 
grade glauben, sondern, wie z. B. Kopp {Alch. IL, S. ij) aus=« 
führt, ein gewisses metaphysisches Bedürfnis jener Zeit. 

Man wird bemerkt haben, daß ich der Rosenkreuzerei, auch der 
späten, bei aller Würdigung ihrer Auswüchse, doch ihre ideale 
Seite lasse, wie es sich gebührt. Ihr diese abzustreiten hieße ihr 
Bild, ja ihr wesentliches Bild fälschen. Man muß nur die wichtige 
Unterscheidung treffen zwischen einer Idee und ihren Vertretern, 
der Alchemie und den Alchemisten, der Rosenkreuzerci und den 
Rosenkreuzern. Es gibt würdige und unwürdige Vertreter; unter 
den Alchemisten heißen sie: die Adepten oder Meister und die 
Sudler oder Sudelköche. Sintemal es bei unserer Untersuchung 
auf die hermetische Wissenschaft selbst, nicht bloß auf die in ihrem 
Namen geschehenen Mißgriffe ankommt, dürfen wir uns nicht 
selber in diese verstricken lassen. Und da für uns in erster Linie das 
Geistesprodukt (Alchemie, der rosenkreuzerischc Gedanke, die 
maurerischc Symbolik usw.), nicht einzelne es vertretende Pcrs 
sonen in Betracht kommen, ist die Frage müßig, ob die ersten Rosen= 
kreuzer einen organisierten Bund hatten oder nicht. Es genügt, daß 
man die Rosenkreuzer in der Phantasie erschuf, daß man diese 
Phantasie hegte, daß Leute nach dieser Phantasie lebten und sie 
wahr machten. Es kommt für uns auf eins heraus, ob es nur „so» 
genannte" oder „echte" Rosenkreuzer gegeben hat ; der Inhalt 
ihrer Lehre lebte; und diesen in der Literatur nachweisbaren In= 



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y. ABSCHN. / DAS PROBLEM DER MEHRFACHEN DEUTUNG 133 

halt meinte ich, wenn ich sagte, die Rosenkreuzerei ist identisch 
mit der höheren Alchemie oder der hermetischen oder königlichen 
Kunst. Ich meine aber, die Gleichung gilt auch für die Go]d= und 
Rosenkreuzerei, denn der geistige Gehalt dieser Neuauflage des 
alten Ordens ist der gleiche, nur daß er, wie es das Schicksal aller 
subtilen Dinge ist, von der Mehrzahl mißverstanden wurde. Es 
fehlte nicht an Versuchen, die Leute von den Irrwegen abzubringen. 
In den rosenkreuzerischen Anmerkungen zu dem „Kompaß der 
Weisen" (Ausgabe von 1782) heißt es z. B.: „. . . Zudem ist die 
Absicht unserer unschuldigen Gesellschaft keineswegs das Gold= 
machen . . . Vielmehr benimmt man ihnen [den Lehrlingen] diesen 
Wahn, sofern sie etwa damit angesteckt seyn sollten, gleich auf der 
ersten Stufe des Tempels der Weisheit; man schärffet ihnen da= 
gegen ernsthch ein, daß sie zuvörderst das Reich Gottes und seine 
Gerechtigkeit suchen müßten . . ." Auch durch allerlei Reformen 
suchte man den verfahrenen Karren ins rechte, dem ursprüng= 
liehen Ideal entsprechende Geleise zu bringen. Umsonst. Es 
scheint, daß sich die alchemistische Bearbeitung des „Werkes" 
eben nur für engste Kreise schickte. Die Menge wurde verblendet. 

„Wo halten sich die schottischen Meister auf?" 

„Ganz nahe der Sonne." 

„Warum?" 

„Weil sie sie vertragen können!" 



5. ABSCHNITT / DAS PROBLEM DER MEHR. 
FACHEN DEUTUNG 

Nach allem Gesagten ist klar, daß die Parabola eine Be- 
lehrung im Sinne der höheren Alchemie enthält. Wer das 4. Kapitel 
mit einiger Aufmerksamkeit gelesen hat, wird gewiß imstande sein, 
die Parabola zum großen Teil „hermetisch" zu verstehen. Ich 
möchte diese Deutung jetzt nicht entwickeln; denn bis zu einem ge= 
wissen Grad ergibt sie sich ohnehin von selbst, und was darüber 
hinausgeht, kann erst im zweiten Teil dieses Buches zur Behand- 
lung kommen. Ich werde mich also vorderhand auf wenige Andeu- 
tungen beschränken. 

Betreffs der äußerlichen Stellung der Parabola als Produkt der 
rosenkreuzerischen Literatur ist daran zu erinnern, daß sie 1788 
veröffentlicht wurde, also zur Zeit der späten Gold= und Rosen= 
kreuzer, und zwar in einem Buch, dessen theosophisch-religiöser 
Charakter aus allen darin enthaltenen Figuren sowie aus dem größten 



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134 



II. ANALYTISCHER TEIL 



Teil des Textes in die Augen springt. Es wird immer wieder bc= 
tont, daß das Gold nicht gemeines Gold, sondern unser Gold, daß 
der Stein ein geistlicher Stein (lesus Christus) ist usw. Die Er= 
Schaffung der Welt, die religiöse Pflicht des Menschen, der mysti^ 
sehe Pfad zum Erleben der Gottheit — all das wird in ausführlichen 
Bildern mit vorzugsweise chemischer Symbolik dargestellt. Diese 
höhere Auffassung der Alchemie, welche durchaus dem Ideal der 
sog. alten oder echten Rosenkreuzer entspricht, schließt nicht aus, 
daß der Herausgeber an die Möglichkeit wunderbarer Gaben glaubte, 
die durch die hermetische Kunst zu erlangen seien. Manche Stücke 
des Buches lassen eine gewisse Naivität vermuten, die über die 
„Einfalt", wie sie zur religiösen Entwicklung gefordert wird, um 
einige Grade hinausgehen mag. 

Was die Entstehung der Parabola anbelangt, sind zwei Fälle 
möglich. Entweder ist der Herausgeber selbst ihr Verfasser und 
tritt als solcher in den Hintergrund, indem er sich als Sammler alter 
Rosen krcuzcr= Manuskripte benimmt, die er den Kunstliebhabern 
nun durch Veröffentlichung erschließt. Oder der Herausgeber ist 
wirklich bloß Herausgeber. In beiden Fällen bleibt für uns die 
Verpflichtung zur hermetischen Interpretation der Parabola auf= 
recht. Die lehrhafte Intention des Herausgebers steht, wie gesagt, 
fest. Ist er selbst der Verfasser, so hat er selbst seine Lehren in 
die Bilder der Parabola gekleidet. Ist dagegen der Verfasser ein 
andrer (entweder ein Zeitgenosse, also O RC ^, oder ein älterer 
Hermetiker, Fr. R. C), so hat der Herausgeber in dem von ihm 
publizierten Stücke offenbar ein seinen Intentionen entsprechendes 
Material vorgefunden, ein Material, das seine Lehren ausspricht. 
Man kann selbstverständlich auch, um der Verfasserfrage aus dem 
Wege zu gehen, sich damit begnügen, daß die Schriften selbst ihrer 
Natur nach die hermetische Interpretation verlangen und ihren dem= 
entsprechenden theosophischen Gehalt bis ins Detail nachweisen 
lassen. Nichtsdestoweniger will ich auf die ordnende Hand des 
Sammlers und Herausgebers hingewiesen haben. 

Einige Anhaltspunkte für eine hermetisch=theosophische Deu= 
tung, die der Leser vielleicht an der Parabola versuchen wird, 
mögen sich schon zeigen, wenn ich an die ethischen Momente er= 
innere, die hier und da in unserer psychanalytischen Deutung der= 
selben Schrift auftauchen. Ich möchte auch in Erinnerung bringen, 
daß der Wanderer ein Drachentöter ist wie der hl. Georg; die 
hl. Maria wird über einem Drachen stehend abgebildet; auch unter 
dem Buddha, der auf der Lotosblume thront, ringelt sich nicht 
selten ein überwundener Drache usw. Ich verweise auf die reli= 
giöse Symbolik des schmalen Pfades, der zum wahren Leben führt. 



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5. ABSCHN./ DAS PROBLEM DER MEHRFACHEN DEUTUNG 135 

Viele Begebenheiten der Parabola lassen sich als Prüfungen auf* 
fassen, und man kann den Wanderer die elementarische Welt über= 
\finden sehen („Natur triumphiert über Katur"), indem er durch 
alle vier Elemente geprüft wird und aus allen Proben siegreich hcr= 
vorgeht. Der Löwenltampf in der Grube kann als Erdprobe, der 
Gang auf der bis in die Wolken ragenden Mauer (sowie das Auf= 
fliegen im Gefäß) als Luftprobe, die Mühlcnszene (und die Sintflut 
im Gefäß) als Wasserprobe, der Aufenthalt in dem erhitzten Gefäß 
als Feuerprobe angesehen werden. Der alte Müller ist Gott Vater, 
die zehn Mühlenräder sind die zehn Gebote und auch die zehn 
Sephiroth, die die ganze Welt schaffen; auch an die Ophanim 
(Räder, eine Engelgattung} läßt sich denken. 

Mehrere Einzelheiten weisen auf die Aufnahme des Suchenden 
in eine hermetische Brüderschaft hin, die man meinetwegen „Rosen= 
kreuzer" nennen kann. Auch bei den Kabbalisten gab es, wie aus 
Reuchlin („De Verbo Mirifico") hervorzugehen scheint, Geheim= 
aufnahmen. Fludd apostrophiert (in seinem „Tractatus theologo= 
philosophicus de vita, morte et resurrectione", cap. XVI) die 
Rosenkreuzer: „Mit offnen Augen ersah ich aus Eurer kurzen 
Antwort an zwei Männer, welche Ihr, wie Ihr sagt, auf Anmahnung 
des heiligen Geistes in Euer Kloster oder Haus zu wählen gedenkt: 
daß Ihr das gleiche Wissen von dem wahren Mysterium und den= 
selben Schlüssel der Erkenntnis besessen, weicher das Paradies 
der Freude erschließt, wie die Patriarchen und Propheten der 
heiligen Schrift." Eine andre Stelle: „...glaubet, daß ihr (der 
RC^P) Palast oder Wohnsitz stehe an der Grenze des Erdcnpara= 
dieses (im Original: locus voluptatis terrestrisl . . ." In unserer 
Parabola ist es auch ein Paradies der Freude (pratum felicis 
tatis), wo der Wanderer die Gesellschaft antrifft, in die er auf= 
genommen sein will. Er muß sich Prüfungen unterziehen, wie 
jeder Neophyt. Das „Collegium Sapientiae" der Parabola gemahnt 
an das rosenkreuzerische „Collegium Sancti Spiritus", welches in 
dem Buch, das die Parabola enthält, an anderer Stelle auch wirk« 
lieh genannt wird. Das Blut des Löwen, das der Wanderer durch 
das Anatomieren gewinnt, gemahnt an das rosinfarbene Blut des 
Kreuzes, das man durch tiefes Graben und Klopfen (wie es im 
„Summum Bonum" heißt) gewinnt. Der Wanderer pflückt Rosen 
und steckt sie auf seinen Hut, ein Zeichen der Würde. Der Meister 
pflegt auf den alten Darstellungen mit einem Hut versehen zu sein. 
„Rosengärten" (das Gärtlein der Parabola ist viereckig) hießen, wie 
es scheint, alchcmistischc Logen, Das philosophische Werk selbst 
wird der Rose verglichen; die weiße Rose ist die weiße, die rote 
Rose die rote Tinktur (verschiedene Grade der Vollendung, die dem 



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II. ANALYTISCHER TEIL 



Grad der Schwärze folgen). Sie werden im „alchymistischen Para= 
diese gebrochen", aber vorher muß man sich unter den Gehorsam 
der Natur begeben. Von dem großen Magisterium schreibt Basi = 
lius Valentinus im dritten seiner Zwölf Schlüssel: „Also wer da 
unsern unverbrennlichen Schwefel aller Weisen bereiten will, der 
nehme zuvor Achtung für sich, daß er unsern Schwefel suche in 
einem, da er unverbrennlich innen ist: welches nicht geschehen 
kan, es habe dann das versaltzcne Meer den Leichnam vcr= 
schlangen, und auch gantz und gar wieder von sich ausgeworffen 
alsdann erhöhe ihn in seinem Grad, auf daß er alle andere 
Sterne des Himmeis in seiner Klarheit weit übertreffe, und in 
seinem Wesen so Blut=reich worden wie der Pelican, wenn er sich 
in seine Brust verwundet, als denn ohne Kränckung seines Leibes 
seiner Jungen viel ernähren, und von seinem Blut speisen kan')' 
das ist die Rose unserer Meister, von Farbe des Scharlachs' 
und das rothe Drachen=Biut von vielen geschrieben, auch der 
Purpurmantel des höchsten Gebieters in unserer Kunst, damit die 
Königin des Heyls bedecket wird, und dadurch alle dürfftige Me= 
tallen können erwärmet werden. Diesen Mantel der Ehren verwahre 
wohl . . ." 

Interessant ist, daß uns auf dem Pfade der hermetischen Dcu= 
tung noch ab und zu Traumparallelen unterstützen können. Ich 
habe im 2. Abschnitt den „Traum von der fliegenden Post" mit= 
geteilt. Ich muß nun seine Deutung vervollständigen. Stckel 
schreibt (a. a. 0., S. 599): „Wenn wir von der Gcburts= und 
Muttei-Ieibsphantasie absehen, entpuppt sich Herr X. 1. [der Träu= 
nier] als ein schwerer Krimineller. Er kämpft mit bewußten Mord= 
Ideen. Er fürchtet, er könnte den Onkel oder die Mutter erschlagen 
tr ist sehr fromm. Aber seine Seele ist schwarz wie die mit Kohlen= 
abtailen ubersäete Straße. Seine bösen Gedanken (auch die homo= 
sexuellen) verfolgen ihn. Er kommt in die Mühle. Es ist die Mühle 
Gottes. Di ese Mühlen mahlen langsam, aber sicher . . . Sein Ge« 

1/ 1.1 ^ ?" Pelikan besitzt am unteren Teil seines Schnabels einen großen 
Kehlsack, in dem er Nahrung - hauptsächlich Fische - aufbewahren 
kann. Wenn er die Speise aus dem Kropf auswürgt, um seine Jungen zu 
atzen, stemmt er den Schnabel gegen die Brust. Das gab zu dem Glauben 
AnlaB, er ritze seine Brust auf, um die Jungen mit seinem Blute zu speisen. 
Seit alters her wird deshalb der Pelikan als Sinnbild Christi gebraucht, der 
sein Blut für die Menschheit vergoß. Die Alchemisten stellten den Stein 
der Welsen, die rote Tinktur, als Pelikan dar; denn bei der Projektion auf 
die niederen Metalle opfert er sich und gibt gleichsam sein Blut her, um sie 
zu tingieren. Die christliche und die hermetische Symbolik laufen natürlich 
auf dasselbe hinaus, da in höherer Auffassung der Stein Christus, bzw. der 
Messias in unserem Herzen ist. 



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y. ABSCHN./ DAS PROBLEM DER MEHRFACHEN DEUTUNG 137 

wicht {seine Sündenlast) treibt die Mühle. Er iwird vertrieben 

Er kommt in die ,fliegcnde Post'. Es ist die Post, die Himmel 

und Erde verbindet. Er soll zahlen, d. h. seine Sünden büßen. Er 

hat erotische Sünden. (Drei Heller = das Genitale.) Seine Sünden j ■ 

und Missetaten stinken gegen Himmel (Schweißfüße). Der Kon= ^ '■ 

dukteur ist der Tod . . . Die Radstube geht auf das Rädern der Vcr= \ ' 

brcchcr. Das Wasser ist Blut . . ." Die gefährliche Situation im 

Traum, Gottes Mühle, die Schwärze, das Wasser oder Blut — man 

findet sogleich die Analoga in der Parabola, ohne daß besondre Hin= 

weise nötig wären ; besonders aufgreifen mächte ich aber das selt= 

same Detail der stinkenden Schweißfüße, für das wohl niemand in . ; 

der Parabola einen Anknüpfungspunkt vermuten würde. Dieser '1^ 

findet sich in der Szene der Fäulnis des Brautpaars in dem Be= 

hälter. Es wird ausdrücklich gesagt, daß die verwesenden Leich= 

name (d. i. die im theosophischen Werk vergehenden sündlichen 

Leiber der Menschen) stinken. Der Gegensatz wäre der Geruch *'■ 

der Heiligkeit. Tatsächlich kehrt dieser Gegensatz in hermetischen -f 

Anleitungen überaus oft wieder. Der Kondukteur des Traumes '' 

läßt sich hermetisch als der Himmelsbote ^,'EQ(irj? ^vyojio^Tiög be= j 

zeichnen. Seine erste Erscheinung im Leben des Menschen ist das 1 

Gewissen. Dieses macht, daß unsre Sünden, die uns sonst gleiche i 

gültig wären, stinken. In der Alchemie stinken die Körper bei \ 

]hrer Zersetzung im mercurialischen Reinigungswasser. Erst später 

stellt sich lieblicher Duft ein. '■ > 

Wenn wir nun einerseits finden, daß die Parabola sich als eine 
hermetische Schrift erweist, die aus ihren chemischen Gleichnissen 
eme theosophische Anleitung entwickeln läßt, so kann doch ander= 
seits an ihrer psychanalytischen Deutung nicht gerüttelt werden 
Es entsteht somit die Frage für uns, wie von einer langen Bilder= 
reihe ^) mehrere Deutungen, die miteinander in schroffem Gegen» 
satze stehen, möglich sind. Daß sie möglich sind, hat unsere Unter» 
suchung gezeigt. Die psychanalytische Deutung führt uns Elemente 
eines rucksichts= und vernunftlosen Tricblebens vor Augen die 
sich in den Phantasien der Parabola austoben; und nun zeigt uns die 
Analyse hermetischer Schriften, daß die Parabola, wie alle tieferen 
alchemistischen Bücher, eine Anleitung zu mystisch=frommem Leben 
ist — gleichviel in welchem Grad der Klarheit ihrem Verfasser die 
Idee vorschwebte; denn gleich wie der psychanalytisch heraus= 
gelesene Inhalt der Phantasie ihm nicht deutlich vor Augen ge= 
standen ist, so kann ihm möglicherweise auch der zu begehende 
mystis c he W eg bloß nebelhaft vorgeschwebt haben. Welchen Grad 

^) Würde CS sich bloß um einzelne Bilder handeln, wäre die Sache weiter 
nicht verwunderlich. 



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138 



IL ANALYTISCHER TEIL 



der Deutlichkeit also das subjektive Erlebnis vom Standpunkt des 
Autors nun gehabt haben mag: wir haben uns bei unserem Problem 
an das gegebene Objekt und die so merkwürdig aneinander gea 
ratenen Deutungsmöglichkeiten zu halten. 

Der Deutungen sind eigentlich drei. Die psychanalytische, 
die uns in die Tiefen des Trieblebens führt; dann die mit ihr leb= 
haft kontrastierende hermctisch=religiöse, die uns gleichsam aufa 
wärts zu hohen Idealen leitet und die ich deshalb fortan kurz die 
anagogische nennen werde; drittens die naturwissenschaft= 
liehe (chemische), die sozusagen in der Mitte liegt und uns, im 
Gegensatz zu beiden anderen, ethisch indifferent erscheint. Die 
dritte Bedeutung des Geistesproduktes liegt in verschiedenen Be= 
siehungen in der Mitte zwischen der psychanalytischen und der 
anagogischen und kann, wie die alchemistische Literatur zeigt, als 
Träger der anagogischen aufgefaßt werden. 

Die Parabola kann als Schulbeispiel für die ganze Hermetik 
gelten. Das Problem der mehrfachen Deutung erstreckt sich aber 
noch viel weiter als etwa bloß auf die Alchemie. Diese ist vielmehr 
wiederum nur ein Beispiel. Das Problem der mehrfachen Deutung 
ist geradezu universell, in dem Sinne nämlich, als man es vielleicht 
überall wird antreffen können, wo die Phantasie schöpferisch tätig 
gewesen ist. So eröffnen sich unserer Betrachtung weite Felder- 
insbesondere scheinen uns die Kunst und die Mythologie zu winken'. 
Ich will mich aber von dem als Beispiel gewählten Gebiet, der 
Alchemie, so wenig wie möglich entfernen. Nur an zwei Märchen 
will ich das Problem der mehrfachen Deutung noch zeigen. Für 
die Wahl der Märchen war maßgebend, daß von dem einen eine 
psychanalytische Bearbeitung (von Rank) bereits vorliegt und daß 
beide von Hitchcock, demselben, der über Alchemie schrieb, 
einer anagogischen Deutung unterzogen worden sind. Dies ermög= 
licht es mir, mich kurz zu fassen, weil ich auf die genauere Behand= 
lung in den betreffenden Schriften einfach verweisen kann. Die 
beiden Märchen gehören der Grimmschen Sammlung an und 
heißen „Die sechs Schwäne" und „Die drei Federn" (KHM, Nr. 49 
und 63). 

Rank (Lohengrinsage) bringt das Märchen von den sechs 
Schwänen und zahlreiche ähnliche Geschichten mit den Schwan= 
rittersagen in Verbindung. Es zeigt sich, daß dem mythischen Ge» 
halt aller dieser Erzählungen jene elementaren Gewalten des Trieb» 
lebens zugrunde liegen, wie wir sie etwa in der Parabola gefunden 
haben, und daß sie insbesondere aufgebaut sind auf Familienkona 
flikten, d.h. auf jenen unbändigen Liebes=und Haßregungen, welche 
in ihrer krassesten Form beim Neurotiker als sein (phantasierter) 



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5. ABSCHN./ DAS PROBLEM DER MEHRFACHEN DEUTUNG 139 

„Familienroman" durchbrechen. Zu diesem Familienroman ge= 
hört u. a. der Inzest in verschiedener Fassung, die Dirnenhaftigkeit 
der Mutter, die Rettung der Mutter aus einer Gefahr, die Rettung 
des Vaters, der Wunsch, selbst der Vater zu sein usw., Phantasien, 
deren Sinn in den Schriften von Freud und Rank (a. a. O. und 
Myth. V. d. Geb. d. Helden) erläutert wird. Nach Hitchcock da= 
gegen erzählt dasselbe Märchen von einem Menschen, der am 
Lebensabend in die Irre gerät, die Sünde in sein Herz aufnimmt, 
dann aber, von seinem Gewissen beraten, sein besseres Ich aufsucht 
und das (alchemistischc Seh Öpfungs=) Werk der sechs Tage an sich 
vollbringt (Hitchcock, Red Book). 

Es ist unzweifelhaft, daß es außer der psychanalytischen und der 
anagogischen Deutung dieses Märchens (und wohl beinahe aller 
Mythen) eine naturmythologische, in diesem besonderen Fall eine 
astronomische Deutung gibt. Deutliche Hinweise darauf sind die 
Siebenzahl der Kinder und der Jahre, das Nähen der Gewänder 
aus Sternblumen, das Fehlen des einen Armes wie bei Marduk und 
den entsprechenden Helden von Astralmythen, und noch manches 
andere. Eines der Sieben ist besonders ausgezeichnet, vielleicht die 
Sonne unter den sog. Planeten. Diese ethisch indifferente Deutung 
des Märchens neben der psychanalytischen und der anagogischen 
entspricht dem chemischen Gehalt der hermetischen Schriften. 
Gegenstand der indifferenten Bedeutung scheint stets der natur= 
wissenschaftliche Inhalt des Geistesproduktes zu sein. Zwischen 
astronomischer und alchemistischer Bedeutung besteht übrigens eine 
gewisse Verwandtschaft. Es ist uns ja wohl bekannt, daß die Al= 
Chemie von der Astrologie beeinflußt ist, daß die sieben Metalle den 
sieben Planeten entsprechen, daß, wie die Sonne unter den Planeten, 
so das Gold unter den Metallen ausgezeichnet ist; und wie Ver= 
brennungen astrologisch am Himmel vor sich gehen, so geschehen 
sie auch im Kochgefäß der Alchemisten. Und wenn das Sonncn= 
mädchen am Ende des Märchens ihre sechs Planctenbrüder erlöst, 
so klingt das nicht viel anders, als wenn die tinkturalische Kraft des 
Goldes am Ende der „sechs Tage" die sechs unvollkommenen 
Metalle vollkommen, die kranken gesund macht. 

Bei dem zweiten Märchen werde ich die Gegenüberstellung der 
zwei gegensätzlichen Deutungen {psychanalytisch und anagogisch) 
etwas strenger vornehmen, da ich noch darauf zurückkommen 
muß. Das Märchen eignet sich seiner Kürze wegen zu einer ge= 
naueren Behandlung. Ich setze vor allem es selber her. 

Es war einmal ein König, der hatte drei Söhne, davon waren zwei 
klug und gescheit, aber der dritte sprach nicht viel, war einfältig und 
hieß nur der Dummling. Als der König alt und schwach ward und an 



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II. ANALYTISCHER TEIL \ 



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sein Ende dachte, wußte er nicht, welcher von seinen Söhnen nach ihm 
das Reich erben sollte. Da sprach er zu ihnen: „Zieht aus, und wer 
mir den feinsten Teppich bringt, der soll nach meinem Tode König sein." 
Und damit es keinen Streit unter ihnen gab, führte er sie vor sein Schloß, 
blies drei Federn in die Luft und sprach : „Wie die fliegen, so sollt ihr 
ziehen." Die eine Feder flog nach Osten, die andere nach Westen, die 
dritte flog aber geradeaus und flog nicht weit, sondern fiel bald zur Erde. 
Nun ging der eine Bruder rechts, der andere ging links, und sie lachten 
den Dummling aus, der bei der dritten Feder da, wo sie niedergefallen 
war, bleiben mußte. 

Der Dummling setzte sich nieder und war traurig. Da bemerkte 
er auf einmal, daß neben der Feder eine Falltüre lag. Er hob sie in die 
Höhe, fand eine Treppe und stieg hinab. Da kam er vor eine andere 
Türe, klopfte an und hörte, wie es inwendig rief: 

„]ungfer grün und klein 

Hutzelbein, 

Hutzelbeins Hündchen, 

Hutzel hin und her, 

Laß geschwind sehen, wer draußen war." 

Die Türe tat sich auf, und er sah eine große dicke Itsche (Kröte) sitzen 
und rings um sie eine Menge kleiner Itschen. Die dicke Itsche fragte 
was sein Begehren wäre. Er antwortete: „Ich hätte gern den schönsten 
und feinsten Teppich." Da rief sie eine junge und sprach: 

„Jungfer, grün und klein, 

Hutzelbein, 

Hutzelbeins Hündchen, 

Hutzel hin und her. 

Bring mir die große Schachtel her." 

Die junge Itsche holte die Schachtel, und die dicke Itsche machte sie 
auf und gab dem Dummling einen Teppich daraus, so schön und so 
fein, wie oben auf der Erde keiner konnte gewebt werden. Da dankte 
er ihr und stieg wieder hinauf. 

Die beiden andern hatten aber ihren jüngsten Bruder für so albern 
gehalten, daß sie glaubten, er würde gar nichts finden und aufbringen. 
„Was sollen wir uns mit Suchen groß' Mühe geben", sprachen sie, nahmen 
dem ersten besten Schäfersweib, das ihnen begegnete, die groben Tücher 
vom Leib und trugen sie dem König heim. Zu derselben Zeit kam auch 
der Dummling zurück und brachte seinen schönen Teppich, und als der 
König den sah, erstaunte er und sprach: „Wenn es dem Recht nach 
gehen soll, so gehört dem Jüngsten das Königreich." Aber die beiden 
andern ließen dem Vater keine Ruhe und sprachen, unmöglich könnte 
der Dummling, dem es in allen Dingen an Verstand fehlte, König werden, 
und baten ihn, er möchte eine neue Bedingung machen. Da sagte der 
Vater; „Der soll das Reich erben, der mir den schönsten Ring bringt", 
führte die drei Brüder hinaus und blies drei Federn in die Luft, denen 
sie nachgehen sollten. Die zwei Ältesten zogen wieder nach Osten und 



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5. ABSCHN./ DAS PROBLEM DER MEHRFACHEN DEUTUNG l4l f' 

Westen und für den Dummling flog die Feder geradeaus und fiel neben \ ■ 

der Erdtüre nieder. Da stieg er wieder hinab zu der dicken Itsche und 

sagrtc ihr, daß er den schönsten Ring brauchte. Sic ließ sich gleich ihre 

große Schachtel holen und gab ihnn daraus einen Ring, der glänzte vor 

Edelsteinen und war so schön, daß ihn kein Goldschmied auf der Erde 

hätte mächen können. Die zwei Altesten lachten über den Dümmling, 1 

der einen goldenen Ring suchen wollte, gaben sich gar keine Mühe, * 

sondern schlugen einem alten Wagenring die Nägel aus und brachten 

ihn dem König. Als aber der Dummling seinen goldenen Ring vor^ 

zeigte, so sprach der Vater abermals; „Ihm gehört das Reich." Die 

zwei Altesten ließen nicht ab den König zu quälen, bis er noch eine \ 

dritte Bedingung machte und den Ausspruch tat, der sollte das Reich 

haben, der die schönste Frau heimbrächte. Die drei Federn blies er 

nochmals in die Luft und sie flogen wie die vorigen Male. 

Da ging der Dummling ohne weiteres hinab zu der dicken Itsche 
und sprach: „Ich soll die schönste Frau heimbringen.'" — «Ei," sagte - 

die Itsche, „die schönste Frau, die ist nicht gleich zur Hand, aber du l-^ 

sollst sie doch haben." Sie gab ihm eine ausgehöhlte gelbe Rübe mit 
sechs Mäuschen bespannt. Da sprach der Dummling ganz traurig: „Was 
soll ich damit anfangen?" Die Itsche answortetc: „Setze nur eine von 
meinen kleinen Itschen hinein." Da griff er aufs Geratewohl eine aus 
dem Kreis und setzte sie in die gelbe Kutsche, aber kaum saß sie 
darin, so ward sie zu einem wunderschönen Fräulein, die Rübe zur 
Kutsche und die sechs Mäuschen zu Pferden. Da küßte er sie, jagte 
mit den Pferden davon und brachte sie zum König. Seine Brüder kamen 
nach, die hatten sich gar keine Mühe gegeben, eine schöne Frau zu 
suchen, sondern die ersten besten Bauernweiber mitgenommen. Als 
der König sie erblickte, sprach er: „Dem Jüngsten gehört das Reich 
nach meinem Tode." Aber die zwei Altesten betäubten die Ohren 
des Königs aufs neue mit ihrem Geschrei : „Wir können 's nichtzugeben 
daß der Dummling König wird", und verlangten, der sollte den Vorzug 
haben, dessen Frau durch einen Ring springen könnte, der da mitten 
in dem Saal hing. Sic dachten: „Die Bauernweiber können das wohl, 
die sind stark genug, aber das zarte Fräulein springt sich tot." Der alte 
König gab das auch noch zu. Da sprangen die zwei Bauernweiber, 
sprangen auch durch den Ring, waren aber so plump, daß sie fielen und 
ihre groben Arme und Beine entzwei brachen. Darauf sprang das schöne 
Fräulein, das der Dummling mitgebracht hatte, und es sprang so leicht 
hindurch wie ein Reh, und aller Widerspruch mußte aufhören. Also 
erhielt er die Krone und hat lange in Weisheit geherrscht. 

Ich bringe nun zuerst eine knappe psychanalytischc Deutung 
dieser Erzählung. Wie der Traum, ist in der Regel auch das Märchen 
eine phantastische Erfüllung von Wünschen; und zwar von solchen, 
welche man kennt, die das Leben aber nicht befriedigt, sowie auch 
von solchen, welche man bewußterweise selbst kaum kennt, und, 
wüßte man sie deutlich, nicht zulassen würde. Die Wirklichkeit 



142 II. aVialytischer teil 

versagt besonders dem Schwachen vieles oder demjenigen, der sich 
seinen Mitmenschen gegenüber als den Schwächeren, im Kampf 
ums Dasein minder Leistungsfähigen, fühlt. Der Tüchtige setzt im 
Leben durch, was er wünscht; des Schwachen Wünsche bleiben 
unerfüllt, und deshalb braucht der Schwache — oder der sich der 
Größe seines Verlangens gegenüber schwach dünkt — die phanta= 
siertc Wunscherfüllung; er will das Unerreichbare wenigstens in 
der Imagination erleben. Dies ist ein psychologischer Grund, 
warum so viele Märchen vom Standpunkt des Schwachen gearbeitet 
sind, so daß das erlebende Ich des Märchens, der Held, ein Dumm= 
ling ist oder der Kleinste, der Schwächste, der jüngste, ein Unter= 
drückter usw. Der Held des vorliegendenMärchens ist ein Dumm= 
ling und der Jüngste. In seiner Phantasie, d. h. in dem Märchen, 
Stempelt er seine im Leben tüchtigeren Brüder, die er beneidet 
zu boshaften, widerwärtigen Charakteren, (im Leben kann man 
häufig beobachten, wie mißtrauisch z. B. körperlich verunstaltete 
Leute sind. Ihre Empfindlichkeit ist bekannt.) Wie der Fuchs, 
dem die Trauben zu sauer sind, erklärt er das, was seine kräftigeren 
Konkurrenten im Leben leisten, für schlecht; ihre Pflichterfüllung 
für mangelhaft, und das, was sie erzielen, für verächtlich. Insbeson= 
dere auf sexuellem Gebiet, wo er sich offenbar am meisten benach= 
teiligt fühlt. Das Märchen behandelt nämlich von Anfang an die 
Eroberung des Weibes, Der Teppich, der Ring sind weibliche Sym= 
bole; ersterer ist der Leib des Weibes, der Ring ist die Ktcis. (Der 
Teppich wird als weibliches Symbol noch besonders gekennzeichnet, 
indem die Brüder ihn vom Leib eines Schäferweibes nehmen. 
Schäferweib — ein grober „Fetzen", grobes „Tuch" — im Gegen= 
satz zum feinen Teppich des Helden.) 

Der Dummling ist einer, der nicht viel Arbeit liebt. Wenn er 
auch die Nachlässigkeit den Brüdern zuschiebt, verrät sich uns 
doch sein Naturell, indem seine „Feder", d. h. er, sich nicht weit weg 
bewegt, während die Federn seiner Brüder ein schönes Stück Weges 
machen. Um dieses Selbstbekenntnis zu entkräften, wird die Vcr= 
teilung der Federn dem Zufall, gleichsam einer höheren Be5tim= 
mung zugeschoben. Das ist seit jeher eine bequeme Ausrede der 
Faulen und Untüchtigen. 

Eines der Mittel, sich über die UncrfuUbarkcit seiner Wünsche 
hinwegzutrösten, ist der Glaube an Wunder^). Dem Dummling 
fallen seine Güter auf wunderbare Weise zu; es sind gebratne Tau= 
ben, die ihm in den Mund fliegen. 

Bei seinen erotischen Unternehmungen bleibt er in seiner nächs 



— 1 

^) Vgl. meine Arbeit „Phantasie und Mythos". 



(i 



y. ABSCHN./ DAS PROBLEM DER MEHRFACHEN DULDUNG 143 

sten Nähe haften. Er trägt offenbar eine Imago^) in sich, die ihn ;, 

festhält. Wohin lenkt er die Eroberungsfahrt? In die Erde, Die 5 

Erde ist die Mutter, wie uns eine bekannte Symbolsprache lehrt. j 

Falltüre, Schacht, unterirdische Höhle gemahnen an eine Mutter= 

leibsphantasie. Die Kröte kommt häufig in der Bedeutung von Ge= 

bärmuttcr vor, was mit der Situation, die das Märchen bietet, übers 

einstimmt. (Dagegen pflegt Frosch = Penis zu sein.) Die große :, J 

Schachtel der Kröte ( = Mutter) ist auch die Gebärmutter (aus ihr 1 

werden ja die Weib=Symbole, in diesem Aspekt: Schwestern) für 

den Dummling produziert; die Schachtel ist aber auch der häusliche ^ 

Schrank (Speiseschrank, Paket, Schachtel, Topf, Schüssel usw.), aus 

dem die gute Mutter ihrem Söhnlein schmackhafte Gaben, Spiele= 

reien usw. reicht; so wie der Vater in der kindlichen Phantasie alles 

kann, so hat die Mutter eine Schachtel, aus der sie den Kindern 

alle guten Gaben reicht. Bei den itschcn unten spielt sich also 

eine ideale Familienszene ab. Die unerschöpfliche doppelsinnige 

Schachtel der Mutter liefert dem Dummling sogar das verlangte 

Weib. ^ 

Das Weib — für wen? Psychologisch zweifellos für den Dumm= 
Hng. Das Märchen sagt: für den König, denn die Weibsymbole 
(Teppich, Ring) verlangt der König expressis verbis für sich, und 
die Konsequenz ist, daß auch das Weib für ihn gehört. Der Schluß 
des Märchens aber lenkt wieder in die psychologisch richtige Situa= 
tion ein, indem er den König verschwinden und den Dummling 
als König (offenbar samt dem schönen Weib) weiterleben laßt. Es 
ist sonnenklar, daß sich der Dummling mit dem Vater identifiziert, 
sich an seine Stelle setzt. Die Image, die ihn von Anfang an fest= 
hielt, war des Vaters Weib, die Mutter. Und des Vaters Tod (der 
zartsinnig unausgesprochen bleibt), der Weib und Krone einbringt, 
ist ein Wunsch des Dummlings. Wir stehen also wieder mitten im 
Odipus=Komplex. Als Mutter^Surrogat figuriert zeitweilig die 
Schwester (eine der kleinen Itschen). 

Wir haben das Märchen zuerst vom Gesichtspunkt der Un= 
zulänglichkeit des Helden betrachtet, sind dann auf erotische Ver« 
hältnisse, schheßhch auf den Odipus^Komples gestoßen. Der psy= 
chologische Zusammenhang ergibt sich daraus, daß jene Imagines, 
auf denen der Odipus=Komplex aufgebaut ist, dazu angetan sind, 
eine UnzulängÜchkeit im erotischen Leben hervorzurufen. 

^) Ein dem Bewußtsein entzogenes und daher unzerstörliciies Bild des 
Objektes frühester Leidenschaft, das fortan als affcktstarlter Komplex weiter^ 
wirkt und ins Leben gestaltend eingreift. Die wichtigsten imagines sind 
die der Eltern. Hier kommt natürlich die Mutterilmago in Betracht, welche 
sich ins Zentrum des Liebeslebens {namentlich der Objektwahl) gestellt hat. 



\ 



144 II. ANALYTISCHER TEIL 

Die anagogische Deutung bei Hitchcock (a. a. 0., S. 175 ff; 
Übersetzung S. 55ff.) lautet, etwas gekürzt, folgendermaßen: 

Der König bedeutet den Menschen schlechthin. Er hat drei 
Söhne; er ist ein Abbild der Trinität, die wir im Sinne unserer Dar= 
Stellung vorläufig als Körper, Seele und Geist uns denken wollen. 
Zwei der Söhne waren klug im weltlichen Sinne, aber der dritte, 
der dem Geist entspricht und in seiner Urform Gewissen genannt 
■] wird, ist einfältig, um den geraden, schlichten Weg der Wahrheit an= 

l zudeuten. In heiligem Schweigen führt der Geist, die ihm demütig 

folgen, und stirbt im mystischen Sinne, wenn er verleugnet wird, 
oder erschein' unter anderen Formen, um die Seele mit den Ge= 
spenstern gemordeter Tugenden zu verfolgen. Der Mensch ist 
gleichsam im Zweifel, welchem Prinzip die höchste Führerschaft 
im Leben gebührt. „ Ziehet aus , und wer mir den feinsten 
Teppich bringt, der soll nach meinem Tode König sein!" Der 
Teppich ist etwas, worauf man geht und steht, hier für den 
besten Weg durch das Leben nach Jesaias XXX. 21 : Dies ist 
der Weg, denselben gehet; sonst weder zur Rechten, noch zur 
Linken. 

Die drei Federn sind natürlich die drei Prinzipien; zwei davon 
bewegen sich sofort nach entgegengesetzten Richtungen [nach 
Osten und nach Westen, wie manche alchemistischc Autoren die 
zwiespältigen Prinzipien oder Windhauche: anima und corpus oder 
O und D ziehen lassen] und kommen so zu Anbeginn bereits vom 
richtigen Wege ab. Die dritte (Symbol des Geistes) fliegt gerade 
aus und hat nicht weit zum Ziel, denn einfach ist der Weg, der zum 
inneren Leben führt. Und der Geist wird also zu uns sprechen, 
wenn wir seiner Stimme, seiner erst ganz schwachen Stimme 
folgen: „denn es ist das Wort fast nahe bei dir in deinem Munde 
und in deinem Herzen, daß du es tust" (Deut. XXX. 14). Doch die 
Seele ist nicht frei von Trauer, da der Mensch noch auf den niederen 
Stufen der Leiter steht, die ins ewige Leben hinaufführt. Der 
Dummling ist betrübt in seinem Herzen, und in der Demut dieser 
Betrübnis entdeckt er „auf einmal" eine geheime Tür, die ihm den 
Eingang ins mystische Leben weist. Die Tür ist auf dem Erdboden, 
in der Erniedrigung, wie es die dritte Feder vorher bestimmt. Da 
der Dummling ihr bescheiden gehorcht, wandelt er den Pfad, den 
ihm die Tür eröffnet. Drei Stufen, drei Grundkräftc. Auch Christus 
mußte erst niedersteigen, bevor er auferstehen konnte. Der Held 
des Märchens klopft an, wie der Christ am Evangelium anklopft 
(d. h. an der inneren Tür im Gegensatz zum Gesetz Mosis, der 
äußeren Tür). Die große Kröte mit den kleinen ringsherum bes 
deutet die große Mutter Natur und ihre Werkzeuge, die sie in einem 



5.ABSCHN./DAS PROBLEM DER MEHRFACHEN DEUTUNG 145 

Ring umgeben; in einem Ring, denn die Natur kehrt kreisförmig 
immer in sich selbst zurück. Der Dummiing erhält den schönsten 
Tcppich. 

Die anderen beiden Wesenheiten, die wir der Einfachheit halber 
Verstand und Affekte (Sonne und Mond der hermetischen Schrif=. 
ten) nennen wollen, blicken nach aufien, statt innerlich den Weg zu 
suchen; so kommt es, daß sie die nächstbesten „groben Tücher" 
nehmen. 

Den schönsten Ring bringen, d. h. die Wahrheit bringen, die 
gleich einem Ring, weder Anfang noch Ende hat. Verstand und 
Affekte gehen wieder nach verschiedenen Richtungen, der Dumm= 
ling harrt in Demut vor der Tür, die ins Innere der großen Mutter 
führt. IDas Vorkommen dieser Auffassung auch in der anagogischen 
Deutung ist wichtig.] 

Bei der dritten Prüfung, der Suche nach „der schönen Frau", 
der Krone des Lebens, exoterisch wie esoterisch genommen, re= 
präsentiert die Rübe das vegetative Leben {Leib, natürlicher 
Mensch), und die sechs Mäuse, die sie ziehen, sind unsere alten 
Freunde, die sechs Schwäne oder Tugenden, deren höchste, die 
Barmherzigkeit [oder Liebe], als thronende Königin im Wagen 
fährt. Der uneingeweihte Mensch verzweifelt beinahe, und 
fragt; „was soll ich mit einer Rübe anfangen?" Doch die große 
Mutter entgegnet gleichsam: „nimm eine meiner Grundkräfte !", 
und was sehen wir da? — Die Kröte wird zur schönsten Jung» 
frau usw. Der Mensch erkennt nun, wie furchtbar und wunder 
bar zugleich er beschaffen ist. Er ist mit Ehrfurcht vor sich 
selbst ertulJt, bereit, zu rufen : „nicht mein, sondern dein Wille 
geschehe! 

Noch eine Prüfung ist übrig. Wir alle müssen durch einen 
gewissen mystischen Ring hindurch, der in der Halle (des Lernens) 
hängt. Em Einziges im ganzen Universum ist imstande, das zu 
vollbringen, ohne Schaden zu leiden. Das schöne zarte Fräulein 
mit den Wundergaben Ist der Geist [spiritus oder S der AIche= 
mie]. — 

Man wird zugeben, daß die beiden Deutungen aufs Äußerste 
einander widersprechen, obgleich sie jede für sich eine tadellose 
Geschlossenheit aufweisen. Ich muß bemerken, daß ich mich aufs 
kürzeste gefaßt habe; in weiterer Verfolgung der Analyse lassen 
sich die beiden Auslegungen noch viel mehr ins Einzelne mit den 
Motiven des Märchens zur Deckung bringen. 
R-i-F^ ^■"^^'^^ s'ch also erstens die Frage, wieso eine und dieselbe 
Bilderfolgc zu mehreren voneinander abweichenden Auslegungen 
stimmen kann (Problem der mehrfachen Deutbarkeit); haben wir 

Silberer, Probleme der Mystik 10 



146 



II. ANALYTISCHER TEIL 



doch bei der Parabola drei sozusagen gleichwertige Bedeutungszüge 
vorgefunden : den psychanalytischen, den chemischen (naturwissen= 
schaftlichen) und den anagogischcn. Zweitens kommt noch die 
Frage hinzu, wie im besonderen zwei so entgegengesetzte Deu» 
tungen wie die psychanalytische und die anagogische, nebeneinander 
bestehen können. 






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HPimpiii ■ I II III I 



m. SYNTHETISCHER TEIL 



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1. ABSCHNITT /INTROVERSION UND WIEDER« 

GEBURT 

A, INTROVERSION UND VERINNERLICHUNG 

Die mehrfache Deutung von Phantasieprodukten ist uns zum 
Problem geworden, und der diametrale Gegensatz von psychanas 
lytischer und anagogischer Deutung ist uns dabei besonders aufs 
gefallen. Die Frage wird nur scheinbar komplizierter, wenn ich 
darauf verweise, daß sie innerhalb der psychanalytischen Deutung 
ein Analogen hat, welches wir berücksichtigen müssen. Dieses 
Analogon wird gegeben durch die merkwürdige Koexistenz der 
Symbolik materialer und funktionaler Kategore an dem gleichen 
Fhantasieprodukt. Um mich verständlich zu machen, muß ich vor 
allem erläutern, was diese Kategorien sind. 

Im Abschnitt 2 des Einleitenden Teiles haben wir gesehen, daß 
sich die Phantasie mit Vorliebe symbolischer Ausdrucksweise be= 
dient, und zwar um so mehr, je traumhafter sie schafft. Durch diese 
Symbolik können nun, wie man am deutlichsten an hypnagogischen 
(Ha!b5chlaf=)Hallu2inationen und an Träumen beobachtet, drei ver= 
schicdene Gruppen von Gegenständen ausgedrückt werden: 

I. Gedankcninhalte, Vorsteilungsinhaite, kurz: das /nhaltliche 
oder Gegenständliche des Denkens und Vorstcllcns, Die Materie 
des Denkens — sei sie nun bewußt oder unbewußt. 

II. Der Zustand, die Tätigkeit, die Struktur der Psyche; die Art 
und Weise, wie sie funktioniert und sich befindet. Die Funk= 
tionsweise der Psyche — sei sie nun bewußt oder unbewußt. 

III. Somatische Vorgänge (Leibreiz). Diese dritte Gattung 
von Gegenständen ist den anderen beiden nicht streng koordiniert. 
Sie ist auch nicht geeignet, uns im gegenwärtigen Zusammenhange 
zu interessieren. Wir lassen sie also beiseite. 

Danach erhalten wir zwei Kategorien, in welche wir alle sym= 
bolisicrenden Phantasieschöpfungen einreihen können: die materiale 
und die funktionale. 

I. Die materiale Kategorie ist ausgezeichnet durch die Dar= 
Stellung von Gedankeninhalten, d.h. von Inhalten, welche in 
einem Gedankenvcrlaufe bearbeitet (behandelt, gedacht, vorgestellt) 
werden, seien sie nun bloße Vorstellungen oder Vorstellungsgruppen, 



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150 in. SYNTHETISCHER TEIL 

Begriffe, die etwa zu Begriffsvcrgleichungen und zu Definitions= 
Vorgängen herangezogen werden, oder aber Urteile, Schlußfolgen, 
die analytischen oder synthetischen Operationen dienen, usw. Da, 
wie wir wissen, die Phantasien {Träume, Träumereien, auch Dich* 
tungen) zumeist von Wünschen beseelt sind, wird es sehr häufig 
der Fall sein, daß die symbolisch dargestellten Inhalte Wunschvor= 
Stellungen (d. h. die vorgestellten Bcfricdigungserlebnisse) sind. 

11. Die funktionale Kategorie ist dadurch gekennzeichnet, 
daß der Zustand, die Struktur oder die Leistungsfähigkeit des 
eigenen Bewußtseins (oder des psychischen Apparates) selbst ab= 
gebildet wird. Sic heißt funktional, weil sie mit dem Material der 
Denkakte'), den Inhalten, nichts zu schaffen hat, sondern bloß 
auf die Art und Weise sich bezieht, in welcher das Bewußtsein 
funktioniert (rasch, träge, leicht, schwer, gehemmt, nachlässig, 
freudig, zwangsmäßig, fruchtlos, erfolgreich, zwiespältig, in Korns 
plexe zerspalten, einheitlich, zuständlich wechselnd, getrübt, usw.) 

Zwei typische Beispiele sollen es uns erleichtern, die zwei Kate= 
gorien sogleich deutlich zu erfassen und voneinander zu halten. 

A. Materiale Symbolik.— Bedingungen. Im schlaftrunkenen 
Zustande denke ich über das Wesen der transsubjektiv (für alle Men= 
sehen) gültigen Urteile nach. Mit einem Male reißt der Faden des ab= 
strakten Denkens ab, und es bietet sich mir dafür die folgende hypna= 
gogische Halluzination „autosymbolisch" dar: 

Symbol. Ein mächtiger Kreis (oder eine durchsichtige Sphäre) 
schwebt in der Luft; und die Menschen reichen mit ihren Köpfen in 
diesen Kreis hinein. 

Deutung. !n diesem Symbol liegt so ziemlich alles ausgedrückt, 
was ich mir dachte. Die Gültigkeit des transsubjektiven Urteils betrifft 
alle Menschen ohne Ausnahme: der Kreis geht durch alle Köpfe. Diese 
Gültigkeit muß ihren Grund in etwas Gemeinsamem haben: die Köpfe 
gehören alle derselben, homogen aussehenden Sphäre an. Nicht alle 
Urteile sind transsubjektiv: mit den Leibern und Gliedmaßen befinden 
sich die Menschen außerhalb (unterhalb) der Sphäre und stehen als 
getrennte Individuen auf der Erde. 

B. Funktionale Symbolik — Bedingungen. Schaftrunken» 
hcit wie oben. Ich denke über irgend etwas nach, gerate jedoch, indem 
ich mich in gedankliche Mebenwege einlasse, von meinem eigentlichen 
Thema ab. Als ich nun zurück will, stellt sich die autosymbolische Er= 
scheinung ein. 

Symbol. Ich klettere mitten in Bergen herum. Die näheren Berge 
verdecken meinem Blicke die ferneren, von denen her ich gekommen 
bin und zu denen ich zurück gelangen möchte. 

*) Seien diese nun bewußt oder unbewußt. „Denken" muß hier im 
allerwcitestcn Sinn genommen ^wcrden. Es bedeutet hier alle psychischen 
Vor^äng'e, die etwas zum „Gegenstand" haben tiönnen. 



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1 



1. ABSCHNITT/ INTROVERSIOM UND WIEDERGEBURT 151 

Deutung. Ich bin von meinem Wege abgekommen, habe mich 
verstiegen; und die Ideen, in die ich mich eingelassen habe, verdecken 
mir wie Berge meinen Ausgangspunkt. 

In dem Falle A wurde durch die autosymbolische Halluzination 
der Gcdankcninhalt (Wesen des transsubjektiven Urteils), in dem anderen 
die Funktionsart oder Zuständlichkeit des Bewußtseinsmechanismus 
(Verdeckung des Hauptgedankens durch assoziative Nebenwege, Vera 
hältnis von Vorsteüungsgruppen zueinander) bildlich dargestellt. 

Der materialen Kategorie gehört z. B. die im 2. Abschnitt des 
Einleitenden Teiles entwickelte Deutung des Erdbeertraumcs an. 
„Erdbeerpflücken" ist ein Symbol für eine vorgestellte Wunsch» 
befricdigung (Geschlechtsverkehr), also für einen Vorstellungsin» 
halt. Die Symbolik ist somit eine materiaie. Der weitaus über» 
wiegende Teil der psychanalytischen Traumliteratur befaßt sich 
mit der Deutung nach der materialen Kategorie. 

Der funktionalen Kategorie gehört z. B. die Symbolik des Ein= 
Schlafens und Erwachens an, die ich im 2. Abschnitt bei der Deu- 
tung der Parabola erwähnt habe. 

Die zwei Kategorien der Symbolik würden, wenn sie immer nur 
nebeneinander herliefen, kein Analogen abgeben für unser Problem 
der doppelten Deutung. Nun sind aber die Fälle, wo nur funktio* 
naie oder nur materiaie Symbolik vorliegt, verschwindend selten; 
die Regel ist eine innige Verflechtung beider. Freilich ist die eine 
oft stärker betont oder besser zugänglich, aber es sind überaus häufig 
Fälle zu beobachten, wo lange Kontexte von Bildern sowohl der 
materialen als der funktionalen Deutung in gleicher Ausführlichkeit 
und gleicher Geschlossenheit des Zusammenhanges fähig sind. 

Ein ganz einfacher Fall dieser Art mag zur Illustration dienen: 

Des Abends müde im Bette liegend, dem Einschlafen nahe, 
widme ich meine Gedanken dem schwierigen Vordringen des 
menschlichen Geistes in das transszendente, dunkle Gebiet des 
Mütter=Prob]ems („Faust", IL Teil). Immer mehr dem Schlafe 
mich nähernd und immer weniger fähig, meine Gedanken festzu* 
halten, sehe ich plötzlich in täuschender Lebhaftigkeit ein Traum= 
bild vor mir: Ich stehe auf einer einsamen, in ein dunkles Meer 
weit vorgeschobenen Steinestrade. Die Wasser des Meeres vcr» 
schmelzen am Horizont fast mit der ebenso tief getönten geheim« 
nisvoll schweren Luft. — Die überraschende Kraft dieses zum 
Greifen plastischen Bildes rüttelt mich auf, weckt mich aus meinem 
Halbschlummer. Und ich erkenne alsbald, daß das halluzinatorisch 
wahrgenommene Bild nichts anderes war als eine symbolisch=an= 
schauliche Vertretung des infolge meiner Müdigkeit fallen gelassenen 
Gedankengehaltes. Das Symbol ist unschwer als splches zu er« 



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152 in. SYNTHETISCHER TEIL I 

kennen. Das Vorgeschobensein ins dunkle Meer entspricht dem 
Vordringen ins dunkle Problem. Das Verschmelzen von Luft und 
Wasser, das Verwischtsein von oben und unten deutet etwa an, daß 
bei den „Müttern" (wie Mephistopheles schildert) alle Zeiten und 
alle Orte miteinander verschmelzen, daß es dort keine Grenzen 
zwischen einem „hier" und einem „dort", einem „oben" und einem 
„unten" gibt, und daß daher Mephistopheles zu dem reisefertigen 
Faust sagen kann: 

„Versinke denn! — Ich könnt' auch sagen: steige!" 

Wir sehen also hier zwischen dem anschaulichen Bild und dem 
gedanklichen Gehalt, der durch dasselbe quasi vertreten wird, eine 
Anzahl von Beziehungen; ja das ganze Bild löst sich, sofern es cha= 
rakte ristische Merkmale hat, fast in lauter solche Momente auf, 
die mit dem gedanklichen Gehalt aufs engste verwandt sind. Ab= '. 

gesehen von diesen Beziehungen der materialcn Kategorie stellt 
das Bild aber auch meinen momentanen psychischen Zustand 
(Übergang in den Schlaf) dar. Wer sich in den Schlaf begibt, ist 
gleichsam im Begriff, in ein dunkles Meer zu tauchen. (Das Ein= 
tauchen in Wasser oder Finsternis, das Eintreten in den Wald usw. 
sind häufig auftretende Schwellensymbolc.) Die Deutlichkeit der 
Begriffe schwindet dort, alles fließt ineinander über, so wie in dem 
Bilde Wasser und Luft. 

Dieses Beispiel solitc nur illustrieren; es ist an sich viel zu klein 
und einfach, um die merkwürdige Verflechtung von beiderlei Sym= 
bolik überraschend erscheinen zu lassen. Ich verweise auf meine 
im Literaturverzeichnis angeführten Arbeiten über Symbolik und 
über Träume. Ausführlichkeit an dieser Stelle würde uns zu weit 
von unserem Wege abbringen. Begnügen wir uns also mit der Tat= 
Sache, daß der Psychanalytiker an einem Phantasieprodukte (einem 
Traum usw.) — ganz abgesehen von der mehrfachen Determinie= 
rung, die er innerhalb der materialen wie auch der funktionalen 
Kategorie vorfinden kann — gleichzeitig zwei grundverschiedene 
Bedeutungszüge antrifft; beide sind durch denselben Bilderkontext, 
ja oft durch die gleichen Elemente dieses Bilderkontextes wieder» 
gegeben. Dieser Kontext muß also von dem schaffenden Unter= 
bcwußtsein künstlich genug ausgesucht worden sein, um der dop= 
pelten Forderung zu entsprechen. 

Die Koexistenz der materialen mit der funktionalen Bedeutung 
ist für den psychanalytischen Forscher nicht allzu rätselhaft. Zwei 
Tatsachen lassen sie hinreichend begreifen. 

Erstens kennt man das Prinzip der mehrfachen Determinierung 
oder der Verdichtung. Die Vielheit der sich dunkel regenden la= 
tent?n Ti'aupigedanken verdichtet sich in einige wenige marijfest? 



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1. ABSCHNITT/ INTROVERSION UND WIEDERGEBURT 153 

Traum gestalten oder Symbole, so daß ein Symbol stets gleichsam 
in Vertretung mehrerer Vorstellungen erscheint, also auch mehr« 
fach deutbar ist. Daß es mehrfach deutbar ist, kann deshalb nicht 
ver\»undern, weil die zugrundeliegenden Bedeutungen (die latenten 
Gedanken) selbst es waren, die auf Grund von Assoziationen die 
Wahl der Symbole aus einer unendlichen Reihe von Möglichkeiten 
besorgten. Es konnten bei der Formung des Traumes (also bei der 
unbewußten Traumarbeit) nur solche Bildelemente sich ins Be= 
wußtsein durchsetzen, die den Anforderungen der mehrfachen 
Determination genügten. Das Prinzip der mehrfachen Detcrmi= 
nation gilt nun nicht bloß innerhalb der materialcn oder der funktio= 
naien Kategorie, sondern läßt auch die Verschmelzung beider in 
den nämlichen Symbolen einigermaßen verständlich erscheinen. 
Elemente beider Kategorien nehmen nämlich an der Symbolwahl 
aktiv teil. Einerseits drängen, sagen wir, eine Anzahl Affekte zur 
symbolischen Darstellung der Gegenstände, auf die sie sich richten 
{Liebesobjekte, Haßobjekte usw.). Anderseits nimmt die Psyche 
ihr eigenes Getriebe, das Spiel der Affekte usw. wahr, und auch 
diese Wahrnehmung will symbolisch zur Darstellung gelangen. 
Beide Strebungen nehmen an der Wahl jener Symbole teil, die sich 
in das bewußtwerdende Phantasieren eindrängen, und so trägt 
denn der Traum wie die Dichtung usw. neben der Symbolik der 
sie beseelenden Wunschtcndenzcn {materlale Kategorie) auch den 
Stempel der psychischen Verfassung (funktionale Kategorie) des 
Träumers, Autors^). 

Zweitens hat sich in neuerer Zeit bei psychanalytischen Unter= 
suchungen gezeigt, daß Symbole, die ursprünglich material waren, 
in funktionale Verwendung übergehen. Analysiert man längere 
Zeit hindurch die Träume einer Person, so wird man finden, daß 
gewisse Symbole, die zuerst vielleicht nur gelegentlich auftraten 
zur Bezeichnung irgend eines Vorstell ungsinhaltes, Wunsch inhaltcs 
usw., wiederkehren und so zur stehenden Figur oder „typischen 
Figur" werden. Und jemehr sich eine solche typische Figur be= 
festigt und ausprägt, um so mehr entfernt sie sich von der zuerst 
gehabten ephemeren Bedeutung; umso mehr wird sie zum symbo= 
lischcn Stellvertreter einer ganzen Gruppe gleichartigen Erlebens, 
eines seelischen Kapitels sozusagen; bis man sie schließlich als den 
Repräsentanten einer seelischen Strömung (Liebe, Haß, Tendenz 
zum Leichtsinn, zur Grausamkeit, zur Ängstlichkeit usw.) schlecht« 
hin ansehen kann. Was sich da vollzogen hat, ist ein Übergang vom 

*) Ferencsi vertritt auch für den Mythos die Ansicht, daß die mate» 
riale mit der funktionalen Symbolik zusammentreffen müsse (Image I, 
pag. 385), 



154 "I- SYNTHETISCHER TEIL 

Materialen zum Funktionalen auf dem Weg einer Vcrinnerlich = 

ung, wie ich es nenne. Ich werde später noch mehr über die Vera 

innerlichung zu sagen haben. Einstweilen dürfte dies zum Ver^ 

ständnis genügen, daß die materiale und die funktionale Symbolik, 

trotz ihrer anfänglichen scheinbaren Grundverschiedenheit, doch :, 

miteinander in einer Weise wesensverwandt sind, die durch den Vor= . 

gang der Verinnerlichung beleuchtet wird. 

Das Analogen des im vorigen Abschnitt entwickelten Problems *; 

der mehrfachen Deutung erweist sich somit als eine der Beant» v 

wortung recht wohl zugängliche Frage. Und wir würden unser 
Problem in eine überaus günstige Stellung bringen, wenn es uns 
etwa gelänge zu zeigen, daß die anagogische Deutung, deren Ver= 
einbarung mit der psychanalytischen so untunlich scheint, eine Art 
der funktionalen Deutung oder mit ihr wenigstens verwandt sei -'^ 

In diesem Fall würde nämlich erstens verständlich werden, wieso 
ein Phantasieprodukt zu mehrerlei Auslegung stimmt (Problem 
der mehrfachen Deutbarkeit): weil nämlich dieser mehrerlei Sinn 
bereits bei der Symbolwahl mitgewirkt hat, und zwar auch in jenen 
Fällen, wo man das Mitwirken der anagogischen Gedanken auf den 
ersten Blick nicht vermutet ; zweitens würden die anagogische und die 
psychanalytischc Deutung sich irgendwie miteinander versöhnen 
lassen, wobei möglicherweise auch die Stellung der naturwissen= 
schaftlichen Deutung etwas klarer werden könnte. 

Die Möglichkeit, daß das Anagogische mit dem Funktionalen 
irgendwie zu schaffen habe, wird dadurch näher gerückt, daß unsere 
früher mitgeteilten anagogischen Auslegungen (Märchen, Parabola), 
funktionalen Deutungen sehr ähnlich sehen. Im Märchen von den 
sechs Schwänen deutet Hitchcock die Aufnahme des Mädchens 
in das Schloß als die Aufnahme der Sünde in das Herz; die sieben 
Kinder sind sieben Tugenden (also seelische Tendenzen) ; das 
kleine Mädchen ist das Gewissen; die Gewebe sind Denkprozessc. 
Im Märchen von den drei Federn ist wieder der eine Sohn das Gea 
wissen; die geheime Tür ist der Zugang zum inneren Leben, zur 
seelischen Versenkung; die drei Federn sind seeliche Tendenzen 
usw. Im Traum von der „fliegenden Post" kommt das Gewissen 
als Kondukteur vor. Die „Mühlen Gottes", die psychologisch auch 
als das Gewissen verstanden sein wollen, um so mehr als die „Sünden« 
last" (Schuldgefühl) sie treibt, kommen auch in der Parabola vor. 
Der Löwe oder Drache, der auf dem mystischen Pfad überwunden 
werden muß, ist abermals eine seelische Potenz. Die Annäherung 
an die funktionale Kategorie ist nicht zu leugnen : Vorgänge, die 
sich zwischen seelischen Kräften abspielen, werden da symbolisch 
abgebildet. Aber sogleich drängt sich uns auch ein Unterschied 



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1. ABSCHNITT/ INTROVERSION UND WIEDERGEBURT 155 

auf. Das richtige funktionale Phänomen, wie ich es bisher zu be= 
schreiben pflegte, schildert den aktuellen psychischen Status oder 
Vorgang; das anagogische Bild scheint dagegen einen Status oder 
Vorgang anzuzeigen, der erst erlebt werden soll. 

Wir lassen dies letzte Thema, das nicht in Vergessenheit ge= 
raten wJrdj einstweilen beiseite und wenden uns der Frage zu, an 
welchem Punkt sich wohl die anagogische und die funktionale 
Deutung am besten zusammenbringen lassen. Dieser Punkt scheint 
mir die Introversion zu sein, und zwar einmal deshalb, weil sie 
der vorhin erwähnten Verinnerlichung verwandt ist, zweitens des= 
halb, weil sie gleichzeitig der Psychanalysc wohlbekannt und in 
den anagogischen Anleitungen von prominenter Wichtigkeit ist. 

Der Terminus „Introversion" rührt von C. G. Jung her. Er 
bedeutet das Versinken in der eigenen Seele: das Zurückweichen 
des Interesses von der Außenwelt, das Aufsuchen der Freuden, 
welche die Innenwelt bieten kann. Zu dem Begriff der Introversion 
hat die Neurosenpsychologie geführt, also ein Gebiet, welches zu= 
nächst nur von krankhaften Formen und Funktionen der Intro^ 
Version handelt. Das Sich=Versenken in die eigne Seele kommt 
eben auch vor als krankhaftes Sich=Verlicren darin. Man kann von 
Introversionsneurosen sprechen. Jung faßt die Dementia praecox 
als eine solche auf. Freud, der den Begriff der Introversion über= 
nommen hat'), betrachtet die Introversion der Libido als eine regel» 
mäBige und unentbehrliche Vorbedingung jeder Erkrankung an 
einer Psychoneurose. Jung (Jb. ps. F. 111., S. 159) spricht von „ge^ 
wissen Geistesstörungen [er meint die Dementia praecox], welche 
dadurch eingeleitet werden, daß die Kranken langsam sich immer 
mehr von der Realität abschließen, in ihre Phantasie versinken, wo= 
bei in dem Maße, wie die Realität ihren Akzent verliert, die Innen= 
weit an Realität und determinierender Kraft zunimmt". Man kann 
die Introversion auch definieren als ein Verlassen der (vielleicht 
unerreichbar oder getrübt gewesenen) Freuden der Außenwelt und 
ein Aufsuchen der Libidoquellen im eignen Ich. So sieht man, 
wie übrigens Selbstkasteiung, Introversion und Auterotismus zu= 
sammenhängen. 

Die Abkehr von der Au|3en=, Einkehr in die Innenwelt wird 
von allen jenen Anleitungen gefordert, die zur intensiven Ausübung 
der Religion, zum mystischen Leben führen. Die Praktiken der 
Mysterien sorgen für Gelegenheit und Beförderung der Introver= 
sion. Klöster, Kirchen sind Introversionsanstalten. Die Symbolik 
der religiösen Belehrungen und Riten sind voll von Bildern der 



'■) Mit gewissen Elnschrünkun^n. 



•l^l,!-* IU^IV_ 



156 III. SYNTHETISCHER TEIL 

Introversion. Diese ist, kurz gesagt, eine der wichtigsten Voraus= 
Setzungen der Mystik. 

Die kultische und mythische Symbolik hat unzählige Bilder für 
die Introversion; z. B. das Sterben, das Hinuntersteigen (Katabasis) 
in unterirdische Höhlen, Gewölbe, dunkle Tempel, in die Unter= 
weit, die Hölle, das Meer usw.; das Verschlungcnwerden von einem 
Ungeheuer, einem Fisch (wie bei Jonas) ; Aufenthalt in der Wüste 
usw. Die Symbole für die Introversion stimmen zum großen Teil 
mit jenen überein, die ich für das Einschlafen und Erwachen bc= 
schrieben habe (Schwellcnsymbolik), was sich aus der sachlichen 
Ähnlichkeit ohne weiteres begreifen läßt. 

Die Katabasis des Faust zu den Müttern ist ein Introversionsa 
Symbol. Die Introversion erfüllt hier deutlich den Zweck, etwas, 
das nur der Phantasie erreichbar ist (Welt der Vergangenheit, 
Helena), zur Realität, d. h. zur psychologischen Realität, zu bringen. 

Bei Jakob ßoehme (De Vita Mentah) sprach der Jünger zum 
Meister: Wie mag ich kommen zu dem übersinnlichen Leben, 
daß ich Gott sehe und höre reden? Der Meister sprach: Wan du 
dich magst einen Augenblick in das schwingen, da keine Creatur 
wohnet, so hörestu was Gott redet. Der Jünger sprach: Ist das 
nahe oder ferne? Der Meister sprach: Es ist in dir. 

Die Hermetikcr dringen oft genug auf Zurückgezogenheit, Gebet 
und Andacht als Voraussetzungen zu dem Werke; noch mehr wird 
aber in den hieroglyphischcn Bildern seihst davon gehandelt. Das 
Bild des Todes ist uns aus den hermetischen Schriften bereits 
wohlbekannt; aber noch viele andere Ausdrücke der Kunstsprache 
gibt es für die Introversion; so z.B. das Einschließen in ein Ge= 
faß, das Auflösen in dem Mercur der Weisen, die Rückführung der 
Materie in ihren wurzelhaften Zustand (durch die „radicale" oder 
„WurzeUFeuchtigkeit") usw. 

Was im besonderen unsere Parabola anbelangt, möchte ich hin= 
weisen auf die Wanderung im dichten Wald, das Verweilen in der 
Löwengrube, das Passieren des dunklen Schachts zu dem Garten, 
das Einschließen in das Gefängnis oder — alchcmistisch gesprochen 
— das Gefäß. 

Introversion ist stets mit Regression verbunden. Die Regression 
ist, wie (aus dem 2. Abschnitt des I. Teils) noch erinnerlich sein 
dürfte, ein Zurückgreifen auf primitivere psychische Arbeitsweisen, 
vom Denken aufs Anschauen, vom Handeln auf das Halluzinieren; 
ein Zurückstreben in die Kindheit und in die Lustbetätigungen 
der Kindheit. Die Introversion bringt demnach eine Vorliebe 
für die symbolische Ausdrucksweise mit sich (der mystische Unter» 
rieht geschieht in Symbolen!) und läßt die infantilen Imagines, 



I.ABSCHNITT/ INTROVERSION UND WIEDERGEBURT 157 



1> 



! 



vor allem die Mutter=Imago, wieder aufleben. Zu allererst und j 

an oberster Stelle im Leben waren es ja Vater und Mutter, welche ^ 

als Objekte der kindlichen Liebe, sowie auch der Trotzeinstellung 

usw. auftraten; sie sind die Einzigartigen und Unvergänglichen, und 

es braucht darum im Leben des Erwachsenen nicht viel an Schwie= 

rigkeiten, um jene Erinnerungen, jene Imagines, wieder wachzu» 

rufen und wirksam zu machen. Man begreift leicht die Tatsache, { 

daß das symbolische Ziel der vorhin erwähnten Katabasis stets j^ 

mütterlichen Charakter hat; Erde, Höhle, Meer, Bauch des Fisches v 

usw., das alles sind auch Symbole für Mutter und Mutterleib. -; 

Die Regression macht den Oedipus=KompIex mit seinen Inzest= J 

gedanken usw. wieder rege. Zu all diesen im Leben schon ab= 

getanen, verdrängten Relikten führt die Regression wieder hin. 

Sie führt wirklich in eine Art von Unterwelt, in die Welt der tita» 

nischen Wünsche, wie ich sie früher nannte. Inwiefern dies bei der 

alchcmistischen Parabola der Fall war, habe ich bereits ausführlicher : 

in ihrer psychanalytischen Behandlung gezeigt. Auf den Mutter= . 

Charakter der vorhin genannten Symbole: Gefäß, Mcrcur der Wei= . 

sen („Mutter der Metalle") und Wurzelfeuchtigkeit {auch „Milch" 

und ähnlich genannt) brauche ich bloj} kurz hinzuweisen. ? 

Märchen haben oft eine sehr hübsche funktionale Symbolik < 

dafür, wie der Weg der Introversion zur Mutter=Imago hinleitet. | 

So gelangt der Dummling in dem Märchen von den Drei Federn 
durch die Pforte der Introversion pünktlich in den Familienkreis 
zur fürsorglichen Mutter, Dort findet auch seine Liebe Befriedigung. 
Er erhält ja eine Tochter (Abklatsch der Mutter« Imago) zur 
Frau. 

In der Parabola folgt auf die Wanderung im Waid (Introver- 
sion) der zum Inzest gehörige Kampf mit dem Löwen (Vater oder ^ 
Mutter in ihrer „furchtbaren" Form), auf die Einschließung ins Ge= 
faß (Introversion) der Vollzug des Inzests. 

Wenn es nun auch einleuchtet, daß bei der Introversion (in«* 
folge der damit verbundenen Regression) Bilder der „titanischen" 
Regungen (Inzest, Trennung der Eltern usw.) angetroffen werden, 
so ist damit doch noch nicht im mindesten begreiflich geworden, 
wieso diese Bilder zur Darstellung der anagogischen Ideen geeignet 
sind. Und das ist ja die Frage. 

Man kommt dem Verständnis dieser auffallenden Tatsache 
wesentlich näher, wenn man daran denkt, was ich oben von der 
Typenbildung und der Verinnerlichung der Symbole sagte; daß ) 

nämlich Symbole sich von ihrer ursprünglichen engeren Bedeutung 
entfernen und zu Typen für eine ganze Klasse des Erlebens werden 
können, wobei ein Fortschreiten von der materialen zur funktio' ''l 



1 
■J, 



itj 



158 in. SYNTHETISCHER TEIL 

nalen Bedeutung (also die Verinnerlich ung) stattfindet. Einige Bei= 
spiele mögen dies erläutern. 

Besonders schöne Fälle von Verinnerlichung beobachtete ich 
bei einer Serie von lekanomantischen Versuchen, die ich vor einigen 
Jahren anstellte. Die Lekanomantie ist dem Krystallsehen ähnlich, 
nur daß die schauende Person in ein Wasserbecken blickt. In den 
Visionen meiner Versuchsperson Lea bildeten sich typische Ge= 
stalten aus, die immer >x'ied erkamen. Als Symbole betrachtet, waren 
sie, wie die nachherige Analyse bc^x'ies, fast alle der Verinnerlichung 
unterworfen. So trat z. B. eine schwarze Katze auf. Zuerst kommt 
sie vor als Repräsentantin der Großmutter Leas, die katzenartig 
war, heimtückisch, schmeichlerisch. Später steht die Katze für die 
entsprechenden Züge, die Lea in sich selbst fühlt. Zunächst ist 
also die Katze Symbol der Großmutter; sodann ist aber die Groß= 
mutter (oder Katze) Symbol einer Seelenströmung Leas. — Häufig 
kommt eine Dyas in den Bildern vor; etwa in Form einer doppel= 
köpfigcn Schlange, zweier Hände, zweier Füße, eines Weibes mit 
zwei Gesichtern usw. Zunächst scheint jedes Gegensatzpaar 
irgendeine äußerliche Bedeutung zu haben; zwei Menschen, die 
einander lieben usw. Sodann wird klar, daß das Gemeinsame, 
welches in dem doppelgesichtigen Weib seinen prägnantesten Aus= 
druck findet, eben die Dyas an und für sich ist und daß sie die 
Bisexualität (psychischen Hermaphroditismus) bedeutet. Damit 
nicht genug, stellt sich schließlich heraus, daß der tiefste Sinn des 
Symbols eine durchgreifende Spaltung von Leas Charakter in zwei 
verschieden geartete Personen bedeutet, wovon man die eine als 
die „wilde", die andere als die „milde" bezeichnen könnte. (Lea 
selbst gebrauchte die Ausdrücke: „zynische" und „ideale" Person.) 
In einem der letzten Versuche sah Lea ihr „zynisches" Ebenbild 
leibhaftig personifiziert vor sich und sprach mit dieser Gestalt, die 
in einer engen Beziehung zur „schwarzen Katze" stand. Die Dyas 
in den Symbolen gilt also zuerst als Vertreter von Außendingen 
(zwei Liebende usw.), sodann als Symbol der Bisexualität; die 
sexuelle Dyas kann aber nun wieder als ein Symbol oder Merkmal 
einer noch allgemeineren, noch umfassenderen Spaltung des Ich 
aufgefaßt werden. Ein weiteres der Verinnerlichung immer mehr 
zustrebendes Symbol war der Tod. Von Beziehungen zu bestimmten 
äußeren Erlebnissen und Vorstellungen des wirklichen Todes aus= 
gehend, wurde die Bedeutung des Symbols immer seelischer, bis 
zu der Konzeption des Absterbens von psychischen Regungen. 
Das, was symbolisch starb oder zu sterben hatte, war durch einen 
alten Mann dargestellt, der sich nach allerlei Schicksalen opferte. 
Das Sterben dieses alten Mannes bedeutete, wie die Analyse dartat, 



1. ABSCHNITT/ INTROVERSION UND WIEDERGEBURT 159 



^) Deren Begriff Jung beinahe zu Schopenhauers Willen ausdehnt. 



f 



dasselbe, was man als das „Ausziehen des alten Adam" bezeichnet. 
Die Gestalt des alten Mannes (ursprünglich der Großvater, dann 
der Vater Lcas) war auch erst durch einen längeren Verinncrli« 
chungsprozeß zu dieser seelischen Bedeutung gelangt. 

Noch einige kürzere Beispiele für typische Figuren. 

In vielen Träumen einer Analysandin („Pauline" in meiner Ab=» 
handlung „Zur Symbolbildung") kommt als typisches Bild eine 
Kuh vor. Das Alternieren dieser Kuh mit deutlicheren Mutter= 
Symbolen führt zunächst darauf, die Kuh gleich der Mutter zu 
setzen. Zwei ausführliche Träume, die genau analysiert wurden, -, 

zeigen aber, daß die Kuh und noch andere Gestalten, womit sie i 

alterniert, nicht so richtig mit dem Begriff der Mutter als mit dem -; 

des mütterlichen Imperiums und schließlich noch richtiger mit dem i 

der Selbstkritik oder des Gewissens — wofür das Mutterimperium '^-i 

wieder nur ein Typus ist — zu übersetzen sind. Kinder figurieren ^ 

bei Pauline infolge verschiedener Einzelerlebnissc als Typus für: ; 

Hindernis, ^ 

Bei einem anderen Träumer steht der Vater in ähnlicher Ver= j 

Wendung als das seine Entschlüsse lähmende Moment. ■ 

Das Emporsteigen auf einer Stiege, häufig ein Symbol für ; 

Coitus (Hinaufeilen, wobei man außer Atem kommt), entpuppt sich / 

oft in einem tieferen Zusammenhang als das Bemühen, von den 
Widerwärtigkeiten des Lebens zu irgendeinem den anderen Leuten 
(= Gedanken) unzugänglichen Zufluchtsort (einsame Dachkammer 
usw.) zu gelangen; und nun sieht man ein, daß diese tiefere Bedeu;» 
tung sich unbeschadet der ersten einstellt, denn auch der Coitus 
ist, wie jeder Rauschzustand, nur ein Spezialfall der Flucht vor ;' 

dem äußeren Leben, eine der Formen des seligen Vergessens. ^ 

Daher zum Teil die mythologisch (und psychopathologisch) wichtige .4 

Gleichsetzung von Berauschung und Coitus, ßerauschungsgetränk ! 

und Sperma, Soma und Same. Stiege = Coitus ist in diesem Falle 4 

Typus für eine viel umfassendere Klasse des Erlebens. j 

Marcinowski fand in seinen Analysen, daß der Vater im Traum- 
leben oft zum „Symbol des überwundenen Standpunktes" wird. | 

(Z.BI.f. Ps., H,9.) ' 

Als Typus muß man auch den Phallus, die Sonne und andere 

kultisch verehrte Dinge nehmen, wenn man sie, wie Jung (Wandl. 

u, Symb., Jb. ps. F., III — IV), als Symbole der Libido') ansieht. 

Den Typencharakter göttlicher Gestalten hebt übrigens Jung 

selbst ziemlich deutlich hervor (IV., S. 169). 

Die Schlange, von deren (bei Jung ausführlich entwickelter) 



K 

I 



.^ 



160 ni. SYNTHETISCHER TEIL 

Bedeutung als „negativer Phallus" us<w. noch gesprochen werden 
soll, kann auch als ein typisches Bild angesehen werden. Stier, 
Kuh und andere Tiergestalten stehen mythologisch wie in Träumen 
in typenhafter Verwendung mit unbegrenzter Möglichkeit der Vcr= 
innerlichung. Hunde sind in Träumen oft die Repräsentanten der 
animalischen Neigungen. Die Bestie ist oft: „la Bete Humainc" 
in des Träumers eigenem Innern. Den furchtbaren Löwen, den 
s Bären usw. als Vater haben wir schon kennen gelernt; hier eröffnet 

% _ sich nun eine neue Perspektive, welche die Einseitigkeit unserer 

ersten Auffassung klar empfinden läßt. 

Seitdem die Psychanalyse in Aufnahme gekommen ist, glauben 
viele ihrer Anhänger, mit ihrer Zerlegungsarbeit allein alle die psychoc 
logischen, ästhetischen und mythologischen Probleme, die sie sich 
vornehmen, lösen zu können. Man versteht jedoch das psychische 
; Getriebe, wie auch alle Geistesentwickelung, nur halb, wenn man 

bIo(3 hinabblickt auf die Wurzeln. Wir haben nicht bloß zu be= 
trachten, woher wir kommen, sondern auch, wohin wir gehen. 
Dann erst kann der psychische Lauf (individual= wie völkerpsycho= 
logisch) erfaßt werden, gleichsam in einer Bewegungsforme!. 

Wenden wir diesen Grundsatz auf die Symbolik an, so erwächst 
A daraus die Verpflichtung, stets die beiden scheinbaren Pole im Auge 

\] zu behalten, zwischen denen sich das Fortschreiten der Bedeutung 

der Vorgang der Verinnerlichung, vollzieht. (Auch eine VeräuBer= 
lichung ist möglich, doch muß wohl die Verinnerlichung als der 
r normale Prozeß') betrachtet werden.) Zu den allgemeinsten Typen 

'' gehören nun zweifellos jene Symbole oder (oft verdeckten) Bilder, 

von denen wir uns vorhin wunderten, daß sie, nebst ihrer Ver= 

tretung der „titanischen" Tendenzen, zur Darstellung des Ana= 

gogischen geeignet sind. Die Lösung des Rätsels ergibt sich 

in dem Augenblick, wo wir diese Bilder als Typen mit 

einem gewissen Maß von Verinnerlichung betrachten; 

als Typen für einige wenige seelische Grundkräfte, mit denen wir 

alle ausgerüstet sind und deren typische Symbole deshalb allgemeine 

Geltung haben^). Wenn wir z. B. aus einigen in Träumen gegebenen 

Symbolen analytisch den Vater, die Mutter usw. erschließen, so 

\ haben wir in diesen Vertretern der psychischen „!magines", wie 

I der Psych analytiker sie nennt, eigentlich bloß Typen gewonnen, 

t deren Bedeutung sich nun je nach der Betrachtungsweise ändern 

wird, etwa so wie sich die Farbe mancher Mineralien verändert, 

^) Sie entspricht nämlich dem Vorgang der Erziehung, des Kultur= 
fortschritts. Das wird uns bald einleuchten. 

') Ich werde eben deshalb diese Typen die menschlichen Elementare 
typen nennen. 



I.ABSCHNITT/ INTROVERSION UND WIEDERGEBURT 161 

je nach dem Winkel, unter dem man sie zum Lichte hält. Der 
wirkhche Vater, die wirkliche Mutter, die Erlebnisse, die sich um 
sie rankten , waren das Material, das zur Bildung der Typen verc 
wendet wurde; sie waren, wenn auch einschneidende, so doch 
äußere Dinge; während später der als Symbol auftauchende „Vater" 
usw. als Typus eine seelische Potenz des betreffenden 
Menschen selbst zu bedeuten vermag. Freilich eine seelische 
Potenz, die der Betreffende ähnlich empfindet wie einen Vater; 
denn sonst würde sich die Vater=Figur als Symbol nicht dafür 
eignen. Und man kann sogar so weit gehen, diese seelische Potenz 
„Vater=Imago" zu nennen; das darf aber niemals dazu verleiten, 
jene äußere Person, die im Einzelfall zumeist {nicht immer!) den 
Typus abgegeben hat, für das Eigentliche, das Tiefste zu nehmen. 
Das Tiefste liegt nämlich in uns selbst und wird an den Personen 
der Außenwelt nur gebildet und geübt. 

So ergibt sich denn für die typischen Symbole eine 
doppelte Perspektive. Die Typen sind gegeben; man kann 
durch sie nach vorne schauen und nach hinten. Es wird in beiden 
Fällen nicht ohne Bildverzerrungen abgehen; man wird öfters 
Dinge übereinander projiziert sehen, die nicht zueinander gehören; 
man wird Konvergenzen in Fluchtpunkte wahrnehmen, die nur 
der Perspektive zuzuschreiben sind. Ich möchte der Kürze halber 
die so entstehenden Fehler „Uberdeckungsfehler" nennen. 
Die Bedeutung dieses Begriffes wird hoffentlich in der Psychana» 
lysc noch zu starker Geltung kommen^). Der Uberdeckungsfehler 
stellt sich natürlich nicht bloß bei der Rückschau, sondern auch bei 
dem Blick nach vorne ein. So wird auch das, was ich als Interpret 
der mystischen Symbolik von den möglichen Entwickelungen der 
Seele sagen werde, mit Uberdeckungsfehlern behaftet sein. Sic zu 
korrigieren steht nicht in meiner Macht. Trotz alledem muß die 
Behandlung der Symbolik nach beiden Richtungen hin der ein= 
seitigen überlegen sein ; um einem gründlichen Erfassen — das freilich 
ein Ideal bleibt — sich zu nähern, müssen die verschiedenen Aspekte 
miteinander verwoben werden; um dies anzudeuten, habe ich auch 
dem analytischen Teil meiner Arbeit einen synthetischen folgen lassen. 

') Einen solchen Uberdecliungsfchler strebt C. G. Jung zu entlarven, 
wenn er schreibt: „Wie Libido das Vorwärtsstrebende ist, so ist ct\wa der 
Inzest das in die Kindheit Rückstrebende. Für das Kind hei^t es noch nicht 
Inzest; nur für den Erwachsenen, der eine wohlausgebildcte Sexualität bea 
sitzt, wird dieses Rückstreben zum Inzest, indem er kein Kind mehr ist, 
sondern eine Sexualität besitzt, die eigentlich keine regredierende Applis 
kation mehr erträgrt." (Jung, Jb. ps. F., IV, S. 279). Es mag übrigens 
bemerkt werden, daß auch Freud sich davor hütet, den psychanalytisch 
erschlossenen „inzest" in allzu krasser Tatsächlichkcit zu nehmen. 

Sllberer, Probleme der Mystik 11 



162 in. SYNTHETISCHER TEIL 

Durch die Elementartypen zurückschauend, erblicken wir 
also die infantilen Imagines samt jenen unethischen Wurzeln, welche 
die Psychanalyse in uns aufdeckt; vorwärtsschauend bemerken 
wir Richtungsgedanken, die zu irgendwelchen Zielen hinführen, 
von denen später gesprochen werden soll. Die Elementartypen 
selbst aber stellen dank der Verinnerlichung unser seelisches 
Kräfte= Inventar dar, das wir als Kinder zuerst zur Zeit der 
Entstehung der Imagines ausgebildet und geübt haben und das 
darum mit diesen Imagines so wesensverwandt ist, ja mit ihnen 
infolge des Uberdeckungsfchlers sogar günzlich zusammenfällt; — 
jenes Kräftc=Inventar, sage ich, das uns durch unser ganzes Leben 
begleitet und dem auch die für künftige Entwicklungen erforder= 
liehen Kräfte entnommen werden. Die Objekte oder Anwendungen 
wechseln, die Kräfte bleiben (nahezu) dieselben. Die Symbolik 
der materialen Kategorie, die an den äul^eren Dingen hängt, ändert 
sich mit diesen; jene Symbolik aber der funktionalen Kategorie, 
welche diese Kräfte abbildet, bleibt bestehen. Die Typen mit ihrer 
Verinnerlichung gehören der funktionalen Kategorie an; sie bilden 
das Beständige ab. 

Jenes Erleben, worauf die Andeutungen der (durch die Intro= 
Version zum Sprechen gebrachten) Symbolik als auf eine mögliche 
seelische Entwicklung hinweisen, entspricht einem religiösen Ideal; 
intensiv durchlebt, heißt diese Entwicklung die mystische^). Sie 
bietet sich uns also dar, wenn wir, statt zurückzuschauen, den Blick 
von unseren Elementartypcn aus vorwärts in die Ferne schweifen 
lassen. Vergessen wir aber nicht, daß wir die Mystik nur als die 
äußerste (psychologisch als die innerste!) Entfaltung des religiösen 
Lebens betrachten können, als den Idealfall, der kaum zu ver= 
wirklichen ist, obschon ich in dieser Richtung viel für möglich halte. 
Wenn meine späteren Ausführungen stark ins Gebiet der Mystik 
gehen werden, ohne immer von neuem den Standpunkt klar zu 
machen, wird man wissen, welcher Einschränkungen man sich zu 
versehen haben wird. 

Wenn ich auf dem Standpunkt stehe, daß die Kräfte, deren (zu« 
meist symbolisch verschleierte) Bilder die Elementartypen sind, sich 
nicht verändern, so will ich damit nicht sagen, daß sie einer Subli = 
mation nicht fähig wären. Sie unterliegen mit der zunehmenden 
Erziehung des Menschen wie des Menschengeschlechtes einer Su= 



^) Man könnte die Mystik etwa definieren als dasjenige religiöse Ver- 
halten, welches die Erreichung des Rcligionsaielcs, Vereinigung mit der 
Gottheit, auf dem kürzesten Wege anstrebt; oder als eine intensive Be« 
arbeitung seiner selbst, um diese Vereinigung zum Erlebnis werden zu 
lassen. 



I. ABSCHNITT/ INTROVERSION UND WIEDERGEBURT 163 

blimation, die aber doch den Grundcharakter der Kräfte in kennt= 
lichcr Form bestehen läßt. Einer der wichtigsten Typen, an denen 
sich dieser Wandlungsprozeß vollzieht, den Trieb verfeinert und 
doch etwas von seinem Charakter bestehen läßt, ist der Typus: 
„Mutter" bzw. „Inzest". Unter den religiösen Symbolen findet 
man zahllose Inzestbilder; daß aber für ihre psychologische (durch 
Analyse aufzudeckende) Grundlage der engere Begriff „Inzest" 
nicht mehr geeignet ist, hat unter den Psychanalytikern Jung 
ziemlich scharf erkannt. Es muß nämlich bei jeder zur ethischen 
Entwicklung gehörigen Symbolik der anagogische Aspekt ge= 
bührcnd berücksichtigt werden ; bei der religiösen Symbolik 
vielleicht am allermeisten. Der den religiösen Inzestsymbolen ent= 
sprechende Trieb ist vornehmlich zu fassen als der Zug zur 
Introversion und zur Wiedergeburt^), von der später gehandelt 
werden wird. 

Ich habe oben den Ausdruck „Sublimation" gebraucht. Dieser 
Freudsche Terminus und Begriff findet sich ganz genau in der 
gleichen Bedeutung bei den Hermetikern vor. In dem Gefäß, 
wo die mystische Erziehungsarbeit verrichtet wird, d.h. im Mens 
sehen, werden Stoffe sublimiert; psychologisch gesprochen heißt 
dies, daß die Triebe verfeinert, aus ihrer Niedrigkeit auf ein höheres 
Niveau gebracht werden sollen. Freud macht es verständlich, 
daß die Libido, besonders die asoziale geschlechtliche Libido, 
unter günstigen Umständen sublimiert, d.h. in eine sozial brauch» 
bare Triebkraft gewandelt wird. Dies sei geschehen im Entwick=> 
lungsgang des Menschengeschlechtes und wiederhole sich bei der 
Erziehung des einzelnen. 

Ich nehme an, daß der Grundcharaktcr der psychischen Ele» 
mentarkrSfte, an denen sich die Sublimation vollzieht, um so kennte 
lieber bleibt, je weniger der Sublimationsprozcß in die Länge ge^ 
zogen wird. Bei der Mystik z. B. schlägt der Grundcharakter der 
Urmotive stark durch, weil sie verhältnismäßig wenig sublimierte 
Triebe in einem abgekürzten Prozeß dem äußersten Sublimations= 
ziel zuführen will. Sie unternimmt es, im einzelnen Menschen 
ein Werk zu verrichten, das sonst viele Menschenalter dauern würde. 
Was ich also von der Unveränderlichkeit der Grundkräfte oder ihrer 
Urmotive sagte, gilt im äußersten Maße von ihrem Schicksal in der 
mystischen Entwicklung. 

Der mohammedanische Mystiker Arabi (1165—1240) schreibt: 
„Die Liebe als solche in ihrem eigentlichen Leben ist für die sinn= 
liehe und die geistige dieselbe, also für jene Araber [eines Gleich» 



') Siehe rückwärts die Anmerkung C. 

11« 



164 ni. SYNTHETISCHER TEIL 

nisses] und für mich, aber die Objekte der Liebe sind verschieden: 
jene liebten sinnliche Phänomene, während ich, der Mystiker, das 
innerste Wesen liebe." (Horten, IVlyst. Texte, S. iz.) 

Die religiössmvstischen Anwendungen der durch die 
Typen dargestellten Grundkräfte im Sinne einer Sublia 
mierung weisen also gegenüber ihrer retrospektiven 
Form (titanischen, rücksichtslosen Form) nicht einen wcsens= 
fremden Charakter auf; das wichtige Neue an ihnen ist 
eigentlich, daß sie nicht mehr im egoistischen Gebrauch 
stehen, sondern einen ethisch wertvollen Gehalt be= 
kommen haben, wozu die Verinnerlichung behilflich war. 
Jene Verinnerlichung, die wir äußerlidi an den Typen oder Sym= 
holen bemerken, ist nämlidi nur der sichtbare Ausdruck einer weit 
wichtigeren faktischen Verinnerlichung, deren Leistung in 
einer Erweiterung der Persönlichkeit liegt; sie soll später 
ausführlich gewürdigt werden. 

Bei der psychanalytischen Betrachtung der alchemistischen Pa= 
raboia wollte es scheinen, als lebten sich da bloß die titanischen 
Regungen aus, wie: die Mutter zur Geliebten zu haben, den Vater 
zu töten. Einer gar bedeutenden Verinnerlichung entspricht es 
nun, wenn wir hören, daß bei dem alchemistischen Werke der 
Vater mit dem Sohn identisch ist, und wenn wir verstehen, daß 
der Vater ein Zustand (oder eine psychische Potenz) des „Sohnes" 
ist, den dieser (in sich) zu überwinden hat, genau so, wie sich in 
den lekanomantischen Versuchen Lea bestrebt, den alten Adam 
abzulegen. 

Der Alchemist Rulandus (Lex., p. 214) zitiert die „Turba": 
„Nimm den weißen Baum, bawe ihm ein rundes, finsteres, mit 
Thaw umgebenes Hauß, vnd setz darein einen hundertjährigen, 
vnnd verschließ, daß kein Wind oder Staub zu ihm kan [Intro= 
Version], laß lihn] darinn acht Tag. Ich sag euch, daß derselbig 
Mann nicht auffhöret zu essen, von den Früchten desselben Baums, 
biß er zu einem Jüngling wirdt. wie ein wunderliche Natur, hie 
ist der Vatter Sohn worden, vnd wider geboren." Ebenda: „Der 
Stein Id. i. im anagogischen Verstände der Mensch] ist im Anfang 
der senex, darnach jung . . . daher gesagt wird filius interficit 
patrem: der Vatter muß sterben, der Sohn geboren werden, sterben 
mit einander, vnd erstehen mit einander." 

Entsprechend muß verfahren werden, wenn man die Parabola 
anagogisch interpretieren will. 

Was ich vorhin aus den anagogischen Märchendeutungen als 
Introversionssymbole herausgriff, weist selbstverständlich gleich» 
falls den Charakter der Verinnerlichung auf. 



'v< 



1. ABSCHNITT/ INTROVERSION UND WIEDERGEBURT 165 

Was nun die Natur der durch die Elementartypen dargestellten 
relativ unveränderlichen seelischen Tendenzen anbelangt, kann 
eine einfache Betrachtung des Notwendigen ohne viele psycholo= 
gische Feinheiten bereits zu einem elementaren Schema führen, 
das zum Verständnis der längs der Elementartypen vor sich gehenden 
Wandlungen (Verinncrlichung) genügt. Man braucht nur die 
durch die Reibung mit der Außenwelt notwendig eintretenden ein» 
fachsten Reaktionen des Individuums herzunehmen, welche zu 
beständig fortdauernden Erlebensformen werden, die ungefähr so 
selbstverständhch sind wie die Libido selbst. DasMaß des Egoismus, 
mit dem die elementaren Tendenzen betätigt werden, muß nach 
den Erfahrungen der Psychanalyse sehr groß erachtet werden; ich 
wähle deshalb im Folgenden für den „titanischen" Aspekt (die retro« 
spektive Form) der Tendenzen einen exzessiv egoistischen Aus= 
druck; und selbst dieser exzessive Ausdruck, welcher als Grundlage 
einer religiösen Entwicklung eher abträglich erscheint, gewährt, 
dank dem Prinzip der Verinnerlichung, Verständnis für diese Ent» 

Wicklung. 1 j I _i 

Von der Libido im allgemeinsten Sinne ausgehend, gelangt man 
zunächst zu den zwei Erscheinungen: Gefallen und Mißfallen, 
aus denen wieder alsbald die Aneignung und die Ablehnung hervor, 
gehen Beiden Tätigkeiten können sich Hindernisse erschwerend 
entgegenstellen, so daß aus der Aneignung der Raub, aus der Ab- 
lehnung die Vernichtung wird. Diese Möglichkeiten können frei- 
lieh nur so weit zur Tat werden, als sie sich praktisch durchfuhrbar 
erweisen. Auf alle Fälle sind sie psychisch vorhanden und spielen 
in dieser rohen Urform keine geringe Rolle in der Seele des Kindes, 
welche nur eine blinde Schwärmerei zu jener Engelhaftigkeit cr= 
hob, von der das Kind genau so weit entfernt ist, wie von ihreni 
Gegenteil. Man hüte sich, die „rohe" Form der Triebe als „roh" 
vom Standpunkt einer ausgebildeten Kultur zu nehmen, die in der 
Roheit etwas moralisch Minderwertiges erblicken muß. In „Raub" 
und „Vernichtung" auf primitiver oder kindlicher Stufe liegt vom 
Bösen kaum ein winziger Keim. Erst beim gewollten Festhalten 
an diesen elementaren Tendenzen trotz besserem Wissen ist das 
Moment des „Bösen" gegeben. Es ließe sich da sehr viel über die 
Psychologie und die Ethik des Kindes sagen. Ich kann mich indes 
nicht auf dieses weite Gebiet einlassen, so interessant es auch ist. 
Auf die Personen der Umgebung angewendet, ergeben die Ura 
tendenzen gewisse typische Erscheinungsformen. Ich kann sie 

^) Die in mythologischer Betrachtuns auch Urmotive genannt werden 
können. 



>. 



166 HI- SYNTHETISCHER TEIL 

leider nicht anders bezeichnen als mit Ausdrücken, die, wenn der 

fertige Mensch sie gebraucht, die Vorstellung von Verbrechen cr= 

geben. Es müßte eine eigene moralisch farblose Sprache für diese 

Dinge erfunden werden'}- Die Opposition eines Nebenmenschen 

gegen die Erfüllung eines Triebes erweckt die Tendenz, diesen 

Menschen zu überwinden, zu beseitigen, zu töten. Der Typus des 

hinderlichen Menschen ist allemal der Erzieher (Vater, eventuell 

Mutter). Daß derselbe gleichzeitig Wohltäter ist, wird weniger 

empfunden^), weil der psychische Apparat die Triebbefriedigung 

als das Natürliche hinnimmt, welches seine Energie lange nicht 

so sehr aufstachelt wie die Behinderung der Befriedigung. Es wird 

aber einer Form der Wertschätzung dieser Wohltätcrschaft gedacht 

werden. Dem Weib gegenüber tritt (obschon dies lange Zeit hin= 

durch übersehen worden) schon sehr früh beim Kinde, und zwar 

in gewissen periodischen Schüben, ein sexuell betontes Fühlen ein, 

wenn die Äußerungen dieses Fühlens auch dunkel sein und zeit= 

weise ganz verschwinden mögen. In dieser „Liebe" ist ein Keim 

von Begehren, von erotischem Für=Sich=Haben=WolIen enthalten. 

Den Typus des begehrenswerten Weibes gibt notgedrungen ein in iy 

der Nähe vorhandenes Weib ab, insbesondere die Mutter. Insofern 'r 

in der Liebe zur Mutter der Vater als Hindernis empfunden wird ^' 

muß er in der elementaren Tendenz zur Beseitigung des Hinder= 

nisses getötet^) werden, und es entsteht der zum OcdipuSi=Komplex 

gehörige Tötungsantrieb. Insofern die Mutter selbst der verlangten 

Zärtlichkeit nicht entgegenkommt oder sich, indem sie die Erziehe= 

rin hervorkehrt, abweisend, korrigierend benimmt, wird auch sie 

zu einem Hindernis, zu einer der „lieben" Mutter entgegenge= 

setzten Kontrastgestalt, der gegenüber sich die Psyche in Angst 

und Erbitterung einstellt. Die Angst rührt hauptsächlich aus dem 

seelischen Tendenzenkonflikt her, der sich daraus ergibt, daß die 

Geliebte und die Gehaßte eine und dieselbe Person ist. Das Kor» 

relat zu dem abweisenden Benehmen der Mutter ist, sie zu ver= 

gewaltigen. Ein anderer Grund des Zuges zur Mutter, neben dem 

erotisch betonten, ist das Verlangen nach ihrer Fürsorge, das 

namentlich durch die beschwerlichen Erfahrungen in der übrigen 

') Der Traum, der Mythos hat dafür die symbolisclie Sprache ge- 
funden. 

*) Anerkennung einer Wohltat, Dankbarkeit etc. setzen bereits Subli= 
mierung voraus; sie gehören dem titanischen Aspekt niiiit an. 

^) Das Kind hat vom Tod keine deutliclie Notion. Es handelt sich zu= 
nächst Einfach um ein WEghabcn=Woi]en. Wenn uns dieses Urmotiv nach= 
träglich als ein „Töten" erscheint, so handelt es sich wieder um einen ober" 
deckungsfchler, ebenso wie beim spStcr erwähnten „Vergewaltigen". 



i. ABSCHNITT/ INTROVERSION UND WIEDERGEBURT 167 

Welt hervorgerufen wird. Es ist das eine Trägheit gegenüber den 
Aufgaben des Lebens. Der Hang zur Bequemlichkeit ist ein psycho= 
logisch auBerordentlich wichtiger Faktor. Stätte der Fürsorge ist 
zwar das Elternhaus Überhaupt; ihr Typus aber vor allem die 
Mutter; man spricht auch von „mütterlicher", weniger von „vätcr= 
lieber" Fürsorglichkeit. Den fürsorglichen Muttertypus habe ich 
im Märchen von den drei Federn vermerkt, wo die Mutter=Itschc 
aus der droßen Schachtel die Gaben austeilt. Insofern sich nun 
die fürsorgende Person den an sie gestellten Anforderungen ver= 
schlieBt und aus Gründen der Lebensnotwendigkeit das Kmd m 
die Welt hinausweist; oder insofern irgend andere Hindernisse 
(Erfordernisse des Lebens) sich dem Genuß des trägen bich=Fut= 
tern^Lassens in den Weg stellen (wie der Engel mit dem tlam= 
menden Schwert vor den Eingang des Paradieses), so erscheint die 
behindernde Macht unter dem Typus der „furchtbaren Mutter, 
einem Bild, dessen Schreckhaftigkeit durch die Mitvwirkung des 
Inzestkonfliktes noch gehoben wird. In diesem Aspekt ist also die 
anderseits geliebte Mutter etwas Feindliches. 

Der vom Kind als Pedanterie empfundenen Erzieh ungstätigkcit 
(oder dem sonstigen unverstandenen Verhalten) der Großen setzt 
das Kind die uns schon bekannte Trotzeinstcllung entgegen, und 
es entsteht hieraus, sowie aus dem Bestreben, den rauhen Lauf 
des Lebens überhaupt abzuändern, das hoffärtige Bestreben nach 
einem schöpferischen „Bessermachen", das ich auch bereits erörtert 
habe. Auch der Wunsch zu sterben kann eintreten. Ferner führen 
die Hindernisse, die sich dem erotischen Ericben in der Außenwelt 
entgegensetzen, wofern sie unüberwindlich sind oder aus Trägheit 
nicht überwunden werden, zum Auterotismus. (Daß dieser im 
zarten Kindesalter schon von vornherein vorhanden war, ist für 
diese Triebmechanik Nebensache. Das soeben mitgeteilte Schema 
darf überhaupt nicht zu sehr wie eine historisch=chronologisch ge= 
gebene Entwicklung angesehen werden; sondern die Tendenzen 
sind sowohl innig miteinander als auch mit der Akquisition der 
vorläufig gar nicht in Betracht gezogenen psychischen Hemmungen 
verwoben; indem man sie trennt, begeht man schon etwas wie einen 
Fehler.) 

Wir haben diese Hauptkräfte betrachtet: i. Beseitigen des 
Hinderlichen, 2. Begehren nach der elteHichen Fürsorge, j. Be= 
gehren des Angenehmen (besonders des Weibes), 4. Auterotismus, 
5. — 6. Verbessern und Neuzeugen, 7. Todeswunsch. Folgendes 
Schema zeigt den retrograden (titanischen) sowie den anagogischen 
Aspekt dieser Kräfte, welch letzterer einer Verinncriichung der 
Typen und einer Art von Sublimation der Triebe entspricht: 



168 ' III. SYNTHETISCHER TEIL 

Retrograder Aspekt. Anagogischer Aspekt. 

1. Töten des Vaters; Töten des alten Adam; 

2. Begehren der Mutter (Faulheit); Introversion; 

j. Inzest; Liebe zum Ideal; 

4. Auterotik; Siddhi'); 

5. Zeugung mit der Mutter; Geistige Wiedergeburt; 

6. Verbessern; Neuschöpfung'); 

7. Todeswunsch. Aufgehen im Ideal. 

Man darf hinter diesen Verinnerlichungen, deren Schema hier 
übrigens nur grob skizziert wurde, nichts Wunderbares \»ittcrn; 
sie geschehen in einem jeden von uns, sonst wären wir lauter Bestien. 
Nur erheben sie sich nicht in einem jeden von uns zu der Intensität 
des mystischen Erlebens. 

Ein feineres Eingehen in die Mechanik der psychischen Kräfte 
bei der mystischen Entwicklung würde jedenfalls noch viel ausführ= 
licher zeigen, wie alles Vorhandene zu den Verinnerlichungen des 
Erziehungswerkes herangezogen wird. Es wäre beispielsweise inter= 
cssant, der Verwendung der einzelnen Sinne bei der Introversion 
nachzugehen, das Schicksal der Sinnesqualitäten zu ermitteln usw. 
Es ist ganz merkwürdig, welche hervorragende Rolle Geschmacks= 
und Geruchscrlebnisse oft in den Schilderungen von Personen 
spielen, die den Pfad der Mystik beschritten haben. Ich erinnere 
an den „Geruch der Heiligkeit", dem der „teuflische Gestank" 
gegenübersteht. Der magische Experimentator Staudenmaier 
von dem noch die Rede sein wird, hat an sich die Koordination 
seiner Partialseelen (Personifikationen, autonome Komplexe) zu 
bestimmten Leibesfunktionen und zu bestimmten Organen fcst= 
gestellt. Gewisse boshafte Teilseelen, die ihm halluzinatorisch als 
teuflische Bocksgestalten erschienen, waren an die Funktion be= 
stimmter Enddarmpartien gebunden. 

Die Mystik betreibt eine viel energischere Sublimation der 
Inebe als die normale Menschenerziehung; es ist darum nicht 
verwunderlich, wenn die VerinnerUchung das, was sie soll, nicht 
so rapid leistet sondern mangelhaft bleibt. In solchen mißglückten 
oder mangelhaft geglückten Fällen weisen die verinnerlichten Kräfte 
weit mehr als bloße Spuren ihrer minder vornehmen Vergangen= 
heit aut. Die Helden solcher mißlungener Mystik erscheinen als 
wunderliche Heilige. So z. ß. jener Graf von Zinzendorf, dessen 
schwärmerische Liebe zum Heiland derart sinnÜchen Beigeschmack, 
noch dazu mit auffallenden Perversitäten, aufweist, daß die Ergüsse 
seiner Begeisterung geradezu erheiternd wirken. So phantasiert 
sich der Fromme mit lüsterner Vorliebe in das „Scitenhöhlchen" 

^) Wird später erläutert. 



1. ABSCHNITT/ INTROVERSION UND WIEDERGEBURT 169 

{die Seitenwunde) im Leib Jesu, mit nicht zu verkennender Idcn= 
tifikation dieses „Ritzes" mit der Vulva. 

Einige Beispiele von poetischen Erzeugnissen Zinzendorfs und 
seiner Getreuen mögen hier folgen. 

„So immer seitwärts schielerlich. 

So seitcn=heimweh=fühlerlich, 

So Lamms=hcrz=gruft=durch kriecherlich. 

So Lamms=schwciß=spur=bcriecherlich. 



So JEsus=schweiB=tropfhaltiglich, 
Vor Liebes=ficber schiitterlich, 



So Marter«: La mms=herzhafti glich, 
So JEsussknaben^haftiglich, 
So Marie=Magdalcnelich, 
Kindlich, jungfräulich, ehelich 
Soll uns das Lamm erhalten, 
Bis zum Kuß seiner Spalten." 






V 



Wie's Kind voll Geistes, , f. 



i 



So leichnams=luft=anzieherlich, 

So wunden=naß=aussprüherlich, 

So grabesdünsteowitterlich, ( : 



„Bey uns Creutz=leutelein j ■ 

Gilt oft der Seitenschrcin .' 

Fürs ganze Lämmclcin: ■ 

Ihr armen Sünderlein, 

Nur tieff, nur tieff hinein, ? 

Ja tieff, recht tieff hinein, >- 

Und wer will selig sein, 

Der wünsch sich dahinein 

Ins Sammelplätzclein 

Aller der schätzelein. 

Charmantes Lämmelein, 

Ich armes Dingelein küsse die Ringelein 

An deinen Fingerlein. 

Du Wunde von dem Speer! 

Halt auch dein Tvlündlein her, 

Es muß geküsset seyn, 

Lamm! rede mir nichts drein! \ 

Dieses Minutelein \ 

Bist du mein und allein." 

Man vergleiche zu diesen Merkwürdigkeiten die psychologischen 
Erläuterungen von Pfister {Frömmigk. d. Gr. Ludw. v. Zinzend.). 

Auf die vorhin erwähnten „seelischen Grundkräfte" zurücko 
greifend, möchte ich noch erwähnen, daß auch die Alchemic ver= 



170 I"- SYNTHETISCHER TEIL 

sucht, das zu dem großen Werke bereitstehende Kräfteinventar 
in ein kurzes Schema zusammenzufassen. Sie gebraucht zu diesem 
Zweck verschiedene Bilder; eines der geläufigsten sind die sieben 
Metalle oder Planeten, Ob ich mit den Astrologen sage, daß die 
Seele (nicht der himmlische Geist, der von Gott stammt) den Men= 
sehen von den sieben Planeten zugeflossen, also aus ihren sieben 
Influenzen zusammengesetzt ist, oder wenn ich mit den Alche= 
misten von sieben Metallen spreche, die im Mikrokosmos einander 
begegnen, so ist das natürlich ganz dasselbe, nur in einem anderen, 
dabei sehr verwandten, Bild ausgedrückt. Bekanntlich sind die Me= 
talle „unvollkommen" und müssen „verbessert" oder „vollkommen 
gemacht" werden. Wir müssen unsrc Triebe sublimicren heißt das. 

„Vom Höchsten bis zum Tiefsten steigt alles durch Mittel= und 
Zwischenstufen auf der unendlichen Leiter herab, dergestalt, daß 
iene Bilder und Abdrücke, als Ausgeburten des göttlichen Gemüths, 
durch untergeordnete Gottheiten und Halbgötter, ihre Gaben und 
Ausflüsse den Menschen mittheilen. Davon die vornehmsten diese 
sieben sind: der Untersuchungsgeist, das Vermögen der Regierung 
und Beherrschung sein Selbst, der tapfre Muth, die Deutlichkeit 
der Sinne, die inbrünstige Liebe, der Scharfsinn in der Auslegungs= 
kunst, die fruchtbare Zeugungskraft. Aller dieser ihre würkende 
Kräfte hat Gott zunächst und ursprünglich in sich. Von ihm haben 
sie die sieben Geister und Gottheiten, die die sieben Planeten bes 
wegen und beherrschen, und von uns Engel genannt werden, über= 
kommen, so, daß ein ieder von ihnen das Seinige vor den übrigen 
besonders erhalten hat. Diese vertheilcn sie wieder unter die ihnen 
untergeordneten sieben Ordnungen der Dämonen, und zwar unter 
einem ieden insbesondere, aus. Und diese überliefern sie endlich 
den Menschen." {Adamah Booz, Sieb. Grunds., S. gf.) 

in dieser Aufzählung weisen die Grundkräfte (deren Erteilung 
stark variiert) bereits ein gewisses Maß von Verinnerlichung auf. 
Wollte man ihren titanischen Aspekt dem anagogischcn entgegen= 
stellen, so bekäme man ungefähr dieses Bild, dem ich geläufige 
astrologische Charaktere der Sieben zugrunde lege: 

Zerstören (Kastrieren) t? Introversion 

Herrschen 4 Sich selbst beherrschen 

Kampflust (f Sich selbst bekämpfen 

Libido O Sublimierte Libido 

Geschlechtsleben, Inzest ? Wiedergeburt 

Grübclzwang:») j Wissenschaft 

Freude am Wechsel; Bessermachen I) Sich selbst ändern 

') Freud ist der Ansicht, daß sich der ursprüngliche Fragedurst nach 
dem sexuellen Geheimnis in krankhaften Grübelzwang umsetzen, aber such 
eine Triebkraft für richtig:en Wissensdurst abgeben kann. 



1. ABSCHNITT/ INTROVERSION UND WIEDERGEBURT 171 

Neben der Einteilung der Grundkräfte nach der beliebten Sieben= 
zahl gibt es freilich in der Alchemie noch andere Schemata, mit , 

anderen Bildern. Man mu^ ferner stets dessen eingedenk sein, 
daB die Zeichen in der Alchemie in vielerlei Bedeutung gebraucht 

werden. 

Insofern die „Gestirne", wie in der hermetischen Kunst oft zu 
verstehen, psychische Grundkräfte sind, klingt es geradezu wie . 

Psychanalyse, wenn Paracelsus der Ansicht ist, dag im Schlaf der 
„siderische" Leib in freier Wirkung sei, sich da zu seinen Vätern 
aufschwinge, Zwiesprach mit den Sternen halte. : 

Betreffs der Verinnerlichung muß ich noch auf die im folgenden ; 

Stücke stehenden Ausführungen über die Er>weiterung der Person« a 

lichkeit hinweisen. Es ist ein >wichtiges Moment, daß jene äußeren ; 

Hindernisse, welche der rücksichtslosen Entfaltung der titanischen / 

Triebe entgegenstehen, nach und nach als Hemmungen in die \ 

Psyche aufgenommen werden, welche solcherart die äußeren '] 

Gesetze, nach denen ein Leben praktisch möglich ist, in sich auf= ;; 

nimmt.^ Wofern nicht tiefe Konflikte es verhindern, entsteht durch ■ 

Dbung dieser Gesetze eine ihnen entsprechende Beeinflussung der 
Neigungen selbst. Ist doch die Gewohnheit imstande, sogar ein • 

hartes Joch mit Liebe tragen zu lehren, ja es zur Lebensbedingung 
zu machen. Ich habe soeben die Beschränkung gebraucht: wenn 
nicht Konflikte es hindern; nun, gewöhnlich sind sie da, auch für 
den Mystiker; und das „Werk" gilt vor allem ihrer Austragung. 
Zur Tilgung der Gegensätze müssen die in der „titanischen" Phase 
nach außen gerichteten Waffen nach innen gerichtet werden : dort, 
und nicht draußen sind ja jetzt die Konflikte. 

B. FOLGEN DER INTROVERSION 

Die Introversion ist kein Kinderspiel. Sie führt zu Abgründen 
hin, von denen man verschlungen werden kann, rettungslos. Wer 
sich der Introversion unterzieht, gelangt an einen Punkt, wo sich 
zwei Wege trennen; und dort muß er eine Entscheidung treffen, 
eine Entscheidung, die folgenschwerer nicht gedacht werden kann. 
Das Bild des Abgrunds, das Bild des Scheideweges: beide waren in 
unserer Parabola recht deutlich enthalten. Das Vorkommen des 
gleichen Motivs in Mythen, in Märchen ist wohlbekannt. Die Gc« 
fahr wird augenfällig, indem der Held zumeist einen scheinbar ganz 
kleinen Fehltritt tut und dann unerhörter Mühen bedarf, um diesen 

M Hierin ist die vorhin kurz erwähnte faktische Verinnerlidiung 
zu erblicken. 



i 



172 



in. SYNTHETISCHER TEIL 



V 



einzigen kleinen Fehler gutzumachen. Noch ein unrechter Schritt, 
und alles wäre verloren gewesen. 

Die Introversion bietet also zwei Möglichkeiten ; entweder das 
zu gewinnen, was die mystische Arbeit gewinnen will, oder sich zu 
verlieren. 

Bei der Introversion sinkt die Libido in ihre „eigene Tiefe" (ein 
Bild, das Nietzsche gern gebraucht) und findet dort unten in den 
Schatten des Unbewußten den Ersatz für die Oberwelt, die sie ver= 
lassen hat, nämlich die Welt der Phantasie und der Erinnerungen, 
worunter die stärksten und einflußreichsten die frühinfantilen Er= 
inncrungsbilder sind. Es ist die Welt des Kindes, jener paradie= 
sische Zustand frühester Kindheit, von dem uns einst ein hartes 
Gesetz trennte. In diesem unterirdischen Reich schlummern süße 
Heimatgefühle und die unendlichen Hoffnungen alles Werden= 
den... Doch, wie Mephistopheles sagt, „die Gefahr ist groß". 
Diese Tiefe ist verlockend; sie ist die „Mutter" und — der Tod. 
Bleibt die Libido im Wunderreich der inneren Welt hängen, so ist 
der Mensch für die Oberwelt zum Schatten geworden, er ist so gut 
als ein Toter oder Schwerkranker. Gelingt es aber der Libido, 
sich wieder loszureißen und zur Oberwelt emporzudringen, dann 
zeigt sich ein Wunder: diese Unterweltsfahrt war ein Jungbrunnen 
für sie gewesen und aus ihrem scheinbaren Tode erwacht neue 
Fruchtbarkeit. Dieser Gedankengang wird in einem indischen 
Mythus sehr schön zusammengefaßt: Einst versank Visnu in Ent= 
zückung (Introversion) und gebar in diesem Schlafzustand Brahma 
der, auf einer Lotosblume thronend, aus dem Nabel Visnus emporä 
stieg und die Vedas mitbrachte, sie eifrig lesend. (Geburt des 
schöpferischen Gedankens aus der Introversion.) Durch Visnus 
Verzückung aber kam eine ungeheure Sintflut über die Welt (Ver= 
schlingung durch Introversion, die Gefahr des Eingehens in die 
Todesmutter symbolisierend). Ein Dämon, die Gefahr benutzend, 
stahl dem Brahma die Vedas und verbarg sie in der Tiefe. (Ver= 
schlingung der Libido.) Brahma weckte Visnu, und dieser, sich 
in einen Fisch verwandelnd, tauchte in die Flut, kämpfte mit dem 
Dämon (Drachenkampf), besiegte ihn und eroberte die Vedas wieder. 
(Schwer erreichbare Kostbarkeit.) Vgl. Jung, Jb.ps.F., IV.S.534f. 
Das Wunder der Kräftigung, das beim günstigen Ausgang der 
Introversion erlangt werden kann, ist der Wirkung zu vergleichen, 
die Antaios bei der Berührung der Erde, seiner Mutter, verspürte. 
Die Mutter der Menschen, zu der die Introversion hinführt, ist 
der Geist der Rasse, und von diesem strömt Riesenkraft aus. „Dieses 
zeitweilige ln=sich=selbst=Zurücktretcn, was ... ein Zurückgehen in 
ein kindliches Verhältnis zu den Elternimagines bedeutet, scheint 



■^. 



1. ABSCHMITT/ INTROVERSION UND WIEDERGEBURT 173 

innerhalb gewisser Grenzen von günstiger Wirkung; auf den psy= | 

chischen Zustand des Individuums zu sein" (a, a. 0., S. 227). 
Von diesem Kraftholen schreibt Steke! (Nerv. Angstz., S. 375): 
„Immer wenn die Menschheit etwas Großes schaffen will, muß 
sie weit ins Reservoir ihrer Vergangenheit zurückgreifen." 

Ich will aber nun auch einem mystischen Philosophen das Wort 
geben. J. B. van Hclmont (1577 — 1644) schreibt: „Jene magische 
Kraft des Menschen, welche auch außer sich hinaus wirksam ist, 
liegt gleichsam im Innern des Menschen verborgen, sie schläft und 
waltet ohne geweckt zu werden, doch täglich wie betrunken in 
uns . . . Darum sollen wir Gott anbeten, welcher nur im Geiste, 
das ist in dem innersten Grunde des Menschen, verehrt werden 
kann. Dahin sage ich, geht die Kunst der Cabbalah, daß sie jene 
magische, aber natürliche Kraft, gleichsam nach verscheuchtem 
Schlafe, der Seele wieder anheimstelle. Diese magische Kraft ist 
durch die Sünden in uns schlafen gegangen und hat daher nötig, 
wieder aufgeweckt zu werden. Dieses geschieht entweder durch 
die Erleuchtung des heiligen Geistes, oder der Mensch kann durch 
die Kunst der Cabbalah sich selbst diese Macht verschaffen, selbige 
nach Belieben zu erwecken; es werden diese Goldmacher [nota= 
benell genannt, deren Führer (rcctor) aber der Geist Gottes ist . . . 
Als Gott die menschliche Seele erschuf, hat er ihr wesentliche und 
ursprüngliche Kenntnisse mitgetheilt. Diese Seele ist der Spiegel 
des Weltalls und steht mit allen Wesen in Verbindung; sie ist durch 1 

ein inneres Licht erleuchtet, allein der Sturm der Leidenschaften, 
die Menge der sinnlichen Eindrücke, die Zerstreuungen verfinstern 
dieses Licht, dessen Glanz sich nur verbreitet, wenn es allein brennt, 
und in uns Alles in Harmonie und Frieden ist. Wenn wir uns von 
allen äußeren Einflüssen abzusondern wissen und uns durch dieses 
innere Licht führen lassen wollten; so würden wir in uns selbst 
reine und sichere Kenntnisse finden. In diesem Zustande der Con» 
centration unterscheidet die Seele alle Gegenstände, auf die sie ihre 
Aufmerksamkeit richtet; sie kann sich mit ihnen vereinigen, ihre 
Beschaffenheit durchdringen und selbst zu Gott gelangen und in 
ihm die wichtigsten Wahrheiten erfahren . . ." {Ennemoser, Gesch. 
d. Mag-, S.906, 914.) 

Staudenmaier, der an sich viel „magisch" experimentiert und 
seine bisherigen Erfahrungen kürzlich in dem interessanten Buch 
„Die Magie als experimentelle Naturwissenschaft" niedergelegt bat, 
glaubt beobachtet zu haben, daß durch die Übungen, die er aus= ' 

führt (und die jedenfalls starke Introversion hervorrufen), psycho= 
physische Energien frei werden, die zu wesentlichen Mehrleistungen , 

befähigen. Namentlich sei eine wirksame Heranziehung der beim j, 



174 ril. SYNTHETISCHER TEIL 

normalen heutigen Menschen bewußter Funktion entzogenen ncr= 
vösen Zentren zu intellektueller Arbeit möglich nsvi/. Es lasse sich 
also (durch Übungen mit deutlichem Introversionscharakter) aus 
dem Unbewußten gleichsam ein Schatz heben, der ein erhöhtes 
Denk= und Gefühlsleben gestatte. Wenn Staudenmaier auch 
in der Beurteilung seiner anomalen Funktionen eben durch diese 
beeinflußt sein mag : es wäre gänzlich verfehlt, sie einfach als „pathoa 
logisch" abzutun. 

Von der Gefahr der Introversion sagt Ennemoser (a. a. O., 
S. 175); „Wo nun bei Menschen von unlauterm Herzen durch 
zerstörende Naturkräfte und böse geistige Rapporte, die tiefsten 
überzeitlichen Kräfte geweckt werden, da mögen wohl leicht finstere 
Mächte die Wurzeln des Gemüts ergreifen, und sich sittliche Ab= 
gründe aufthun, welche der in die Zeitschranken gebannte Mensch 
kaum ahnet und vor denen die menschliche Natur zurückbebt. Eine 
solche unerlaubte Ekstase und böse Begeisterung erkennen wenig= 
stens die Religionslehrcn der Juden und Christen an, und die 
Seher Gottes beschrieben sie als einen Bund mit der Hölle (lesaias 
XXVlll, .5)." 

Woher kommt die Gefahr? Sie kommt von der mächtigen An= 
Ziehung, die jene Weit auf uns ausübt, welche uns durch die Intro= 
Version erschlossen wird. Man steigt da hinab, um die Waffen zu 
frischem Kampf zu schleifen, läßt sie aber liegen; denn man fühlt 
sich von weichen, schmeichlerischen Armen umgeben, die zum 
Bleiben, zu zauberischem Träumen einladen. Dieser Zug fällt ge= 
wiß zum großen Teil mit der schon früher erwähnten Bequemlich= 
keitstendenz zusammen, welche die Kindheit und Mutters sorghche 
Hände nicht aufgeben will. Die Introversion ist ein prächtiger Zu= 
gang zum faulen Phantasieren in retrograder Richtung. 

Mit Nachdruck weist unter Psychopathologen neuestens bc=> 
sonders Jung auf die gefährliche Rolle der Faulheit hin. Nach 
ihm besitzt die Libido eine ungeheure Trägheit, die kein Objekt 
der Vergangenheit lassen will, sondern für immer festhalten möchte. 
Die Trägheit ist geradezu eine Leidenschaft, wie dies La Roche» 
foucauld glänzend ausführt: „De toutes les passions, celle qui est 
la plus inconnue ä nous=memes, c'est la paresse; eile est la plus 
ardente et la plus maligne de toutes, quoiquc sa violcnce soit in= 
sensible . . ." „Diese gefährliche, dem primitiven Menschen vor 
allen andern zukommende Leidenschaft ^) ist es, die unter der be= 

) Siehe rückwärts die AnmerJiung D. — Zur Vermeidung einer miß- 
verständlichen Auffassung des obigen Zitates muß bemerkt werden, daß 
die Faulheit natürlich nicht als die einzige Grundlage der Inzestsymbolik 
angesehen werden darf. 



\ 1 

I 



ABSCHNITT / INTROVERSION UND WIEDERGEBURT 175 



1 



j 



denklichcn Maske der Inzestsymbolc erscheint, von der uns die 
Inzestangst wegzutreiben hat, und die unter dem Bilde der „furchta 
baren Mutter" vor allem zu überwinden ist. Sie ist die Mutter 
so unendlich vieler Übel, nicht zuletzt der neurotischen Beschwera 
nissc. Denn ganz besonders aus dem Dunste stehengebliebener 
Libidoreste entwickeln sich jene schädlichen Phantasienebel, welche 
die Realität so verschleiern, daß die Anpassung beinahe unmöglich 
wird." (|b. PS. F. IV., S. zipf.) 

DaB das faule Zurückwollen von den Beschwerlichkeiten des ./■ 

Lebens psychologisch und mythologisch so häufig unter dem Bild 
der Mutter nachzuweisen ist, ist zwar nicht gerade verwunderlich, 
aber ich möchte doch zur drastischen Illustration eine Episode aus 
dem Krieg des Kyros gegen Astyages anführen, die ich bei 
Dulaure= Krau5s= Reiskcl {Zeugg., S. 85) verzeichnet finde. 
Nachdem Astyages seine Truppen angefeuert hatte, stürzte er sich 
mit Wut auf das Heer der Perser, die dadurch überrascht wurden 
und zurückwichen. Ihre Mütter und ihre Frauen liefen auf sie zu 
und baten sie, nochmals anzugreifen. Wie sie nun sie unschlüssig 
sahen, entblößten sie sich vor ihnen, deuteten auf ihren Schoß hin 
und riefen ihnen fragend zu, ob sie sich in den Schoß ihrer Mütter 
oder ihrer Frauen flüchten wollten. Dieser vorwurfvollc Anblick 
bestimmte sie umzukehren und sie blieben siegreich. 

Zur Entstehung des mythologischen und psychologischen Bildes 
von der furchtbaren Mutter: „Noch scheint dem Menschen eine 
tiefe Erbitterung innezuwohnen, daß ihn einstmals ein brutales 
Gesetz vom triebartigen Gewährenlassen und der großen Schönheit 
der in sich selbst harmonischen Tiernatur trennte. Diese Trennung 
manifestierte sich wohl unter Anderm im Inzestverbot und seinen 
Korrelaten (Heiratsgesetze usw.), daher sich Schmerz und Zorn 
auf die Mutter beziehen, wie wenn sie Schuld trüge an der Dome= 
stikation des Menschensohnes. Um seines Inzestwunsches (seines 
Rückstrebens zur Tiernatur) nicht bewußt zu werden, wirft der Sohn 
alle schlimmste Schuld auf die Mutter, woraus das Bild der „furcht= 
baren Mutter" entsteht. Die Mutter wird ihm zum Angstgespenst, 
zum Mar . . ." (Jung, )b. ps. F. IV, S. Z79f.). 

Als ein mythologisches (auch im Traumleben häufiges) Symbol 
für die sich introvertierende und in den gefährlichen Bannkreis des 
inzestwunsches (oder auch bloß der lebensträgen Tendenz) gera= 
tende Libido ist die Schlange anzusehen; und zwar ist diese (nicht 
immer zutreffende) Auffassung dann am Platze, wenn die Schlange 
als ein Seh recken stier (Vertreterin der furchtbaren Mutter) charaktc 
risiert erscheint; gleichwertig mit ihr ist dann auch der Drache, 
der natürlich durch andre Untiere ersetzt sein kann. Die phallische 



j 

i 



•Mmm/f^w^t 



176 III. SYNTHETISCHER TEIL 

Bedeutung der Schlange ist bekannt genug; die Schlange als ver= 
giftendes, als schreckliches Tier bezeichnet aber einen besonderen 
Phallos, eine mit Angst behaftete Libido. Jung, der diese Symbolik 
an stattlichem Material behandelt, nennt die Schlange geradezu 
einen „negativen Phallus", den der Mutter gegenüber verbotnen 
Phallus usw. Ich will daran erinnern, daß auch die Alchemic das 
Bild der Schlange oder des Drachen hat, und zwar in einer Verwen* 
düng, welche die vorliegende Auffassung rechtfertigt. Es verbindet 
sich da mit andren Symbolen der Introversion und tritt als „giftig" 
auf. Die Angstschlange ist die ,,Hüterin der Schwelle" der Okkul= 
tisten, sie ist der den Schatz bewachende Drache des Mythos. Im 
mystischen Werk muß die Schlange überwunden werden; man 
muß mit dem Konflikt fertig werden, der ihre Seele ist. 

Auch die mystischen Yoga=Anleitungen der Inder kennen das 

Bild der Schlange, die der Introvertierende zu wecken und zu über= 

winden hat, worauf er in den Besitz wertvoller Kräfte gelangt. 

Diese Schlange (kundalini) denken sich die Yogi=Mystiker als ein 

im menschlichen Körper liegendes Hindernis, das gewisse Adern 

oder Nervenstränge (die Anatomie der indischen Philosophen schal= 

t tct da ein wenig frei) verschließt, durch die, wenn sie befreit sind, 

\ der Lebensatem (präna) Wunderkräfte durch den Körper führt. Der 

I für die erhöhten Lebenskräfte freizumachende Hauptweg im Körper 

wird gewöhnlich als die susumnä^ bezeichnet, als der mittlere Weg 

zwischen zwei gegensätzlichen anderen Kanälen des Atems, welche 

der rechte pi galä, der linke idä heißen. (Auch hier wieder kommt 

es also, nebenbei bemerkt, auf das Ausgleichen von Gegensätzen 

an.) Ich führe nun mehrere Stellen über die kundalini an und ihre 

Bedeutung am Beginn des mystischen Werkes: 

,/As Ananta, the Lord of Serpents, supports this whole 
, universc with its mountains and forests, so kundalini is the main 
Support of all the Yoga practices. When kundalini is sleeping, it is 
aroused by the favour of the Guru [geistlicher Lehrer], then all the 
lotuscs Ilotus soll hier für „nervous centre" stehen] and granthis 
[Vcrschlingungen; Ncrvengeflechte?] are pierccd. Then präna goes 
through the royal road : susumnä. Then the mind remains suspended 
and then the yogi cheats death . . . So, the yogi should carcfully 
practise the various mudras [Übungen] to rouse the great goddess 
(kundalini) that slecps closing the mouth of susumna" (Hatha^Yoga 
Prad. 111. 1 — 5.) „As one forces open a door [Türsymbolik] with 
a key [der „Diederich" des Wanderers in der Parabola], so the yogi 

') Soviel ich weiß, ist noch nicht aufgeklärt, ob die Aorta abdominalis 
oder das Rückgrat die anatomische Unterlage zur Vorstellung dieses Mittel» 
kanals geliefert hat. 



' 



v 



4 

1. ABSCHNITT/ INTROVERSION UND WIEDERGEBURT 177 *^ 

should force open the door of moksa [Erlösung] by the kundalini. i 

The Paramesvari (great goddess) sieeps, closing with her mouth 

the hole through which one should go to the Brahmarandhra [die ' 

Öffnung oder Stelle im Kopf, durch die der göttliche Geist, das 

Brahman oder der Atman, in den Körper gelangt; die anatomische 

Unterlage für diese naive Vorstellung dürfte eine der Schädelnähtc, 

etwa dieSutura frontalis, geliefert haben ; das brahmarandhra soll das 

Ziel des durch die frei werdende susumnä streichenden Atems sein], 

where therc is no pain or miscry. The Kundalini sieeps above 

the kanda [das kanda, für das man schwerlich irgendein korrespon= 

dierendes Organ angeben kaim, soll sich zwischen dem Penis und 

dem Nabel befinden], (t gives mukti to the Yogis and bondage to 

the fools. [Siehe später die verschiedenartigen Ausgänge der lntro= 

Version.] He who knows her kno\ws yoga. The kundalini is described 

as bcing coiled likc a serpent. He who causes that sakti [etwa: 

Kraft] to move , . . is freed, without doubt. Between the Ganges 

and theYamuna [zwei Flüsse Indiens, die häufig in symbolischer Ans 

Wendung, etwa für den rechten und den linken Strom des Lebens« 

atems, piiigalä und idä, stehen; vgl. das Spätere] there sits the 

young widow [eine interessante Bezeichnung für die kundalini] 

inspiring pity. He should dcspoil her forcibly, for it leads one 

to the supremc seat of Visnu. Idä is the sacred Ganges and pihgalä 

the Yamuna. Between ida and pihgalä sits the young widow kun= 

dalini. You should awakc the sieeping serpent (kundalini) by 

taking hold of its tail. That sakti, leaving off slccp, gocs up fota 

cibly." (Hatha=Yoga Prad. 111, 105—111.) Räm Prasäd (Mature's 

Finer Forces, p, 189) schreibt über die kundalini: „This power 

sieeps in the developed organism. It is that power which draws in 

gross matter from the mother organism through the umbilical cord 

and distributes it to the differcnt places, where the seminal präna 

gives it from. When the child separates from the mother the power 

gocs to sleep," Hier erscheint die kundalini sakti deutlich mit der 

Mutter in Zusammenhang gebracht. Siva ist der eigentlichste Gott 

(Vatcrgestalt) der Yogins. Die Frau des Siva aber hei^t Kundalini. 

Mythologisch gesprochen geht der IntroversionsprozeB gut aus, 

wenn der Held den Drachen erlegt. Geschieht dies nicht, so tritt 

der ungünstige Fall ein; der Mensch verliert sich. Meines Er= 

achtens ist dieses Sich=VerIiercn in zwei Formen möglich, in einer 

aktiven und einer passiven. Im ganzen gäbe es also drei Aus= 

gängc der Introversion. Die gute Lösung ist der Eintritt in 

das wahre mystische Werk, kurz gesagt, die Mystik; die schlechten 

Lösungen sind der aktive Weg der Zauberei und der passive der 

Schizophrenie (Introversionspsychose). In dem ersten Fall voll« 

Silberer, Probleme der lAyiik. 12 



178 



in. SYNTHETISCHER TEIL 



zieht sich eine innere Sammlung, in den anderen beiden Fällen ein 
Sich=Verlicren; im Falle der Zauberei verliert man sich an die 
Leidenschaften, denen man magisch Befriedigung schaffen will, 
von den Gesetzen der Natur sich lossagend ; im Falle der Geistes= 
krankheit tritt das Versinken in der „Trägheit" ein, ein seelischer 
Tod. Die drei Wege des Introverticrenden entsprechen ungefähr 
diesen drei Möglichkeiten des sonstigen Lebens: Arbeit (Sittlich» 
keit), Verbrechen, Selbstmord. 

Diese drei Möglichkeiten weiß natürlich auch die hermetische 
Kunst zu benennen; sie kennt drei Grundkräftc, die in ihrer psy= 
chischen Anwendung nichts anderes ergeben können. Zwei von 
diesen Prinzipien streiten (im ungereinigten Zustand der Materia) 
widereinander; wir kennen sie zur Genüge als A und V usw.; 
das dritte Prinzip steht ausgeglichen zwischen den beiden anderen, 
wie der Stab des Hermes zwischen den zwei Schlangen. Das 
Zeichen 2, als Hermesstab mit den Schlangen, vereinigt also 
eigentlich alle drei. In dem soeben besprochenen Aspekte lassen 
sich für die drei elementaren Grundkräfte der Alchemie ohne wei= 
teres die drei Qualitäten oder Konstituenten') der Materie (prakrti) 
nach der indischen Sämkhya=Lehre einsetzen. Sattva, Rajas, Tamas 
werden (von Schroeder) mit „Güte, Leidenschaft, Finsternis" 
übersetzt. In der Bhagavad=Gitä XVIII heißt es vom Glück, das 
diese drei gewähren; 

„Wo man ruht nach ernster Arbeit und an der Mühsal End' gelangt. 
Glück, das am Anfang Gift erscheint, am End' dem Nektar ähn=> 

lieh ist, 
Ein solches Glück ist wahrhaft gut, durch Geistesheiterkeit erzeugt. 

[Sattva.l 
Ein Glück, das anfangs ncktargleich, am Ende doch als Gift sich zeigt, 
Die Sinne fesselnd an die Welt, gehört zum Reich der Leidenschaft. 

[Rajas.] 
Glück, das gleich und in der Folge die Seele mit Verblendung schlägt. 
In Schlaf, Faulheit, Nachlässigkeit — solch Glück gehört zur 

Finsternis. [Tamas.]" 

„Leidenschaft" und „Finsternis", Rajas und Tamas, alche= 
mistisch A und V, auch manchmal als cf und 2 bezeichnet, bilden 
den Abweg, die Gefahr bei der Introversion. Sie führen zu dem, 
was Görres (Christi. Myst.) der „göttlichen" Mystik gegenüber 
als die „dämonische" Mystik charakterisiert. Alle mystischen An- 
leitungen warnen vor dem Abwege und betonen oft, daß man sich 
auch bei gutem Vorsatz leicht verirren könne; der Böse, heißt es, 
wisse den falschen Weg durch Blendwerk dem rechten täuschend 

^) Vgl. Garbe. Sämkhya=Pbil., p. zoqÜ. 



1. ABSCHNITT/ INTROVERSION UND WIEDERGEBURT 179 

ähnlich zu machen, so daß der Fromme, der nicht auf der Hut sei, 
ahnungslos in die ärgsten Schlingen geraten könne. Fleißige Er= 
forschung seiner selbst, genaue Beobachtung der Wirkung der geist= 
liehen Übungen wird jedem ans Herz gelegt. Kommen doch Kräfte 
ins Spiel, die im tiefsten Dunkel der Seele ihre Wurzeln haben (im 
Unbewußten) und die dem oberflächlichen Blick daher entzogen 
sind'). Ich setze statt vieler Beispiele heber eine einzige, aber aus= 
führliche Anleitung von Walter Hitton, einem „großen Meister 
des contemplativen Lebens" her, aus seiner „Scala Perfectionis", 
wieBeaumont{Tract. V. Geist., ersch. 1721 ; S. i88ff.) sie wieder= 
gibt: 

„Er schreibet also: Aus dem, was ich gesaget, kan man einiger 
massen abnehmen, dass Gesichter und Offenbahrungen, oder einige 
Art des Geistes in leiblicher Erscheinung, oder in der Einbildung, im 
Schlaffen oder Wachen, oder einigen andern Empfindung in dem lcib= 
liehen Sinne, die gleichsam geistlich verrichtet wird, entweder durch 
Klang in den Ohren, oder Geschmack in dem Munde, oder Geruch an 
der Nase, oder sonst einige empfindliche Hitze, von feuriger Eigenschafft, 
so die Brust, oder einigen anderen Theil des Leibes erwärmet, oder 
einiges anderes Ding, das durch leiblichen Sinn gefühlt werden mag, 
wenn es auch noch so erquickend und annähmlich wäre, solches alles 
keine Contemplation oder Betrachtung, sondern in Ansehung der geist= 
liehen Tugenden, und derjenigen himmlischen Erkäntnis und Liebe zu 
Gott, welche die wahre Contemplation begleiten , nur schlechte 
Neben = Dinge wären, (wenn sie gleich löblich und gut zu seyn schienen;) 
Es können zwar alle solche Arten des Gefühles, wo sie von einem guten 

*) Zur Zeit, als dies bereits geschrieben, lese ich eine kleine Schrift 
von Dr. Karl Furtmüller, betitelt „Psychoanalyse und Ethik", und finde 
da (S. 5) eine Stelle, die ich der Übereinstimmung we^en hersetze. Vor= 
ausschicken muß ich, daß nach Furtmüller die Psychanalysc geeignet 
ist, Mifitraucn gegen das (banale) Gewissen zu erwecken; dieses führe die 
Selbstprüfung nur in der Sphäre des Bewußtseins aus, mit Vernachlässigung 
der für das Zustandekommen der Handlungen ebenso wichtigen unbewußten 
Antriebe. Die uns hier interessierende Stelle lautet: „Es fehlt nicht an Hin= 
deutungen darauf, daß diese grundlegenden und das ganze Leben in eine 
andere Perspektive rückenden Tatsachen auch in früherer Zeit erkannt oder 
geahnt wurden. Wenn das frühe Christentum glaubte, die Dämonen konnten 
sich des Herzens der Menschen in der Weise bemächtigen, daß sie die Stimme 
Gottes annähmen, und der Mensch, indem er des Teufels Werke verrichte, 
Gottes Werke zu tun glaube, so klingt das wie eine symbolische Darstellung 
des oben geschilderten Kräffespicis." Das Kräftespiel war in der Tat den 
erfahrenen Religiösen aller Zeiten bekannt. Was das Christentum an- 
belangt, darf man das, was der Autor von dessen Anfängen berichtet, bis 
in eine viel jüngere Zeit gelten lassen. — Wir wissen bereits, daß eine der 
ersten Arbeiten der Mystik in der Schulung des Gewissens besteht; in 
einer ins Subtilste gehenden Reinigung dieses richterlichen inneren Auges: 
die Forderung des Psych anal ytikcrs wird da aufs gründlichste erfüllt. 

12» 



180 



III. SYNTHETISCHER TEIL 



Engel gewürcket werden, gut seyn, mögen aber auch auf betrüg» 
liehe Weise von der Täuscherey eines bösen Engels, wenn 
er sich in einen Engel des Lichts verstellet, herrühren. 
Denn der Teufel kan in leiblichen Gefühle, eben diejenige Sache, welcher 
ein guter Engel würcken mag, nachthun. Ja, gleichwie die guten Engel 
mit Lichte kommen; also kan es auch der Teufel thun: Und gleichwie 
er dieses in Dingen, die das Gesicht betreffen, werckstcllig machen kan, 
also vermag er es auch bey den anderen Sinnen zuwege zu bringen. 
Derjenige, welcher beydes empfunden hat, kan am besten sagen, welches 
gut, und welches böse sey: Wer aber niemahls keins, oder nur eins 
von beyden gefühlet, mag gar leichtlich betrogen werden. 

„In der Art des Gefühls äußerlich, sind sie alle beyde einander 
gleich, alleine innerlich sind sie gar sehr von einander unterschieden: 
Und derohalben soll man sie nicht allzu begierig wünschen, noch leicht= 
lieh unterhalten, es sey denn daß eine Seele durch den Geist der Bc= 
scheidenheit, die guten von den bösen unterscheiden könne, damit sie 
nicht betrogen werde, wie der Heilige Johannes saget: Trauet nicht 
einem icglichen Geist, sondern prüfet ihn erstlich, ob er von Gott sey, 
oder nicht! Und zuwissen, ob die Vorstellung des leiblichen Sinnes gut, 
oder böse sey, giebet Hitton die folgende Regul: 

„Wenn ihr einiges ungewöhnliches Licht, oder Glantz mit eueren 
leiblichen Auge, oder in der Einbildung sehet: oder wenn ihr einigen 
wunderbaren übernatürlichen Klang mit euren Ohren höret, oder einen 
süßen plötzlichen Geschmack in euern Munde empfindet, oder einige 
Hitze in euerer Brust, wie Feuer, oder einige Art des Vergnügens m 
einigem Thcile eures Leibes, vcrspührct, oder wenn euch ein Geist in 
einer leiblichen Gestalt erscheinet, als ob er ein Engel, euch zustärckcn, 
oder zu lehren, wäre: oder wenn einiges solches Gefühle, worvon ihr 
wisset, daß es nicht von euch, noch von einer leiblichen Creatur, hcr= 
rühret, so nehmet euch zu solcher Zeit wohl inacht, und erweget die 
Regungen eures Hertzens weislich. Denn wenn ihr durch Gelegenheit 
des Vergnügens und der Annehmlichkeit, die ihr aus solcher Empfindung 
vcrspühret, gewahr werdet, daß euer Hertz von der Betrachtung 
JesuChristi, und von geistlichen Uebungcn abgezogen wird; 
als vom Gebeth, von Erkäntniss euer selbsten und euerer Mängel, oder 
von dem innerlichen nach der Tugend, und geistlichen Erkentniss 
und Empfindung Gottes, also, daß ihr euer Hertz und eure Neigung, 
eure Lust und Ruhe hauptsächlich an besagtes Gefühle, oder Gesicht, 
hänget, indem ihr davorhaltet, als oh es ein Theil der himmlischen Freude, 
oder Englischen Glückseeligkeit sey, und demnach auf die Gedancken 
verfallet, daß ihr weder bethen, noch sonst an etwas gcdencken dürftet, 
sondern auch demselben gantzlich überlassen müstet, um solches 
zubehalten und euch auch daran zubelustigen: alsdenn ist diese 
Empfindung sehr verdächtig, daß sie von dem Feind herrühre; 
Und derohalben, wenn es auch noch so wundersam und gefällig wäre, 
so schlaget es aus, und williget nicht darein. Denn dieses ist eine Schlinge 
des Feindes, die Seele durch solche leibliche Empfindlichkeit, oder 



J.ABSCHNITT/ INTROVERSION UND WIEDERGEBURT 181 

Anmuth, in denen Sinnen, zu verführen und zu fangen, um dieselbe 
in geistlichen Hochmuth und falsche Sicherheit zustiirtzen; wenn sie 
sich schmeichelt, als ob sie dadurch himmlische Freude genüssc, und 
wegen des Vergnügens, das sie empfindet, schon halb in dem Paradiess 
wäre, da sie doch in der That vor der höllischen Pforte ist, und also 
durch Stoltz und Vermessenheit in Irrthümc, Ketzercy, Schwärmerey, 
und andere leiblich= oder geistliches Unheil verfallen dürfftc. 

„Daferne die Sache aber also beschaffen, daß diese Art der Emp= 
findung, euer Hertz von geistlichen Uebungen nicht ableitet, sondern 
euch immer andächtiger und brünstiger im Gebeth, und immer weiser 
machet, geistliche Gedancken zuheegen : VX^enn sie euch anfangs in Er= 
staunung setzte, aber nichts destoweniger euer Hertz nachgehends ver= 
wandelt und es zu grösern Verlangen der Tugend erwecket 
und eure Liebe zuGottunddcnNechsten jcmehrund mehr 
vermehret: Aber euch immer demüthiger in euern eigenen Augen 
machet; so möget ihr aus diesen Merckmahlen abnehmen, daß sie von 
Gott sey, und von der Gegenwart und Würckung eines guten Engels 
herrühre: Und kommet von der Gütigkeit Gottes; entweder zum Trost 
einfältiger frommer Seelen ihr Vertrauen, und Verlangen nach Gott zu 
vermehren, und vermöge solcher Stärckung die Erkentniss und Liebe 
Gottes noch vollkommener zu suchen: Oder, falls diejenigen voll= 
kommen sind, die solches Vergnügen empfinden, scheinet es ihnen glcich= 
sam ein Vorschmack und Schatten von der Verklärung des Leibes zu 
seyn, die er in der himmlischen Glücksecligkeit zugewartcn hat; \X'ie= 
wohl ich nicht weiss, ob Gin solcher Mensch auf erden zu finden. 

„Er fähret fort: Von dieser Weise, die Würckungen derer Geister 
zu unterscheiden, spricht der Heilige Johannes in seinem Brief also: 
Omnis Spiritus, qui solvit Jesum, hie non est ex Deo : Ein ieglicher Geist, 
der [esum auflöset, {oder wie es Luthcrus gegeben: der da nicht be= 
kennet, dass Jesus Christus ist in das Fleisch kommen;) der ist nicht 
von Gott. Diese Verknüpfung und Verbindung Jesu mit der Mensch« 
liehen Seele, wird durch einen guten Willen und eyn eifriges Verlangen 
nach ihn gewürcket; welches ihn allein zubcsitzen und in seiner Glück= 
seeligkeit geistlicher Weise zu erblicken wünschet. Je gröser dieses Vcr= 
langen ist, desto fester ist Jesus mit der Seele verknüpfet: Und ie kleiner 
dieses Verlangen ist, desto lockerer ist er mit ihm verbunden. Ein iego 
licher Geist demnach, oder eine ieglichc Empfindung, welche dieses 
Verlangen vermindert, und es von der standhafftcn Betrachtung Jesu 
Christi, und von kindlichen Seufzen und Verlangen nach ihn, abziehet, 
dieser Geist will Jcsum von der Seele auflösen; und dero halben ist er 
nicht von Gott, sondern die Wirckung des Feindes. Wenn aber ein Geist, 
oder eine Empfindung diese Begierde vermehret; Die Bande der Liebe 
und Andacht fester mit Jesu verknipfet; Die Augen der Seele zur geist= 
liehen Erkentniss iemehr und mehr aufthut, und das Hertz immer de= 
müthiger machet, dieser Geist ist von Gott . . . 

In manchen der indischen Yoga=Lehrc entlehnten modernen 
theosophischen introversionsanlcitungen kann man auch die Er« 



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182 



III. SYNTHETISCHER TEIL 



I 



mahnung antreffen, den neben dem eigentlichen Gewinn ein= 
tretenden Wundererscheinungen keinen Wert beizulegen, ja sie 
eher als störendes Beiwerk zu betrachten. Die indische Lehre nennt 
sie Siddhi, Walter Hitton sprach von ihnen als von „schlechten 
Nebendingen". Aus ihren Beschreibungen geht hervor, daß es 
sich um phantasierte Erlebnisse handeh, die zum Teil dem Wunsche 
nach Macht, zum Teil anderen Wünschen schmeicheln. Die Siddhi') 
sind geeignet, schwache Gemüter an ihr Gaukelspiel zu fesseln. 
Erotisches Erleben verknüpft sich außerordentlich leicht mit ihnen, 
weil sie, wenn in die regressive Phase übergehend, ihr „titanisches" 
Antlitz zeigen. Ich habe mit einiger Kühnheit aber nicht ohne Be= 
rechtigung die Siddhi vorhin als das anagogischc Äquivalent der 
Auterotik angeführt. Die regressive Phase tritt aber ein, sobald man 
sich dem Genuß der Siddhi hingibt. Nicht die Siddhi selbst sind 
das Schlimme (ich betrachte sie ja als anagogisch), aber das Sich= 
Verlieren an sie. Sie können „göttlich" sein und „dämonisch": das 
hängt von meinem Verhalten zu ihnen ab. 

Als Ausgang der Introversion steht, wie wir sahen, der „gött* 
liehen^' Mystik die „dämonische" gegenüber. Die richtigeMystik 
ist gekennzeichnet durch eine Erweiterung, die falsche 
durch eine Verengerung der Persönlichkeit. Man kann auch 
sagen: durch eine Erweiterung bzw. Verengerung des „lnteressen= 
kreises", der das sittlich bewertbare Verhalten bestimmt. Ich sage 
ruhig: Intcressenkreises, denn die Mystik will (in letzter Linie) 
nicht bloß formale Erfüllung des sittlichen Gesetzes ohne Liebe zu 
diesem Tun; sondern sie arbeitet an der Hervorbringung ebendieser 
Liebe. Es genügt ihr nicht, die Materie oberflächlich in Gold zu 
tingieren {d. h. neben anderen Bedeutungen: den Menschen zum 
äußerlichen Gut=Tun zu bringen); sondern sie will die Materie 
von Grund aus verwandeln, durch und durch zu Gold machen 
(d. h. die gesamten Triebkräfte des Menschen zum Guten orien= 
tieren, so daß er dieses Gute mit Lust und Liebe begehrt, also auch 
sein Glück in der Tugend findet). Nur wird, wie ich um eine miß= 
verständliche Auffassung über das hermetische Vorgehen aus= 
zuschließen, anmerken muß, nicht das Glück, sondern das Gute 
als Leitstern für den Weg gewählt. Erst an einem gewissen Punkte 
— so scheint es mir — stellt, wie eine mittlerweile gereifte Frucht, 
das Glück sich ein. Die subtilsten Vertreter dieser Lehre unter den 
Alchemisten sind von der Kantischen Ethik nicht allzu weit entfernt. 

Die alchemistische Ethik setzt voraus, daß es eine Erziehung, eine 
Veredelung des Wollens gibt; der Wollende kann unendlich viel in 



*) Siehe rückwärts die Anmerkung E. 



1. ABSCHNITT/ INTROVERSION UND WIEDERGEBURT 1S3 

sein Ich einschlicBen lernen 0- Die Pole der Verengerung und der 
Erweiterung sind diese: der Zauberer und der Introversionskranke 
ziehen den Kreis ihres Interesses auf den engsten Egoismus zu= 
sammen; der Mystiker erweitert ihn unermeßlich, indem er die 
ganze Welt in sich aufnimmt. Der in der Introversion egoistisch 
Eingestellte kann sein Glück nur durch harten Abschluß vor der 
stets drohenden Zerstörung bewahren; der Mystiker ist frei. Des 
Mystikers Glück besteht in der Vereinigung seines Willens mit dem 
Wcltwillen^) oder, wie eine andre Formel lautet, in der Vereinigung 
mit Gott. Dieses Glück ist darum auch unzerstörbar (Gold). Ich 
muß immer daran erinnern, daß der Mystiker an nichts anderem 
arbeitet als an der Aufgabe der Menschen überhaupt; nur tut er 
es in einer Form intensiveren Erlebens, und es mag ja sein, daß die 
Kräfte, die ihm die Introversion liefert, wirklich eine energischere 
Betätigung und einen größeren Effekt ermöglichen. Ich für meine 
Person bin sehr geneigt, es zu glauben. 

Zur Erweiterung der Persönlichkeit einige Stellen aus den 
Reden der Gottheit in der Bhagavad=Gita : 

„Sich selbst in allen Wesen sieht und alle Wesen auch in sich. 
Wer so sein Selbst in Andacht übt und Alles schaut gleichmütig an. 
Wer mich allüberall erblickt und Alles auch in mir erblickt, ^^ 

Dem kann niemals entschwinden ich, und er entschwindet niemals mir. 

(VI, Z9f.) 

„Wer in den Lebewesen all denselben höchsten Herrn erblickt. 

Der nicht vergeht, wenn sie vergehn, — wer das erkennt, hat recht 

erkannt. 
Denn wer denselben Herrn erkennt als den, der Allen innewohnt. 
Verletzt das Selbst nicht durch das Selbst und wandelt so die höchste 

Bahn..." (Xni,Z7f.) 

Diese Stellen lassen auch die befördernde Funktion der Gottes« 
Vorstellung bei dem „Werke" erraten. Ich glaube, beiläufig bc= 
merkt, daß die Andachtslehre (Yoga), die theoretisch auf der ohne 
Gott auskommenden Sämkhya=PhiIosophie fußt, aus sehr guten 
praktischen Gründen die Idee des isvara (Gott) in ihr System auf« 
genommen hat. Die Konsentration bedarf eines erhabenen, un=. 

1) Vsl. FurtmüUer („Psychoanalyse und Etliik", S. 15): »Das Indi- 
viduum kann ... die fremden Gebote zu seinen eigenen machen." Der- 
selbe zitiert Goetlie („Die Geheimnisse"): 

„Von dem Gesetz, das alle Wesen bindet, 
Befreit der Mensch sich, der sich überwindet." 
^) über die erlösenden Wirkungen bei dem Aufgehen des eigenen 
Willens in einen stärkeren vgl. meine Ausführungen, ]b. ps. F. III, S. hjjii. 
und IV, S, 629. 



/i 



184 III. SYNTHETISCHER TEIL 



greiflichen Objektes als eines Richtpunktes. Und dieses Objekt 
muß noch die Eigenschaft haben, jeder Höhe der Fassungskraft 
überlegen und doch scheinbar erreichbar zu sein. Gott hat aber 
■ferner die wichtigen Funktionen des Trägers der Konflikte und der 
Hoffnungen. Am Anfang des Werkes sind ja die hinderlichen Kons 
flikte noch vorhanden. Eine gevcisse Entlastung, die durch das An= 
heimgeben der Konflikte an die Gottheit erreicht wird, befreit die 
anfangs unter dem Druck der Konflikte gelähmten Kräfte^). 

„Drum wirf auf mich hin all dein Tun, nur denkend an den höchsten 

Geist, i* 

Nichts hoffend und begehrend nichts, so kämpfe, frei von allem Schmerz." 

(Bh. G. HI, 50.) 
„Wer handelt ohne jeden Hang und all sein Tun der Gottheit weiht, 
Wird durch das Böse nicht befleckt [ist also frei von Konflikten], wie 

's Lotusblatt durchs Wasser nicht." 

(V, .0.) 

Die Idee von der Schulung des Wollens ist den Ethikern natür« 
lieh längst geläufig, wenn sie auch zuzeiten außer acht gelassen 
wurde. 

Aristoteles ist innig davon überzeugt, daß Sittlichkeit aus Gc= ^ 

Wohnung und Sitte entsteht. „Wie man schwimmen nur im Wasser 
lernt und Musik durch die Ausübung eines Instruments, so wird 
man gerecht durch gerechtes Handeln und mäßig und tapfer durch 
entsprechendes Verhalten. Aus dem gleichmäßigen Handeln bilden 
sich dauernde Gcmüthsrichtungen, und ohne eine der Vernunft ent= 
sprechende Betätigung wird niemand gut werden . . . Gut sein ist 
eine Tat. Gut ist niemand von Natur; man wird gut durch ein der 
Norm entsprechendes praktisches Verhalten. Wir besitzen die Sitt= 1 

lichkeit nicht von der Natur und auch nicht gegen die Natur. 
Wir haben die Anlage zu ihrer Erlangung, ... wir müssen sie aber 
durch Gewöhnung vollständig erwerben , . . Die richtige Erziehung 
besteht, wie er Plato zustimmend sagt, darin, von Jugend auf so gc= 
leitet zu werden, um sich über die Dinge zu freuen und zu betrüben, 
über welche man sich freuen und betrüben soll ... Ist aber durch 
ein gewohnheitsmäßiges Handeln einmal eine bestimmte Willens= 
richtung fest geworden, so tritt zu dem Handeln, welches aus ihr . 

folgt, und gewissermaßen als Zeichen, daß hier eine neue Natur im j^K 

Menschen gegründet worden ist, Lust und Schmerz hinzu." {]odl, ^^ 

Gesch. d. Eth. I, S. 44f.) „Die Energie und das stolze Vertrauen 
in die menschliche Kraft, womit Aristoteles dem Menschen seine 

^ Vgl. Jungs „Wandlungen" (Ib. ps. F. III, S. i79ff-); Freud, 
Kl. Sehr. 11, S. 13,. 



> 



1. ABSCHNITT/ INTROVERSION UND WIEDERGEBURT 185 

Wilienss und Charakterbildung als sein ureigenes VX^erk zuweist; der 
Nachdruck, mit welchem er dem quietistischcn ,VeIle non discitur': 
den Willen kann man nicht belehren und etwas zu wollen nicht ler= 
ncn, wie es spätere pessimistische Richtungen') als Axiom aus= 
gesprochen haben — , gerade die Uneriäßlichkeit und zugleich die 
Möglichkeit der VX^illensbildung entgegengestellt hat: diese Haltung 
ist bewundernswert und für die Denkweise der antiken Philosophie 
auf ihrem Höhepunkte durchaus charakteristisch /'(Jodl, a.a.O. ,5.49). 

Bei Philo und verwandten Philosophen tritt schon sehr ent= 
schieden der Gedanke hervor, der später in der christlichen Askese 
so ungeheuere Geltung gewonnen hat, daß die höchste Entfaltung 
der sittlichen Kräfte nur durch eine fortgesetzte und mit der Zeit sich 
steigernde Übung, eine ethische Gymnastik erreichbar sei. Schon 
Philo gebraucht dafür übrigens den Ausdruck Askesis, der sonst 
zur Bezeichnung der körperlichen Übung gedient hatte. Die abend;' 
ländische geistliche Übung entspricht dem indischen Yoga. 

Bei der Domestikation des Menschen durch unzählige Ge= 
schlechter müssen sich soziale Instinkte niedergeschlagen haben, 
die als sittliche Anlagen in Betracht kommen, ich erinnere an das 
moralische Gefühl bei Shaftesbury. Das gesellige Leben des 
Menschen spielt z. B. auch bei Adam Smith eine bedeutende 
Rolle, und dodi ist auch bei ihm das Sittengesetz nicht etwas von allem 
Anfang an Fertiges, kein angeborener Imperativ, sondern das 
eigenste Produkt eines jeden. Die Gewissensbildung erfährt bei 
Smith eine interessante Behandlung. Es findet eine natürliche, 
durch Sympathie vermittelte Umsetzung der Gefühle, welche uns 
die Eigenschaften anderer erregen, auf uns selbst statt, und man 
kann sagen, „daß Moralität im Sinne von Smith, ganz so wie es 
später auch Feuerbach gelehrt hat, nur reflektierte Selbstsucht 
sei, obwohl Smith selbst die Sympathie durchaus nicht als selbsti= 
sches Prinzip angesehen wissen wollte. Durch einen Vorgang, den 
man fast eine Art Selbsttäuschung der Phantasie nennen könnte, 
müssen wir uns selber mit den Augen anderer betrachten — eine 
höchst sinnreiche Vorkehrung der Natur, welche so für Triebe, die 
sonst zerstörend wirken müßten, ein Gegengewicht geschaffen hat. 
(Man denke an das, was ich vorhin über die Verinnerlichung sagte.] 
. . . Dieser Umsetzung, welche die Sympathie bewirkt, können wir 
nicht entgehen; sie tritt selbst dann ein, wenn wir wissen, daß wir 
vor dem Urteil anderer durch völlige Verborgenheit unseres Tuns 
gesichert sind. Sic vermag uns aber auch allein aufrecht zu halten, 
wenn al les um uns her uns verkennt und falsch beurteilt. Denn die 

^) Das „velU non discitur" Ist durch Schopenhauer recht populär 
geworden. 



186 III. SYNTHETISCHER TEIL 

wirklichen Urteile anderer über uns bilden sozusagen eine erste ln= 
stanz, deren Aussprüche beständig korrigiert werden durch jenen 
völlig unparteiischen und wohl unterrichteten Zuschauer, der in 
uns selbst heranwächst und auf all unser Tun reagiert." (Jodl, 
a.a.O. 1, S. -jyzff.) 

Die Herkunft des Sittlichen aus eigennützigen Trieben durch 
Umwandlung löst die Ethik nicht in Egoismus auf, wie etwa Hel = 
vetius glauben machen wollte. Es ist „eine Karrikatur des Sachver= 
halts, von Selbstsucht zu sprechen, wenn man Großmut oderWohl= 
tätigkeit im Sinne hat, und zu behaupten, Wohltätigkeit sei nichts 
anderes als maskierte Selbstsucht, weil sie dem Ausübenden Freude 
macht oder Ehre einbringt" (a. a. 0. S. 444). 

Die ethische Evolution, welche als eine Erweiterung der PersÖn= 

lichkeit zustande kommt, erfordert, je energischer an ihr gearbeitet 

wird, die Beseitigung der Widerstände, die der Ausbreitung des 

Ich entgegenarbeiten; es läßt sich nicht leugnen, daß feindliche 

Tendenzen, die sich an den engherzigen Standpunkt klammern, 

li immer vorhanden sind und Konflikte erzeugen; wären sie nicht, 

*'f so wäre die sittliche Aufgabe ein Leichtes. Da man nun nicht 

ii zweien Herren dienen kann, auch im eigenen psychischen Haus= 

^ halte nicht, müssen die jeweils abgetanen Standpunkte, wofern sie 

sich mit dem Neugewonnenen nicht wollen vereinigen lassen, ge= 
tötet, von ihrem Imperium gestoßen werden. Am allermeisten muß 
sich dieser Vorgang geltend machen, wenn die Entwicklung intensiv 
im Zustande der Introversion vorgenommen wird. Er muß sich 
auch in der Symbolik zeigen. 

Schon in den lekanomantischen Versuchen konnte uns das 
Sterben jener Figur (alter Mann) auffallen, der die alte, überwun= 
denc Gewissensform darstellt. Er ist jener Teil in Leas Psyche, der 
sich gegen das Neue nach Art der alten Leute (Vatertypus) sträubt. 
Damit das Neue einziehen könne, muß er geopfert werden; der 
Mensch muß bei jedem Schritt seiner Evolution etwas hingeben; 
nicht ohne Opfer, nicht ohne Verzichte wird das Bessere errungen. 
Das Opfer muß natürlich geschehen, bevor das neue, verbesserte 
Leben beginnt. Die hermetischen Darstellungen halten zwar nicht 
immer die chronologische Folge ein, doch wird gewöhnlich das 
Opfer an den Anfang gesetzt, zur Introversion. In der Parabola 
tötet der Wanderer den Löwen ziemlich am Anfang. Er opfert da^^ 
mit etwas; er tötet sich (d. h. einen Teil von sich), um sodann era 
ncut (wiedergeboren) auferstehen zu können. Dieser Vorgang ist 
der (erste) mystische Tod, von den Alchemisten auch die Pu = 
trefaktion oder die Schwärze genannt. Dieser Tod verschmilzt 
oft mit dem Bild der Introversion, weil beides unter dem Bild des 



,. ABSCHNITT/ INTROVERSION UND WIEDERGEBURT 187 

Eingehens in die Mutter oder Erde erscheinen kann. Nur aus den 
näheren Bestimmungen kann jeweils ersehen werden, welcher Vor= 
gang vorzüglich gemeint ist. 

„Und das solt du wissen, mein Sohn, wer da nicht weiss zu 
tödtcn, und eine Geburt wieder herfür zu bringen, die Geister 
lebendig zu machen, zu reinigen, hell und klar zu machen . . ., der= 
selbe weiss noch nichts, und wird auch nichts ausrichten." (Siebcn=. 

gestirn, S. 21.) 

„. . . Diese sind die beyden von Junone (welche ist die metal» 
hschc Natur) herabgesandte Schlangen, die der starke Hercules 
(das ist der Weise in seiner Wiegen) erwürgen, das ist, überwinden 
und töten soll, um dieselbige im Anfang seines Werkes verfaulen, 
zerstören und gebären zu lassen." (Flamel, S. 54.) 

Immer wieder versichern die Meister, da^ man zum wahren 
Fortschritt nicht anders gelangen könne als durch die Schwärze, 
den Tod, die Fäulung. 

In der „Clavis philosophiae et alchymiac Fluddanae" vom 
Jahre 1653 heißt es: „Wisset also, dass es Sache der geistigen Al= 
chemie ist, alles verdunkelnde Vorurtheil, als verderblich und nich= 
tig, abzutödten und abzuscheiden und so die Hütte der Dunkelheit 
und Unwissenheit zu zerbrechen, auf dass jener unvergängliche, 
aber sonst umdüstertc Geist frei werde und wachse und sich vervieU 
fältige in uns durch die Hülfe des feurigen Geistes, des gnadena 
reichen, den Gott so gütig anfeuchtete, um ihn aus einem Korne 
zu einem Berge zu mehren. Das ist die wahre Alchemie, von welcher 
ich spreche; sie, welche jenen rechteckigen Stein, der meines Lebens 
und meiner Seele Grundstein ist, in mir vervielfältigen kann, sodafi 
das in mir Erstorbene neu erweckt werde und auferstehe aus der 
alten, in Adam hinfällig gewordenen Natur als ein Mensch, der 
neu und lebendig sei in Christo, also in jenem rechtwinkligen 
Steine . . ." 

Dem „Opfer" des Introverticrcnden widmet Jung in seinen 
„Wandlungen" ein ganzes Kapitel {|b. IV. S. J4^^i.). Eine kurze 
Formel dafür ist, dag mit dem Opfer „das Aufgeben der Mutter 
gemeint sei, d. h. der Verzicht auf alle Bande und Beschränkungen, 
welche die Seele aus der Zeit der Kindheit mit ins erwachsene 
Alter herübergenommen hat". Die Besiegung des Drachen kommt 
der Opferung der zurückstrebenden („inzestuösen") Tendenz gleich. 
Man muß, nachdem man durch die Introversion die „Mutter" auf= 
gesucht, auch wieder von ihr loskommen, bereichert um den Schatz, 
den man geholt. 

Die Opferung eines Teiles von sich selbst (Töten des Drachen, 
des Vaters usw.) wird mythologisch, wie jung zeigt, auch durch 



p,) 



188 III. SYNTHETISCHER TEIL 

das SchieBcn mit scharfen Pfeilen nach dem Symbol der Libido dar= 
gestellt. Symbol der Libido ist meist ein Sonnensymbol . Höchst merk= 
würdig; ist nun, daß der VIII. Schlüssel des Alchemistcn ßasilius 
Valentinus (siehe Figur 5, S. 128) Pfeilschützen zeigt, die auf 
das O, dieses Libidosymbol par excellence, schießen, das im Bild 
geschickt als „Scheibe" verwendet ist. Der Tod ist auch deutlich 
genug betont und mit dem Versenken des Samenkornes in die Erde 
zusammengebracht'). Wie dieses aufersteht, so wird auch der 
mystisch Sterbende auferstehen. Die Grabkreuze haben die Form 
4i i'^); sie zeigen, daß das Begrabene ein gewisser Schwefel, der 
unreine Sulfur, der Eigenwille ist. Die Vögel, vor denen man das 
Korn hüten soll, mögen am Ende die Siddhi sein; sie sind in der 
Introversionsform des religiösen Werkes das, was sonst bloße „Ab= 
lenkungen" oder „Zerstreuungen" sind. 

Der mystische Tod ist der Tod der Ichheit (nach der indischen 

Terminologie: ahamkära). (akob Boehme schreibt in seinem 

Buch von der wahren Buße I, 19: „...Wiewohl ichs nicht wert 

bm / so mm [lesus] mich doch nur in deinen Tod / und las mich 

doch nur in deinem Tode / meines Todes sterben; Schlage doch du 

mich in meiner angenommenen Ichheit zu Boden / und töte durch 

demen Tod meine Ichheit . . ." Im „Mysterium Magnum" XXXVI, 

74 75 ■>,'•• Wir heben nicht das ausgesprochene Wort der geform= 

ten Weisheit Gottes auf / sondern nur das Thicr / welches in gött= 

lieber Beschaulichkeit regiren wil: Als den thierischen Willen zur 

belbheit und Eigenheit / welcher von Gott abgewichen ist / der sich 

als ein falscher / eigener Gott ehret / und Gott nicht glauben oder 

trauen mag; (als den Antichrist / welcher sich in GOttes State ge= 

setzet hat) und lehren hingegen / dass der Mensch der Antichristi= 

sehen Bilder sol ganz ersterben / auf dass er in Christo eines neuen 

Lebens und Willens geboren werde / welcher neuer Wille im ge= 

formten Worte der Natur Macht hat / mit Göttlichen Augen alle 

Wunder GOttes / beides in Natur und Creatur / in der geformten 

Weisheit zu schauen. Denn so der Antichrist in der Selen stirbet / so 

stehet Christus vom Tode auf . . /' 

In dem hermetischen Buch „Gloria Mundi" wird von Adam 
erzählt, er hätte, wofern er nicht Gott zuwider handelte, 2000 Jahre 
im Paradies leben können und wäre dann in den Himmel auf= 
genommen worden; so aber hat er sich Tod, Krankheit, Ungemach 

*) loh. Xir, 24—25: „Waiirlich, waiirlich ich sage euch: Es sei denn, 
daß das Weizenkorn in die Erde falle, und ersterbe, so bleibt's allein; wo es 
aber erstirbt, so bringet's viel Früchte. Wer sein Leben lieb hat, der wird's 
verlieren ; und \»er sein Leben auf dieser Welt hasset, der wird's erhalten zum 
ewigen Lebert." 



1 



I.ABSCHNITT/ INTROVERSION UND WIEDERGEBURT 189 

zugezogen. Nur durch die Gnade Gottes ward ihm zuteil die 
Kenntnis der Kräfte der Dinge, der Kräuter und Arzneien gegen 
mancherlei Gebrechen. „Da er sich aber auf die letzt, durch seine 
Mcdicin in der Kunst, hat nicht länger aufhalten können, so hat er 
seinen Sohn Seth vor das Paradeiss nach dem Holtz des Lebens ge= 
schickt, vwelches er nicht leiblich, sondern geistlich empfangen hat. 
Zum letzten hat er das Oel der Barmhertzigkeit begehrt, darauf ihn 
durch den Engel, aus Befehl Gottes, das Oel zu geben, die Zusagung 
geschehen, und darauf die Kern von OeUBäumen gesant, welche 
Körner Seth nach seines Vatters Tod auf seines Vatters 
Grab, in seinem Heimkommen, gepflantzet, daraus dann das Holtz 
dess H. Creutzes, gewachsen, daran uns unser Herr Jesus Christus, 
durch sein Leiden und Sterben, von dem ewigen Tod und 
allen Sünden befreyet hat, welcher Herr Christus in seiner H. 
Menschheit, selbst der Baum und Holtz des Lebens gewesen ist 
und uns die edle Frucht des 01s der Barmhertzigkeit zuwegen ge» 
bracht . . ." Adam ist der nicht domestizierte Mensch; dieses Ideal 
muB dem sittlich Strebenden absterben. 

Die schmerzliche Aufgabe, einen Teil von sich selbst zu töten, 
ist wunderschön in der Bhagavad= Gitä dargestellt, wo der Held 
Arjuna zaudert, gegen seine „Verwandten" zu kämpfen, auf sie zu 
schießen — der Bogen entsinkt seiner Hand. 

Das Sterben bezieht sich auch auf die alten Imperien; die alten 
Gesetze erlöschen, um den neuen Platz zu machen; das neue Leben 
streicht die alten Taten. Vgl. Paul., Rom. VH— VlIL 

Vedänta=Lehre: Was aber die Pflichten des Schriftkanons und 
die Wahrnehmung betrifft, so bestehen beide so lange wie der 
Samsära, d. h. bis zur Erweckung. Ist diese erfolgt, so wird die 
Wahrnehmung zunichte; und wenn ihr daraus den Einwurf ent= 
nehmt, daß damit auch der Veda zunichte werde, so ist zu bemerken, 
daß nach unserer eigenen Lehre dann „der Vater nicht Vater und 
der Veda nicht Veda" ist (Deussen, Syst. d. Ved., pag. 449). 

Bhagavad-Gitä IV,^?: 
„Gleichwie das Feuer, wenn es flammt, zu Asche all das Brennholz 

macht. 
So brennt auch der Erkenntnis Feu'r zu Asche alle Taten dir." 

Aus mehreren Gründen eignet sich die Vaterfigur besonders 
gut zur Darstellung dessen, was erledigt werden muß. Durch den 
Vater wird auf das Kind der alte Adam (Gesamtheit der vererbten 
Instinkte), werden die stärksten Imperative dem Kinde eingepflanzt. 
Der Vater ist auch der Typus des zäh am Alten Festhaltenden. Den 
Gegensatz Alte Generation — "Neue Generation trifft man dann 
nach der Verinnerlichung in sich selbst wieder an. 



190 



HI. SYNTHETISCHER TEIL 



Der mystische Tod (das Opfer) soll nicht durch nackte Asltese 
gleichsam mechanisch durchgeführt werden; die Alchcmisten war= 
nen fleißig vor scharfen Mitteln. Das Werk soll einen natürlichen 
Verlauf nehmen; auch ist das Werk, wenn auch die Vollendung der 
Natur, so doch nichts über die Natur: 

„Die Natur freut sich der Natur. 
Die Natur überwindet die Natur. 
Die Natur beherrscht die Natur." 

So soll der Magier st h an es gelehrt haben. Und die Bhagavad= 
Gitä (VI, 5— 7) sagt: 

„Man bring' sein Selbst durchs Selbst empor, nicht bring' herunter 

man das Selbst! 
Das Selbst ist ja sein eigner Freund, das Selbst ist auch sein eigner 

Feind. 
Dem ist das Selbst sein eigner Freund, der durch das Selbst das Selbst 

besiegt; 
Doch kämpft es mit der Au5cnwelt, dann wird das Seihst sich selbst 

zum Feind . . ." 

In der „Clavis Philosophiae et Alchymiae Fluddanac" (p. 57) 
heißt es: „So ist es denn unmöglich, daß wir zum überirdischen 
Leben emporsteigen, wofern es nicht durch die Mittel der Natur 
geschieht. Aus den Staffeln der Natur ist Jakobs Leiter errichtet, 
und die Kette an Juppiters Thron hat ihren Anfang auf der Erde." 

Die Idee des Selbstopfcrs (mit Zerstückelung) kommt sehr schön 
in einer allegorischen Vision des alten Hermetikers Zosimos vor, 
welche dieser, wie Reitzenstein bemerkt, einer ägyptischen 
Nekyia nachgebildet zu haben scheint. Ich zitiere nach Hocfer 
(Hist. Chim. 1, p. 256 — 259): 

„. . . je m'endormis et je vis un pretre dcbout devant un autel en 
forme de coupe, ayant plusieurs^) dcgr^s pour y monter. Et j'entendis 
unc voix qui mc criait d'en haut: J'ai acheve de monter et de descendrc 
ces quinze degrcs resplendissant de lumiferc. — Ayant entendu le pretre 
officiant devant Kautel, je lui demandai quelle 6tait cettc voix retcntis= 
sante dont les sons avaicnt frapp^ mon orcille. Le pretre me repondit 
en disant: Je suis celui qui est ((1/^16 äv), le pretre du sanctuaire, 
et je suis sous le poids de la puissance qui m'accable. Car, au point du 
jour, vint un envoye qui me saisit, me tua avec un glaive, me divisa en 
morccaux; et, aprfes avoir Icorche la peau de la tete, il mela les os avec 
les chairs et me caicina dans le feu, pour m'apprcndre que Tcsprit natt 
avec le corps. Voilä la puissance qui m'accable. — Pendant que le pretre 
parlait ainsi, scs yeux devinrent comme du sang, et il vomit toutes ses 
chairs. Je le vis se mutiler, se d^chircr lui=memc avec ses dents et tombcr 

^) Zuerst vfird von fünfzehn, später von sieben Stufen gesprochen. 



1. ABSCHNITT/ INTROVERSION UND WIEDERGEBURT 191 

ä terrc. Saisi de terreur, je me r^veillai, je mc mis ä r£fl6chir et a mc 
demandcr si c'^tait bicn lä la nature et la composition de l'eau. Et je 
mc felicitai moi=meme d'avoir raisonnd juste [nämlich in einem der 
Vision vorhergegangenen Gedankengang]. — Bicntot je m'endormis 
de nouveau, et j'aperfus le meme autcl; et sur cet autcl je vis de I'cau 
bouillir avec bruit, et beaucoup d'hommes dedans. Mctrouvant personne 
dans Ic voisinage pour m'informer de ce phfinomöne, je m'avan^ai pour 
jouir du spcctacle de l'autel. Jeremarquai alors un hommc aux cheveuxgris, 
maigrc, qui mc dit: Quc rcgardes=tu? Je rcgarde, lui repondis=je, avec 
surprise Ic bouillonncment de l'eau, et les hommes qui y cuisent tout 
vivants. — Le spcctacle, reprit*il, que tu vois, est l'entr^c, la sortic et la 
transmutation {fitTaßoh]). Et je lui dcmandai quelle fitait ccttc 
transmutation. C'est, me dit=il, le llcu de l'op^ration qui portc Ic 
nom de purification [im Original steht: zojzog äox/jOKvii]; car les 
hommes qui veulent devenir vertueux s'y rcndent, et devicnncnt des 
esprits fuyant le corps. Et je lui dcmandai : Es=tu aussi un csprit [^cf i^/m]? 
Je suis, me repondit=iI, un csprit, et le gardien des esprits. — Pendant 
ccttc convcrsation, et au milicu du bruit de I'cau bouillantc et des cris 
du peuple, j'apcrgus un hommc d'airain, tenant dans sa main un livre 
de plomb, et je l'entendis me dirc ä haute voix: Rcgarde, j'ordonne ä 
tous ccux qui sont soumis a des chätiments, de s'instruire dans ce livre. 
Je commandc a chacun de prcndre Ic livre de plomb et d'y ecrire avec 
la main, jusqu'a ce quc leur arriere=bouchc sc soit dfivcloppec, que Icur 
bouche sc soit ouverte, et quc les yeux aient rcpris leur place. — L'acte 
suivit la parolc: et !c maitre de la malson, assistant ä ce spectaclc, mc dit: 
Tends Ic cou, et regardc ce qui est fait. Je rcgarde, lui dissjc, L'homme 
d'airain quc tu vois, rcprit=il, et qui vient de quitter ses propres chairs, 
est le pretre officiant devant l'autel; c'est h lui qu' a 6td donnee ia fa= 
cultc de disposer de cette eau. — En repassant tout cela dans mon ima» 
gination, je me rßveillai, et je me dis ä moi-mcme: Quelle est la cause 
de cet fivfinement? Qu'est donc cela? N'cst=cc pas l'eau blanche, jaune, 
bouillantc, divine? Je trouvai que j'avais raisonn^ juste . . . Enfin, 
pour ctrc brcf, construis, mon ami, un temple d'une seuic pierre {mono= 
lithc) . . . un temple qui n'ait ni commencemcnt ni fin, et dans Tina 
tfiricur duquel sc trouve unc source de l'eau la plus pure, et brillante 
comme le soleil. C'est l'ep^c a la main qu'il faut cherchcr ä y penctrcr, 
car l'cntrcc est etroite. Elle est gard^c par un dragon qu'on doit tuer 
et ccorcher. En rdunissant les chairs et les os, il faut t'en faire un pi^= 
destal, sur lequcl tu monteras pour arriver dans le temple, oü tu trouveras 
ce que tu cherches. Car le pretre, qui est l'homme d'airain que tu vois 
assis prSs de la source, change de nature et sc transformc en un hommc 
d'argcnt, qui lui=memc, si tu le desires, pourra se transformer en un 
hommc d'or . . . Nc revälc rien de tout cela h autrui et gardc ccs choses 
pour toi=memc, car le silcncc cnseigne la vertu. II est tres bcau de con« 
naitre la transmutation des quatrc m^taux, du plomb, du cuivre, de 
I'etain, de l'argcnt, et de savoir comment ils se changent en or par- 
fait . . /' 



192 



III. SYNTHETISCHER TEIL 



Die Psychanalyse macht es, wie die vergleichende Mythologie, 
wahrscheinlich, da^ die Ermordung oder Zerstückelung der Vater= 
figur der Kastration gleichkommt. Das hat auch nach der Verc 
inncrlichung einen anagogischen Sinn, einen weiteren, wenn man 
Zeugungsglied gleich Schöpferkraft, einen engeren, wenn man es 
gleich Sexualität setzt. Die weitere Auffassung bedarf nicht erst 
einer Interpretation. Für die engere bemerke ich, daß die mysti« 
sehen Anleitungen erkennen lassen, daß die wirksamste Kraft zum 
seelischen Schulungswcrk die Sexuallibido ist, welche deshalb von 
ihrer ursprünglichen Verwendung teilweise oder ganz abgezogen 
werden soll (Keuschhcitsregeln). „Vigour is obtained on the con= 
firmation of continence" (Patanjali, Yoga=Sutra, II ■jS). Diese 
Anleitungen haben die große Verwand! ungsfähigkeit {Fähigkeit zur 
„Sublimation" in der alchemistischen wie auch in der Freudschen 
Terminologie) der sexuellen Libido erkannt. Natürlich hat die Ein= 
Ziehung der Sexualität am Anfang des Werkes, um für dasselbe 
Kraft zu liefern, zu geschehen; daher die „Kastration" am Beginn 
des Prozesses. Das Töten der phallischen Schlange besagt natura 
lieh das gleiche. Die Schlange, die ihren Schwanz im Maule hält, 
ist der Kreislauf der Libido, das immerfort rollende Rad des Lebens, 
der Zeugung, die sich immer wieder zeugt, und des Weltgeschehens. 
Der gleiche Kreislauf wird von primitiven Völkern dargestellt durch 
einen Gott, der seinen Phallos im Munde hat, sich also {nach infan= 
tiler und primitiver Theorie) beständig selbst befruchtet. Die 
Schlange ist gut und ist auch böse. Aus dem Rade des Zwanges b&a 
freit sich, über gut und böse erhebt sich, wer den Ring durchbricht, 
um später eine mystische Vereinigung an seine Stelle zu setzen 
(Hieros Gamos). 

Vom Standpunkt des Erkcnncns aus feetrachtet, entpuppt sich 
die Typenbildung als ein symbolisches Ahnen der anfangs noch 
nicht klar erfaßbaren anagogischen Ideen. Dem Geiste malt sich 
das, was er klar zu sehen noch nicht (mythologische Stufen des 
Erkennens) oder nicht mehr (Einschlafen usw.) vermag, in Symbol= 
form')' Diese Symbolform ist die der jeweiligen Kapazität des 
Geistes angepaßte Erkenntnisform — nicht daß etwa irgendein 
mysteriöses Ahnen, eine prophetische Sehergabe angenommen 
werden müßte. Der Umstand, daß der Mensch seinen Symbolen 
immer tiefere Bedeutung abgewinnen kann, verleiht ihnen den 
Anschein, als wären sie himmlische Vorboten gewesen der letzten 
Idee, die sie ausdrücken. In einem gewissen Sinn steckte aber die 

^) Näheres hierüber findet man in meinen Abhandlungen „Phantasie 
und Mythos", „über die Symbolbildung" und „Zur Symbolbildung" (]b. 
PS. F. II, III, IV). 



I. ABSCHNITT/ INTROVERSION UND WIEDERGEBURT 193 

letzte Bcdeutunsf schon im ersten Auftreten des typischen Symbols. 
Wie das möglich war, ist durch die Vcrinnerlichung schon erklärt 
iworden. Die Psyche, deren Kräfte= Inventar sich in den Elementar^ 
typen bildhaft abmalt, kennt, wenn auch zuerst nur dunkel, mit 
ihren Kräften auch deren mögliche Entfaltung. Diese Entfaltungen 
sind ursprünglich nicht aktuell, sondern potentiell gegeben^). 

Je mehr sich nun die Psyche dahin entwickelt, da(^ das Ursprungs 
lieh nur als möglich Vorausgeahnte der Wirklichkeit sich nähert, 
also das zuerst nur potentiell Vorhandne aktuell zu werden beginnt, 
desto mehr erhält die Symbolik den Wert eines „Programms". 
Nach lung, Riklin u. a. läßt sich das Phantasieren (Traum, My- 
thenbildung) nicht nur mit Freud auffassen „als eine mit älterem 
und infantilem Material dargestellte Wunscherfüllung von etwas 
Unerledigtem, Unerreichtem oder Verdrängtem, sondern ebenfalls 
als gleichsam mythologische Vorstufe zu bewußtem und angepaßtem 
Denken und Handeln, als Programm . . . Teleologische Funktionen 
des Traumes und Unbewußten hat Maeder ... erörtert .. . Im 
Laufe einer analytischen Kur entdecken wir die fortwährenden 
Umwandlungen der Libido=Symbole in den Traumfolgen, bis eine 
Gestaltung erreicht ist, welche einen Anpassungsversuch an die 
Wirklichkeit gestattet. Es gibt in der Kulturgeschichte Epochen, 
welche sich in besonderem Maaße durch eine Verlagerung der Libido 
in dem Sinne auszeichnen, daß aus dem Reservoir mythologischer 
und religiöser Denkformen Neuanpassungen an die realen Vorgänge 
und Aufgaben geschaffen werden. Ein bedeutsames Beispiel ist 
die Renaissance, was das Studium der Renaissance=Litteratur und 
ein Besuch der Renai5sance=Städte, z. B. Florenz in überwältigender 

Form nahelegen. Die Analyse der Romantik bestätigen diese 

Entwicklungs vor gange." (Z.Bl. Ps. III, S. 114.) Wir haben hier 
den Gedanken, daß sich das „Programm" in der Kunst ausdrücke, 
die Kunst also das kommende Geschehen gewissermaßen vorfühle. 
Jung (Jb. ps. F. III, S. 171 f.) schreibt: „Es ist eine Gclegenhcits« 
crfahrung meiner täglichen Berufsarbeit (eine Erfahrung, über deren 
Sicherheit ich mich mit aller jener Vorsicht ausdrücken muß, die 
durch die Kompliziertheit des Stoffes geboten ist), daß in gewissen 
Fällen von jahrelangen Neurosen zur Zeit des Krankheitsbeginnes 
oder geraume Zeit vorher ein Traum stattfand, öfters von visionärer 
Deutlichkeit, der unauslöschlich dem Gedächtnis sich einprägte 
und in der Analyse einen dem Patienten verborgenen Sinn enthüllt, 
der die nachfolgenden Lebensereignisse, d. h. ihre psychologischen 
Bedeutungen antizipiert. — Träume scheinen so lange spontan in 



') Siehe rückwärts die Anmerkunff F- 
Sllberer, IVoMeme der Mysiik J3 



194 



in. SYNTHETISCHER TEIL 



Erinnerung zu bleiben, als sie die psychologische Situation des ln= 
dividuums treffend resümieren." 

Je mehr das Programm zur Erfüllung kommt, desto mehr geht 
der Wert der Symbolik {deren Typen dabei immer die gleichen 
bleiben können, trotz Wandlungen in ihren Gestalten) in dcn= 
jenigen der im engeren Sinn funktionalen Symbolik über; denn 
die funktionale Symbolik ist im engen Sinn diejenige, welche ein 
aktuelles Kräftespiel der Psyche abbildet. 

Zur funktionalen Symbolik aktueller Kräfte gehören z. B. 
großenteils die Gesichte meiner lekanomantischen Versuche, ob= 
gleich sie auch Programmatisches enthalten ; ferner, in reinster Form, 
das oben mitgeteilte autosymbolischc Gesicht von den Bergen 
(S.150); das Fortschreiten einer psychanalytischen Behandlung wird 
(abgesehen von den programmatischen Beziehungen) überaus häufig 
im Traum dem jeweihgen psychischen Status entsprechend, also 
aktuell=funktional, abgebildet. Es ist sehr wahrscheinlich, daß auch 
die Fortschritte des mystischen Werkes sich dem Mysten bei seinem 
Phantasieren (Träumen, Visionen usw.) symbolisch darstellen; findet 
man nun geschriebene Phantasieprodukte von Mystikern vor, so 
kann freilich nur einer, der selbst mystische Erfahrungen besitzt, 
eine Entscheidung darüber wagen, ob eine programmatische oder 
eine aktuell «funktionale Symbolik vorliegt. Ich maße mir z. B. kein 
Urteil an über den Grad der Aktualität in der anagogischen Symbo= 
lik der ParaboU. 



C. WIEDERGEBURT 

Beim günstigen Ausgang der Introversion, d. h. wenn man den 
„Drachen" besiegt, befreit man einen wertvollen „Schatz", nämlich 
eine ungeheure psychische Energie oder (nach der psych analytischen 
Betrachtungsweise:) Libido, die verwendbar ist zu der vom Mysten 
angestrebten Neuschöpfung (als deren titanischen Aspekt wir das 
trotzige „Besscrmachen" kennen). Der entweder offen oder ver= 
deckt ausgesprochene symbolische Typus für das Freiwerden aktiver 
Libido ist die Geburt. Ein Libido=Symbol mit dem Merkmal ak= 
tiven Lebens kommt aus einem Muttersymbol. (Ersteres ist ent= 
weder ausgesprochen ein Kind oder auch Nahrungsmittel oder 
phallisch oder tierisch. Z.Bl. Ps. 111, S. 115.) Da der Mystcs 
Verursacher dieser seiner Geburt ist, ist er sein eigener Vater ge= 
worden. 

Die Introversion (Aufsuchen des Uterus oder Grabes) ist eine 
notwendige Voraussetzung der Wiedergeburt oder Auferstehung; 
und diese ist eine notwendige Voraussetzung der mystischen Er» 



1. ABSCHDITT/ INTROVERSION UND WIEDERGEBURT 195 

Schaffung des neuen Menschen. )oh. lll, iff.: „Es war aber ein 
Mensch unter den Pharisäern, mit Namen Nikodemus, ein Oberster 
unter den Juden; der kam zu Jesu bei der Nacht [Introversion] 
und sprach zu ihm: Meister, wir wissen, daß du bist ein Lehrer von 
Gott kommen; denn niemand kann die Zeichen tun, die du tust, 
es sei denn Gott mit ihm. Jesus antwortete und sprach zu ihm: 
Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: es sei denn, daß jemand von neuem 
geboren werde, kann er das Reich Gottes nicht sehen. Nikodemus 
spricht zu ihm: Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er 
alt ist? Kann er auch wiederum in seiner Mutter Leib gehen, und 
geboren werden? Jesus antwortete: Wahrlich, wahrlich, ich sage 
dir: Es sei denn, dag jemand geboren werde aus Wasser und Geist, 
so kann er nicht in das Reich Gottes kommen. Was vom Fleisch 
geboren wird, das ist Fleisch; und was vom Geist geboren wird, 
das ist Geist." 

Das Wasser ist eines der häufigsten kultischen Muttersymbol c. 
(Taufe.) Bei den ältesten Alchemisten wird der eherne Mann zum 
silbernen, der silberne zum goldenen durch Eintauchen in den 
heiligen Quellbrunn. 

Eine mythologische Darstellung der Introversion mit ihrer Ge= 
fahr und mit der Wiedergeburt wurde oben bereits geliefert (Visnus 
Abenteuer, S. 172). Es sollen nun ausführlichere Beispiele folgen. 
Zuerst der keltische Mythos von der Geburt Talicsins. 

In alten Zeiten war ein Mann edler Abkunft in Pcellyn mit Namen 
Tegid Voel, sein väterliches Land war mitten im See von Tegid. Sein 
Weib hieß Ceridwen. Von ihr hatte er einen Sohn Morvram ap Tegid 
und eine Tochter Crcirwy, das schönste Mädchen der Welt. Diese Ge=> 
schwistcr hatten aber noch einen Bruder, das häßlichste aller Wesen, 
mit Namen Avagddu. Ceridwen, die Mutter dieses ungestaltcn Sohnes 
wußte wohl, daß er wenig Glück in der Gesellschaft haben werde, wie« 
wohl er mit manchen rühmlichen Eigenschaften ausgestattet war. Sie 
beschloß also für ihren Sohn einen Kessel [Introversion] zu bereiten, 
damit er, wegen seiner Geschicklichkeit in die Zukuft zu blicken ISiddhi], 
leichter in der Gesellschaft Aufnahme finde. Das Kesselwasser fing an 
2u sieden [Kochen des Kindes im Uterus=Gcfäß], und das Kochen mußte 
fortgesetzt werden ohne Unterbrechung, bis man drei gesegnete Tropfen 
von den Gaben des Geistes [Schatz] erhalten konnte. Sie stellte den 
Gwyon, den Sohn des Gwrcang von Llanveir dazu, um auf die Bcrei« 
tung des Kessels zu achten, und bestimmte einen Blinden IVerstümmlung 
oder Kastration] namens Morda, das Feuer unter dem Kessel anzu- 
zünden, mit dem Befehl, daß er die Unterbrechung des Siedens vor Jahr 
und Tag nicht zugeben solle. [Vgl. die Tätigkeit des Wanderers in der 
Parabola, Absatz i4.ff.l Unterdes beschäftigte sich Ceridwen mit den 
Sternen, achtete täglich auf den Lauf der Planeten und sammelte Kräuter 

13* 



196 



in. SYNTHETISCHER TEIL 



aller Arten, die seltene Kräfte [Siddhis] besaßen. Gegen Ende des [ahres, 
als sie eben Kräuter suchte, begab es sich, daft drei Tropfen kräftigen 
Wassers aus dem Kessel flogen und auf Gwyons Finger niederfielen. 
Sie brannten ihn, und er steckte den Finger in den Mund. Als die kösts 
liehen Tropfen seine Lippen berührten, waren seinem Blicke alle Er= 
eignisse der Zukunft geöffnet, und er sah ein, daß er sich vor Ceridwen 
hüten müsse [furchtbare Mutter]. Er floh heimwärts. Der Kessel 
teilte sich in zwei Hälften [Motiv der Zerreif^ung des Uterus], denn 
alles Wasser darin, außer die drei kräftigen Tropfen, war giftig [Ge= 
fahr der Introversion], so daß es die Rosse des Gwyddno Garanhir ver= 
giftete, welche aus der Rinne tranken, worein sich der Kessel von selbst 
entleert hatte [Sintflut]. Jetzt kam Ceridwen herein und sah, daß ihre 
ganze Jahresarbeit verloren sei, sie nahm einen Rührstock und schlug 
dem Blinden so aufs Haupt, daß eines seiner Augen auf seine Wange 
fiel. „Du hast mich ungerecht verunstaltet," rief Morda, „du siehst ja, 
daß ich unschuldig bin, dein Verlust ist nicht durch meinen Fehler 
verursacht." „Wahrlich," sprach Ceridwen, „Gwyon der Kleine war es, 
der mich beraubte." Sogleich verfolgte sie ihn, aber Gwyon sah sie aus 
der Ferne, verwandelte sich in einen Hasen und verdoppelte seine 
Schnelligkeit, allein sie wurde sogleich eine Jagdhündin, zwang ihn um» 
zuwenden, und jagte ihn gegen einen Fluß. Er lief hinein und ward ein 
Fisch, aber seine Feindin verfolgte ihn flugs als Ottcrwcibchcn, so daß 
er Vogelgestalt annehmen mußte und sich in die Luft erhob. Aber dies 
Element gab ihm keinen Zufluchtsort, denn das Weib ward ein Falke, 
kam ihm nach, und wollte ihn erfassen [Angstformen.] Zitternd vor 
Todesfurcht sah er eben einen Haufen glatten Weizens auf einer Tenne, 
er stürzte mitten hinein und ward ein Weizenkorn. Ceridwen aber nahm 
die Gestalt einer schwarzen Henne an, flog zum Weizen herab, scharrte ihn 
auseinander, erkannte das Korn und verschlang es [Befruchtung, Inzest]. 
Davon ward sie schwanger, und als sie nach neun Monaten entbunden 
wurde [Wiedergeburt], fand sie ein so liebliches [Verbesserung] Kind 
vor, daß sie an seinen Tod gar nicht mehr denken mochte [Unsterblich= 
keitj. Sie setzte es daher in ein Boot, bedeckt mit einem FelP), und auf 
Anstiften ihres Mannes warf sie am 29. April das Schifflein ins Meer, 
lim diese Zeit stand das Fischwehr des Gwyddno zwischen Dyvi und 
Aberystwyth bei seinem eigenen Schlosse. Es war herkömmlich, in 
diesem Wehr jedes Jahr am t. Mai Fische im Werte von 100 Pfund zu 
fangen. Gwyddno hatte einen einzigen Sohn, Elphin. Der war sehr 
unglücklich in seinen Unternehmungen, daher sein Vater glaubte, er sei 
in einer bösen Stunde geboren. Die Ratgeber überredeten indes den 
Vater, seinen Sohn diesmal die Reuse ziehen zu lassen, zur Probe, ob 
irgendeinma! ein gutes Schicksal seiner warte, und er doch etwas be» 
käme, um in der Welt aufzutreten. Am nächsten Tage, am 1. Mai, 
untersuchte Elphin die Reuse und fand nichts, doch als er wegging, 
sah er das Boot bedeckt mit dem Fell auf dem Pfahl des Dammes ruhen. 



^) Fell = lanugo des Foctus; gehört zum Motiv der Geburt. 



1. ABSCHNITT/ INTROVERSION UND WIEDERGEBURT 197 

Einer der Fischer sagte zu ihm: „So gar unglücklich bist du noch nicht 

gewesen, als du diese Nacht gcvwordcn, aber nun hast du die Kraft der ' 

Reuse zerstört", worin man am i. Mai jedesmal loo Pfund Wert fing. 

„Wieso?" fragte Elphin, „das Boot mag leicht den Wert von loo Pfund 

enthalten." Das Fell ward aufgehoben, und der Offner erblickte den *, 

Vorderkopf eines Kindes und sagte zu Elphin: „Sich die strahlende f*' 

Stirne!" „Strahlenstirne, Talicsin, sei sein Name!" erwiderte der Fürst, 

der das Kind in seine Arme nahm und es seines eigenen Unglücks wegen 

bemitleidete. Er setzte es hinter sich auf sein Roß. Gleich darauf dichtete 

das Kind ein Lied zum Trost und zum Lobe Elphins, und zu gleicher 

Zeit weissagte es ihm seinen künftigen Ruhm. Elphin brachte das Kind 

in die Burg und zeigte es seinem Vater, der es fragte: ob es ein mensch» 

liebes Wesen oder ein Geist sei? Hierauf antwortete es in folgendem 

Liede: „Ich bin Elphins erster Hausbarde, meine Urheimat ist das 

Land der Cherubim, der himmlische Johannes nannte mich Merddin 

(Merlin) zuletzt jeder König: Talicsin. Ich war neun volle Monate im 

Leibe der Mutter Ceridwen, vorher war ich der kleine Gwyon, jetzt bin 

ich Taliesin. Mit meinem Herrn war ich in der höhern Welt, als Lu= 

cifer in die höllische Tiefe fiel. Ich trug vor Alexander ein Banner, ich 

kenne die Namen der Sterne von Nord nach Süd; ich war im Kreise 

des Gwdion {Gwydi on), im Tetragrammaton; ich begleitete den Hcan 

in das Tal Hebron; ich war in Kanaan, als Absalon erschlagen ward, 

ich war im Hofe von Dve, ehe G\*dion geboren wurde, ein Geselle des 

Eli und Henoch, ich war beim Kreuzverdammungsurteil des Gottes= 

sohns; ich war Oberaufseher bei Nimrods Turmbau, ich war in der Arche 

mit Noah, ich sah die Zerstörung von Sodom. Ich war in Afrika, ehe 

Rom erbaut ward, ich kam hichcr zu den Überresten von Troja (d.h. 

nach Britannien, denn der mythische Stammvater der Britten rühmte 

sich trojanischer Abkunft.) Ich war mit meinem Herrn in der Esels= 

krippe; ich stärkte den Mose im Jordan, ich war am Firmament mit 

Maria Magdalena. Ich wurde mit Geist begabt vom Kessel der Ceridwen; 

ich war ein Harfenbarde zu LIcon in Lochlyn. Ich litt Hunger für den 

Sohn der Jungfrau; ich war im weißen Berge im Hofe des Cynvelyn in 

Ketten und Banden Jahr und Tag; ich wohnte im Königreich der Drei= 

einigkeit. Es ist unbekannt, ob mein Leib Fleisch oder Fisch. Ich war 

ein Lehrer der ganzen Welt und bleibe bis zum jüngsten Tage im Ans 

gesiebt der Erde. [Kurz, Taliesin besitzt die Ubiquität des 5 .J Ich saß 

auf dem erschütterten Stuhl zu Caer Sidin^), der beständig sich um» 

drehte zwischen drei Elementen. Ist es nicht ein Wunder, daß er keinen 

Glanz zurückstrahlt?" Gwyddnaw, erstaunt über des Knaben Ent= 

Wicklung, begehrte einen andern Gesang, und bekam zur Antwort: 

„Wasser hat die Eigenschaft, daß es Segen bringt; es ist nützlich, recht 

an Gott zu denken; es ist gut, inbrünstig zu Gott zu beten, weil die 

Gnaden, die von ihm ausgehen, nicht gehindert werden können. Drcie 

mal bin ich geboren, ich weiß, wie man nachzudenken hat; es ist traurig, 

*) Caer Sidin soll der unaufhörlich in der Mitte des Universums sich 
zurückwälzende Zirkel des Tierkreises sein. 



PPT" 



198 



III. SYNTHETISCHER TEIL 



daß die Menschen nicht kommen, alle die Wissenschaften der Welt zu 
suchen, die in meiner Brust gesammelt sind, denn ich kenne alles, das 
gewesen, und alles, das sein wird." (Nork, Myth. d. Volkss., S. 662ff.) 
Die Rede des Taliesin klingt fast wie die des Hermes auf der 
Smaragdtafel. Nork macht einige nicht uninteressante ßemer= 
kungen, die neben der naturmythologischen Deutung auch den 
Hinweis auf die Idee der geistigen Wiedergeburt enthalten. 

Ich habe schon erwähnt, daß das Uterus=SymboI auch häufig 
die Leibeshöhle eines Ungeheuers ist. So wie im vorigen Mythos 
der Held bei der Introversion drei wunderbare Tropfen bekommt, 
erwirbt sich in dem finnischen Epos Kalevala Wäinämöinen drei 
Zauberworte im Bauch eines Unholdes, seines verstorbenen Ahn= 
herrn Antero Wipunen. Die riesige Größe des Leibes von dem 
Wesen, das hier und in anderen Mythen die Mutter darstellt, hat 
eine infantile Wurzel. Der Introvertierende wird, wie wir wissen, 
zum Kinde. Für das Kind sind die Erwachsenen, natürlich auch die 
Mutter, sehr groß. Für den Erwachsenen, der sich zum Kind macht 
und die entsprechenden Imagincs wiederbelebt, kann nun leicht das 
Mutterbild zum Riesen werden. 

Stekel berichtet (Spr. d. Tr., 5.429) von einem Patienten, dessen 
Träume Muttcrleibs= und Wiedergeburtsphantasien in versteckter Form 
aufwiesen, daß er, von Stekel darauf aufmerksam gemacht, zuerst 
einige Minuten nachsann und dann sagte: „Ich muB Ihnen diese bea 
wußte Phantasie offen zugeben. Ich war ly Jahre alt, als ich mir wünschte, 
eine ungeheuer große Riesin kennen zu lernen, in deren Leib ich spa» 
zierengehen und wo ich alles inspizieren könnte. Ich würde es mir dann 
in der roten Höhle sehr bequem und behaglich machen. Auch phanta» 
sierte ich mir eine Schaukel, die in dem Leibe dieser Riesin 10 m hoch 
aufgehängt wäre. Dorten wollte ich dann lustig hin und her schaukeln." 
Dieser Patient hat die ursprüngliche Proportion (Foctus und Mutter) 
auf seine damalige Größe übertragen. Nun da er erwachsen war, müßte 
der Leib, in dem er sich bewegen könnte, der Leib einer Riesin sein. 

Wir werden uns jetzt auch nicht über den Fleischberg Krün 
der mandäischcn Hibil=Ziwa=Sage wundern oder ähnliche Riesens 
gestalten: HibiUZiwa steigt in die Welt der Finsternis hinab, um 
Antwort auf eine Frage zu erlangen. (Also wieder der Schatz in 
der Form eines wunderbaren Wortes.) Er wendet sich vergeblich 
an verschiedene Gestalten, muß immer tiefer hinab und gelangt 
endlich zu Krun, dem er dann die Zauberworte abn^^tigt. 

Der Schatz oder wunderbare Name kommt auch nach herme= 
tisch kabbalistischer Auffassung aus der Tiefe. David soll beim 
Graben der Fundamente zum Tempel den Eben stijjah, Stein der 
Tiefe, gefunden haben, der den Brunnen der großen Tiefe {1. Mos. 
VII, II und VIII, 2) verschloß und auf dem der Sem ha=mepboras, 



1. ABSCHNITT/ INTROVERSION UND WIEDERGEBURT 199 

der ausgesprochene Marne (Gottes), eingegraben war. Diesen Stein 
habe er ins AU er heiligste gebracht, und auf ihm sei die Bundesladc 
gestanden. Kecke Weisenjünger seien zuweilen ins Heiligtum ge= 
drungen und hätten von dem Steine den Namen mit seinen Buch« 
stabcnvcrbindungen gelernt, um damit Wunder zu tun. 

In den Fällen, wo der Mutterleib durch die Bauchhöhle eines 
Ungeheuers dargestellt wird, geschieht die Wiedergeburt am häu= 
figsten durch Ausspeien. Auch das Herausbrechen durch Zerreißen 
des Mutterleibes kommt vor und hat jedenfalls die Bedeutung des 
Sich=Gewaltsam=Losrci6ens, des Verbrcnncns der Schiffe hmtcr 
sich, der endgültigen Überwindung der Mutter. Dem Hinabsteigen 
in die Unterwelt (Introversion) entspricht als Zeichen der erfolgten 
Wiedergeburt das Emporsteigen ans Licht mit dem befreiten Schatz 
(Zauberwort, wie oben, Lebenswasser wie bei der Höllenfahrt der 
Istar usw.). 

Ein häufig gebrauchtes Symbol für die erlöste Libido ist das 
Licht, die Sonne. Wiedergeborne Sonnengestalten (in Konnex mit 
dem täglichen und jährlichen Auf und Ab) sind ja etwas Gewohntes. 
Daß die befreite Libido so erscheint, dürfte mehrere Gründe haben. 
Äußere, wie die lebenspendenden Eigenschaften der Sonne, die zum 
Vergleich herausfordern; dann die Gleichung Licht = Bewußt» 
seinO, sodann innere Gründe, d. h. solche, die auf den wirklichen 
Licht= (und Wärme») Empfindungen beruhen, die sich, wie Lite<= 
ratur und Beobachtungen erweisen, bei Personen, die geistlichen 
Übungen obliegen, einstellen. Es mag sich hier dem Mysten eine 
jener Möglichkeiten bieten, bisher ohne Bewußtsein gewesene Funk=. 
tionen dem bewußten Leben und Handeln zu erschließen. Von den 
Lichterscheinungen im Zustand der Introversion sind die Geschieh« 
ten der Heiligen, der Ekstatiker usw., auch die Selbstbiographien 
dieser Art Menschen voll. Es ließen sich also ungeheuer viele Bei= 
spiele anführen. Ich begnüge mich, daran zu erinnern, daß M ech = 
thildis von Magdeburg ihre Offenbarungen mit dem Titel 
verschen hat: „Ein vließend Lieht mincr Gotheit"; und führe einige 
Worte von )ane Leade an: „Fragt man, was die [vom Wicder= 
gebornen erlangte] magische Kraft sey; so antworte ich: sie ist 
einem wundervoll und kräftig in die Seele eindringenden Hauche, 
einem tingirendcn, das innerliche Wesen durchdringenden und ver- 
wandelnden Blute, einer zusammen fliessenden und wesentlich- 
machenden Licht= und Feuerflamme zu vergleichen . . ." 

^) Auch iencs höhere oder andere Bewufjtsein, das durch die mystisch- 
religiöse Arbeit vermittelt wird; dahin deuten genugsom Ausdrücke wie 
„lUuminati", „Erleuchtete" usw. Vgl. zu diesem Thema meine Abhandlung 
Phant. u. Myth. (jb. II, S. 597-) 



200 III. SYNTHETISCHER TEIL 

Den Omphalopsychikern oder Hesychiasten, jenen Mönchen, 
die im Mittelalter den Berg Athos bevölkerten, hat ihr Abt Si meon 
folgende Anleitung gegeben: „Sitzend in einem Winkel allein, 
merke und thue, was ich sage. Verschliess deine Thüre und erhebe 
deinen Geist von allem Eitlen und Zeitlichen. Dann senke deinen 
Bart auf die Brust und errege das Auge mit ganzer Seele in der 
■Mitte des Leibes am NabeP). Verengere die Luftgänge, um nicht 
zu leicht zu athmen. Bestrebe dich innerlich den Ort des Herzens 
zu finden, wo alle psychischen Kräfte wohnen. Zuerst wirst du 
Finstcrniss finden und unnachgiebige Dichtheit. Wenn du aber 
anhältst Tage und Nächte: so wirst du, o des Wunders! unaus= 
sprechliche Wonne genießen. Denn der Geist sieht dann, was er 
nie erkannt hat, er sieht die Luft zwischen dem Herzen und sich 
ganz strahlend." Dieses Licht, behaupteten die Einsiedler, sei das 
Licht Gottes, das auf Tabor den Jüngern sichtbar geworden. 

Yoga=Sutra (Patanjali) 1,36 lautet: „Or that sorrowless con= 
dition of mind, füll of light {would conduce to samädhi)." Und der 
Kommentator Manilal Nabubhai Dvivedi bemerkt dazu: „The 
light here referred to is the light of pure sattva. When the mind is 
deeply absorbed in that quality, then, indeed, does this condition 
of light whicb is free from all pain foUow. Vachaspatimisra remarks 
that in the heart thcre is a lotus=like form having eight petals and 
with its face turned downward, One should raise this up by rechaka 
(cxhalation of the brcath) and then meditate upon it, locating 
therein the four parts of the pranava, viz., a, u, m, and the point, 
In their scveral meanings^ When the mind thus meditating falls 
in the way of the susumna, it sces a perfect calm light Uke that of 
of the moor of the sun, resembling the calm ocean of milk. This is 
the jyotis, light, which is the sure sign of complete sattva. Some 
such practicc is here meant . . ." Die Ähnlichkeit mit der Vorschrift 
des Abts Simeon ist augenfällig. 

Die Licht= und Sonnen=Symbolik wird in alchemistischen 
Schriften allenthalben gebraucht; ist doch auch Gold = Sonne, 
gilt doch für beide auch das gleiche Zeichen ©. Ich mache bei= 
läufig auf eine schöne Verwendung der Sonnensymbolik in „Amor 
Proximi" aufmerksam, die sich von der engeren Goldsymbolik 
etwas entfernt. Es heißt dort {S. ^zf.): „Siehe Christus ist uns 
nicht äusserlich, sondern er ist in uns allen innerlich, aber ver= 
schlössen, und damit er das verschlossne in uns aufschlisse, darum 
ist er einmal äusserlich sichtbar geworden das jene das wir seynd, 
ausgenommen dem harten Sünden»Schlos, davon die in dieser 



^) Siehe rückwärts die Anmerkung G 



■ -^ -^ 



I. ABSCHNITT/ INTROVERSION UND NX/IEDERGEBURT 201 

Welt sein recht Abbild ist, die auch die Heyden von Anfang der 
Welt geschwind überzeuget, dass Gott müste Mensch werden, wie 
das Licht der Natur in der O zu einem Cörper geworden. Nun 
ist die O nicht allein am Firmament ausser allen andern Creaturen ; 
sondern sie ist vielmehr im Centro aller Creaturen, aber verschlossen, 
aber die äuBere O ist als eine Figur Christi, darum dass sie die 
innere verschlossene 0, als ihr Bild und Substanz, in allen auf= 
schlüs, gleich Christus durch seine Menschwerdung auch nur das 
Bild GOttes in uns aufschlüst, dann so dis nicht wäre, so nahete 
sich die Erdkugel umsonst zu der O, um ihre Kraft von ihr zu 
empfangen, und wüchse auch nichts aus der verfluchten V^), also 
weiset uns die V, daß, wie sie sich zur nahende aufgeschlossen 
wird, wir auch, uns zu Christo nahende, das Bild Gottes wieder 
erlangen sollen; dann am Ende der Tagen wird diese V auch wieder 
in Solis punctum^) versetzt werden." Und weiter (S. jji.): „Ihr 
sehet, dass die V sich zur Sonnen wendt, aber die Ursach wisset 
ihr nicht; so die Erde nicht aus Solis puncto in der Schöpfung 
solte gegangen seyn, solte sie sich nach ihr magnetischer Weise 
nicht wenden und sehnen; darum weist uns dieses Umwenden, 
dass die Welt eins verneuret, und in ihren Anfang, als O is punctum, 
wieder gehen und dass ihre Ruhe nur allein darinnen seyn wird; 
gleich auch also ist des Menschen Seele aus der ewigen göttlichen 
Sonne gegangen, darnach sie sich auch sehnet . . ." 

Unsere Parafaola, auf die ich jetzt zurückblicken möchte, erscheint 
in neuem Lichte. Es wäre Zeitverschwendung, wollte ich den Leser 
abermals durch alle Abenteuer des Wanderers führen. Man findet 
ohne Schwierigkeit alle besprochenen Elemente in der Parabola 
wieder und wird die Introversion und die Wiedergeburt trefflich 
darin zu erkennen wissen. Ich greife darum bloß einige bestimmte 
Motive der Parabola oder der Alchemie überhaupt heraus; sie 
scheinen mir einer besondern Beleuchtung zu bedürfen. 

Da wäre einmal der sonderbaren Tatsache zu gedenken, daß 
nach der Introversion, am Beginn des Werkes der Wiedergeburt, 
eine Sintflut hereinbricht. Diese Flut stellt sich nicht bloß in dem 
alchemistischen Prozeß ein (wann die Körper in dem Gefäß der 
Putrefaktion unterliegen und schwarz werden), sondern man sieht 
auch die mythischen Sintfluten mit einer unverkennbaren RegeU 
mäßigkeit in dem analogen Zeitpunkt kommen, d. i. nach der Tötung 
des Urwesens (Trennung des Ureltcrnpaarcs usw.) und vor der 
Neuschöpfung der Welt durch den Sohngott. Stucken (SAM, 
S. 123): „Wir sehen ... bekräftigt, was ich schon betonte, 

*) Das Zeichen V bedeutet Erde. 

*) Vgl., was 5. 119 über den Punkt im O s^'^g* wurde. 



202 in. SYNTHETISCHER TEIL 

daB beim Eintritt der Flutkatastrophe die Weltschöpfung noch nicht 
beendet ist. Zwar gab es auch vor der Katastrophe schon eine Erde 
und Lebewesen darauf, aber erst nach der Sintflut beginnt die Aus= 
gestaltung des jetzigen Kosmos. So in der germanischen Ymir« 
Sage, so in der babylonischen Tiamat=Sage, so in der ägyptischen 
und so gleichfalls in der iranischen . . ." VX'as mag im psycholo= 
gischen Sinne die Flut sein? Träume und Dichtung belehren uns, 
indem sie die Leidenschaften unter dem Bild eines stürmisch bc= 
wegten Meeres zum Ausdruck bringen. Nach der Introversion, 
deren Gefahren schon besprochen wurden, gibt's auf alle Fälle ein 
Ausbrechen der Leidenschaften; nicht ohne Folgen wird der „Stein 
der Tiefe", der das Gefängnis der unterirdischen Mächte verschließt 
(vgl. Buch Hcnoch X, 5 u. passim), gehoben. Es kommt darauf an, 
die wild sich ergießenden Geister einzufangen; ohne Schaden sich 
ihrer Kräfte zu bemächtigen. Die ganze Dberschwemmung muß 
in dem philosophischen Gefäß von dem schwarzgewordenen Kör« 
per absorbiert werden, dann wirken sie auf ihn zur Ncuschöpfung 
befruchtend wie Wasserfluten auf die Erde. Sie schaden der „Matc= 
ria" nur dann nicht, wenn diese wirklich schwarz (Uberwindungs= 
Stadium) geworden ist; trifft dies zu, so ist sie den auf sie zustür» 
mcnden Wassern gegenüber wie ein Ozean, der durch den Zulauf 
der Flüsse keine Alteration erfährt: Continuo scsc CKplenti, ncc 
tarnen ultra terminos suos redundanti oceano qualiter aquae illabun= 
tur, cui similiter omncs cupiditatcs illabuntur, is tranquillitatem 
adipiscitur, non qui cupiditatibus lascivit^}. (Bhag, Gitä II, 70.) 

Ich habe oben den Löwen der Parabola der Sphinx des Oedipus 
verglichen, und anderseits geht aus den späteren Überlegungen 
hervor, daß er das Rückständige im Menschen sein muß, das beim 
Läuterungswerk zu opfern ist. Ich finde nun einige Bemerkungen 
bei Jung (Jb. ps. F. IV, S. Z2^i,), die beides sehr gut vermitteln. 
Wenn ich auch nicht so weit gehen möchte, in dem tierischen Bild 
nur die sexuellen Triebkräfte zu erblicken, sondern es eher als 
den titanischen Teil unsrer Triebkräfte überhaupt ansehen würde, 
finde ich des Autors Auffassung doch glücklich. Die Sphinx, das 
Doppelwescn, versinnbildlicht das Doppclwesen Mensch, dem seine 
Tierheit noch anhanget. Ja sie nimmt sich geradezu als eine funk= 
tionalc Darstellung der Entwicklung der Vernunft aus dem Triebs 



') Lat. übers, von Schiebe!. Deutsch (Schroeder): 

„Wer wie das Meer, in das die Wasser strömen, 
Das sich anfüllet und doch ruhig dasteht, — 
Wer so in sich die Wünsche läBt verschwinden. 
Der findet Ruhe — nicht, wer ihnen nachgibt." 



1. ABSCHNITT/ INTROVERSION UND \3yiEDERGEBURT 203 

leben {Herauswachsen eines menschlichen Oberkörpers aus einem 
tierischen Leibe) aus. .' / 

Das HomunculussMotiv wäre gleichfalls neu zu betrachten. Ich 
sagte oben, daß derMystes sein eigener Vater werde; er zeugt einen 
neuen Menschen (sich) mit einer bloß symbolischen Mutter, also 
eigentlich ganz selbstherrlich, aus sich heraus, ohne Mitwirkung 
irgendwelcher Eltern. Das ist aber gleichbedeutend mit der künst= 
liehen Erzeugung eines Menschen. Man erkennt also die anagos 
gische Bedeutung des Homunculus, wovon wir die Idee eng mit der 
Alchemie überhaupt verwoben fanden. Die Beziehung ist auch 
Jung nicht entgangen, nur daß er sie einseitig faßt und einen zu 
weit reichenden Schluß zieht. Er deutet (]b. ps. F, IV, S. 184) t 

auf die Vision des Zosimos hin, wo dieser in der Höhlung des f 

Altars kochendes Wasser findet und Menschen darin; und bemerkt : 

dazu: „. . . daß diese Vision den ursprünglichen Sinn der Alchemie 
enthüllt; ein ursprünglicher Befruchtungszauber, d. h. ein Mittel, 1 

wie Kinder gemacht werden könnten ohne Mutter". Ich muß bc= ■ 

merken, daß das hermetische Bestreben, in den Stand Adams zu» 
rückzugelangen, auch etwas von der Homunculus=Phanta5ie an sich 
hat. Adam wurde nämlich androgynisch gedacht; ein Wesen, Mann , f 

und Weib zugleich, genügt aber für sich allein zur Befruchtung und J 

Zeugung. Welling sagt in seinem „Opus mago=cabaIisticum" *' 

(S. 139^-): „Dieser Mensch Adam war geschaffen, wie die Schrift 
saget, das ist, männ= und weiblichen Geschlechts, nicht zwei unter= 
schiedcne Leiber, sondern eins in seiner Wesenheit, zwey aber in 
der Vermöglichkeit, dann er war die Erde Adamah, der roth und ! 

weiße '^ des geistÜchen O und D, der mann» und weibliche Saa= i 

men, der Staub von der Adamah aus Schamajim, und also in der \ 

Krafft sich (gleich wie er himmlisch war,) magisch zu vermehren; 
welches auch nicht anders seyn können, dafernc diese esscntialische 
Mann= und Weibheit nicht zerfallen wäre . . ." Ich erinnere daran, 
daß der Mercurius auch doppelgeschlechtig ist; die „Materia" muß 
in den androgynischcn Zustand „Rebis" gebracht werden. Die Idee 
des Hermaphroditismus spielt bekanntlich auch in der Mythologie ( 

eine bedeutende Rolle. j 

j 

Wir haben uns Aufschluß darüber verschafft, wieso Phantasie= j 

gcbildc zwei scheinbar grundverschiedene, ja einander wider= : 

sprechende und doch ihrer Geschlossenheit wegen unabweisbare 
„Deutungen" vertragen, die psychanalytischc und die anagogische. 
Wir haben gefunden, daß die beiden Bedeutungen zwei Aspekten 
oder zwei Entwicklungsphasen eines psychischen Kräftc= Inventars 



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( 1 



l. 



204 



III. SYNTHETISCHER TEIL 



entsprechen, welche sich einheitlich an symbolische Typen heften 
lassen, Nweil an diesen eine Vcrinnerlichung stattfinden kann, in 
Verbindung mit der „Sublimation" der Triebe. Als wir das Pro= 
bicm der mehrfachen Deutung formulierten, fiel uns aber auf, 
daß außer den beiden namentlich in ethischer Beziehung extrem 
kontrastierenden Bedeutungen noch eine dritte, ethisch indifferente, 
vorhanden sei, nämlich die naturwissenschaftliche. Abgesehen da= 
von, daß ich den anagogischen Gehalt unseres Materials noch nicht 
erschöpft habe und deshalb so manches in den folgenden Abs 
schnitten werde nachtragen müssen, erwächst mir also die Aufgabe, 
über die Stellung des naturmythologischen Anteils Klarheit zu ver» 
schaffen. Das soll jetzt in gedrängter Kürze geschehen. 

Der naturwissenschaftliche Gehalt ist im Falle der Alchcmie — 
eines Beweises bedarf es erst nicht — die Chemie (mit Physik und 
Kosmologie einigermaßen verbunden). „Wissenschaftlich" im mo= 
dernen strengen Sinn war die alchemistische Chemie freiHch nicht; 
für unsere heutige Beurteilung hatte sie so viel mythisches Blut in 
sich, daß ich sie, mit einer gewissen Freiheit des Ausdruckes, eine 
mythologisch apperzipierende NX^issenschaft nennen möchte, wobei 
ich über den bei Wilhelm Wundt (Völkerps., Myth. u. Rel.) 
sehr klar entwickelten Begriff der mythologischen Apperzeption der 
strafferen Formulierung zuUeb ein bischen hinausgehe, aber ohne 
etwa den eigentlichen Begriff des Mythischen unter den Füßen zu 
verlieren oder ihm jene Ausdehnung zu verleihen, die er bei 
G. F. Lipps bekommen hat. Dem mythenhaftcn Anschauen und 
Denken der Alchemie entspricht es, daß sie der symbolischen 
Darstellung und deren Eigentümlichkeiten unterworfen war^). 
Auf die Wahl der Symbole hat stets das, was einem stark im 
Gemüte liegt, was einem die Seele — sei es freudig, sei es 
schmerzlich — bewegt, was von vitalem Interesse ist, kurz was 
einem bewußter« oder auch unbewußterweise nahegeht, einen 
bestimmenden Einfluß. Schon die banalen Fälle, in denen sich 
durch die Art der Apperzeption eines und desselben Gcgen= 
Standes die Berufe oder Liebhabereien verraten , zeigen diesen 
Einfluß ; so erblickt etwa der Landschaftsmaler in einem See ein 
dankbares Motiv, der Angler ein Fischwasser, der Unternehmer 
eine Gegend zur Gründung eines Luftkurortes oder einer Schiff= 
fahrtslinie, der Segler ein Feld für seine Lustfahrten, der von Hitze 
Geplagte eine Badegelegenheit, der Ertrinkende den Tod. Bei der 
symbolischen Auffassung eines Gegenstandes vollends, die viel 
stärker von unbewußten oder unkontrollierten Anregungen der die 

^) Der Begriff de» Symbols ist hier natürlich im weiteren Sinn zu 
nehmen, wie in meinen Arbeiten über Symbolbildung (Ib. ps. F. II— IV). 



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1. ABSCHNITT/ INTROVERSION UND WIEDERGEBURT 205 

Symbole formenden Phantasie abhängig ist, kann die Wahl unter 
den vielen Symbolmöglichkeiten gewi(> nicht auf solche Bilder fallen, 
die dem Gemüte fremd oder uninteressant sind. Schon wenn wir 
bewußt Vergleiche gebrauchen, fällt uns als Beispiel meist etwas aus 
einem uns behebten und vertrauten Gebiet ein; im „Einfallen" steckt 
bereits ein Anteil der unbewußten Komplexleistung ; diese wird in dem 
Maße vergrößert, als der Phantasie freierer Spielraum gelassen wird. 

Das rohe Produkt der symbolwählenden Phantasie des Einzel» \ ; 

nen — „roh", d. h. nicht mit einer für die Öffentlichkeit berech» 5,' 

neten Politur überzogen — trägt also Spuren in sich von den Dingen, j 

die dem Betreffenden nahegehen. (Wes das Herz voll ist, des geht \ 

der Mund über — auch ohne Absicht!) Gehen wir nun von einem \ 

in Symbolen gefaßten (mythologisch apperzipicrten) Geistespro= ^ 

dukt aus, als dessen Autor wir nicht einen einzelnen Menschen, 
sondern viele Generationen oder schlechthin gesagt: die Mensch» J'. 

heit ansehen müssen, so wird dieses Produkt begreiflicherweise in 
den Eigentümlichkeiten der Symbolwahl nicht individuelle Mei= 
gungen, sondern vielmehr das anzeigen, was der Allgemeinheit in 
gleichmäßiger Weise nahegeht. In der Alchemie, die als mytho= 
logisch apperzipierende Wissenschaft ganz von Symbolen durchsetzt 
ist, treffen wir als etwas Auffälliges in der Symbolwahl die Zu= 
sammenstellung solcher Bilder an, die uns das spiegeln, was wir 
psychanalytisch als die „titanischen" Triebe kennen gelernt haben 
(Oedipus^Komplex usw.). Kein Wunder! Ebendiese Triebe sind 
es ja, die wir aus den psychanalytischen Untersuchungen als die- 
jenigen kennen, welche über allen individuellen Verschiedenheiten 
stehen. Und wenn wir es noch nicht wüßten, so würde eben der 
Befund an der Alchemie es lehren. 

Das bekannte Triebschema mit seiner „titanischen" Unterlage, 
welches in allen Menschen notwendig vorhanden ist (obgleich es 
sich in jedem einzelnen Falle außerordenthch sublimiert haben 
kann), kommt schon in individuellen Phantasieprodukten recht deut- 
lich zum Vorschein; ganz typisch ausgeprägt muß es aber wohl 
dort zu finden sein, wo an der Errichtung, Formung, Abschleifung, 
Herausarbeitung des Symbolgebäudes eine Vielheit von Menschen^ 
die fabulierende Menschheit, beteiligt war. Solche Gebilde haben 
das Persönliche abgestreift. Ein Beispiel dieser Art ist eben die 
„mythologische" Wissenschaft der Alchemie. Daß uns die (oft 
nackt zutage tretende) retrograde Perspektive der in ihren Symbolen 
steckenden Typen abstoßend vorkommt, rührt daher, daß im Be= 
urteiler diese ursprünglichen Triebformen eine starke Verdrängung 
erfahren haben und daß ihrer Wiederaufnahme starke Widerstände 
(der Moral, des Geschmackes usw.) entgegenstehen. 



206 



III. SYNTHETISCHER TEIL 



Die viel besprochnen Elcmcntartypen haben sich also bei der 
Gelegenheit in das Corpus der alchemistischen Hieroglyphik ein- 
geschlichen, als die Menschheit, den chcmisch=physikalischen Tat» 
Sachen als Rätseln gegenüberstehend, mit dem Ausdruck rang zu 
ihrer gedanklichen Bewältigung: bei der Symbolwahl wirkte (soeu= 
sagen als Apperzeptionsmasse) das typische Kräfte=Inventar mit= 
bestimmend. Es hat also hier ein ähnlicher Vorgang der Mit= 
bestimmung stattgefunden, wie wir ihn bei dem Zusammenfallen 
matcrjaler und funktionaler Symbolik an Träumen beobachten 
konnten. Hier zeigt sich abermals der heuristische Wert, den für 
unser Problem die Einführung des Begriffes der „funktionalen 
Kategorie" der Symbolik hatte. 

Die Möglichkeit, aus den alchemistischen (und von ihren Auto» 
ren oft bloß chemisch gemeinten) Allegorien das „Titanische" und 
das „Anagogische" herauszudeuten, erklärt sich nun gar leicht. Man 
kann es deshalb herauswickcln, weil es vorher schon hineingelegt 
worden war, wenn auch weder in der extremen Form des „Tita= 
nischen" id. i. des retrograden Aspektes), noch in der des „Anago= 
gischen" (des progressiven Aspektes), sondern in einem unbe5timm= 
baren mittleren Stadium der Verinnerlichung. Was die Gelegen« 
heit zu diesem Spiele der Symbolik gab, war eine auf die Chemie 
gerichtete Erkenntnisarbeit; der chemische Gehalt der Alchemic ist 
sozusagen der mit Absicht erstrebt gewesene, während der übrige 
per accidcns, aber nichtsdestoweniger unvermeidlich, dazukam. So 
erscheint denn das Maturphilosophische als der Träger oder Stamm, 
an dem die titanische und die anagogische Symbolik blühen. Es 
ist nebstbei nun auch verständlich geworden, wieso die zunächst auf 
Chemisches abzielende alchemistische Hieroglyphik sich so durch 
und durch zu hermetisch=anagogischen Lehrzwecken eignete, daß 
zuzeiten und von ganzen Gruppen die Alchemie schlechthin als 
mystische Anleitung gebraucht wurde, ohne jede Absicht auf 

Chemie. 

Wir wollen das, was wir an der Alchemic gefunden haben, nun 
auch auf die Mythologie anwenden, bei der sich analoge Verhält= 
nisse angekündigt haben^). Die moderne Mythenforschung hat 

^) Die hier vertretene Appcrzcptionstheorie möge nicht mit jener in= 
tellcktualistischen Theorie (Steinthals) zusammenge>»orfen werden, welche 
Wundt (V. Ps. IV', S. yof.) als die „lUusionstheorie" kritisiert. Ich möchte 
mich vielmehr ziemlich eng an die Wundt'sche Auffassung der „mythiw 
logischen Apperzeption" (ebenda, S. 64^f-) anschließen, unter besonderer 
Hervorhebung der affektiven Momente, die dabei im Spiele sind. Nach 
Wundt sind die Affekte geradezu „die wesentlichen Triebfedern 'und „die 
mächtigsten Erreger der Phantasie" (ebenda, S. 60). „Die Affekte der 
Furcht und des Hoffens, des NJfunsches und der Begierde, der Liebe und 



1 



1. ABSCHNITT/ INTROVERSION UND WIEDERGEBURT 207 

meines Erachtcns zur Genüge bewiesen, daß wir es auch hier mit 
einem naturphilosophischen Kern (Auffassung astraler und wohl 
auch meteorologischer Vorgänge usw.) zu tun haben (um den sich 
sagenhaft historischer Stoff ranken kann). Wie es zwei Märchen^) 
gezeigt haben, und wie ich an zahllosen Mythen zum überfiul^ 
hätte ausführen können, ist neben der naturwissenschaftlichen 
Deutung die psychanalytische und die anagogische möglich. Ich 
führe hier nur ein Beispiel an, nämlich das Schema, das Frobenius 
aus dem Vergleiche zahlreicher Sonnenmythen gewonnen hat. Da= 
nach wird der Held von einem Wasserungetüm im Westen ver= 
schlungen. (Die Sonne geht im Meer unter.) Das Tier fährt mit 
ihm nach Osten. (Nächtliche Bahn der Sonne, scheinbar unter 
dem Meer.) Er entzündet in dem Bauch des Tieres ein Feuer und 
schneidet sich, da er Hunger verspürt, ein Stück des herabhängen^ 
den Herzens ab. Bald darauf merkt er, daß der Fisch auf das 
Trockene gleitet. (Die wieder sich entzündende Sonne nähert 
sich von unten dem Horizont.) Er beginnt sofort das Tier von 
innen heraus aufzuschneiden, dann schlüpft er heraus. (Sonnen= 
aufgang.) In dem Bauche des Fisches ist es so heiß gewesen, daß 
ihm alle Haare ausgefallen sind. (Haare sollen Strahlen bedeuten.) 
' Ebenso klar wie der naturmythologische Gehalt ist hier, daß eine 
Wiedergeburtsdarstellung vorliegt,-die selbstverständlich ebenso der 
psychanalytischen als der anagogischen Deutung fähig ist. 

Ich kann nun das Bestreben mancher Psychanalytiker nicht 
billigen, den von der neueren Forschung so wohl fundierten, wenn 
auch in den Einzelheiten nicht feststehenden naturwissenschafta 
liehen Geh alt (Naturkern) der Mythen als quantit^ negligeable zu 

des Hasses, sie sind all verbreitete Quellen des Mythus. Sie sind natürlich 
stets an Vorstellungen gekettet. Aber sie sind es erat, die diesen Vor- 
stellungen das Leben einhauchen ..." — Eine Abweichung von Wundt 
scheint mir darin zu liegen, daß ich mir über die Herkunft dieser Affekte 
bestimmtere Gedanken mache, wodurch sie zu den ofterwähnten Elementar« 
motivcn in genaue Verbindung gebracht werden. 

^) Man kann Hitchcock vorwerfen, er habe bei seinen Deutungen 
die Märchen nur in ihrer entwickeltsten Gestalt berücksichtigt und sich 
nicht um ihre Entstehung und ihre Urformen gekümmert. Und wirklich 
lassen die entwickelteren Formen eine weitaus reichere anagogische Intera 
pretation zu als die primitiven. Das ist aber kein Argument gegen diese 
Interpretation, sondern bestätigt blos ihre Orientierung in der menschlichen 
Geistesentwicklung. Die anagogische Deutung ist ja eine prospektive 
Deutung im Sinne eines ethischen Fortschritts. Nun zeigt die Entwickle ngs« 
geschichtc eben des Märchens ganz deutlich den Fortschritt zum Ethischen; 
und indem der ethische Gehalt des Märchens vermöge dieser Entwicklung 
im allgemeinen wächst, vermag sich die anagogische Deutung bei höher 
entwickelten Märchen naturgemäß in desto genauere Verbindung zu dem 
mythischen Material zu setzen. 



II— 



208 III- SYNTHETISCHER TEIL 

behandeln oder überhaupt zu ignorieren'). Die Unzulässigkeit 
dessen geht schon aus der vitalen Wichtigkeit und packenden Wir» 
kung der von der Menschheit so (nSmlich mythologisch) ange« 
schauten Gegenstände (z. B. des für sie in ihrer Abhängigkeit von 
den Launen der Natur so unendlich wichtigen Sonnenlaufs) ge= 
nugsam hervor. Wenn es also einerseits dem Psychanalytiker nicht 
möglich sein wird, den Naturmythologen aus seiner Position zu 
verdrängen und etwa zu beweisen, daß irgendein Symbol nicht die 
Sonne, sondern den Vater bedeute, so muß anderseits der Natur= 
mytholog, der sich trefflich auf seine Deutungen verstehen mag, 
beim Psychologen anklopfen in der entschieden psychologischen 
Frage, warum bei der Apperzeption eines Gegenstandes gerade 
dieses und nicht jenes symbolische Bild dem Bewußtsein sich biete. 
Also z. B., warum der Sonnenuntcr= und =aufgang so gerne gerade 
als ein Verschlungen= und Ausgespienwerden oder als ein Wieder= 
geburts Vorgang aufgefaßt wird. Findet doch Frobenius {Zeitalt. 
d. Sonneng. 1, S. 30) die Symbohk „urmerkwürdig". 

Begreiflich ist es auch, daß den Mythologen das aufdringliche Vors 
kommen des Inzests, der Kastration des Vaters usw. Kopfzerbrechen 
machen mußte. Einseitig von manchen unter ihnen war es, die psycho- 
logische Wertigkeit dieser Dinge nicht sehen zu wollen. Ich muß dem» 
nach Rank recht geben, wenn er (lnz.=Mot., S.278) mit Bezug auf 
den von Goldziher vielleicht ganz richtig als Sonnenmythos gedeuteten 
Oedipus»Mythos sagt: ,, Zweifellos ist aber doch, daß diese Vorstel« 
lungen vom Inzest mit der Mutter und dem Totschlag des Vaters dem 
menschlichen Leben entstammen, und daß der Mythos in dieser mensch» 
liehen Einkleidung niemals vom Himmel heruntcrgclcsen werden 
konnte, ohne eine entsprechende psychische Vorstellung, die gewiß 
auch — wie bei den heutigen Mythologen — bereits zur Zeit der Mythen» 
bildung eine unbewußte gewesen sein kann . . ," 

^) Ich iiabc eine diesbezügliche Warnung im ]b. ps. F. IV (Prinzip. 
Anreg.) ausgesprochen und vorher im |b. ps. F. II (Phant. u. Myth.) die 
paritätische Stellung von naturphilosophischem und psychologischem Gc- 
halt vertreten. Nun konstatiere ich mit Vergnügen, daß neuestens ein Autor 
der psychanalytischen Schule sich gerade jener Umsicht befleifiigt, die 
ich als so wünschenswert reklamierte. Es ist dies Dr. Emil F. Lorenz, der 
in dem Februarheft von „Image" 1915 das „Titancn=Motiv in der allgemeinen 
Mythologie" in einer Weise behandelt, die meiner Auffassung nahclfommt. 
Insbesondere zeigt sich in der Betrachtung der menschlichen Urmotive 
als Apperzeptionsmassen bei der primitiven Deutung der Naturvorgänge 
ein gemeinsamer Gedanitc. Leider erschien der Aufsatz zu einer Zeit, wo 
dieses Buch bereits abgeschlossen war; wenn ich also nicht mehr in der Lage 
bin, auf den Artikel näher einzugehen, so will ich doch wenigstens auf ihn 
hinweisen und gleichzeitig der Hoffnung Ausdruclt geben, daß Lorenz 
die, wie er sagt, vorderhand nur „aphoristisch" mitgeteüten interessanten 
Ansätze weiter ausarbeiten wird. 



J 



1. ABSCHNITT/ INTROVERSION UND WIEDERGEBURT 209 

Und an einer anderen Stelle (S.^iSf.): „Während diese For» 
scher [Astral= und Mond=Mythologcn] . . . Inzest und Kastration im 
selben, oder womöglich in noch weiterem Umfange als wir als Haupt« 
motive der Mythenbildung nur für die himmlischen Vorgänge gelten 
lassen wollen, sind wir auf Grund unserer Psychoanalysen genötigt, 
darin allgemein menschliche Urmotivc zu erblicken, die später von den 
Völkern aus demselben psychologischen Rechtfertigungsbedürfnis') an 
den Himmel projiziert wurden, aus dem sie unsere Mythen dcuter nun 
dort herauslesen wollen. So haben sie im Motiv der Zerstückelung 
(Kastration) eine sinnbildliche Andeutung der stückweisen Mond- 
abnahme, im Motiv der Wiederbelebung eine solche der Mondzunahme 
zu erkennen geglaubt, während es für uns zweifellos ist, daß umgekehrt 
die anstö[>ige Kastration eine spätere Symbolisierung in den Mond- 
phänomenen gefunden hat. Spricht es doch entweder gegen jede Logik 
und Psychologie, oder für unsere Auffassung von der Sexualisicrung des 
Alls, daB der Mensch ein an sich harmloses Phänomen, wie die Mond- 
phasen, durch ein so anstöBiges wie die Zerstückelung oder Kastration 
der nächsten Verwandten symbolisieren sollte. So haben also auch die 
Naturmythologen, insbesondere Siecke, gemeint, der primitive Mensch 
habe die ihm unerklärliche Mondabnahme als Zerstückelung ,unmittela 
bar angeschaut', während dies doch psychologisch ganz undenkbar ist, 
ohne daB dieses dem irdischen Leben entnommene Bild nicht auch 
seinen Ursprung im menschlichen Leben oder Denken (Phantasieren) 
gehabt hätte." 

Es ist in der Tat nie und nimmer denkbar, daß die Menschen 
für die Vorgänge in der Natur just die titanischen Symbole gewählt 
hätten, wenn diese für sie nicht eine besondere psychische Wertig» 
kcit gehabt hätten, also ihnen besonders nahegegangen wären. Wenn 
man mir entgegnen sollte, daß sie sie ja nicht „gewählt" hätten (weil 
sie nicht judiziös Allegorien ersannen, wie man ehemals meinte), 
so werde ich die Gegenfrage erheben: wer hat sie denn gewählt? 
Das Wort „gewählt" werde ich beibehalten, denn eine Wahl hat 
stattgefunden. Die Mächte aber, die diese Wahl besorgten, lebten 
und leben noch in den Seelen der Menschen. 

Die von niir vertretene Auffassung läßt die Naturmythologen 
ebenso zu ihrem Rechte kommen wie die ihnen gegenüberstehen« 



^) Ob bei der Mythenbildunj ein solches „Rechtfertigungsbcdürfnis" 
bcteiligrt gewesen, erscheint mir zweifelhaft oder doch unerweislich. Jeden- 
falls verdeckt man, wenn man diese unnötige Annahme so stark betont, und 
die „Projektion" der irdisch'psychologischen Urmotive an den Himmel 
als ein Werl* der Entledigun? auffaßt, die gewichtigere Ursache der Be- 
schäftigung mit dem Himmel, nämlich die schon erwähnte vitale Wichtig- 
keit der dort sich vollziehenden Dinge. Daß nun bei dem symbolischen Er« 
fassen derselben die Urmotive mitbestimmend wirken, involviert noch keine 
Abwehr, die sich gegen sie richtet. Eine bessere Abwehr wäre doch, sie in 
der Symbolik zu unterdrücken, als, wie es geschieht, sie darin anzuwenden. 

Silberer, ProUeme der Mystik 14 



210 



III. SYNTHETISCHER TEIL 



den Psychologen; sie läßt aber auch noch eine dritte, scheinbar ab= 
getan gewesene Richtung wieder zu Ehren kommen, jene Richtung 
nämlich, welche in den Mythen Verschleierungen uralter Priester= 
Weisheit erblickte^). Diese obsolete Auffassung hatte nämlich das 
Eine für sich, da() sie, was den modernen Interpreten mangelt, den 
anagogischen Gehalt der Mythen irgendwie (wenn auch in unrich= 
tiger Perspektive) würdigte. Daß man mit einem anagogischen 
Gehalt der Mythen rechnen muß, ergibt sich aus der Tatsache, daß 
sich aus mythischen Anfängen die Religionen mit ihren ethischen 
Wertschöpfungen entwickelt haben. Und diesem Verhältnisse muß 
Rechnung getragen werden. In der Art, wie die ältere Mythendeu» 
tung den Zusammenhang zu ersehen meinte, jagte sie freilich einem 
Phantom nach; ihre Ansicht wird aber in dem Augenblick brauche 
bar, als man sie entwicklungsgeschichtlich umkehrt: der religiöse 
Gehalt in den Mythen ist nicht in der Urzeit Priesterweisheit ge= 
wesen, sondern sollte es erst am Endpunkt der Entwicklung werden. 
Meine Auffassung zeigt ferner, daß dem von Stucken und anderen 
modernen Forschern so glänzend zusammengestellten Material 
zwar die größte Bedeutung für die Erkennung und Vergleichung 
der (den psychologischen Typen entsprechenden) Motive zu« 
kommt, nicht aber jene schlagende Beweiskraft für die Migrations= 
theorie gegen die Elementargedankentheorie, welche man darin 
finden zu können glaubte. 

Was endlich den vielleicht befremdlichen Schein eines un= 
bcwußt=gedanklichen Schaffens der mythenbildenden Phantasie be= 
trifft, möchte ich mit diesen Worten Karl Otfricd Müllers 
schließen: „Es ist möglich, daß der Begriff der Unbewußthcit in 
der Mythenbildung manchem dunkel, ja magisch vorkomme . . . 
aber soll die Geschichte nicht auch das Fremdartige, wo unbe= 
fangene Forschung darauf hinführt, anerkennen?" 



2. ABSCHNITT / DAS ZIEL DES WERKES 

Im vorigen Abschnitt ist die Symbolik und Psychologie des 
Verlaufes der mystischen Arbeit bis zu einem weiter nicht de= 
finierten Punkt, aber jedenfalis nicht bis zu seinem Ende betrachtet 
worden. Die Wiedergeburt ist offenbar der Anfang einer neuen 
Entwicklung, deren Wesen wir noch nicht eigens ins Auge gefaßt 
haben. Über die späteren Phasen des Werkes und über sein Ziel 
ist noch nichts Deutliches gesagt worden. Ich fürchte, daß auch 

^) Die sogenannte „Entartungstheorie". 



.ÄfAl 



2. ABSCHNITT/ DAS ZIEL DES WERKES 



211 



der vorlies^ende Abschnitt, obgleich er vorzugsweise dem Ziele des 
Werkes gewidmet ist, darüber lange nicht so genau wird untera 
richten können, als es wünschenswert wäre. Das letzte Ende des 
Werkes läßt sich freilich in die paar Worte zusammenfassen: Ver= 
Einigung mit Gott. Doch wir können uns mit einer für unsere 
psychologischen Bedürfnisse so vagen Auskunft unmögUch bc= 
ruhigen; müssen danach streben, die auf dem Wege ins UnGr= 
forschliche eintretenden seelischen Erlebnisse als solche zu erfassen 
— obgleich ich im vornhincin anzeigen muß, daß wir bei jedem 
Schritt, den uns die Symbolik der Mystiker über die Wiedergeburt 
hinausführt, Gefahr laufen, von der Psychologie abzuirren, und daß 
wir im folgenden diese Abirrung nur zu bald erfahren werden. 
Wir werden uns zeitweise unkritisch in die Anschauungswelt der 
Hermetiker selbst versetzen müssen, was natürlich eine eitle Fiktion 
ist, denn um dies richtig tun zu können, müßte man selbst eine 
mystische Entwicklung hinter sich haben (was immer diese sei); 
man müßte selbst ein „Wiedergeborener" sein. Das Eine kann als 
gewiß gelten, daß eine Reihe von Symbolen, die bei den Mystikern 
aller Zeiten und Nationen mit auffälliger öbereinstimmung auf^ 
treten, sich auf Erlcbnisarten bezieht, die zwar offenbar den Mystcn 
in bestimmten Graden ihrer Entwicklung gemeinsam, den Nicht= 
Mysten aber (oder genauer: allen Menschen, auch Mysten, die jene 
Stufen nicht erreicht haben) fremd sind. 

Dies vorausgeschickt, will ich über das Ziel der Alchemie 
(Mystik) einiges sagen. Ich folge dabei im großen ganzen den Gc= 
dankcngängen Hitchcocks, ohne mich gerade streng an seine 
Darstellung zu halten. (Ich zitiere „HA" = Hitchcock, „Remarks 
upon Alchemy".) 

Der alchemistische Prozeß ist, wie die Hermetiker selbst sagen, 
ein zirkuläres Werk, und das Ende steckt gewissermaßen schon im 
Anfang. Darin liegt vielleicht eines der größten Geheimnisse der 
ganzen Alchemie, obgleich der Sinn der Rede einigermaßen zu ver= 
stehen ist: wenn es z. B. heißt, daß, wer Gold erzeugen will, Gold 
haben muß, so werden wir daran denken, daß der Wahrheitsucher 
wahrhaftig sein muß (HA, p. 67), daß, wer mit dem Gewissen 
in Einklang leben will, mit dem Gewissen in Einklang leben muß, 
und daß, wer den Weg zu Gott gehen will, Gott schon als Ziel in 
sich haben muß. Wenn das Gewissen, worin das Gefühl für recht 
und gut lebt, unter der leitenden Idee: „Gott" aktiv wird, so wird 
es mit „übernatürlicher" Kraft ausgestattet und ist dann der Alche= 
misten philosophisches Quecksilber, ihr köstlich Mercur=Salz, der 
höchste Thcriak usw. (HA, p. j'j.) Der Gang des Werkes weist 
nach irgendeiner Einheit als Ziel, die wohl wenige Menschen er« 

14* 



212 HI. SYNTHETISCHER TEIL 

langen, außer in \X'orten. (HA, p. 157.) Die hermetischen Autoren 
erheben den Anspruch vollkommener Übereinstimmung ihrer Leh= 
ren, aber diese Übereinstimmung konzentriert sich auf einige wenige 
Prinzipien von vitaler Bedeutung in ihrer Doktrin, die beinahe 
gänzlich auf eine gewisse Praxis Bezug haben: vielleicht auf ein 
vollständiges !ns=Werk=Sctzcn des Pflichtbewußtseins, in der Art, 
wie Kant es mit seinem kategorischen Imperativ verlangt; „an 
unreasoning, though not unreasonable, obedience to an cxperienced 
imperious sense of duty, leaving the result to God; and this I am 
disposed to call the Way^). Now thc End is, perhaps, the fruit 
of this obedience." Mag sein, daß die geduldig geübte innre über= 
einstimmung mit sich selbst, die allen äußeren Wechselfällen mit 
Gelassenheit entgegensieht, den Menschen schließlich zu ganz be= 
sonderen Erfahrungen führt, durch welche ein bestätigendes Siegel 
auf das gedrückt wird, was zuerst ein bloßes Vertrauen auf den 
Segen des Guten war. (HA, p. 128.) Die hermetischen Philo= 
sophen lassen zwar das Gewissen als den Weg oder als die Grund= 
läge der Arbeit erkennen; was aber das eigentliche Wunderwerk 
der Alchemie (die Transmutation) betrifft, legen sie den Haupt= 
wert auf die Liebe; sie bewirke die Verwandlung des Subjektes in 
das geliebte Objekt. (HA, p. 132.) 

Arabi: „Es ist Grundprinzip in der Liebe, daß du die eigent= 
liehe Wesenheit des Geliebten (Gott) wirst, indem du deine Indis 
vidualität verlassest und in ihm verschwindest. Glückseligkeit ist 
die Station der göttlichen und heiligen Wonne." (Horten, Myst. T., 
S.9.) 

Analog findet man in Yoga=Lehrbüchern ausgeführt, daß der 
Geist durch Versenkung in ein Objekt der Vorstellung mit diesem 
Objekt identisch wird; das Objekt muß nicht gerade das Höchste 
sein, sondern es ist eine Stufenfolge möglich. Auch Arabi kennt 
eine Stufenfolge von Objekten , wie sie als Korrelate der Vers 
Senkung oder Hingabe den verschiedenen mystischen Zuständen 
(„Farben" usw. der Alchemie) entsprechen. Zwei Stellen von 
Arabi seien angeführt: „Mein Herz ist für jede Form [des reli= 
giösen Kultus] aufnahmefähig; denn so sagt man, das Herz (Wurzel : 
kalaba = umstürzen, sich ändern) wird so genannt von seinem 
beständigen Sichändern. Es wechselt entsprechend den verschie= 



^) „ Tu deine Pflicht! 

Nach dem Erfolg des Handelns frage nicht!" 

„Drum, ohne dran zu hängen je, führ' aus die Tat, die deine Pflicht! 

Wer handelt ohne Hang zur Welt, der Mensch erreicht das höchste 

Ziel." 
Und Ahnliches an vielen Stellen der Bhagavad ^ Gita. 



2. ABSCNNITT/DAS ZIEL DES WERKES 



213 



denen (göttlichen) Einwirkungen, die es nach den verschiedenen 
Zuständen der mystischen Erleuchtung erlebt. Diese Verschiedcn= 
heit der Erlebnisse ist eine Folge der Verschiedenheit der gött=. 
liehen Erscheinungen, die in seinem innersten Geiste (sirr) auftreten. 
Das ,Rcligionsgesetz' (die Theologie) nennt dieses Phänomen : sich 
in den Formen (des Lebens und Seins) umwandeln und umge= 
stalten. Die Gazellen sind die Objekte der Liebe des Mystikers..." 
In einem seiner Gedichte sagt er: „. . . Und gebet euch dem Spiele 
hin nach Art freundlicher Mädchen mit schwellenden Brüsten und 
erfreuet euch der üppigen Weide nach Art weiblicher Gazellen." 
In seinem Kommentar zu dieser Stelle heifjt es: „, Spiel' be« 
zeichnet die verschiedenartigen Zustände des Mystikers, in die er 
versetzt wird, wenn er von einem göttlichen Namen zum andern 
übergeht." (Horten, Myst. T., S. u, i^f.) 

Es ist das ethische Ideal des Mystikers, daß er mehr und mehr 
das beschränkte Ich abstreife und dafür die Eigenschaften Gottes 
in sich aufnehme, um zu Gott zu werden. 

Wenn bei Arabi das Thema einer Ode lautet: „durch Askese, 
heftiges Verlangen nach Gott und Geduld im Leiden wird der 
Mensch zu Gott oder nimmt göttliche Natur an" (Horten, Myst. T., 
S. 16), so ist dieses Ziel identisch mit dem der alchemistischen 
Transmutation: das schlechte Metall nimmt (nach der Reinigung, 
Schmelzung usw.) bei der Tingierung durch den Stein der Weisen 
die Natur des Goldes, d. h. die göttliche Natur an. 

Aber es ist geduldige Anstrengung erforderlich, übereiltheit 
ist ebensosehr von Übel wie Nachlässigkeit. Es ist — um in der 
Sprache der Alchemisten zu reden — ebenso schlimm, durch über= 
tricbenes, rasches Feuer (das trotz seiner Heftigkeit vielleicht bloßes 
Strohfeuer ist) „die zarten Blumen zu verbrennen", als das Feuer, 
welches beständig unterhalten werden soll, ausgehen und die „Ma= 
teria erkalten zu lassen". Der Destillationsprozeß soll langsam ver= 
richtet werden, damit „die Geister nicht entfliehen". Das bei der 
„Erwärmung" im „Gefäß", d.h. im Menschen, Empordampfendc 
ist die in höhere Regionen emporsteigende Seele; regengleich herab« 
destillierend (destillare = herabtropfen) bringt sie jedesmal der 
dürstenden Materie einen göttlichen Gewinn mit; aber dieser 
Prozeß soll nicht übertrieben werden, der durstigen Erde muß das 
himmlische Naß des Lebenswassers sachte zugesetzt werden : Prozeß 
der „Imbibition". 

Das metallische Subjectum muß In seinem eigenen naturlichen 
Wasser (Gewissen) sanft gelöst werden, nicht mit gewaltsamen Hilfs= 
mittein, ätzenden Säuren, die der Unweise anwendet, um rasch zum 
Ziele zu kommen : er verdirbt damit entweder die Materie oder erzielt 



214 ni. SYNTHETISCHER TEIL 

eine bloß oberflächliche NX^irkung. Die sinnlose Askese u. dgl., Ex= 
treme sind ebenso verwerflich wie der verrauschende Enthusiasmus 
(den wir oben „Strohfeuer" nannten). Die ethische Arbeit der Alchemie 
wie des gemeinen Lebens ist eine Sublimation; es ist wichtig, da(? 
die Materia jeweils nur so viel aufnimmt, als sie subU= 
miercn kann. Man kann es auch in dieses Bild fassen: die Materia 
soll nur befeuchtet werden mit Wässern, die sie nach der Solution 
wieder fix machen (= dauernd behalten, in ihr Wesen aufnehmen) 
kann. Vgl. hiezu die Worte des Grafen Bernhard von Trevis; 
„Ich sage dir mit Bestimmtheit, daß kein anderes Wasser die me= 
tallischc Species einer natürlichen Solution zuführt, als dasjenige, 
welches darin wohnet, dem Stoff und der Form nach ; und welches 
die Metalle selber, nach erfolgter Auflösung, wieder congelieren 
[fest machen] können." {HA, p. i89f.) 

Den Passus „. . . sanft und gar verständig . . ." der Tabula 
Smaragdina wird man jetzt voll würdigen können. 

Die begehrte Vollkommenheit oder Einheit soll ein Seelena 
zustand sein, ein Zustand des Seins, nicht des Wissens. Die Mittel, 
welche dahin führen, setzen bei dem Neophyten etwas dem Glauben 
in der Religion Analoges voraus; und weil sie, die Bedingungen 
des Magisteriums, dem Neophyten der Natur oder einander gegen= 
seitig zu widersprechen scheinen, werden die aus ihnen fließenden 
mystischen Erlebnisse „übernatürliche" genannt. Das „Ubernatür» 
liehe" ist jedoch nur ein Schein, der entsteht, wenn man „Natur" 
zu enge faßt, also wenn man in ihr bloß die Gesamtheit der Körper 
erblickt. Begreift man aber unter „Natur" auch die Fähigkeit zum 
Leben und zum Handeln, so muß das übernatürlich Erscheinende 
der Natur zugezählt werden. Die Ausdrücke „natürlich" und 
„übernatürlich" sind Hilfsmittel der denkenden Beurteilung; sie 
sind Vorläufigkeiten, die so lange eine gewisse Berechtigung haben, 
als sie ein Ausdruck sind für eine Stufe im Erkennen. Das anfangs 
„Übernatürliche" löst sich in Natur auf, oder besser: Natur wird 
zum Göttlichen erhoben. Wenn das Natürliche und das CIber= 
natürliche in Symbole gefaßt und das eine als Sulphur, das andere 
als Mercurius bezeichnet werden, so mag der philosophische Schüler, 
unter dem Zwang, Sachen und nicht bloße Namen zu denken, 
schließlich zur Erkenntnis der Unzertrennlichkeit beider in einem 
dritten Etwas gebracht werden , welches während des Untersu« 
chungsvorganges Sol heißen mag; da aber alle drei als unzertrennlich 
eines erkannt werden, können die Termini untereinander wechseln, 
bis endlich eine innere Erleuchtung stattfindet. „Diejenigen, welche 
nie solches erlebt haben, sind geneigt, es als eingebildet zu ver= 
rufen; diejenigen aber, die es erfahren, wissen, daß sie damit in ein 



2. ABSCHNITT/DAS ZIEL DES VX^ERKES 



215 



höheres Leben gelangt sind, oder fühlen sich befähigt, die Dinge 
von einem erhöhten Standpunkt zu betrachten. Den Schein eines 
Mißbrauchs der Sprache anzuwenden: es ist eine übernatürliche 
Geburt, zu der man auf natürlichem Wege eingeht." {HA, p. zzyü.) 
Wenn die Alchemisten von philosophischem Mercur und philo= 
sophischem Golde sprechen, meinen sie etwas im Menschen und 
etwas in Gott, das sich schließlich als das Eine herausstellt. Dank 
ihrer Symbolik sind die Alchemisten der fast unübersteiglichcn 
Schwierigkeit enthoben, ihr Thema in der gemeinen Sprache zu 
behandeln. Vom Lernenden muß der Sinn der Symbole immer 
wieder aus der Natur und ihren Möglichkeiten selbst geholt werden, 
wohin ihn die hermetischen Meister auch stets weisen. (HA, p.z^zf.) 
Wenn das rechte Licht aufgegangen ist im Herzen des Suchenden, 
von innen — wenn auch scheinbar durch ein Wunder von außen 
:r^ entzündet, so werden Sulphur und Mercurius eins, oder wer= 
den erkannt, daß sie das gleiche sind, nur in einer gewissen Re= 
lation voneinander geschieden; etwa so, wie das Bekannte und das 
Unbekannte [und das Bewußte und das Unbewußte] eines sind, 
nur durch eine verschiebbare Grenze geteilt. (HA, p. 235.) 

Ein Alchemist lehrt: „Betrachte wohl, was du hervorzubringen 
wünschest, und danach richte deine Absicht (intention). Nimm 
das letzte Ding in deiner Absicht (intention) für das erste Ding in 
deinen Grundsätzen (principles) . . . Unternimm nichts außerhalb 
seiner Natur ... [Es folgen Gleichnisse, daß man Trauben nicht 
aus Disteln ziehen kann usw.] Wenn du diese Lehre in deiner Ope= 
ration anzuwenden verstehst, wirst du großen Vorteil davon haben, 
und ein Tor wird sich dir auftun zur Entdeckung größerer Ge« 
heimnisse." Wirklich ist ein großer Unterschied zwischen einem, 
der das, was er sucht, als Endzweck sucht und einem, der es als 
Mittel zu einem Zweck sucht. Wissen begehren, um Reichtümer 
zu erwerben, ist etwas ganz anderes, als Reichtum (oder Unab= 
hängigkeit) suchen, um Wissen zu erlangen. Nach der Vorschrift 
des Alchemisten müssen Mittel und Endzweck zusammenfallen; 
d. h. die Wahrheit muß um ihrer selbst willen gesucht werden. 
{HA, p. 258.) In dem Werke „De Manna ßcnedicto" heißt es: 
„Wer immer du seist, der du diesen Tractat liesest, lass mich dich 
ermahnen, dass du deinen Verstand und See! mehr auf Gott richtest, 
in Haltung seiner Gebote, als auf die Liebhaberei dieser Kunst 
[sc. ihrer äußerlichen Vorteile], denn ob sie gleich die einzige, ja 
alle Weisheit der Welt ist, ist sie doch ohnmächtig gegen die götts 
liehe Weisheit der Seele, welches die Liebe zu Gott ist im Halten 
seiner Gebote . . ■ Bist du begehrlich gewesen. Profaner? Sei des 
mutig und heilig [fromm], und diene in aller Niedrigkeit dem glor= 



/ 



216 in. SYNTHETISCHER TEIL 

reichen Schöpfer: wenn du dich nicht dazu entschliefiest, so bist 
du damit beschäftiget, einen Äthiopier weiß zu waschen . . ." 

Das Begehren (desire) ist, wie einige alte Philosophen aus= 
führen, die Wurzel aller Affekte, die sich in Paaren manifestieren. 
Freude entspricht dem erfüllten Begehren, Sorge der verhinderten 
oder gefährdeten Erfüllung; Hoffnung ist die Erwartung der Er= 
füllung, Furcht das Gegenteil hievon usw. Alle die Gcgensatz= 
paare sind etwas Oberflächliches, etwas, das kommt und geht mit 
der Zeit, während das Wesentliche bleibt, selbst unsichtbar und 
ohne Relation zur Zeit — eine perpetuelle Aktivität, ein immer= 
währender Conatus, wie man's ehemals nannte. [Es ist die Libido 
der Psychanalytiker. In ihren Manifestationen ist sie der Bipolarität 
unterworfen, wie Stekel die unvermeidlichen Gegensatzpaare ge= 
nannt hat.] 

Die Gegensatzpaare sind von der indischen Erlösungslehre ge= 
nau so bemerkt worden wie von der Alchemie. Die alchemistische 
Hierogiyphik wissen wir schon reich an (vieldeutigen) Ausdrücken 
für eine feindliche Dyas, mit deren Aufhebung erst ein besserer 
Zustand beginnt, obgleich sie zur Bewerkstelligung des Werkes 
anfangs sogar erforderlich ist. In der Bhagavad= Gitä spielen 
z. B. die Gegensatzpaare eine große Rolle. Die Welt ist peinvoll 
wegen der Gegensatzpaarc, die aliübcrail zu finden sind: Hitze — 
Kälte, hoch — niedrig, gut — böse, Freud — Leid, arm — reich, 
jung — alt usw. Die Grundlage der Gegensätze bildet der Ur= 
gegensatz Rajas — Tamas. ihm zu entkommen, indem man das wahre 
Ich als darüberstehend, daran nicht teilhabend, erkennt, ist dervor= 
nchmste Zweck des Erlösungsbestrebens. Wer sich über die Qua= 
litäten der Materie also erhoben hat, wird als „gegensatzentrückt" 
bezeichnet. 

„Der Atome Berührung nur ist kalt und warm, bringt Lust und Leid, 
Sic kommen und gehen ohn' Bestand, — ertrage sie, o Bhärata! 
Der weise Mann, den diese nicht erregen, o du starker Held, 
Der Leid und Lust gleichmütig trägt, der reift für die Unsterblichkeit." 

(il, i4f.) 
Der Geist, das wahre Ich, ist erhaben über das Getriebe der 
Naturqualitäten : 

„Es schneiden ihn die Waffen nicht, es brennet ihn das Feuer nicht, 
Es nässet ihn das Wasser nicht, es dörret ihn auch nicht der Wind. 
Zu schneiden nicht, zu brennen nicht, zu nässen nicht, zu dörren nicht, 
Er ist beständig, überall, fest, ewig, unerschütterlich." (U, zji.) 

Diese Charakteristik klingt beinahe wie die Beschreibungen des 
Mercur der Weisen, der unzerstörlich ist, ein Wasser, das nicht 
netzt, ein Feuer, das nicht verbrennt. 



2. ABSCHNITT / DAS ZIEL DES WERKES 217 

Hermes an diemenschliche Seele: „Die den .-natericUen Substanzen 
inwohnenden Akzidenzen haben nie miteinander übereingestimmt, son« 
dern sind von jeher in Gegensatz zu« und in Widerstreit miteinander ge« 
wesen. Hüte dich also, o Seele, vor ihnen und wende dich von ihnen 
ab . . . Du, Seele, bist einzigartig, sie aber sind vielfältig; du 
bist mit dir selbst in dbereinstimmung*), sie aber sind miteinander 
in Widerstreit... Wie lange, o Seele, >scillst du noch bedürftig sein 
und von jedweder sinnlichen Empfindung zu ihrem Gegenteile, bald 
von der Wärme zur Kälte, bald von der Kälte zur Wärme, bald vom 
Hunger zur Sättigung, bald von der Sättigung zum Hunger fliehen?" 
(Fleischer, Herrn, a. d. Seele, S. uf-) «Sei, o Seele, hinsichtlich 
deiner Handlungsweise in dieser Welt doch ja nicht wie ein unverstän= 
diges Knäblein, das, wenn man ihm zu essen gibt und gclind mit ihm 
verfährt, zufrieden ist und freundlich lacht, wenn man es aber streng 
behandelt, weint und böse wird, ja, während es noch lacht, schon wieder 
zu weinen, und während es noch zufrieden ist, schon wieder böse zu 
werden anfängt. Dies ist keine beifallswürdige, sondern vielmehr eine 
zwitterhafte, tadelnswerte Handlungsweise. — Die Welt, o Seele, ist so 
eingerichtet, daB sie eben diese Gegensätze: Gutes und Böses, Wohl 
und Weh, Notstand und Wohlstand, in sich vereinigt und Sinnbilder 
von Ideen enthält, die dahin wirken, die Seele zu wecken, und auf sich 
selbst aufmerksam zu machen, damit sie infolge davon lichtspendende 
Vernunft und vollkommenes Wissen, d. h. Weisheit und Kenntnis des 
wahren Wesens der Dinge erwerbe. Nur dazu ist die Seele in die Welt 
herabgekommen, daß sie lerne und erfahre; sie gleicht aber einem Men- 
schen, der an irgendeinen Ort kommt, um denselben kennen zu lernen 
und dessen Zustand in Erfahrung zu bringen, dann aber das Lernen, 
Forschen und Einsammeln von Erfahrungen aufgibt und seinen Geist 
durch das Haschen nach Wohlleben und Genüssen von andern Dingen 
abzieht, dadurch aber die Erlangung dessen, wonach er streben sollte^ 
selbst vereitelt und das Ziel, auf das er es abgesehen hatte, vergißt . . ." 
(A.a.0.,S.8f.) 

Ich komme wieder zu der psychologischen Betrachtung unseres 
Hitchcock zurück. Begehren (desire) und Liebe sind fast gleich» 
bedeutende Ausdrücke, denn wir lieben und suchen, was wir be=» 
gehren, und begehren und suchen, was wir lieben: allein weder die 
Liebe noch das Begehren ist durch eine notwendige Verknüpfung 
auf ein Ding eher gerichtet als auf ein anderes; vielmehr können 
beide, unter günstigen Bedingungen, auf jedes Ding gerichtet 
werden. Daraus geht hervor, daß es möglich ist, Gott, den Ewigen, 
zu ihrem Gegenstande zu machen; man mag es auch „die Wahr- 

1) Psvchanalytisch betrachtet, wird hier der Seele die nicht vorhandne, 
aber erwünschte Eigenschaft zugeschrieben, das Unerwünschta und in der 
Seele Vorhandene aber (Neigung und Abneigung) in die Außenwelt pro- 
jiziert. 



21S 



III. SYNTHETISCHER TEIL 



'^ 



hcit" nennen und wird sehen, daß ihr Genug teilhaben muß an 
ihrem eignen Wesen. Nun lesen wir, dag der Mensch das Gute 
und das \X^ahre gewöhnlich nicht deshalb liebt und begehrt, weil es 
das Gute und das Wahre ist; sondern wir nennen — und darin liegt 
der große Irrtum des Lebens — das gut, was wir begehren. Aus 
all dem läßt sich ersehen, daß weite Folgen von dem Gegenstand 
des Verlangens abhängen, welcher, wie gesagt, ebensogut ein 
ewiger als ein vergänglicher sein kann. Man hüte sich indes vor 
einer allzu mechanischen (mechanica!) Auffassung dieser Dinge. 
Man würde sich mit einer solchen von der Anschauung der wahren 
Alchemisten entfernen. Ein Autor erzählt von den bedeutenden 
Fortschritten, die er von dem Tag an machte, da er entdeckte daß 
die Natur „magisch" wirke. (HA, p. 294^.) 

Abneigung (aversion) und Haß, die Gegenteile von Begehren 
und Liebe, bestehen nicht selbständig, sondern sind von den lctz= 
teren abhangig Es ist nur der eine Zug des Verlangens, der anstrebt 
was ihn befriedigt, ablehnt, was ihn stört. Wenn nun das Begehren 
auf das einzige ewige Ding gerichtet wird, so wird - da das mensch= 
hche Wesen seinen Charakter aus dem dominierenden Wunsche 
nimmt — der ganze Mensch gradatim in dies eine Ding verwandelt 
oder „transmutiert . (HA, p. zpjf.) 

Diese Lehre setzt natürlich die von mir schon erwähnte Mög= 
lichkeit der Schulung des Wollens voraus; wird doch verlangt 
dieses an ein bestimmtes Objekt zu heften. Die Liebe des Ver= 
ganglichen sieht sich betrogen, weil die Objekte schwinden, während 
das Begehren selbst, der Conatus (nach psychanalytischer Be= 
trachtungsweise die Libido) immer fortbesteht. Diesem immer= 
wahrenden Begehren ist nur ein immerwährendes Objekt gemäß 
Einen solchen Gegenstand können wir der Libido in der ganzen 
äußern Welt schwerlich bieten. Wir können ihr die äußern Ob- 
jekte entziehen und ihr dafür Ideale geben. In dem Augenblick 
wo dieser Entzug der äußern Objekte stattfindet, fängt die Libido 
an, sich gleichsam selbst als ein Objekt hinauszuprojizieren- 
in dem Ideal geben wir ihr für diesen Prozeß einen Nucleus' 
um den herum sie das neue Objekt formen und mit ihrem 
eignen Leben tränken kann. So bildet sich auf „magische" 
Weise eine neue Welt, deren Gesetze die des Ideales sind. Die 
Bildung der neuen Welt (neue Erde, neuer Himmel, neues ]e= 
rusalem usw.) begegnet uns sehr häufig in der Symbolsprache 
der Mystik. 

Die Gesetze des Ideales und folglich der neuen Welt richten 
sich nach der Natur des Ideales. Nicht ein jedes wird sich als 
dauernd zweckmäßig erweisen, 



[ 



1 



2. ABSCHNITT/DAS ZIEL DES WERKES 219 

„Die sich den Göttern und Vätern weihn, gehn zu Göttern und Vätern 

hin, 
Geisterdiener zu den Geistern; wer mich verehrt, der kommt zu mir". 

spricht in der Bhagavad= Gitä {IX, 25) das Höchste Wesen zu 

Arjuna. Der Mystiker ist in der Lage, vom Moment der Wicder= 

geburt an sich eine neue Welt mit Gesetzen zu schaffen, die er bis 

zu einem gewissen Grade wählen kann. Glücklich, wer eine gute 

Wahl trifft. Jeder ist seines Glückes Schmied; das gilt am meisten, 

wenn nach der Introversion die Macht der Selbstbestimmung auf 

das intensivste Erleben gerichtet ist. Die Formung und Bebauung 

der neuen Erde ist ein folgenschweres Beginnen. Die Alchemisten 

sprechen von einer „jungfräulichen Erde" oder einer „geblätterten ' • 

(d. i. krystalhni sehen) weißen Erde" als einem gewissen Stadium 

des Werkes: dies ist wohl das Stadium, das wir soeben betrachten, 

das Stadium der neuen, noch unentwickelten Erde, die nun {dem 

gefaßten Ideal entsprechend) eingerichtet werden soll. Krystaili= 

nisch ist der Boden deshalb, weil die alte Erde aufgelöst worden 

war und sich aus der Lösung frisch gebildet hat. Das Umkry5talli= 

sieren entspricht der Wiedergeburt. Die „weiße Erde" entspricht p 

wohl auch dem „weißen Stein", der die erste Vollendungsphase 

nach der Schwärze (erster mystischer Tod, Putrefaktion, Zer« 

reibung oder Zerknirschung) ist. In die weiße Erde wird eine 

Saat gesäet. Wir werden noch davon hören. i jj 

Wenn das Werk den Menschen nicht unbrauchbar machen und 
ihn mit den Forderungen des Lebens nicht abermals in Konflikt 
bringen sol! — so daß die ganze Mühe umsonst gewesen wäre — , 
muß die neue Welt derart eingerichtet werden, daß sie sich mit den 
■ Forderungen des realen Lebens verträgt. Mit anderen Worten: das 
Ideal, das der neuen Welt die Regel gibt, muß ein ethisches sein. 
Der Mystiker, der „gegensatzentrückt" sein will, wird also seinem 
Gewissen als einem Führer folgen müssen, und zwar nicht dem 
unerforschten, sondern dem erforschten Gewissen. Er kann ihm / 11 

auf die Dauer nicht entgehen {die Zauberer, die ihm trotzen, wer= 
den, wie die Sage meldet, schließlich vom Teufel zerrissen) ; also 
schlägt er sich besser auf seine Seite und schlichtet die Konflikte 
zu seinen Gunsten. Es scheint, daß dieses mannhafte Verhalten 
eine wunderbare innere Einigkeit — nach außen eine wunderbare 
Charakterfestigkeit — zur Folge haben müsse. Welche meta= ,i 

physische Bedeutung die durch Mystik forcierte Erstarkung des I 

Ideals (Gott in mir) haben mag, ist nicht meine Sache zu ent= ' > 

scheiden. 

„Nimm dir, Seele, nicht das Unwürdige und Gemeine zum Bei= 
spiel; die Gewöhnung dfiran würde dir endlich als eine deiner eigenen , 



220 



III. SYNTHETISCHER TEIL 



entgegengesetzte Natur anhaften, hierdurch aber dir selbst der starke 
Trieb zum Anschluß an deine Natur und zur Zurückkehr in deine 
Heimat verloren gehen. Wisse, daß der hehre und hohe Urheber der 
Dinge seihst das edelste aller Dinge ist; nimm dir also die edeln Dinge 
zum Beispiel, um dich dadurch auf dem Wege der Wahlverwandtschaft 
deinem Schöpfer anzunähern, und wisse, daß sich das Edle an das Edle, 
das Gemeine aber an das Gemeine anschließt . . ." (Fleischer, Herrn. 
a. d. Seele, S. 18.) 

Das, swas in die neue Erde gesäet werden soll, wird gewöhnlich 
„Liebe" genannt. Eine Saat der Liebe soll aufgehen, mit Liebe 
soll die neue Welt durchtränkt werden; ihre Gesetze sollen Gesetze 
der Liebe sein. Es soll ja durch Liebe eine Transmutation des Sub= 
jektcs geschehen. Von der Natur der Liebe schreibt ein Alchemist 
(zitiert in HA, p. 173 f.) folgendermaßen: 

„I find the nature of Divine Love to be a perfcct unity and sim» 
plicity. Thcre is nothing more onc, undivided, simple, pure, unmixed, 
an uncompounded than Love . . . 

„In the second place I find Love to hu the most perfect and ab- 
solute liberty. Nothing can move Love, bat Love; nothing touch Love, 
but Love; nor nothing constrain Love, hut Love. It is free from all 
things; itsclf only gives laws to itself, and those laws arc the laws of Li« 
berty; for nothing acts more frcely than Love, becausc it always acts 
from itsclf, and is moved by itself; by which prerogatives Love shows 
himself allied to the Divine Nature, yea, to be God himself. 

„Thirdly, Love is all strength and power. Make a diligcnt search 
through Heaven and Earth, and you will find nothing so powerful as 
Love. What is stronger than Hell and Dcath? Yet Love is the trium= 
phant conqueror of both. What more formidable than the wrath of 
God? Yet Love overcomcs it, and dissolvcs and changes it into itself 
In a Word, nothing can withstand the prevailing strength of Love; it is 
the strength of Mount Zion, which can ncvcr be moved. 

„In the fourth place: Love is of a transmuting and transforming 
nature. The great effect of Love is to turn all things into its own nature, 
which is all goodness, swcetness, and perfection. This is that Divine 
power which turns water into wine; sorrow and anguish into cxulting 
and triumphant joy; and curses into blcssings. Where it meets with a 
harren and heathy desert, it transmutes it into a paradise of delights; 
yea, it changeth evil into good, and all imperfcction into perfection. It 
restores that which is fallen and degeneratcd to its primary beauty, cx= 
cellence, and perfection. It is the Divine Stone, the White Stonc with 
the name written upon it^), which no one knows but he that hath it. 

1) Vgl. Apocal, Joh. it, 17: „Wer Ohren hat, der höre, was der Geist 
den Gemeinen sagt: Wer überwindet [caput corvt], dem will ich zu essen 
geben [nutritio] von dem verborgenen Manna, und will ihm geben einen 
weißen Stein und auf denn Stein einen neuen Namen geschrieben, welchen 
niemand kennet, denn der ihn cmpfähct." III, 12: „Wer überwindet, den 



}ia 



2. ABSCHNITT/DAS ZIEL DES WERKES 



221 



In a Word, it is the Divinc Nature, it is God himself, whose esscntial 
property it is to assimilatc all things with himself; or (if you will have 
it in the Scripture phrase) to rcconcilc all things to himself, whether 
they be in Heavcn or in Earth; and all by means of this Divine Elixir, 
whose transforming power and efficacy nothing can ucithstand " 
(HA, p. 157 ff.) 

Am Ende der Arbeit erfolgt die Vereinigung der Sonne mit 
dem Mond, welche Gott und den Menschen bedeuten. Wie im 
Vedänta, der Lehre der heiligen Bücher Indiens, der Upanisaden, 
so gilt auch in der Alchemie der Unterschied zwischen der Einzel- 
seele und der Allseele für nichtig: wer zur Überwindung des funda- 
mentalen Irrtums gelangt, in dem wir alle befangen sind, für den 
schwindet der Unterschied dahin, und die bisher getrennten zwei 
Dinge fließen miteinander zusammen. In Wahrheit gibt es nur das 
Eine: Gott. 

Eirenaeus schreibt: „. . . Das Feuer der Natur assimiliert alles, 
was es nährt, seiner eignen Gestalt; und dann vergeht unser 
Quecksilber oder Mcnstruum und wird verschlungen von der 
solarischcn Natur [die Seele des Menschen vergeht und wird in 
die göttliche oder Allseele aufgenommen], und alles zusammen 
macht nur einen universalen Mercur [Allscele] aus, durch innigste 
Verbindung. Und dieser Mercur ist das wesentliche Prinzip des 
Steins; denn vorher, da unser Mercur aus drei Mercuren zusam- 
mengesetzt war [nämlich als man noch Geist, Seele und Leib oder 
sonst eine Gliederung'} unterscheiden zu müssen gUubtel, hatte 

mache ich zum Pfeiler in dem Tempel meines Gottes, und soll nicht mehr 
hinausgehen; und wjll auf .hn schreiben den Mamen meines Gottes und den 
Namen des neuen Jerusalem, der Stadt meines Gottes, die vom Himmel 
hermederkommt von meinem Gott, und meinen Namen, den neuen."Tg 
auch XIX, .2 und XXI, 2. Der weiße Stein mit dem neuen Namen ist also 
.n Verbmdung m.t der neuen Erde. Wegen des Späteren ist wichtig daß 
das neue Jerusalem „als eine geschmücltte Braut bereitet" ist 

M Es i-t.-- B. .u denken an Seele Welt und Gott, oder wie sie Svetä- 
svatara-Upanisad V. genannt werden : Genießer, Genußobjekt und Antreiber. 
„7. Doch Lieder singen, daft im höchsten Brahman 
Als ew'gcm Grund enthalten jene Drciheit. 
Wer in ihr als den Kern das Brahman findet. 
Aufgeht In ihm als Ziel, wird von Geburt frei " 
Man vergleiche auch Deussen, Syst. d. Ved., S. 2,2, und Sütr. d. 
Ved., S.54iff. , Wiederholt ist von einer Verbindung der höchsten mit 
der md.vidue len Seele und wiederum von einer (durch sie bedingten) SpaU 
tung mnerhalb des Brahman die Rede, vermöge deren zwei Teile desselben 
gcgenemander abgegrenzt werden. Beides aber geschieht nur unter dem 
Oesichtspunkte der Bestimmungen (upädhi) . . . [Diese Bestimmungen be- 
ruhen auf dem Nichtwissen, nach dessen Abschüttelung die individuelle 



f*-; 



222 



III. SYNTHETISCHER TEIL 



er zwei in sich, die oberflächlich waren [indem sie einen unberech= 
tigten Gegensatz bildetenl, und das dritte nur Sol und Luna wesent= 
lieh und [noch] nicht dem Steine: denn die Natur wollte diese 
zwei daraus machen durch künstliche Kochung; wenn aber die zwei 
vollkommenen Körper aufgelöst [zum mystischen Werk bereitet] 
worden sind, werden sie mit dem Mercur, der sie auflöste, trans= 
mutiert, und dann ist kein Zwiespalt mehr darin — dann gibt es 
keinen Unterschied mehr zwischen oberflächlich und wesentlich, 
sondern alles wird wesentlich. Und dies ist die eine Materia des 
Steins; das eine Ding, welches das Subjectum aller Wunder ist. 
Wenn du dahin gekommen bist, dann sollst du nicht mehr eine 
Unterscheidung haben zwischen dem Auflösenden [Gott] und dem 
Aufgelösten [Seele] . . . und die Farbe des reifen Sulphur [die 
göttliche Natur], untrennbar damit verbunden, soll dein Wasser 
[Seele] tingieren." Eirenäus sagt, daß die beiden Wesen Sol 
und Luna von den alchcmistischen Autoren deshalb gerne mit 
zwei Bergen verglichen werden, erstens weil sie in Bergen ge= 
funden werden und zweitens wegen des Gegensatzes : „so wie die 
Berge am höchsten über dem Boden aufragen, so liegen sie am 
tiefsten unter dem Boden", und er fügt hinzu: „Der Name hat 
wenig zu sagen: nimm den Körper, welcher Gold ist [d.h. hier 
den vollendeten Menschen] und wirf ihn in Mercur, solch einen 
Mercur, welcher grundlos [unendlich] ist, das ist, dessen MittcU 
punkt er nie entdecken kann, er finde denn seinen 
eigenen." (HA p. 285 ff.) 

In Beziehung auf diese und ähnliche Aussprüche alchemisti= 
scher Meister verweist Hitchcock mit Recht auf Plotinus; 
dieser schreibt z.B. (Enn.VI,9. 9 — 10): ,^. . . Wir müssen mit 
unserem ganzen Wesen Gott umfassen, damit wir keinen Teil mehr 
in uns haben, mit dem wir nicht an Gott hangen. Da dürfen wir 
denn ihn und uns selbst schauen, wie es zu schauen frommt, uns 
selbst in strahlendem Glänze, erfüllt von geistigem Licht, oder viel= 
mehr als reines Licht selbst [man beachte diese Lichtfülle], ohne 
Schwere, leicht, Gott geworden oder vielmehr Gott seiend. Unseres 
Lebens Flamme ist dann entzündet; sinken wir aber wieder in die 
Sinnenwelt herab, so ist sie wie ausgelöscht . . . Wer sich nun 
selbst geschaut hat, wird sich dann, wenn er schaut, als einen 
solchen schauen, der einfach geworden ist, oder vielmehr, er wird 
mit sich selbst als einem solchen verbunden sein, und sich als einen 

Seele mit der höctisien identisch ist.] Die Verbindung der individuellen 
Seele mit Brahman ist in Wahrheit ein Eingehen derselben in ihr eigenes 
Selbst, und die Spaltung in Brahman ist ebensowenig real, wie die zwischen 
dem Welträume und dem Räume innerhalb des Leibes." 



2. ABSCHNITT/ DAS ZIEL DES WERKES 223 

solchen fühlen. Vielleicht darf man hierbei nicht einmal von 
Schauen reden Was aber das Geschaute anbetrifft, wenn man hier 
überhaupt das Schauende und das Geschaute voneinander unter» 
scheiden kann, und nicht vielmehr beides als eines bezeichnen 
mu(3 was freilich eine kühne Behauptung ist, so schaut eigentlich 
der behauende nicht in diesem Zustand, noch unterscheidet 
er, noch hat er die Vorstellung von zwei Dingen: Er wird 
gleichsam ein anderer, er hört auf, er selbst zu sein, er gehört sich 
nicht mehr selbst an; dort angekommen ist er aufgegangen in 
Gott und ist eins mit ihm geworden, wie ein Mittelpunkt 
der mit einem andern Mittelpunkt zusammenfällt; sind 
doch auch hier zwei zusammentreffende Dinge eins, und nur dann 
zwei, wenn sie getrennt sind. In diesem Sinne reden wir davon 
daß die Seele eine andere ist als Gott." ' 

Ich erinnere auch an die Stelle in „Amor Proximi", wo es heißt 
daß die Erde wieder in Solis punctum versetzt werden wird. Der 
Mittelpunkt der Sonne (Gott) ist in dem Zeichen zu sehen 
Man wird jetzt auch den mystischen Unterschied zwischen den 
Hieroglyphen © und O, zwischen Gold und Alaun verstehen 
Uni im MercurscZeichcn ? die vollzogene Vereinigung (aus» 
gedruckt durch +) von O und T) in dem aufgefundenen Mittel- 
punkt anzudeuten, gebraucht man auch das Zeichen ^ 

Ich nannte oben die Vedänta=Lehre, deren Übereinstimmung 
mit der alchemistischen auch Hitchcock nicht entgangen ist Sic 
vertritt energisch den Standpunkt der „Zweitlosigkeit" Die VieU 
fältigkeit ist Schein; der Unterschied zwischen der Individualscele 
und der Allsecle beruht auf einem Irrtum, den man besiegen kann. 
Das Ziel der Erlösung ist das Aufgehen in dem universellen Geiste, 
Brahman (Im N.rvana der Buddhisten liegt der gleiche Ge- 
danke.) Wer m den höchsten Geist eingegangen ist, für den gibt es 

nicht Sieht; denn für den Sehe^^d^ iTt Se t^lt^^TZ 
Sehens, weil er unvergäns ich ist- aho- « ■ * i ■ '"""='-"""5 aes 
-LI- j i>="S"i.n ist, aber es ist kern Zwc tes anfir..- 

ihm, kein andres, von hm vcrschipHono. j l "", "'^^ außer 

wi j ■ Lx ., '^"'^"^"^Sf das er sehen könnte (oa\ 

Wenn er dann nicht r echt sn ut «„ j l ■ . . '^""'"^* 1^4J 

.eh. .echt; denn fü. den' R- ctj^^t l^n^Ät Z^I 
des R,echens »e.l er unvergänglich ist; aber es ist ke n Z»ete 
außer ,hm, kern andres von ihm verschiedenes, das er rSe^ 

allei"'' ■ V tK^'' ^'''" ''» '^'"1 '''^'' " »1= Schauender 
a^n und ohne Zweiten, er . . ., dessen Welt das Brahman ist . . 

') Der Mensch im Tiefschlaf (susuptl). 



224 



III. SYNTHETISCHER TEIL 



Dieses ist sein höchstes Ziel, dieses ist sein höchstes Glüclt, dieses 
ist seine höchste Welt, dieses ist seine höchste Wonne; durch ein 
kleines Teilchen nur dieser Wonne haben ihr Leben die andern 
Kreaturen." 

Wenn ich die hermetische Lehre einerseits mit dem Vedanta, 
anderseits mit dem Sämkhya=Yoga zusammenbringe, so geschieht dies 
nicht in MiBachtung des fundamentalen theoretischen Gegensatzes 
beider — Vedanta ist monistisch, Sämkhya dualistisch — , sondern in 
Würdigung der Erlösungslehre, die ihnen gemeinsam ist. Daß der 
Mystiker in beiden Systemen den nämlichen Kern findet, zeigt die 
Bhagavad=Gitä. Für ihn ist schließlich der theoretische Untcr= 
schied Nebensache, ob, wenn er sein mystisches Ziel erreicht, die 
Materie sich als bloße Illusion auflöst oder ob sie, als eine cvvigc 
Substanz, sich als die Überwundene bloß auf Nimmerwiedersehen 
zurückzieht. Auch nach der Sämkhya= Lehre geht ja die erlöste 
Seele in ihr eigenes Wesen ein, und es hört jeder Zusammenhang 
mit Objekten der Erkenntnis auf. 

Im Yogavasistha heißt es: „So ungetrübt das Licht er= 
scheinen würde, wenn alles Beleuchtete, d. h. Raum, Erde, Äther, 
nicht existierte, derart ist der isolierte Zustand des Sehers, des 
reinen Selbstes, wenn die Dreiwelt, du und ich, kurz alles Sicht« 
bare vergangen ist. Wie der Zustand eines Spiegels ist, in den 
lediglich kein Reflex fällt, weder von einer Bildsäule noch von sonst 
etwas, — allein das Wesen (des Spiegels) an sich darstellend — , 
so ist die Isolierung des Sehers, der ohne zu schauen verharrt, 
nachdem der Wirrwarr der Erscheinungen, ich, du, die Welt usw., 
geschwunden ist." (Garbe, Särnkhya=Phil., S. 326.) 

In der Materie (prakrti) des Säinkhya=Systems wohnen die 
drei uns schon bekannten Qualitäten oder Konstituenten Rajas, 
Tamas und Sattva. Über das Wcltgctriebe erhebt sich, wer dieses 
als das Spiel der Qualitäten entlarvt. Für ihn, den „ Gegen satzenta 
rückten", hört dann das Spiel auf. Wenn eine Seele des Treibens 
der Materie überdrüssig ist und sich mit Verachtung von ihr ab^ 
wendet, so stellt die Materie ihre Tätigkeit für diese Seele ein mit 
dem Gedanken: „Ich bin erkannt"; sie hat geleistet, was zu leisten 
ihre Bestimmung war, und zieht sich von der an dem höchsten Ziele 
angelangten Seele zurück, wie eine Tänzerin aufhört zu tanzen, 
wenn sie ihre Aufgabe erfüllt hat und die Zuschauer genug haben. 
Aber in einem Punkte gleicht die Materie der Tänzerin oder Schau» 
Spielerin nicht; denn während diese auf Verlangen ihr Spiel aufs 
neue beginnt, ist die Materie „zartfühlend wie eine Frau aus guter 
Familie", die, wenn sie von einem Manne gesehen worden ist, sich 
schamhaft nicht wieder dessen Blicken aussetzt. Diesem letzten 



2. ABSCHNITT/DAS ZIEL DES WERKES 



225 



Gleichnisse kommt in den Originaltexten sehr zustatten, daß das 
Sanskrit für Seele und Mann dieselbe Bezeichnung (pums, purusa) 
hat. (Garbe, a. a. 0., S. löjf.} 

Wenn ich den gemeinsamen mystischen Gehalt von Vedanta 
und SämkhyasYoga mit der Alchemie zusammenbringe, so um= 
gehe ich die Schwierigkeit, die sonstige nbereinstimmung der hero 
metischen Philosophie mit dem einem oder anderen System zu er= 
mittein. Eine diesbezügliche Untersuchung würde wahrscheinlich 
verschieden ausfallen, je nachdem, welche hermetischen Autoren 
man vorzugsweise berücksichtigte. 

Bemerkenswert ist vielleicht, daß die Yoga=Myst!ker so wie die 
Alchemisten das Bild der Vereinigung von Sonne und Mond 
kennen. Zweierlei Atem= oder Lebensströme sollen vereinigt wer» 
den, deren einer der Sonne, der andre dem Mond entspricht. 
Auch der Ausdruck „Hathayoga" (worin hatha = gewaltsame An= 
strengung; vgl. Garbe, „Sämkhya und Yoga", S.43) wurde dera 
art interpretiert, daß Ha = Sonne, Tha = Mond, ihre Vereinigung 
= der zur Erlösung führende Yoga (vgl. Ha1:ha=Yoga=Prad., S. 1). 

Die Vereinigung der zwei Dinge, der Sonne mit dem Mond, 
der Seele mit Gott, des Schauenden mit dem Gcschauten usw. 
wird auch unter dem Bilde der Verbindung von Mann und Weib 
gelehrt. Das ist die mystische Hochzeit (Hieros Gamos) — 
ein universell verbreitetes Symbol von ganz hervorragender SteU 
lung. In der Alchemie wird der letzte Prozeß, d. i. je nach dem 
Standpunkt der Darstellung die Tingicrung oder die Unificatio, 
sehr häufig in Form einer Vermählung — etwa eines Königs mit 
einer Königin — dargestellt. Man darf diesen Endprozeß nicht mit 
dem anfänglichen Vorgang der Introversion verwechseln, der (als Auf= 
suchen des Uterus zum Zweck der Wiedergeburt) gleichfalls gern 
als sexuelle Vereinigung aufgefaßt wird. War hier das Bild des 
Coitus begreiflich, so ist jetzt, zur Darstellung der definitiven Ver» 
einigung mit dem ersehnten Gegenstande, in dem man liebend ver« 
geht, das nämliche Bild am Platze. 

Es läge nahe, die anagogische Idee der Unio mystica eben der ero= 
tischen Allegorie wegen dem Urmotiv der sexuellen Vereinigung 
(mit der Mutter) zuzuordnen, statt, wie ich es S. 168 getan, mit 
dem Wunsche, zu sterben. Mag sein, daß die erotische Urkraft 
einen Teil zur Bewältigung dieser letzten Aufgabe liefert; mag sein, 
daß alle Kräfte zusammenwirken müssen: wenn ich nun doch bei 
meiner ursprünglichen Aufstellung verharre, so geschieht dies 
darum, weil mir scheint, daß die Symbolik mehr das Aufgehen des 
Einen im Andern, als das Erreichen des Sexualzieles betont, und 
zwar oft auch dann, wenn die Unio mystica als geschlechtliche Ver= 

Sllberer, Probleme dtr Mysiik 15 



-1« 



226 



III. SYNTHETISCHER TEIL 



Einigung geschildert wird. Man vergesse nicht, wessen ich schon 
einmal gedachte, daß nämlich der Sexualgcnu^ auch als eine Art 
Vernichtung betrachtet sein will; er ist ein Zustand des Rausches 
und des Vergessens oder Vergehens. Diese Seite des Sexualvor= 
ganges ist es nun, die die Symbolik der Unio mystica vorzüglich 
betont. 

BrhadäranyakasUpanisad IV, j. zu „. . . Denn so wie 
einer, von einem geliebten Weibe umschlungen, kein Bewußtsein 
hat von dem, was außen oder innen ist, so hat auch der Geist, von 
dem erkenntnisartigen Selbste (präjhena ätmanä d.i. dem Brah= 
man) umschlungen, kein Bewußtsein von dem, was außen oder 
innen ist. Das ist die Wesensform desselben, in der er gestillten 
Verlangens, selbst sein Verlangen, ohne Verlangen ist und von 
Kummer geschieden . . ." Diese Stelle handelt vom Tiefschlaf 
(susupti), der als eine vorübergehende Vereinigung mit dem höch= 
sten Geist, also als wesensgleich mit der definitiven Unificatio an= 
gesehen wird. Der Schlaf ist der Bruder des Todes. Susupti wird 
übrigens nur als eine Vorstufe — ein deutscher Mystiker würde 
sagen : „Vorschmack" — des definitiven Aufgehens im Brahman 
aufgefaßt. 

In der Parabola erscheint die Unio mystica zwiefach dargestellt; 
einmal dadurch, daß König und Königin als ein Brautpaar be= 
trachtet werden und zweitens dadurch, daß der König, d. i. Gott, 
den Wanderer in sein Reich aufnimmt. 

Die Erlangung einer inncrn Harmonie, eines ungetrübten Frie= 
dens, ist das, was, wie mir scheint, als Charakteristikum der end= 
gültigen „Unificatio" am klarsten hervorgehoben wird — nicht 
bloß von den Indern oder von den Neuplatonikern, sondern auch 
von den christlichen Mystikern und von den Alchemisten. 

Artephius wird HA, p. 86 zitiert: „. ..This water {Wasser 
des Lebens] causes thc dead body to vcgetatc, increase and spring 
forth, and to rise from death to life, by being dissolved first and 
then sublimcd. And in doing this the body is converted into a 
spirit, and the spirit aftcrwards into a body; and then is made the 
amity, the peace, the concord, and the union of the contraries." 

Ahnlich Ripley (HA, p. 245): „This is thc highest perfect= 
ion to which any sublunary Body can be brought, by which we 
know that God is One, for God is perfection : — to which, whenever 
any creaturc arrives in its kind (according to its nature), it rejoi= 
ceth in Unity, in which therc is no division nor alterity, but peacc 
and rest without contention.' 

Der definitive Charakter des vollendeten „Steines" der Weisen 
macht es begreiflich, daß er — wie die hermetischen Meister 






2. ABSCHNITT/DAS ZIEL DES WERKES 



227 



sagen — von einem Menschen nur einmal gemacht vwird und dann 
nicht wieder. Der Stein ist eben ein unvergängliches Gut; sollte 
er aber in Verlust geraten, so war er gewiß nicht der richtige Stein. 
Ich habe nun einige Konjekturen mitzuteilen betreffend weitere 
Interpretationen der zwei und der drei Prinzipien O und D bzw. 
"T^S©. Im gro[)en ganzen wissen wir ja Bescheid. Ich trage 
nun zuerst die Bemerkung von Hitchcock nach, daß die „zwei 
Dinge" auch unter dem Aspekt des Gegensatzes: natura naturans 
und natura naturata zu betrachten sind. Man könnte ferner jenen 
2 (Mercur), der nach manchen Autoren am Anfang des Werkes 
als ein doppelter gegeben ist, intellektuell auffassen einerseits als 
die Natur, anderseits als unser Weltbild. Wir lassen ihn auf unsern 
't' (Sulphur), d.h. auf unsere Affektivität einwirken, dabei wird 
der ^ gereinigt und aufgelöst, denn er wird gezwungen, sich den 
Forderungen der Weltgesetze anzubequemen. Dabei wird aber auch 
ein frisches Weltbild hervorgebracht, denn das vorige war eben 
durch den ungeläuterten 4^ beeinflußt gewesen; unser Affekt= 
leben beeinträchtigt unser Erkennen. Das frische Weltbild oder 
den neu gewonnenen 2 bringen wir abermals mit unserem ^ zu» 
sammen, und so fort, — bis endlich nach staffelwciser Läuterung 
die Natur und unser Weltbild übereinstimmen. Dann gibt es keine 
zwei Mercure mehr, sondern bloß einen; und auch der Sulphur, 
unser vollendetes Subjekt, ist etwas Einheitliches geworden. Mun 
kann an die Vereinigung der zwei gereinigten Dinge, die in diesem 
Stadium O und ^ heißen, geschritten werden. Nun werden Sub= 
jekt und Objekt miteinander verbunden, und der Mensch geht 
wie es in Chändogya= Upanisad VIII, 17 so wundervoll gesagt 
wird, „bereiteten Selbstes in die unbcreitcte (unerschaffcne) Brah- 
manwelt ein — Brahmanwelt ein". G und D können freiUch auch 
aufgefaßt werden als die Liebe Gottes zum Menschen und die 
Liebe des Menschen zu Gott. Die verschiedenen Meister der 
Kunst sehen namhch das gleiche in verschiedener Weise, indem 
z. B. der eine mehr das Intellektuelle, der andere mehr das Emo= 
tionelle sieht. Sie beschreiben verschiedene Seiten oder Aspekte 
des nämlichen Vorganges, dem eigentlich nur solche Begriffe ge= 
recht würden, die wir gar nicht besitzen und deren beste Aus» 
drucksform Symbole sind. Das Zeichen O ist also weder = Sub=. 
jekt, noch = Liebe usw., sondern eben = ©, d.i. ein Ding, dem 
man höchstens durch eine Art Integration aller Teilbedeutungen 
beikommen könnte. — Mit Rücksicht darauf, daß ^ und 5 am 
Anfang des Prozesses auch als „Leib" und „Secl" einander gegcn= 
übergestellt werden, kann man, 4- = Leidenschaften und 5 = Er- 
kenntnis (Vernunft) setzend, das weitere so auffassen: -^ ist durch 

15* 



228 



III. SYNTHETISCHER TEIL 



einen erhöhten 5 (zum Unterschied des gemeinen 5 auch „unser" 5 
genannt) zu reinigen, also durch die höhere Erkenntnis zu läu= 
tern. Aus ^ entwickelt sich {d.h. er entpuppt sich dem Erken= 
nenden als:) 3), d. i. Maya, das Objekt, das in seiner Verschieden= 
heit vom Subjekt ein bloßer Schein ist; und aus 5 wird O, das 
Brahman oder Subjekt; und nun kann die Unio mystica erfolgen. — 
Eine andere Führung der Symbolik ist die, daß man aus dem SuU 
phur das Gold kochen läßt: aus den Affekten wird durch Läute= 
rung die Liebe (zu Gott). — Der Geist S exaltiert (erhöht) das 
Gegensatzpaar und 3 (Seele und Leib) derart, daß es schlicß= 
lieh als Subjekt und Objekt schlechthin sich gegenübersteht. (Vgl. 
HA, p. i4,f.) 

Manchmal findet man die Goldgewinnung als einen Amalga= 
mierungsprozcß beschrieben: aus der rohen Materie wird durch 
Amalgamicrung mit 2 (Quecksilber) das © herausgezogen. Das 
bedeutet natürlich das Suchen des Atman oder höchsten Geistes 
im Menschen vermittelst der Kontemplation, welche zu 5, dem 
Erkennen, gehört. 

Zur Dreiheit D 2: Das solarische Göttliche (Schaffende, 
Zeugende) im Menschen ist ■^, der mit seinem Dreieck übrigens 
die Feuernatur A zeigt; das in der Körpernatur Befangene, das 
Erdige, ist 0, das Salz, das auch kubisch, wie das Erdelemcnt 
gezeichnet wird. Die beiden können genannt werden Anima 
und D Corpus. Der himmlische Bote nun, der für den Gegensatz 
wie ein Mittler erscheint, ist das Gewissen $, welches von Gott, 
dem eigentlichen 0, seinen beständigen Zufluß hat und daher ein 
göttlicher Spiritus ist. Wir haben also die Trias: Spiritus, Anima, 
Corpus (5 0D); oder, weil der 5 als Mittler anzusehen ist: 
O $ ])■ Die Dazwischenkunft des 5 bewirkt die schon vorhin 
erwähnte Exaltation von und D oder von ^ und £ (Rohform) 
zu und D. 

Bei der Schwierigkeit des mystischen VX^erkes, das eine schier 
übermenschliche Aufgabe zu lösen unternimmt, ist es nicht vers 
wunderlich, daß es nicht auf einen Anlauf vollendet werden kann, 
sondern seine Zeit braucht. Es ist große Ausdauer erforderlich. 
„In dem Leben des Mystikers wechseln die Zustände der Liebe 
und Begeisterung für Gott mit denen der seelischen Verlassenheit 
und Dürre ab." (Horten, Myst. T., S. 9.) 

Arabi singt in seiner Ode vom Göttlicherwerden des Mcn= 
sehen: (1) „O du alter Tempel! Ein Licht ist für dich (euch) auf= 
gegangen, das in unseren Herzen glänzt. (2) Bei dir beklage ich 
mich über die Wüsten, die ich durchschritt, und in denen ich un= 
gehemmte Ströme von Thräncn vergossen habe. (5) Weder mor= 



2. ABSCHNITT /DAS ZIEL DES WERKES 229 

gens noch abends erfreute ich mich der Rast. Von der lVlorgen= 
bis zur Abendzeit setzte ich ununterbrochen meinen Weg fort. 
(4) Die Kamele setzen ihren Marsch bei Nacht fort, auch wenn sie 
ihre Füße wund gelaufen haben, ja sie beschleunigen den Schritt 
noch dazu. (5) Diese (gewaltigen) Reitkamele trugen uns zu euch 
(wohl: Gott) hin mit heftigem Verlangen, obwohl sie nicht hofften, 
das Ziel erreichen zu können . . ." Die Reitkamele bedeuten das 
ausdauernde Verlangen des Mysten nach Gott. „Dasselbe sucht und 
strebt ununterbrochen, obwohl seine Kräfte durch die Schwierige 
kciten des Suchens erschöpft sind." (Horten, a. a. O., S. i6f.) 

Viele Stufen oder Stationen sind auf dem beschwerlichen Wege 
zu durchlaufen, doch der Eifer soll in allen Lagen stets gleich 
bleiben')- Zumeist werden sieben solcher Stufen unterschieden. 
So hat z.B. bei Khunrath die Burg der Pallas 7 Stufen. Para» 
celsus (De Natura Rcrum Vll) gibt, einem beliebten Gebrauch 
folgend, 7 Operationen des Werkes an: „...ist nuhn auch hoch 
von nöthen zuwissen, die Gradus vnnd Staffeln zur Transmutation, 
und wie viel derselbigen seycn. So sind nuh solcher Gradus nicht 
mehr, als sieben. Wiewol etliche noch mehr zehlen, so soll es aber 
nicht seyn: Dan der fürncmbstcn Grad sind sieben: Die andern 
aber die auch für Gradus möchten gezehlet werden vnder den andern 
begriffen, vnd das sind diese: Caiciniercn, [Sublimierenl, Soluiren, 
Putrificiren, Distilliren, Coaguliren, und Tingiren. Welcher nuhn 
diese 7. Stafflen vnd Stiegen geht, der kommet an ein solches wun= 
dcrbarlichs orth, da er viel heimligkeit sihct vnd erfahrt in der 
Transmutation aller natürlichen dingen . . ." Im „Rosarium" des 
lohannes Daustenius (Gap. XVII) erfahren die 7 Stufen diese 
Darstellung: „...Und alfidann ist das Corpus [i] eine Ursache, 
daß das Wasser behalten werde. Das Wasser [z] ist eine Ursache, 
das Oehl zu bewahren, dass es über dem Feuer nicht angezündet 
werde, und das Oehl [3] ist die Ursache die Tinctur zu halten, und 
die Tinctur [4] ist eine Ursache, daß die Farben erscheinen, und die 
Farbe [5] ist eine Ursache zu zeigen die Weisse, und die Weisse [6] 
ist eine Ursache alles Flüchtige [7] zu halten, daß es nicht mehr 
flüchtig sey." Auf das gleiche kommt es hinaus, wenn Bonaven = 
tura „Septem gradus contemplationis", David von Augsburg 
(XIII. Jahrhundert) „sibcnstapheln des gebetes" schildert. Boeh me 
kennt 7 Qucllgeister, die eine gewisse Stufenfolge ausmachen, und 
im Yoga finden wir auch 7 Stufen, die im „Yoga-Väsistha" be= 
schrieben werden (vgl. Hath. Prad., p. zf.). Es kann leicht sein, 
daß das Dominieren der Siebenzahl auf den naturwissenschaftlichen 

^) Die Vorstellung der Himmelsleiter, der Stufen usw. ist in Kulten 
überaus verbreitet. 



230 11!. SYNTHETISCHER TEIL 

Einschlag der Lehren zurückzuführen ist {7 Planeten, 7 Metalle, 
7 Töne der diatonischen Scala usw.), doch kann es schließlich auch 
in einer tatsächlichen Übereinstimmung der menschlichen Psyche 
mit der Natur beruhen — wer kann das entscheiden? Am deuts 
liebsten ist der Zusammenhang der 7 Entwicklungsstufen mit dem 
naturmythologischen Einschlag in der alchemistischen Theorie der 
„Rotationen". Zur Vollkommenheit des Steins werden von man« 
eben Autoren Rotationen, d. h. Kreisläufe verlangt, bei denen die 
Matcria (also die Seele) die Sphären aller Planeten durchlaufe; sie 
müsse nacheinander die Herrschaft (das „Regiment") aller 7 Pla= 
ncten ertragen. Das ist mit jenen neuplatonisch=gnostischen Vor= 
Stellungen verwandt, nach denen die Seele auf dem Wege {Anodos) 
in ihre himmlische Heimat bzw. nach ihrem himmlischen Ziel alle 
Planetensphärcn und den Tierkreis passieren muß. Vgl. Bousset, 
Hauptpr. d. Gn., S. 11 und 321; eine überaus plastische Dar» 
Stellung gerade dieses Themas sehe ich übrigens bei dem guten 
alten Mosheim, Ketzergesch ., S. 89ff. Auch im Erdenleben 
durchläuft der Mensch, wenn es voll ausgefüllt sein soll, nach der 
Vorstellung alter Mysterienlehre die Herrschaft der 7 Planeten. 

Der anagogische Sinn der Rotation kann der eines Sammeins 
aller vorhandenen (in der Anzahl sieben gedachten) Kräfte sein, 
um schließlich als Ganzes in Gott aufzugehen. 

Wichtiger, oder wenigstens leichter faßlich, erscheint mir die 
aus dem Lauf des mystischen Werkes notwendig sich ergebende 
Dreiteilung in die Hauptphasen: Schwärze, Weiße und Röthe. 
Die Schwärze entspricht der Introversion und dem (ersten) my= 
stischen Tod, die Weiße der „neuen Erde", der Freiheit oder der 
„Unschuld", die Röte der Liebe, die das Werk zu seinem Ende 
bringt. Diese hauptsächliche Beziehung hindert nicht, daß 
die Symbole von den alchemistischen Autoren oft durchein= 
andergeworfen werden, was auch ausdrücklich zugegeben wird. 
Zwischen den Hauptfarben gibt es Übergänge, allerlei Farbenspiel; 
insbesondere scheint der sogenannte „Pfauenschwanz", der vor der 
stabilen Weiße eintritt, die für das Stadium der Introversion chas 
rakteristische Buntheit visionärer Erlebnisse anzudeuten. 

Wenn ich als Ziel des Werkes die Herstellung des vollkommen 
harmonischen Seelenzustandes in den Mittelpunkt des Blickfeldes 
rücke, so könnte man sich über die drei Hauptfarben auch so äußern : 
Der paradiesische Zustand bedingt absolute Konfliktlosigkcit. Zu 
dieser kann man nur gelangen, wenn man vorher das, was in Ver= 
bindung mit der Außenwelt die Konflikte erzeugt, von der Außen= 
weit gänzlich abzieht, so daß dieser gegenüber ein vollkommenes 
Desinteressement stattfindet. Das Desinteressement ist die Schwärze. 



2. ABSCHNITT/ DAS ZIEL DES WERKES 231 

Die Konfliktlosigkcit (Unschuld) in dem jetzt neu beginnenden Leben 
ist die Weiße. Vorher, bei der Zerlegung (Fäulung) der Materie 
war ein Bestandteil beiseitegetan und aufgehoben worden. Das ist 
die frei gewordene Libido (Liebe). Sie wird jetzt nach und nach 
der weißen Materie, die trocken (durstig ohne Durst) ist, zugesetzt; 
in den weißen Boden gesäet. So wird jetzt das Leben konfliktlos 
mit Liebe durchtränkt: Rötc. Diese so erreichte wahre Röte 
ist bleibend, weil sie aus den Wurzeln des innersten Gemütes 
heraus') geschaffen wurde, die keiner Usur unterliegen. 

Der mystische Vorgang kann in verschiedenen Intensitäts- 
graden erlebt werden; der geringste Grad ist: als Programm mit 
dem bloßen Erfolg einer Anciferung; der höchste Grad ist: als 
definitive Umwandlung der Psyche. Wenn dieses Ziel im Leben 
erreicht wird, hat man den „irdischen Stein" dargestellt. Dagegen 
gehört der „himmlische Stein" unter die eschatologischen Begriffe; 
die himmlische Tinktur ist die Apokatastasis. 

Eine interessante Frage ist, ob nicht die Austragung von Kon= 
flikten, mit Umgehung der Austragung in der Außenwelt, durch 
Kämpfen mit Symbolen (Personifikationen) und in Symbolen 
innerlich bewerkstelligt werden kann, was vielleicht eine Abkürzung 
des Verfahrens bedeutet. Theoretisch ist dies nicht unmöglich, 
denn die Konflikte liegen ja nicht in der Außenwelt, sondern in 
unserer emotionellen Einstellung zu ihr; wenn wir durch eine 
innere Entwickelung diese Einstellung verändern, so erhält die 
Außenwelt einen anderen Wert für die Libido. 

„Die Projektion auf das , Kosmische' ist das uralte Vorrecht 
der Libido, denn sie tritt schon natürlicherweise durch alle Sinnes- 
pforten anscheinend von außen in unsere Wahrnehmung ein, und 
zwar in Form der Lust= und Unlusttöne der Wahrnehmung, die 
wir bekanntlich ohne weitere Überlegung dem Objekt attribuieren, 
und deren Ursachen wir, trotz philosophischer Überlegung, stets 
im Objekt aufzusuchen geneigt sind, während das Objekt oft ver- 
zweifelt wenig daran schuld ist." (Jung im jb. ps. F. 111., S, 222; 
dazu ist zu vergleichen der Freudschc öbcrtragungsbegriff und 
Ferenczis Aufsatz über „Introjcktion und Übertragung" im Jb. 
ps. F. L, S. 42z.) Jung macht aufmerksam auf die so häufig in 
Liebesdichtungen geschilderte unmittelbare Libidoprojektion wie 
in diesem Beispiel aus der Edda (H. Gering): 

„In Gymirs Gehöft gehen sah ich 
Mir liebe Maid; 

Vom Glanz ihrer Arme erglühte der Himmel 
Und all das ewige Meer." 

^) Zum Unterschied von bloßer Belehrung. 



232 



m. SYNTHETISCHER TEIL 



Der Mystiker sucht die Konflikte, die er beseitigen will, dort 
auf, wo sie in der Tat sind: im Menschen. Mit dieser theoretischen 
Erwägung wird auch der mögliche Einwand gegen alle Mystik ab= 
gewiesen, daß diese wertlos sei, well sie auf bloß eingebildeten Er= 
lebnissen, auf Schwärmerei beruhe. Dieser gewiß nicht zu übers 
sehende Einwand trifft indes nicht die Mystik — die eine fak= 
tische ethische Arbeit von bleibendem Wert leistet — sondern 
den anderen von der Introversion ausgehenden Pfad, die Zauberei 
(um vom leiblichen und geistigen Selbstmord abzusehen). Das 
wird auch allegorisch ganz hübsch damit ausgedrückt, daß das 
Gold, das man sich durch Zauberei verschafft, der Sage nach zer= 
rinnt oder sich in Dreck verwandelt (d. h.: die eingebildeten Werte 
zerfließen vor der Wirklichkeit), während „unser" alchemistiscbes 
Gold ein unvergängliches Gut ist. Auch die Yoga=Lehre bezeichnet 
die Siddhi (diese eingebildeten Wunder, an die der Schwärmer sich 
verliert) als vergänglich, nur die Erlösung, d. h. das cigentUche 
mystische Ziel, ist unvergänglich. 

Was den metaphysischen Gehalt der mystischen Lehre anbe= 
langt, möchte ich feststellen, daß die psychanalytische Entlarvung 
der treibenden Kräfte seiner Bewertung nicht präjudizieren kann. 
Ich traue mich an diese Bewertung nicht im mindesten heran und 
muß ebendeshalb, um sie als eine gesonderte philosophische Auf= 
gäbe herauszuheben, nachdrücklich betonen: wenn die Psych= 
analyse auch begreiflich macht, daß wir Menschen, von diesen und 
jenen „titanischen" Urkräften getrieben, auf die und jene Idee vers 
fallen mußten; wenn also damit aufgeklärt wird, was uns die Idee 
finden ließ: so ist über den Erkenntniswert des Gefundenen noch 
nichts ausgemacht. 

Eine Kritik des metaphysischen Gehaltes der Lehre aus psych = 
analytischen Funden allein herleiten zu wollen, liegt mir um so 
ferner, als ich ja sogar zum bloßen psychologischen Verständnis 
der mystischen Symbolik schon eine Synthese zu fordern mich 
veranlaßt sah, eine Synthese, die ich in dem vorliegenden III. Teil 
meiner Arbeit schlecht und recht anzubahnen versucht habe. 



3. ABSCHNITT/ KÖNIGLICHE KUNST 

Es wurde oben erwähnt, daß das Vollendungswerk des Menschen 
in verschiedenen Intensitätsgraden erlebt werden kann, lntensitäts= 
graden, die vom vollgültigen Erleben bis zum bloßen Anempfinden 
ohne deutliches Erfassen herabgehen können. Die psychischen 
Typen, an denen sich dieses Erleben vollzieht, sind dabei die gleichen. 



v-.-nja.^^-.i-.'3 



T 



3- ABSCHNITT/ KÖNIGLICHE KUNST 233 

Dieselben typischen Reihen von Symbolen, welche der Mysti« 
ker') als funktionalen Ausdruck seiner inneren Umwandlung her» 
vorbringt, kann man sich als ein Lehrmittel ange>x'endct denken, 
um die gleichen Regungen in anderen Menschen zu wecken. In 
den Symbolreihen sind mehr oder weniger deutlich die schon viel» 
besprochncn Elementartypen enthalten; sie lassen, da sie allen 
Menschen gemeinsam sind, die gleichen Saiten in allen Menschen 
mitklingen. Die Symbolik ist ebendeshalb die universellste Sprache, 
die sich denken Iä[>t. Sie ist auch die einzige Sprache, die den vera 
schiedenen Intensitätsgraden sowie den verschiedenen Stufen der 
Verinnerlichung des Erlebens gerecht wird, ohne deshalb verschie- 
dener Ausdrucksmittel zu bedürfen; denn, was sie enthält und wo« 
mit sie wirkt, das sind die Elementartypen ^) selbst, die, wie wir gea 
sehen haben, ein Bleibendes im Wechsel darstellen. Dieselbe Reihe 
von Symbolen wird also dem Neophyten ebenso nützlich sein wie 
dem der Vollendung Nahestehenden; jeglicher wird das ihm Zu- 
kommende in den Symbolen finden; und, was noch besonders zu 
betonen ist, der Einzelne wird bei jedem geistigen Fortschritt, den 
er macht, aus den ihm schon bekannten Symbolreihen immer wieder 
Neues herauszulesen, also zu lernen vermögen. Freilich urständet 
diese neue Offenbarung in ihm selbst; aber es entsteht für das un» 
kritische Gemüt (mythologische Stufe) der Schein, als wären die 
Symbole (z. B. die der heiligen Schrift) mit einer Wunderkraft be= 
gabt, die eine göttliche Offenbarung vermittelt^). Auf einem ähno 
liehen Schein beruht es, wenn z. B. lamblichos Dämonen zwi- 
schen Götter und Menschen setzt, welche diesen die unfaljbaren 
Äußerungen der Götter faßlich machen: die Dämonen sind, meint 
er, Diener der Götter und führen ihren Willen aus; sie machen für 
die Menschen das Unsichtbare und Unaussprechliche der Götter 
darstellbar in Werken und Worten; das Formlose gestalten sie in 
Formen, und das alle Begriffe übersteigende offenbaren sie in Bc= 
griffen. Sie empfangen alles Gute, dessen sie teilhaftig oder ihrer 
Natur nach fähig sind, von den Göttern und teilen es wieder den 
unter ihnen stehenden Geschlechtern mit. 

Ich sagte vorhin; jeder wird in den Symbolen das ihm Zu= 
kommende finden, und betonte die grofje Konstanz der im Un= 
bewußten festgewurzelten Typen, welche diesen universellen Wert 



*) Ich mache einen gewissen Unterschied zwischen Mystes und Mysti» 
Iter. Der letztere ist ein Mystes, der das, was er edebt, in eine Lehre vcr« 
arbeitet. 

*) Oder Symbole, welche diesen so adäquat wie möglich sind. 

*) Vgl. den Begriff der „Hcrabkunft des Symbols" in meiner Arbeit: 
Phant. u. Myth. 



234 



in. SYNTHETISCHER TEIL 



verleihen. Das Göttliche offenbart sich „nur objektiv verschieden 
nach der Beschaffenheit des Gefäßes, auf dem es auffällt, diesem 
so, jenem anders; dem reichen Dichtergenie offenbart es sich vor= 
waltend in der Tätigkeit seiner Phantasie; dem philosophischen 
Verstände als Schema eines harmonischen Systems; dem Froma 
men senkt es sich in die Tiefe seines Gemüthes, und den starken 
werkthätigen Willen erhebt es als eine heilige Macht. Und so ^wird 
auch das Göttliche von jedem Andern anders verehrt . . ." {Enne= 
moser, Gesch. d. M., S. 109.) „Das geistige Element des von 
den Vätern überkommenen Erbteiles wirkt typisch in dem einmal 
fixierten Styl mächtig fort . . . Auf dem dunklen Grunde der Seele 
stehen . . . gleichsam die magischen Charaktere in bestimmten Ty= 
pen fest, und es bedarf nur irgend eines innern oder äußern An= 
Stoßes^), daß sie aufleuchten und beweglich werden." (Ibidem, 
pag. 274.) „Das Unbewußte ist in unendhch viel höherem Grade 
allen Menschen gemeinsam als die Inhalte des individuellen Bewußt= 
seins; denn es ist die Verdichtung des historisch Durchschnitts 
liehen und Häufigen." (Jung, ]b. ps. F. 111, S. löpf.) 

Wer die belehrende Symbolreihe auf sich wirken läßt — ob er 
nun die darin vorgebildeten ethischen Wandlungen bloß dunkel 
anempfindet oder ob er sie deutlicher wahrnimmt oder ob er sie 
gar in sich vollgültig vollzieht — : er wird auf alle Fälle für die ehr= 
liehe Bemühung in ethischer Richtung ein befriedigendes Gefühl 
der Läuterung genießen können. Das soeben erwähnte dunkle An= 
empfinden (vielleicht der häufigste Fall) schließt das Vorhanden« 
sein sehr deutlicher Vorstellungen im Bewußtsein nicht aus; der 
Betreffende hält dann häufig genug diese seine Vorstellungen, ob= 
gleich sie nur Hüllen sind vor dem absoluten Ideal, für den letzten, 
einzigen Sinn des Symboles; eine Stufe der Deutung für die abso= 
lute Deutung. Jeder nähert sich dem Ideal, wie er kann; dem abso= 
luten Ideal durch seine ephemeren, aber greifbarem Ideale. Das 
Höchste Wesen spricht in der unerschöpflichen Bhagavad = Gitä: 

„Mehr Mühsal aber haben sie, die sich dem Unsichtbaren weihn; 
Von Körperwesen wird nur schwer das unsichtbare Ziel erreicht." 

(XII, 5-) 
„,Gott ist das AU' ! — schwer findet sich ein Edler, welcher das erkennt. 
Die, denen Gier das Wissen raubt, die gehn zu andern Göttern hin. 
Halten an manche Regel sich, — sie lenkt die eigene Natur. 
Und welche Gottheit Einer auch im Glauben zu verehren strebt, — 
Ich sehe seinen Glauben an und weis' ihm zu den rechten Platz. 
Wenn er in festem Glauben strebt nach seiner Gottheit Huld und Gnad', 
Dann wird zu Teil ihm, was er wünscht, denn gern wend' ich ihm Gutes zu. 

^) Z. B. durch kultisctie Handlungen. , 



, 5. ABSCHNITT/KÖNIGLICHE KUNST 235 

Doch bleibt beschränkt nur der Erfolg bei denen, die beschränkten 

Sinns: 
Die Götter findet, wer sie ehrt! wer mich verehrt, gelangt zu mir'" 

(VII. 19-25.) 

Wenn ich vorhin die belehrende Symbolrcihe von einem Mysti= 
ker stammen ließ, sollte das nicht heilen, daß es gerade so sein müsse. 
Ich hob diesen Fall unter möglichen Fallen nur deshalb hervor, weil 
der Mystiker derjenige ist, der das ethische Rcinigungswerk am in= 
tcnsivsten und unter solchen Bedingungen durchmacht, welche der 
Entstehung einer suggestiven (an den charakteristischen Typen be= 
sonders reichen) Symbolreihe am günstigsten sind. Man denke an 
Religionsstiftcr. (Es müssen nicht immer Einzelpersonen sein. 
Schulen. Mythos.) Es gibt noch andere als blo|3 religiös begeisterte 
Naturen, die zur Hervorbringung von suggestiven Bilderreihen mit 
anagogischcm Gehalt hervorragend begabt sind: die Künstler. Mir 
ahnt, es müßte sich zeigen lassen, daß die läuternde (kathartische) 
Wirkung eines Kunstwerkes um so größer sein wird, je kräftiger 
die anagogische Symbolik (bzw. die sie tragende Typengruppe) 
darin ausgebildet ist, oder, mit anderen Worten : je mehr sich darin 
die Tendenz zur Erweiterung der Persönlichkeit ausdrückt. Diese 
Tendenz, der die Motive von der Vernichtung des Eigenwillens 
(Vaterfigur), von der mit Opfern verbundenen Liebe { Inzestmotiv, 
Wiedergeburt), von der Hingabe an das Ideal (Todessehnsucht) usw. 
angehören, manifestiert sich beim Künstler wie beim andächtigen 
Betrachter des Kunstwerks schon in seiner Hingabe an dieses; das 
Aufgehen im Kunstwerk erscheint mir sowohl mit der Introversion 
als mit der Unio mystica wesensverwandt. 

Von den Erzeugnissen der mythenbiidenden Phantasie und 
ihrem anagogischen Gehalt ist bereits gesprochen worden. In der 
Alchcmie, zu der ich nun zurück will, begegnen einander die my= 
thischen und die individuellen Gebilde auf das lebendigste, ohne 
einander zu stören, 

Angesichts der hohen ethischen Aspirationen der Alchemie be= 
greift man, daß sie jene Attribute einer „königlichen Kunst", die 
sie zuerst bloß als Goldgewinnung und Magic gehabt zu haben 
scheint, auch als mystische Kunst beibehielt. In der Tat: welche 
Kunst dürfte wohl den königlichen Titel mit mehr Recht tragen als 
die der Vervollkommnung des Menschen? jene Kunst, die Unfreie 
in Freie, Sklaven in Herrscher verwandelt? Der Befreiung des 
Willens im mystischen (und in jedem ethischen) Prozeß wurde 
schon hinreichend gedacht, daß ich glauben kann, verständlich zu 
sein. Und die Herrschermacht, die oft als ein magischer Erfolg des 
Steins der Weisen gepriesen wird, liegt in der Übereinstimmung 



236 III. SYNTHETISCHER TEIL 

des indiviauellcn Willens mit dem Weltwillcn oder mit demjenigen 
Gottes. In der neuen Geburt — so ungefähr spricht es JaneLeade 
aus — erlangen wir eine magische Kraft; dies geschieht „durch 
den Glauben, d. h. durch die Übereinstimmung unseres NX^illens 
mit dem göttlichen Willen. Denn der Glaube unterwirft uns die 
Welt, insofern die Übereinstimmung unseres Willens mit dem gött= 
liehen zur Folge hat, dag alles . . . unser ist oder uns gehorchen 
muß . . . Der Wille der Seele, wo er ganz mit dem göttlichen über= 
einstimmt, ist kein nackter Wille mehr, der seines Kleids, der 
Kraft, ermangelt, sondern führt eine unüberwindliche Allmacht 

mit sich." 

Auch heute gibt es eine königliche Kunst. Die Freimaurerei 
trägt diesen "Namen. Nicht bloß der Name, auch ihr ethisches 
Ideal knüpft sie an den Geist der alten Alchemie"). Die Behaup= 
tung wird vielleicht auf Widerspruch stoßen und dieselbe Ab= 
lehnung erfahren wie einst die Ideen von Kernning (]. Krebs), 
obgleich ich auf anderem Boden ^u stehen glaube als dieser poetisch 
denkende, aber auch in meinen Augen allzu unkritische Autor. Man 
behalte die im 1. Teil, 4. Abschnitt erwähnten historischen Be= 
Ziehungen wohl im Auge und vergesse ferner nicht die psycho= 
logischen Grundlagen der heute eingeschlagenen Betrachtungsweise. 

Und nun lasse man die folgenden Schilderungen von Jane 
Lcadc^) an sich vorüberziehen, die ich mit ein paar begleitenden 
Worten hersetze, und nehme sie als ein Beispiel von der schönen 
Geistesgemeinschaft ernster ffermetik mit der neueren könighchen 
Kunst. Schlüsse mag der Leser selbst ziehen. Die Stellen sind aus 
Leades „Gartcn=Brunn" (LGB) genommen. Hinweise auf Wirth 
beziehen sich auf dieses modernen Autors „Symbolisme Hermeti= 
que" (WSH). 

Der Mystikerin, die in tiefe Gedanken versunken ist über den edlen 
Stein der göttlichen Weisheit, erscheint die Sophia (Weisheit), worüber 

^) Wollte ich die ethischen Aufgaben beider mit allgemein g'ehaltnen 
Worten zu vergleichen anfangen, so liefe ich Gefahr, das Sclbstvcrständ= 
liehe zur Plattheit breitzutreten. Robert Fischer charakterisiert die Frci= 
maurcrei als „einen Bund von Männern, welche sich die schwere Aufgabe 
eines weisen Lebens gestellt haben und an dem schwierigsten Werke der 
Selbsterkenntnis, Selbstbeherrschung und Selbstveredelung arbeiten, an 
einem Werke, das in diesem Leben nicht endet, sondern durch den Tod 
uns erst den Übergang bereitet zu der Stufe, wo die wahrhafte Vollendung 
ihren Anfang nimmt". Diese schönen schlichten Worte könnten ebensogut 
in einer alchcmistischcn Abhandlung vom irdischen und himmlischen Steine 
der Weisheit stehen. Diese Bemerkung mag genügen. 

2) Englische Mystikerin des XVII. Jahrhunderts. Sie gehörte der von 
Pordage gegründeten philadelphischen Gemeinde an. 



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3- ABSCHNITT/KÖNIGLICHE KUNST 237 

sie erschrickt. „Alsbald aber kam diese Stimme und sagte: Sihe ich bin 
Gottes ewige Jungfrau der Weißheit, die du gesucht hast! Ich bin nun 
zugegen, dir die Schätze der tiefsten Weißheit Gottes zu entsiegeln, 
und dir eben das, was Rebecca ihrem Sohne Jacob war, nemlich eine 
wahre, natürliche Mutter zu seyn : denn aus meinem Leibe und Behr= 
mutter sollst du, auf Art eines Geistes, ausgeboren, empfangen und 
wiedergeboren werden." (LGB 1., S. 14) Leade ist hocherfreut 
darüber, daß der „Morgenstern aus der Höhe" sie besucht hat, und 
sondert sich ab für die folgenden Tage, um die weitere Entwicklung 
zu erwarten. Sie hat noch mehrere Gesichte von der gekrönten 
himmlischen Königin und wird gefragt, ob sie den Willen hätte, 
unter die himmhsche Gesellschaft aufgenommen zu werden. Sie 
gibt den festen, aufopfernden Willen kund, und fortan spricht die 
Weisheit zu ihr als eine innere Erleuchtung. (LGB I., S. i^i.) 

[Die Zurückgezogenheit ist die Vorbedingung der Introversion und 
des In=Sich=Gehens überhaupt. Der aufzunehmende Profane ist, alchc= 
mistisch gesprochen, das Subjectum, an dem der Läuterungsprozeß 
vollzogen werden soll. Die Alchemisten tun das Subjectum in ein enges 
Gefäß, das es von der Außenweit hermetisch abschließt; dort wird es, ' 

wie in einem Grab, der Putrefaktion unterzogen. Die Introversion 
führt in die Tiefe des eignen Herzens. „Wo wurden Sie . . .? — In 
meinem Herzen (oder Innern)." — ,,Wo hernach? — In einem Z. n. d. 

Loge." — „Was hat Sie bewogen . . .? — Mein eigener, freier und un= ^ : 

gezwungener Wille." Man läßt den Profanen im Hinblick auf seinen 't 

großen Entschluß sehr ernstlich mit sich zu Rate gehen. — „Warum 
sind Sie . . .? — Weil ich im Finstern war und das Licht wünschte." — 
Der Todessymbole in der seh. K. wird später zu gedenken sein. — Ich y 

kann natürlich nur auf einige wenige der Analogien eingehen. Kundigen 
Auges wird der Leser die Parallele außerordentlich vervollständigen 
können.] 

Jane Leade sucht im Geiste nach dem Schlüssel, der den Ein- 
gang in das große Geheimnis, das tief in ihr verborgen liegt, eröffnen 
könnte. Ihre Mühe, in die heilige Stadt zu gelangen, ist groß, doch an= 
fangs erfolglos^). Sic umwandert die Stadt^) und findet keinen 
Zutritt. Sie besorgt schon, sie müßte, in Ermanglung des wunderbaren 
Schlüssels, nun alle ihre Tage im Finstern tappen und doch das Tor 
nimmer finden. „Indem ich nun über diesem allen mit Furcht und Enta 
setzen^) befangen in ein tieffes Schweigen und Stille gesetzt ward, 
offenbarte sich mir das Wort der Weißheit selbsten und sagte : O du tieff= 



^) Man wird nicht ohne weiteres zugelassen. 

*) Weg nach der Loge. — „Warum hat man Sie nicht den nächsten Weg 
zur Loge geführt? — Um mir die Schwierigkeiten und Beschwerden zu cr= 
kennen zu geben, welche nnan erst überwinden muß, bevor man den Weg 
der Tugend findet." 

^) Symbole und Vorgänge in der seh. K.; Rolle des „fürchtcrl. Br."; 
sie ist psychologisch gar wohl begründet, was ich im Gegensatze zu Fischer, 
Kat. Erl. I, zu Frage 7 betonen möchte. 



1 



Y 
B 



238 ni. SYNTHETISCHER TEIL 

forschender Geist! verwundere dich nicht, daß du deiner Hoffnung so 
lange Zeit über nicht bist gewähret worden! . . . Du hast mit manchen 
andern bisher in einem grossen Irrthum gesteckt: jedoch dieweil du 
deine Unwissenheit erkennest und beklagest, wil ich dir bekand machen, 
was es für ein Schlüssel seyn müsse . . . Und ob dieser wunderbare 
Schlüssel wol der Weißheit . . . freyc Gabe ist; so wil er dir doch, o du 
suchender Geist! dafern du ihn einst erlangest, sehr hoch zu stehen 
kommen. Nichts destowcniger gehet Sie [die Weisheit] umher und 
suchet solche, die Ihro werth sind^), daß Sie sich denen innerhalb 
denMauren ihrer Gemüther zeige, und in allem und jedem ihrer Gedancken 
begegne, die auf ihre Gesetze und Rath^) warten: und bringt ein König= 
reich mit Ihr [mit sich], welches wol werth seyn wil, daß du um des= 
selben willen alles vcrkauff es t^}. Das gröste undfürnehmsteMeistere 
stück aber, sagt die Weißheit, bestehet nun darinne, wie du deinen 
Geist in Zucht und Unterricht halten, und ihn zu einem ge= 
schickten Artisten oder Künstler machen sollest, ihmc Erkändnus zu 
geben, von was Materie, so wohl auch in was Zahl, Gewicht und 
Maasse*), dieser reine Schlüssel zu machen sey: welche [Materie] 
die pure lautere Gottheit in der Zahl DREY ist, die in Warheit 
gar wichtig; angesehen sie eine über alle maaß wichtige Glorie und Herra 
ligkeit ist, die in einem Zirckcl der Himmel innerhalb des Menschen 
Hertzen^) sitzet, und mit der Schnure^) Ihrer Macht den Tempel 

*) Ricn ne sc faisant avec rien, le point de depart de l'wuvre philos 
sophiquc, c'cst la decouverte et le choiK du sujet. La matiere ä mettrc cn 
osuvre, discnt ies Alchimistes, est fort commune et se rencontre partout; 
il ne s'agit que de savoir la distinguer, et c'est en cela que consiste toute la 
diffjculte. Nous en faisons continuellemcnt i'cxperience cn Maconnerie, 
car nous initions trop souvent des profanes que nous aurions dii rejetcr si 
nous avions et6 suffisamment perspicaces. Tout bois n'est pas bon pour 
faire un Mercure. L'ceuvre ne pcut reussir, que si l'on est parvcnu ä trouver 
le sujet convenable; aussi la Magonnerie multiplie=tseUe Ies enquetes avant 
d'admettre un candidat aux epreuves. (WSH p. 87.) 

*) Gehorsam der Lehrlinge. Es handelt sich um Gesetze der Weisheit. 

^) Ablcgung alles Metalls. — Der neu aufgenommene Br. soll „durch 
seine Entkleidung (die gleichfalls hierher gehört) symbolisch den Menschen 
darstellen, wie er aus der Hand der Natur kommt, und uns selbst zugleich 
daran erinnern, daß der Frmr, um der Erfüllung seiner Pflicht (vgl. obige 
Anm. 2) stets eingedenk zu bleiben, sich aller zufälligen Äußerlichkeiten 
müsse entledigen können," ~ Siehe rückwärts die Anmerkung H. 

*) Meßkunst, Geometrie. 

'•) Die Verbindung von Zirkel (zweideutig) und Herz ist interessant. 
Bekanntlich wird der Z. auf die bl. I. B. gesetzt. In dem alten englischen 
Ritual wird die Berührung mit dem spitzen Werkzeug (Schwert o. dgl.) 
begründet: „Weil die 1. B. die nächste am Herzen ist, damit dieß umsomehr 
ein Stich (a prick) in mein Gewissen sein mochte, sowie es damals meine Haut 

stichelte." 

■) Die Schnur in Verbindung mit dem Tempel: das „Verbmdungss 
band" auf dem Tapis; eine Abbildung von der Vorhangschnur im Tempel 
Salomonis im Allerheiligsten. „Gleichwie dieses Band den Vorhang hielt 



TF 



7. ABSCHNITT/KÖNIGLICHE KUNST 239 

und innern Hof mit denen, die darinnen anbeten, abmisst^). Dieses 
ist der Weisheit Schlüssel, welcher machen wird, daß unsre Hände von 
heblich= und wolricchendcn Myrrhen an den KHnckcn ihres Schlosses 
trieffen. [Hohelied V, y.] Als ich nun Ihr geheim Thor mit diesem 
Schlüssel öffnete, sanck meine Seele in mir in eine Ohnmacht, und ich 
behielt keine Krafft in mir, meine Sonne der Vernunft und der Mond 
meiner äußern Sinnen wurden zusammengerollt und entwichen. Ich 
wüste nichts bey mir selbst von den wirckcnden Eigenschaften der 
Natur und Crcatur^), das Rad der Bewegung stund still, und ein anders 
bewegte sich von einem Central^ Feuer; so daß ich mich in eine lautere 
Flamme verwandelt fühlte. Darauf kam dis Wort zu mir: dieses ist 
nichts anders, denn das Thor meiner ewigen Tieffe; kanst du nun in 
dieser feurigen Region bestehen, welche der Weisheit Residentz und 
Wohnung ist, darinnen Sie heiligen abgezogenen Geistern begegnet, 
und ihnen ein feurig Gesetz gibt? Denn so du darauf dergestalt Acht 
haben kanst, daß du auf ihren Befehl herauf körnst; alsdcnn soll dir 
kein Gcheimnus vorenthalten werden. So fern bin ich den Eingang 
Ihres Hauses zu kommen verstattet worden; alwo ich still stehen 
muß, bis ich, was zu thun sey, weiter von Ihr hören werde." (LGß. I., 
S. 17— 19.) 

[Wie wir hören, gilt es also, den Geist in Zucht und Unterricht zu 
halten. „Warum kamt ihr . . .? Meine Leidenschaften zu zähmen, meinen 
Willen 2u unterwerfen ..." — Wir sehen zwei Triaden. Eine göttliche 
„Drey" {5 gr. L.) und dann Sonne, Mond und Centralfeuer, welche 
zweite Dreiheit als die kl. L. angesprochen werden können, wiewohl 
der „M. v. St.' darin als ein „Centralfeuer" vorkommt; wenn wir uns 
daran erinnern, daß die belehrende Stimme nach dieser Symbolik von 
emem Feuer oder Licht (der Weisheit) ausgeht, so ist dieses Licht mit 
dem M. v. bt. der Funktion nach identisch, und auf das kommt es ja 
eben an. Das Centralfeuer ist natürlich auch der fl. Stern; dieser 
steht auf dem Tapis zwischen Sonne und Mond und ist dazu bestimmt, 
„den mittelsten Raum des Tempels zu erleuchten". Von der AU 
Chemie her sind uns©, C und ein zwischen beiden stehendes ver. 
mittelndes Ucht, nämlich der 5, bereits wohlbekannt; dieses Licht 
kann auch tj bezeichnet werden. Der alchcmistischen Betrachtungs- 
weise entsprechen ziemlich genau die j gr. L. des Freiburgcr Rituals- 
Gott, Mensch und St. Johannislicht. Dieses (der 2) ist „die Intelligenz 
und Ge"jfl;^ät im Menschen, welche alle Wissenschaft erschafft und 
uns die Wahrheit zeigt." Es ist „die einzige Autorität, welche der Frmr 
unbedingt anzuerkennen hat, nämlich die göttliche Gesetzgebung in 
semer eigenen Brust, des himmlischen Feuers in seinem Ich" 1 

Einige W ochen später hört Leadc wieder die Stimme der Weisheit. 

und verschloß so vereinigt und hält zusammen alle freien und angenommen 
nen MrvBrr [also die, die „darinnen anbeten"] ein unauflösliches Band." 
'■) Mcjjkunst, Uegmetne. 



240 nr. SYNTHETISCHER TEIL 

Diese spricht zu ihr: „Scheid und zieh dich aus deinem Thierischen 
Sinnlichen Leben aus^), es ist zu grob: Ich tan nicht erscheinen, bis 
sich solches allerdings verlieret und vergehet." (LGB 1., S. 20.) 
Wieder einige Zeit darauf fühlt sich Leadc angetrieben, dem gehcimnis= 
vollen Wesen weiter nachzuforschen. Die Weisheit fordert sie auf, 
sich nun selbst, außer ihrem „creatürlichcn" (vergänglichen) Wesen, 
zu erkennen. „Worauf ich mit sanfft=brenncnden Flammen umgeben 
ward, die alle Disteln, Dornen und verfluchte Ausflüsse [Superfluitäten 
der Alchcmie], so sich hervorthun wollten, auffrasscn und verzehrten . . . 
Darauf ließ die Wcißheit ihre Stimme hören und sprach : du be=. 
kümmertcr Geist! jetzt bin ich kommen, dir zu zeigen, was von dir 
erfordert wcrde^), wie ich dir, gleich zu Anfang meiner Unterredung 
mit dir, zu sagen nicht verhalten habe, was dichs kosten woltc, dena 
jenigen Schlüssel zu erlangen ... Ich sage dir, Gott fordert ein Opffcr 
von dir... Verstehe mich also; du hast ein irdisch Principium, das 
sich ausgebreitet und dich überzogen^) auch folglich die Oberhand 
und Herrschaft in dir bekommen ... hat: diese Thronen und Machten 
[Königs= oder Vaterfigur] aber müssen niedergeworffen und ihre Stätte 
nicht mehr gefunden werden. Du hast dich höchlich beklagt, daß du 
der beständig=nahen Gemeinschafft oder Vereinigung mit Gott^), deinem 
Schöpffer, ermangeln müssest: allein verwundere dich darüber nicht! 
die Ursach ligt hier im vollkommenen Ersterben^), weil du nemlich 
noch nicht gäntzlich auf mystische Weise erstorben und todt bist. Dieses 
ist die erste Tauffe, so du erfahren must : aber ach ! wie viel haben hicrinne 
zu kurts geschossen, weil sie ihrer irdischen Selbstheit nicht einen 
rechten bis ins Hertz durchwundenden tödtlichen Streich^) angebracht! 
... So recommcndiere ich dir mein flammend Schwcrdt: halte dich nun 
tapffer, und laß es im Felde der Natur') völlige Execution thun, oder 
alles jung und alt gäntzlich verbannen, und vom Leben zum Tode 

^) Die alchemistische Scheidung (separatio) und das maurerische Ab- 
legen von Kleidungsstücken, ich habe das Nötigste darüber bereits an« 
gemerkt. Man hat sich von den Dingen zu befreien, welche, wie es im eklekt. 
Rit. heißt, „vielfach den Aufschwung des Geistes hemmen, und den Menschen 
an die Erde ketten". Eine ausgesprochen programmatische (eine spätere 
Phase antizipierende) Bedeutung hat es, wenn z. B. das System der Gr. L. L. 
die Beraubung des Metalls darauf zurückführt, „daß der Tempel Salomos 
von ganz fertigen Steinen, so wie sie herzugebracht waren, aufgebaut wurde, 
usw.", so daß CS keiner Metallwcrkzeuge bedurfte. 

') Zuerst wird also programmatisch gezeigt; der tatsächliche Vorgang 
wird erst erfolgen. 

3) Wie ein Kleid. 

*) Nur die Meister sitzen in der Nähe der Sonne. 

^) Das vollkommene Ersterben erfolgt erst im dritten Grad. 

«) Der auf die 1. B. gesetzte Zirkel oder Degen regt den Prozeß der 
Gewissensläuterung bloß an. Hier wird noch nicht die ganze Ichhcit ver= 

nichtet. 

') Das Unkraut auf dem Felde wird vernichtet, wo, wie Jane Leade 
häufig erwähnt, Kornähren erstehen sollen. 



- ,-- q*=-.-^-- 



5- ABSCHNITT/ KÖNIGLICHE KUNST 241 

richten, was in dir nicht mein Mahlzeichen und Namen'), so mein 
Ebenbild ist, trägt." (LGB I., S. 2if.) Das Irdische soll gleichsam 
Gott als Brandopfer dargebracht oder in einem Fcucrofen weggcschmolzen 
werden, in einem Gefäß von reinstem Metall, [Vielleicht ist es nicht 
überflüssig zu bemerken, daß der erste biblische Künstler in allerlei 
Erz Thubalkain war, dessen Name ein Paßwort ist.] Jane Leade findet, 
„die Conditionen oder Bedingungen, die du [Weisheit] von mir er» 
forderst, sind sehr hart; zumal ich mich noch in der Ausgeburt eines 
tödtlichen Schattens zu wohnen finde, da mich gantze Millionen 
Geister versuchen, und all ihr Vermögen und Kräfte anwenden, mich 
von dieser hohen und edlen Erhöhung und Aufklimmen ab= und 
zurück zu halten^) . . . Indem ich nun, als allein das Gefäß und Feuer 
vor mir sehende, hierüber in Gedanken stunde, und die Sache bey mir 
erwöge, auch mit Isaac zu fragen willens war, wo ist aber das Lamm?^) 
beantwortete Sic [die Sophia] solch mein stilles Fragen mit diesen Wor^ 
ten: Du selbst must dis Osterlamm scyn, das geschlachtet werden soll. 
Darauf wurde ich unterrichtet zu sagen oder zu bitten; so gib doch 
diesem Lebens=Pulß einen solchen Schlag, wordurch er völlig wieder« 
kehren möge! Und weil ich dem ]iebe=flammendem Schwerte meinen 
Hals (so zu reden) dergestalt darstreckte, fühlte ich empfindlich, daß 
eine Scheidung oder Enthauptung*) geschehen war. wie süß und 

^) Hieraus erkennt man den psychologischen Sinn der Paßworte, In 

Verbindung mit dem Felde ist besonders an § zu denken. (Richter 

XII, 6. Die Ephraimiten, die es nicht aussprechen können, müssen sterben.) 
Leade erwähnt des öfteren die Ephraimiten. Unmittelbar bestimmend ist 
für obige Stelle natürlich loh. Apokal. passim. 

') Die versuchenden und abhaltenden Stimmen bei der Umführung 
oder auf dem Weg zur L. nach dem eklekt. Rit. Dem „tödtlichen Schatten" 
entspricht die Binde. 

') Aus Lammfell ist der Schurz. 

•) Man denke an die Entblößung des Halses, das Gutturale und seine 
nach dem Inhalt der alten Eidesformel gegebene Bedeutung. Dem äußeren 
Menschen, der hier geschlachtet wird, widerfährt das Schicksal des Ver= 
räters: er hat Verrat geübt an dem inneren, wahren Menschen. — Es ist 
hier der Ort, der absteigenden Folge der Zeichen (Gutturale, Pectorale, 
Stomachale) zu gedenken. Der Mensch soll nach rechtwinkligen Prinzipien 
verwandelt, alchemistisch gesprochen : mit göttlicher Tinktur tingiert werden- 
Diese Tingierung ergreift das Geistigste zuerst und schreitet dann immer 
mehr in die Tiefe vor, bis der ganze Mensch umgewandelt ist. Die Drei« 
teilung entspricht der platonischen (und alchemistischen) Dreiteilung der 
Scelenkräfte. Piaton unterscheidet die Vernunftseele, der er als Sitz das 
Haupt, die mutartige Seele, der er die Brust, die Begierdcnseele, der er den 
Bauch zuweist. Es soll sozusagen der ganze seelische Apparat, selbst der 
vegetative, vom höchsten Licht erleuchtet werden. Wenn man sich zu der 
Annahme entschließt, daß das mehr als ein schönes Bild sei, so gewinnt die 
Ansicht Staudenmaiers Interesse, daß dem Menschen eine außerordenta 
liehe seelische Vervollkommnung möglich sei dadurch, daß er die gewöhna 
lieh ohne Bewußtsein vegetativ arbeitenden Zentren durch Übung mit Bea 
wußtsein begäbe. Er gewinne auf diese Weise Macht über ein ganzes Heer 

Silberer, Probkmc der Mystik 16 



242 HI. SYNTHETISCHER TEIL 

anmuthig ist es, das Lcbens= Blut in den Brunnen derselben Gottheit 
wieder einfliessend zu empfinden, aus welchem es herkäme." Daraufhin 
eröffnet ihr die Weisheit mehr von ihren Geheimnissen. (LGB I., 

S. 24ff.) 

Es dürfte hier der schicklichste Ort sein, ein Stück aus einer anderen 
Visionenreihe {betreffend den Tabernakelbau, LGB. I., S. öyff.) 
einzuflcchtcn: „Sie [die heilige Lade] ist eine unüberwindliche veste 
Burg und Thurn; drum gehe du nicht daraus, [so spricht die Weisheit], 
sondern verpfiicht und verbind dich alhier, als ein Lehrling, aus= 
zuharren: alsdenn wirst du in der hohen geistlichen Kunst des allewigcn 
Geheimnusses gelehrt, und wie diese unvergleichliche Composition oder 
Mcdicin des heylsamen Elixirs und Balsam des Lebens zu bereiten sey, 
unterrichtet werden. Vor allen Dingen aber must du einen Bund 
der Verschwiegenheit'^) eingehen, und angeloben, daß du solches 
niemanden ausser deinen Mitschülern, offenbaren wollest, die mit und 
neben dir, in eben dieser Kunst zu arbeiten, beruffen sind. Ferner und 
zum andern must du die bestimmte Zeit und Jahre derselben, in aller 
Treue und Gedult unverdrossen völlig aushalten; bis du, dieses Oehl 
beydes [d. h. sowohl] zu machen, und [als auch] in der schönen schnec= 
weißen alabasternen Büchse der vollkommncn Natur zu verwahren, 
so geschickt und vollkommen, als deine Lehrmeisterin, zu seyn ge= 
langest." (LGB L, S. yyf-) 

Ich fahre nun in der früheren Reihe der Gesichte fort. Jane Leade 
wird von der Weisheit aufgefordert, ihr zu folgen. „Unversehens aber 
wurde ich von einem mächtigen Feinde überfallen, welcher mir ge= 
waltig zusetzte, indem er mich beschuldigte und anklagte, daß 
ich das Gesetz der Natur bräche, welchem ich doch verpflichtet wäre, 
weil ich einen äußeren Leib hätte, für dessen elementarischeNothdürfftig= 
keiten ich billich Sorge tragen . . . müstc, wie alle meine Neben=Men= 
sehen in der Welt thäten, die unter der Regierung des großen Monarchen 
der [weltlich kalkulierenden] Vernunft stünden, unter dessen Scepter 
sich alles beugen müste, was im sinnlich=thierischen Leben lebte^) . . . 

von Arbeitskräften, die ihm ansonsten abgeht. Staudenmaiers eig'ene 
Erfahrungen lehren, daß mit einer solchen Entwicklung alle Gefahren der 
Introversion verbunden sind und es leicht vorkommen kann, daß man den 
Geistern, die man ruft, erliegt, statt ihrer Herr zu werden. Die absolute 
Herrschaft des vernünftigen Ich ist aber selbstverständlich Grundbedingung 
zum ethischen Werk der Vervollkommnung. Mit den Theorien Stauden« 
maiers ist Kcrnnings Lehre verwandt. 

^) Ich brauche kaum an die eidliche Verpflichtung zu erinnern; will 
nur auf die Zusammenstellung der drei Tugenden des neu eingetretenen 
Br, aufmerksam machen: Aufmerksamkeit, Verschwiegenheit, Treue. 

') „Der Mensch, der nur der Befriedigung physischer Bedürfnisse lebt, 
kann unserem Zwecke nicht dienen ... Es gibt ein höheres Leben als das, 
an welches Millionen dem Thiere gleich sich ketten. Diesem höheren Leben 
soll sich der Mr widmen, und zu ihm wird er in der Aufnahme bildlich 
eingeweiht." Diesen Forderungen widerstrebt die gemeine Natur, der Fürst 
dieser Welt. 



y. ABSCHNITT/KÖNIGLICHE KUNST 243 

Ja, sagte der Fürst des irdischen Lebens, wie wilst du dich nun von 
meinen Gesetzen ausdrehen, und deines Bruders Joch von deinem 
Halse werffen?" Leade wendet sich an ihre Mutter, die Weisheit, und 
diese verspricht ihr, mit Gott darüber zu Rath zu gehen, wie man die 
Feinde vertreiben könne; der Beweis sei erbracht worden, daß sie Ver= 
räter der Krone^), Würde und Herrschaft des Lammes sind; sie werden 
bald dem Gericht überliefert werden. (LGB. L, pag. ayf.) 

Nach verschiedenen Ermahnungen erhält Jane Leade von der Weis= 
heit ein Buch, das sie, die Weisheit, selbst auslegen muß, um „euch 
einen Buchstaben nach dem andern^) zu erklären; zumal ihr die 
Zahl noch nicht kennet, die euren Neuen Namen ausmachet. Und so 
lange ihr das nicht sehet, was für Recht und Anspruch könnt ihr denn 
zum Überreste des gantzen darin eingewickelten Geheimnusses machen?" 
(LGB L, S. 36.) Es handelt sich um eine Umwandlung des Menschen, 
die nicht mit einem Ruck geschehen kann; eine „solche hochwichtige 
Verwandlung, daß sie, ohne Durchgehungmancher fernem Grade, 
nicht geschehen könte". (LGB. H., pag. 78.) 

Wir kommen zu einem Abschnitt, der überschrieben ist: „Die 
Magische Reise." [Ich brauche wohl kaum erst auf die Bedeutung 
des Reisens hinzuweisend Er enthält alle noch übrigen Phasen des 
mystischen Werkes. „In währender meiner geistlichen Fortreise nach 
dem Lande alles geseegneten Überflusses, ward mir ein magischer Ent= 
wurff darvon vor Augen gestellt; indem ich zu einer Thür gebracht 
wurde, die so eng und schmahl, dä^ mir unmöglich anders durcbzu= 
kommen war, als daß ich auf den Knien durchkriechen muste: so doch 
auch hart und großer Mühe und Beschwerde^) zugieng. Und also wurde 
ich ferner fortgeleitet, bis ich nach langer Zeit an eine andre Thür 
kam, welche zwar eng genug, gleichwol aber etwas gemächlicher, als 
durch die erste, durchzukommen war. Als ich nun dergestalt noch 
weiter fortginge, kam ich endlich zu einer Thür, die zween Flüge! hatte: 
von denen der eine sich aufthate, und in der Höhe und Weite für meine 
Statur eben recht, mir auch den Eingang in einen Platz gab, daran 
weder Anfang noch Ende zu finden war. Und ich sagte, was thuc 
ich hier allcinc? Worauf mir mein unsichtbarer Leitsmann, der mich 
durch diese drey Thüren oder Thore eingeleitet hatte, antwortete: 
daß noch einige andere mir nachkommen selten, wenn sie hören würden, 
daß irgendwo ein solch groß Land, das mit neuen Einwohnern zu be= 
setzen wäre, auch mit allerley Gütern angefüllt und gesegnet werden solte. 
(LGB. L, S. 40.) [Die drei Tore weisen nicht bloß auf die drei 
Grade hin, sondern haben noch ein anderes Analogon bei der Aufnahme 

^) Vgl. einerseits S. 241 Anm. 4; anderseits denke man (in Konnex 
mit „beschuldigte und anklagte") an die Mörder des königlichen Baumeisters. 
Da dieser der innere Mensch ist, gehört beides zusammen. Der „Fürst 
dieser Welt" kehrt mit seiner Beschuldigung den Spieß um: psychologisch 
ganz richtig! 

") Buchstabieren. 

») Vi/iderstand der Tür. 

16* 



244 III. SYNTHETISCHER TEIL 

für sich. Nach dem altenglischen System klopft der Suchende, weil 
die Tür ihm einen Widerstand zeigte, an den Rücken der drei Beamten. 
Diese sind gleichsam die geistigen Türen der Bruderschaft. Der Widcr= 
stand, und wie er sich in Leades Schilderung nach und nach gibt, ist 
psychologisch ohneweiters zu verstehen; das Wesen des Suchenden 
wird immer geeigneter, je weiter er in seinem Werke fortschreitet.] 

„Diese Vorstellung oder Gesichte und darauf folgende Nachricht 

und trklärung war sehr kräfftig; daher ich solchem immer weiter nach= 

dachte . . ., damit ich . . . auch die Erklär= und Deutung der Thore 

empfangen möchte. Denn ob mein Geist wol anders nichts^), als eine 

unendliche Räumlichkeit^) sähe; so empfand und fühlte ich doch 

das Anwehen ) einer solchen wolriechend= und erquickenden Lufft, 

a^ ob ailerley Blumen=Arten wircklich alda gewachsen stünden. Darauf 

offenbarte sich auch dieses Wort und sprach gegen mich: dis ist der 

Kaum und Stelle, da das L[ebe= Reich aufgehen, und mit seinen natür- 

hchen Einwohnern hervorgrünen soll, welche die grobe ei?ne Liebe 

Ifcigenhebe] abgelegt und hinter ihnen gelassen haben; als die hiehcr 

nicht kommen darff: zumal sie eben dasjenige ist, welches den Eingang 

so enge und gedreng machet... Hierauf sähe ich in meinem Geiste 

unversehens unterschiedne Personen über die maßen qualificirt in 

Ihren Leibern, und die in diesem Geheimnus so hocherfahren waren, 

dab SIC einen solchen Geist aus ihnen aushauchten, der allem, was sie 

nur immer wolten und begehrten, ein Seyn und Wesen zu geben ver= 

mochte Unterweilen spannten sie güldnc Zelten aus, in welchen sie 

em= und ausgmgen ; zu anderen Zeiten machten sie, daß an einigen Orten, 

die gantz wüst und Öde schienen und anzusehen waren, wunderbare 

Pt antzen und Bäume aufgingen, die wirklich ihre in einem güldnen 

hellen Glantze und Schönheit erscheinende voUkommne Früchte dar= l 

reichten: von welchen man sagte, daß sie der magische Nahrungs= 1 

Unterhalt und Speise wären, darvon die Einwohner dieses Lands leben i 

solten... LMan kann auch sagen: die Meister der Kunst bebauen 1 

unbebaute Gemüter und schaHen am Reißbrett geistige Nahrung] :* 

„Und ob mich wol bcy meinem ersten Eintritte hierein bedünckte ich '^ 

sähe gar nichts; sähe ich doch, nachdem wenig Augenblicke vo'rbey ' 

waren, diesen gantzen geraumen Platz mit Geistern von einem solchen 

hohen Grade erfüllt, daß sie mich augenblicklich zu sich zogen. Dar» 

auf stellten sie mir unterschiedliche Philosophische Fragen^) vor 

die ich nicht verstünde. Weswegen einer unter denensclben sich sehr 

'') Vgl. S, 259, Anm. 2. 

^) Unendliche Ausdehnung der Loge, gemäß den Lehrfragstücken. 

ä) Ob wohl die Frage nach des Maurers Wind psychologisch hierher 
gehört? Jedenfalls erfolgt das liebliche Anwehen aus Osten; fane Leade 
schildert ihre Blumengärten oft genug als orientalische. Psychologisch und 
mythologisch hat der Anhauch spermatischen Wert. Anagogisch handelt 
es sich um das Verleihen einer Kraft oder (um im Bilde des Zeugens zu 
bleiben) das Schwängern mit einer solchen. 

*) Katechisation. 



i 



■V 



5. ABSCHNITT/KÖNIGLICHE KUNST 245 

freundlich anerbotte, mich zu unterweisen und zu lehren: sagte mir 
auch weiter, daß er mir das Geheimnus ihrer Kunst lehren wolte . . . 
Solchem nach brachte er mich in ein herrlich Zelt, und befahl mir alda 
zu warten, damit ich in den reinen Acten oder Wirckungen des Glaubens 
fortgehen möchte: weil ich darinnen in dieser hohen Philosophie eine 
Adcpta zu werden gelangen würde . . . Nachdem mir nun die Wei5= 
hcit hierauf selbsten erschiene, fragte ich Sie, wer doch diejenigen ge= 
wesen, so mir die Philosophische Fragen vorgestellt hätten? Worauf 
Sic mir antwortete, daß solche die alten und letzt=lebend=würdige, und 
durch Sic in ihrem, so wohl innerlich« als äußerlichen göttlich=magischen 
Steine, gelehrte Glaubens=Heiligen wären: und daß die Zeit nunmehro 
wircklich herbeynahe, in welcher Sie neue Artisten und Künstler in 
dieser Theosophischen Weißheit machen wolte, die denen Dingen, 
welche so häßlich geschändet gewesen, und unter einer Wolcke der 
Verachtung, Unwissenheit und Schmaach gelegen, eine neue Gestalt 




borgen gelegen ., -- .. v- v ■ i u i j j 

mich der Apostel Johannes^), deme die Geheimnus woi beltand, und 
der die Person war, die vorhin so freundlich mit mir gesprochen hatte, 
mit diesen Worten an: Gleichwie ein natürlicher Stein; also ist auch 
ein geistlicher Stein, welcher dieWurtzel und der Grund alles dessen ist, 
was die Söhne der Kunst sichtbarlich zum Wesen und ans Liecht gea 
bracht haben. Und gleichwie der Aeußerc leiblich ist, und in der Hand= 
Arbeit bestehet, auch eine gute Zeit wegnimmt, ehe er zur Vollkommen= 
heit gebracht werden mag; eben also wird auch der Innere von Grad 
zu Grad ausgewirckt . . . Darauf bath und fragte ich den Engel ]o= 
hannis, auf was Weise ich doch zu Wercke gehen soltc, denselben aus= 
zuwircken?" Der „Engel lohannis" gewährt ihr die Bitte. So wie man 
zu einer chemischen Bereitung einen Ofen braucht, so ist auch zur Be- 
reitung des seelischen Steins der Weisen ein Ofen nötig; dieser äußere 
Ofen ist aber der leibliche Mensch, in dem sich „der Feuer=Saame der 
reinen Gottheit Selbsten von der Essentz der Seelen entzündet, wenn 
er ein geheiligt und gebührlich bereitet Gefäß darzu findet. Die Materie, 
in welcher man laboriren oder wircken muß, ist das göttliche Saltz' 
so in einem reinem klarem kristallinem Glase, das pur Geist, eingesetzt 
ist. Ferner solst du wissen, daß dieses göttliche Saltz in allen Menschen 
verborgen sey." (LGB. L, S.40 — 45.) 

Hier muß ich eine Erörterung des Salzes (auch „Saltzsteincs") und 
seiner Auswirkung einflechten. Wir müssen uns klar sein darüber, daß 
der Salzstein dieser Symbolik identisch ist mit dem kubischen Stein 
der maurcrischen. Daß das Salz hicroglyphisch durch einen Kubus 

') Das verloren Gegangene, wieder zu Findende heißt in der Freimaurerei 
das Meisterwort. Die Meisterwanderung hat den Zweck, „das zu suchen 
was daselbst (im Osten) verloren war und (zum Teil) wieder gefunden 
worden ist". 

*) Wohlgemerkt. 



l. 



246 III. SYNTHETISCHER TEIL 

dargestellt wurde, habe ich schon mitgeteilt. Der Begriff „Stein" ist 
ein Gabelpunkt für zweierlei gleichsinnige Symbolreihen , von denen 
beiden Jane Lcade Gebrauch macht. Die eine Reihe ist die chemische 
Bereitung, wie sie gerade jetzt der Engel Johannis beschreibt; die andere 
ist die Behandlung des Steines als eines Bausteines (der behauen wird 
usw.), wie sie bei Jane Leade an anderen Orten zu finden ist, nament= 
lieh in Verbindung mit dem Bau eines Tempels, eines Heiligtums, des 
Neuen Jerusalems. Von den Menschen als Bausteinen wird vornehmlich 
in ihrer „Offenbarung der Offenbarungen" wichtiger Gebrauch gemacht. 
Diese eine Stelle aus LGB {II, S. 158) sei angeführt: „Wer wii demnach 
nunmchro diese meine Trompete blasen und auskündigen, daß sie sich von 
ihren eisernen Jochen und Banden loß rcissen und herzu kommen sollen, 
damit sie gewürdiget werden mögen, als wohlbehauene Pfeiler zum 
Tempel der Weißheit auferbaut zu werden?" Auch die vier= 
eckige Gestalt wird mehrmals erwähnt. — Jane Leade hat ganz recht, 
wenn sie sagt, dag das göttliche Salz, der kubische Stein, in allen IVlen» 
sehen verborgen liege; der unbereitete Mensch ist der rohe Stein und 
in ihm liegt cntwickelbar (potentia, nicht actu) der kubische. Bei der 
Bereitung der Steine — des alchemistischen wie des Bausteines — 
kommt es wesentlich auf das Wegschaffen des Störenden, nicht auf Zu= 
taten an. Die Reinigung (rectificatio, purificatio usw.) des alchemisti= 
sehen Steins entspricht genau der Bearbeitung des rohen Steins mit dem 
Spitzhammer. Die Krystallisation liefert die regelrechte Form, die 
Fixation die Härte. Die Projektion entspricht der Verwendung im TempeU 
bau (die in der Symbolik wenig vorkommt). — Wo vom Bau die Rede, 
ist vielleicht der schicklichste Ort für diese Stellen {LGB, I., S. i?if.): 
„Glaubet nur! so wil ich vor euch hingehen, meinen Namen öffentlich 
kund machen, und euch den Grund derselben [Stadt] ofenbaren; woraus 
sich eure Stärcke aufthun, und eure überwindungskraft erkandt wer- 
den soll. Wer muß aber nun euer Baumeister seyn, euch in diesem 
eurem Gründungswercke zu unterrichten, als diejenige Weißheit, welche 
bei dem großen Gott J Ehova von Ewigkeit war, der euch, nach dem 
Aushauchen des ewigen Willens, Existentz und Wesen gab? Eben also 
und auf gleiche Weise muß diese bewegende Krafft des Willens wieder 
hervor= oder ausgehen... Kommt demnach her zu Mir; so wil 
Ich euch zeigen, wo alle diese Grund=Steine ligcn! Schauet und sehet 
die Materie des Schatzes im Umkreise eurer neuen Erden . . . alhier 
möget ihr diesen Grund=Bau wohl ausspähen oder finden^). Zu welchem 
Ende euch die güldne Meßschnur oder das Senckbley meines Geistes 
gegeben werden soll." [An der Säule der Stärke steht der Meister. 
J ehova war das verlorne Meisterwort.] 

Wir sind stehengeblieben, wo der Engel Johannis sagt, man solle 
wissen, daß das göttliche Salz in allen Menschen verborgen sei. Es heißt 
nun weiter: „. . .aber seine Krafft und Schmack verlohren habe; und 
solches ist das LicchtssPrincipium, das alle andre Principien in sich 
hält: weil der Mensch, obs ihme wohl selbst unbekand, ein Auszug und 

^) Vgl. das über die neue Erde Gesagte S. 2i8f. 



5. ABSCHNITT/KÖNIGLICHE KUNST 247 

kurtzer Begriff aller Welten ist. Daher er in ihm selbst alles, was er 
suchet, finden mag: allein solches kan ehe nicht geschehen, bis der Saltz= 
stein, welcher gleichsam todt gelegen, durch Christum den Feuerstein 
(der dieSchwärtze zu einem Jaspis=Glantze und zu einer schönen Weisse 
calcinirct) wieder zum Leben erweckt worden. Dieser ist die wahre 
Theosophische Medicin, die wircklich gradweifj, oder nach und nach, 
aus ihr selbst, von ihr selbst, und zu ihr selbsten wircket; gleich wie sich 
ein Waitzenkorn, wenns gesäet ist, durch mit=wirckende Krafft der 
Sonnen und der äußern Planeten, selbsten zu einem Leibe formet. 
Nur hat man zu wachen und wol aufzupassen, damit keine Raub» 
VögeF) kommen und es aufpicken, ehe und bevor es zu seiner Reiffe 
und Zeitigung gelanget. Denn eben eine solche Bewandnus [wie mit 
dem Weizenkorn] hats auch mit dem Goldsteinc, welcher im Grunde 
der Natur verborgen liegt, auch durch die warme feurige Einflüsse der 
göttlichen Sonne genehrt, und durch den feuchten Saamen der gei5t=. 
liehen Luna [sperma Lunael gewässert wird, welcher ihn wachsen 
machet durch die innerliche Durchdring= und Vereinigung der Plane« 
tarischen Kräfften der höhern Ordnung, so die schwächere und niedrere 
in sich ziehen, eintrincken und verschlingen; wordurch die Herrschaft 
über alles, was astralisch und elementarisch ist, erlangt wird. Aut diese 
Weise offenbarte mir der geliebte Johannes die Natur dieses königlichen 
Steins, wie dieselbe Ihme in der Insul Patmos, (da von Ihm gezeugt 
wird, daß er im Geiste gewest) eröffnet worden. Und er sagte mir über 
dis ferner: daß, wo die universale oder allgemeine Liebe in iemanden 
erbohren, solches die wahre Signatur und Kennzeichen wäre, 
daß dieser Seraphinische Stein alda sich formircn und eine Gestalt ge= 
winnen woltc . . ." (LGB L, S. 44.) 

[Hier tritt uns deutlich die Dreihcit O^D entgegen; Sonne, Mond 
und als eine Ausgeburt beider der Goldstein ^, der Stein der Weisen, 
der O und 3) oder, was dasselbe ist, A und V in sich vereinigt. Es 
ist deshalb gar nicht übel, in dem X^ eine Vereinigung von actio und 
reactio zu sehen. Das G müssen wir im anagogischen Sinne als die Gca 
nesis des Steins der Weisen, als Wiedergeburt auffassen.] — In LGB I., 
S. 147 finde ich auch diese bemerkenswerte Stelle: „Das Wort Jesu 
offenbarte sich ferner in mir auf folgende Weise; ihr aufs Jerusalem 

wartende! durch welch Thor seyd ihr hereinkommen? und was 
habt ihr alhie gesehen, daß ihr dazubleiben so willig und 
begifeTig seyd? Bist du nicht von dem feuerflammcnden Auge^) 
eingenommen, daß du keinen Sinn von hinnen wieder hinauszugehen 
hast, bis ihr ein ander Hertz überkommen^), das sonst nirgend 
vollkömmlich verändert werden könte? ... so seyd demnach weise, 
und erwartet euren hochzeitlichen [Genesis!] Geist und das Kleid der 



I Vgl- * ■&*-- -^ r 

*) Das Auge im f!. St.— In LGB I, S, 196 findet man die Darstellung 
eines Gesichtes, das dem fl. St. mit dem Auge gleichkommt. Ein Mond 

ist darangefügt. Das Auge ist gleichsam die Sonne zu diesem Mond, 

a\ n..- D..~i-».-3ln IniTif Kvior Aom -fl. St. ffpnaht ist. 



larangctugt. uas rtuge ^ lai bh-'v-w^i-... —- - 

^) Das Pectorale lernt, wer dem fl. St. genaht ist, 



248 



III. SYNTHETISCHER TEIL 






Krafft [i. i. d. St.] unfehlbar! Niemand kan solches, ausserhalb dieser 
Schatz=Stadt, iemals erlangen; denn in diesem Sion müssen alle aufs 
neue wiedergeboren werden ..." — [Oswald Wirth sieht den alches 
mistischen Begriff Rebis^) für den Ausdruck des vollendeten Gesellens 
gradcs an: „L'initic qui devient en quelquc sorte androgyne, parcc 
qu'il Unit l'^nergie virile ä la sensibilite feminine, est represcnte en 
Alchimie par le Rdbis (de res bina, la chosc double). Cette substance, 
ä la fois male et femclle, est un Mercure $ anime de son Soufre -^ et 
transform^ de ce fait en Azoth ^, c'cst=ä=dire en cette Quintessence des 
Elements (cinquifeme esscnce) dont l'Etoile Flamboyante est !e symbole. 
II convient de rcmarqucr que cet astrc est toujours place de teile sorte 
qu il rccuciile le double rayonnement du Soleil male et de la Lune 
femelle d; sa iumiere est ainsi de nature bisexuee, androgyne ou herma= 
phrodite. Le Rebis correspond d'ailleurs ä la Matiere preparce pour 
1 Ueuvre dcfimtive, autrcment dit au Compagnon qui s'est rendu digne 
d'Stre cleve h la Maltrise." (WSH, p. 99.)] ^ 

Doch zurück zu lane Leades magischer Reise! „Hierauf ward ich 
(^»ell ich wol wüste und gewiß war, daß dieser himmlische Stein albereit 
scme Geburt und Wachsthum in mir hatte) [Wiedergeburt = Übergang 
des kubischen Steins aus der Potentialität in die Aktualität] mit großer 
neymuthigkeit zu fragen bewogen, ob mein äussrer Ofen [ihr eigner 
Leib] auch wol so lang halten, und nicht etwa, ehe der Stein seine Voll= 
kommenheit erreicht hätte, zerbrechen [sterben] möchte? Worauf dieser 
J u L ^^^^^ [Johannes] mir zur Antwort gab: Sorg und bekümmere 
dich hierum nicht,- sondern sey nur geduldig in Hoffnung: denn der 
wahre Philosophische Baum ist aufgewachsen und auf gutem Wege, reiffe 
Frucht hervorzubringen". (LGB L, S. 44f.) Die Bereitung des Steines 
wird nun von |ohannes nach den bekannten Grundlinien beschrieben 
Dann „sagten die Weißheit und der Apostel Johannes zu mir: Nunmehr 
sollst du zu den alten würdigen Glauben5=Heldcn gebracht werden, die mit 
diesem Steine . . . Projection [das Verwand! ungswerk] gethan haben^). 
Und nachdem ich nun dahin gebracht worden, sähe ich die Patriarchen 
oder Erzvätter und alle die grossen Philosophen, die so wol in vorher» 
gehenden, als letzteren Zeiten von Gott selbst gelehrt gewesen. Nach 
diesem wurde ich in eine Tunckclheit und Finsternus eingeführt, 
die von denselben, durch eine magische Krafft, in ein helles Silber= 
Liecht verwandelt wurde." (LGB. I., S. 46.) Es folgen noch mehrere 
andere Allegorien für die umwandelnde Tätigkeit, ähnlich wie schon 
LGB, I., S. 41 geschildert. Johannes erklärt, daß all diese Wunder 
mit dem Steine der Weisheit ausgerichtet werden, und daß, wer diesen 
Stein in sich ausgewirkt habe, als ein Versiegelter^) Gottes mit der 
„Krafft von oben herab" bezeichnet ist. 



Vgl. S. 126. 

") Das sind also die Meister. , 

') Sigillum Hermetis. Versiegelung mit der Kelle. Heilszcichen. Mark 
Mason, 



5- ABSCHNITT/ KÖNIGLICHE KUNST 249 

„Eine weitere Eröffnung des vorhergehenden Gesichts" [sc. Ma= 
gische Reise] gibt folgende ferneren Aufschlüsse: „Das Wort kam zu 
mir und sprach: Die Liebst Kette zwischen Gott und dir muß nicht 
aufgelöst, sondern vest geknüpfft werden; mittlerweil der Geist, die 
alleinige ewige Materie und Eigenschafft ist, in welcher du laborircn 
und wircken must. Da sie denn so vest und starck an dir halten wird, 
daß sie dich gantz nach sich ziehen, und innerhalb des Umzircks der 
unermeBlichen Liebe befestigen möge; von welcher die Feindschafft 
abgesondert, und der Fluch der Elementen geschieden und gäntzlich 
weggenommen ist. O geh ein, geh, sag ich, in dieselbe ein! denn diese 
die unendliche Räumligkeit ist, die du gesehen hast, und welche inner= 
halb des dritten Thores^) zu finden ist. Diese unsichtbare Liebes = 
Kette wird dich durch das erste Thor, welches so eng und schmahl 
ist, und also auch durch die andern zwey durchwircken; dafcrn du ihr 
in dir alles nach der Länge und Breite einräumen wirst, damit sie dich 
schnell aufwinden könne. Denn, lieber, was ist zum verlangten Genuß 
aller Fülle und Güte wiederzubringen so starck als die Liebe Gottes? 
Darum sey in Durchgehung dieser unterschiedlichen Thorc starck und 
tapffer in der Liebe: und fürchte alle des Feindes Anläuffe nicht, bis 
du in dieses geseegnete Land eingegangen, und deinem Geliebten dar= 
innen vermählet seyn wirst. 

Eine Klage so der Weißheit von Ihrer Pilgerin vorgebracht wurde: 

„Mitlerweil ich nun in meinem tieffen Kampffe lag, kam ein Geist 
des Gebets hernieder, der ein mächtig Flehen und unaussprechliche 
Seufftzen'') gen Himmel aufsteigen machte: welches, wie ich aufs 
empfindlichste fühlte, eindrung, und durch das Thor der ewigen Tieffen 
durchbrach; so daß mein Geist einen Zutritt zum Geheim= Zimmer 
der reinen Gottheit hatte, worinnen ich Audientz und völlige Freyheit 
erhielte, meine Klagen auszuschütten, und meine Wunden zu zeigen, 
auch wer diejenigen wären, die mich durchstochen hätten. Denn aller 
und eines jeden Hand war wider mich, schössen ihre bittere Pfeile auf 
mich loß, und beschwerten und drengten die noch mehr, welche doch 
albereit bluttriefend am Kreutze hing; schrien und sprachen: Kreutziget, 
Kreutzigetsie, lasstsic im Sterben das Sterben recht empfinden .. . 
(Ich) war in hefftiger Geburts=Arbeit. Alle Wehen und Ansätze aber 
machten der Geburt des Lebens mehrere Oeffnung, und gaben mir 
einen Eingang in das Heylige; worinnen ich erst die e\»igen Thönc 
hörte. Und denn nach solchem, als ich die Krafft, in einer anmutigen 
Stille zu seyn, erlangte, war ich in einem klaren stillen Wasser^), darinnc 
sich kein Schlamm, noch einiger Unrath empor triebe: auch ward 
alda kein Werckzeug zu einiger Arbeit aufgehoben, noch 
einig Geräusch und Getöse gehört^) . . ." (LGB. I., S. 48.) 

Mun hört Leade die tröstende Stimme des „Bräutigams" [der unio 

^) Braucht's irgendwelcher Erläuterungen? 

") Die Klagen am Grabe des Meisters. 

*) Die Tränen. 

•) So wie beim Bau des Salomonischen Tempels. 



250 111. SYNTHETISCHER TEIL 

mysticaj, der ihr die angestrebte Vollkommenheit in Aussicht stellt 
und ihr hefiehlt, keine unreinen Geister dieser Welt anzurühren^). 
Nur was von aller Sünde abgesondert sei, dürfe ihm nahen. Dem Bräu= 
tig:am antwortet Leades Seeiengeist: „HErr wie kan dieses geschehen? 
Denn ob ich zwar nach diesem Amte [des heiligen Dienstes] ... ein 
großes Verlangen gehabt, damit ich dir allzeit nahe seyn möchte; so 
machet aber der Geist dieser Welt==) einen Anspruch zu dieser meiner 
äussern Hülse oder Leibe, und spricht, daß ich noch nicht aus den 
ürentzen und ßezirck seiner Herrschafft ausgeschritten. Der äussere 
Mensch ist mit Hunger und Durst, Hitze und Kälte [Gegensatzpaare 
der indischen Philosophie] umgeben, die seine äussere Sinnen in solche 
Umge, so ausserlich sind, dergestalt zu verwickeln pflegen, daß nie= 
mand m so eher reinen Abstraction und Abgeschiedenheit leben kan, 
bis er aus aller Sorge für den äussern Leib entledigt und befreyet ist. 
Dieses war dasjenige, welches ich mit Thränen beklagte, und Gott 
ausdrücklich fragte: obs denn dem ewigen Gemüth und Geiste nicht 
mugl.ch ware^ dem leiblichen Theile alle Nothdurfften zu verschaffen, 
ohne Beyhulffe des Vernunfft=Geistes, welcher in derjenigen Region, 
'^'•Tu "^^ herrschet, König ist?" [Mit anderen Worten: ob es nicht 
möglich wäre, bei lebendem Leibe „gegensatzentrückt" (wie es in der 
Bhagavad=Gita heißt) zu sein, die Bande des tierisch=sinnlichen Wesens 
ganzhch abzustreifen und ausschließlich die ewigen Prinzipien tätig sein 
zu lassen. Es handelt sich um die Frage, ob der irdische Stein in 
seiner ganzen Ausarbeitung denn überhaupt möglich sei; um die Frage, 
ob sich das ethische Ideal in absoluter Reinheit praktisch realisieren 
lasse.] 

^ „Worauf ich nach einer kurtzen Einhemm= und Stillung meiner 
äusseren Smnen diese Antwort [des .Bräutigams'] erhielte; daß dieses 
mcht gescliehen konte, bis ein gäntzlicher Tod des Leibs der Sünden 
vorgegangen sey: mich darmit auf dasjenige weisende, was im Siebenden 
Capitel an die Romer im 6ten Vers geschrieben stehet, daß, nachdem 
derjenige gestorben und todt wäre, von welchem wir gefangen gehahen 
würden, wir Gott, im neuen Wesen des Geistes dienen solten 
(LGB, I-, S. jof.) 

[Hier haben wir also die Forderung, dem Reich der „Sünde" gänz= 
lieh abzusterben, um im ethischen Ideal völlig aufgehen zu können 
Die Frage, ob dies im Leben möglich sei, bleibt zunächst offen. Sym= 
bolisch wird dieser mystische Tod und wird die Vereinigung mit dem 
höchsten Geist im Meistergrad der Frmrei dargestellt. Der Repräsen= 
tant des Höchsten ist der M. v. St., und dieser erfüllt den Toten gleich« 
sam mit seinem Leben, da das Aufrichten (H. in H., F. gegen F. K 
gegen K. usw.) analog der Belebung des Knaben durch Elias (i. Kön] 
XVll.zi) vor sich geht. Was den vor der Aufrichtung notwendigen 
Zerfall des Leibes betrifft („Die Haut verläßt . . /' usw.), sei diese Stelle 
LGB I., S. 271 f. angeführt: (das göttliche Wort spricht) „Wisse 

^) Handschuhe. 
') Vgl. S. 242 f. 



r 



j. ABSCHNITT/ KÖNIGLICHE KUNST 251 

daß Ich dich nicht ohne ein wichtig und reich Talent gelassen, welches 
in deiner eignen Verwahrung hgt, obs wol tieff verborgen und mit einer 
dreyfachen Decke (Exod. XXXIX, 34; Num. IV, 5-6) bedeckt ist; 
die zuvor abgcthan werden muß, che du dis köstliche Kleid sehen kanst. 
Die erste Decke ist die grobe finstere Gestalt dieser irdischen Region . . ., 
die andre ist die streng bindende [aufs Irdische gerichtete] Vernunfft . . ., 
die dritte sind die niedrige natürliche Sinnen . . . Dafern du aber ein» 
mal völlig drauf ansetzest mit dem festen Vorsatze durch diese Drcy 
Hindernüssen durchzubrechen; so wirst du zu der güldenen Masse 
kommen . . . Dieweil euch denn nun zu erkennen gegeben ist, wo der 
Schatz wircklich lige^, und ihr über dies meinen Geist habt, der solchen 
nicht allein ausforschen, sondern auch durch die Hand seiner Krafft 
mächtig mit euch mitwircken^) wird; so setzt euch, als in einem Geiste 
vereinigt, fest vor, . . . dasjenige durchs und wegzubrechen, so als eine 
Decke über diesem Fürstlichen Wesen ligt . . . Betet und wartet nicht 
allein [keine müßige Mystik], sondern streitet und wirckct zugleich mit, 
bis ihr dieser, im Gefängnus verwahrten Krafft Lufft gemacht, sie loß 
gewirckt und befrcyet habt; welche etwa noch auf den Thron der Ober= 
berrschafft erhaben werden mag: sintemal in Wahrheit so wol mein, 
als euer Geist bishero anders nicht, denn mit Gewalt und Unge=. 
recbtigkeit des Reichs entsetzt gewest." — Bezüglich des Wieder« 
flufrichtcns vergleiche man auch LGB 111., S. 87, 91; dort werden 
drei Grade der mystischen Entwicklung unter dem Bilde von drei Altären 
beschrieben. Unter dem letzten Altar, der aus viereckigen Steinen er» 
baut ist, in welchen man, als in Spiegeln, sein Angesicht beschauen' 
kann, liegt das in den Tod gctrctne Leben, welches nun wieder erweckt 
wird.] 

„Weist du nicht (ward zu mir gesagt), daß das Gesetz der Sünden 
die Herrschaft hat, so lange er Ider Leib mit seinen eigenwilligen Ten« 
denzen] lebet? So daß der Geist hierdurch klar zeugte und mir zu vcr= 
stehen gab, daß anders und weniger mich nichts, zu dieser Vermählung 
mit dem Lamme [unio mystica], fähig machen köntc, als ein vollkom= 
mcncr Tod: sintemal er sich allein dem lungfräulichen Geiste ver= 
mahlen, ein Leib mit Ihm werden 3), und ihn dardurch in seine eigne 
reine Menschheit«) verwandeln wil. Und dieses ist die Erzeugung 
oder Geburt zu einem tebendig=selbständigcn Wesen, welches durch 
(Jen Tod der alten auferstehet. Denn gleichwie das Waitzen=Körnlein 
sich in der Erden auflöst oder erstirbt, und zu einem neuen Leben er« 
bieret; eben also ergehets auch mit dem Aufgehen und Hervorwachsen 
der Neuen Creatur ; welche in Warheit Christus unser Leben ist dessen 
Erscheinung der Sünde in uns ein Ende machen wird. Denn' hcber 
was hat den Pluch, Sorge, Mühe, Kummer und Schwachheiten, die nun 

1) Auffindun? des Grabes. Die drei Mörder, die den Leichnam vcr= 
borgen haben, sind eben die „drcy Hindernüsse", 
ä) Zur Belebung des mystisch Gestorbenen. 
') H. in H., F. gegen F. usw. 
*) Humanität. 



252 in. SYNTHETISCHER TEIL 

den armen Menschen in diesem seinem gefallnem Stande drucken und 
quählen, eingeführt, als das Abweichen von seinem Gott? Und so lange 
er in diesem Stande stehet, ist er ein Schuldner der Sünde, und unter 
ihrer Herrschaft: welche ihn allen Trübsalen und Elenden unterwürffig 
machet, so denen auf der Fersen zu folgen pflegen, die in elementarischen 
Leibern leben. Nun aber ists ausser allen Zweiffei eine gute und frölichc 
Bottschaft, von einer Mügligkeit hören, wie man diesen Leib der Sün= 
den ausziehen und ablegen könne: und in Warheit es hat der Prophet, 
welcher in mir auferstanden ist, gcprophezcyht, daß ein solcher Tag 
vorhanden sey . . . Entsetzet euch hierüber, Ihr, die ihr Verwunderer 
und Verächter dieser Gnade seyd; welche ich nun nahe seyn sehe, daß 
sie offenbaret werden solle: denn die Brautkleider^) werden nun wirl^ 
lieh gemachet... Weifiheit! dir ist die Anordnung und Bestellung 
dieses Brautkleids allein anbefohlen, das von unterschiedlichen Farben^) 
seyn soll; damit des Königs Tochter^), die deiner Lehr und Unterrichte 
anvertrauet ist, von allen andern unterschieden und [als Erlöste] erkand 
werden möge." (LGB, L, S. 51 f., womit die Magische Reise schließt.) 
Also ein tröstlicher Ausklang, eine Hoffnung auf das im Unendlichen 
sich Verlierende. Aber Leade ahnt, daß es sich um ein unfaßbares Ideal 
handelt, weiß, welche regulative Bedeutung dieses hat: „Ach wer ist bis 
diese Stunde noch darzu kommen! und was sind alle unsere erreichte 
Gaben, bis wir . . . dieses Ziel [Vereinigung mit der Gottheit] erreicht 
haben. Kan unser Senckbley solches auch ergründen und in den tieffen 
Abgrund der großen Wunder des unermeßlichen Wesens forschen? 
Und weil das umlauffende Rad meines Geistes in allem, was es gesehen, 
erkand, auch besessen und genossen hatte, für sich keine Ruhe fand, 
streckte es sein umwanderend Gemüthe stets nach dem aus, was noch 
zurücke, und durch den starcken Fels der Allmacht aufbehalten war: 
wornach zu streben ich mich mit einem frischen Ansatz veste entschloß, 
und mich mit nichts, das geringer als das Reich und die regierende 
Krafft des Heiligen Geistes wäre, abweisen lassen wolte . . ." (LGB I 
S.87.) 

Bei einer Parallele zwischen alter und neuer königlicher Kunst 
kann ich unmöglich den französischen maurerischen Schriftsteller 
Oswald Wirth übergehen, der sich auf dem gleichen Gebiete be= 
müht hat. Im großen ganzen stimme ich ihm bei, wenn mir auch 
manche seiner Interpretierungskünste zu willkürlich erscheinen. 
Einige Worte aus WSH über die Vorbereitung des Subjektes (d. h. 
des Profanen) habe ich in Anmerkungen schon mitgeteilt. Ich will 
versuchen, auch den Gang des übrigen Werkes in Wirthscher 
Auffassung zu skizzieren. 

Sich selbst überlassen, wird das Subjectum im philosophischen Ei 
(VorbcreitungszJmmer, bzw. seh. K.) von Traurigkeit und Leid übers 

^) Vgl. das Ende der Parabola. 

') Analogon zum Königssohn, der verbesserten Sohnsgestalt des Parabola. 



7. ABSCHNITT/ KÖNIGLICHE KUNST 253 

mannt, seine Kräfte schwinden dahin, die Zersetzung beginnt, das Sub= 
tile scheidet sich vom Groben^). Das ist die erste Phase der Luftprobe. 
Nach dem Abstieg in den Mittelpunkt der Welt^), wo die Wurzeln aller 
Individualität einander begegnen, steigt der Geist wieder empor^), era 
leichtert von dem caput mortuum, das auf dem Boden des hermetischen 
Gefäfjes sich schwärzt. Das Residuum wird durch die abgelegten Klei« 
dungsstücke des Initianden vorgestellt. Mühsam arbeitet sich dieser 
jetzt in der Dunkelheit vorwärts; die Höhen ziehen ihn an; die Hölle 
fliehend, will er den Himmel gewinnen. Sein Aufstieg auf den heiligen 
Berg wird durch ein heftiges Gewitter verhindert; er wird vom Sturm 
wieder hinabgeworfen in die Tiefe: ein Bild der Zirkulation im ge= 
schlossenen Gefäß des Alchemisten, welchem Gefäß die gedeckte Loge 
entspricht. Bei der Zirkulation steigen die volatilen Teile empor und 
fallen wie ein Regen wieder herab, was durch die Tränen an den Wänden 
angedeutet wird. Freilich ist es nicht hier, wo der Ncophyt der Wasscr= 
probe unterworfen wird; und wenn eine Konfusion diesbezüglich möga 
lieh ist, so rührt das davon her, daß die Operationen des großen Werkes 
alle in einem Gefäß vor sich gehen, während die maurcrische Initiation 
in einer Reihe verschiedener Räume sich vollzieht, so daß hier die sym= 
bolische Bilderfolge eine Auseinanderlegung erfährt. Das zirkulierende 
Wasser, das auch in die Poren der erdigen Teile des Subjecti eindringt, 
reinigt dieses mehr und mehr, so daß es von Grau durch ein Farbenspiel 
(Pfauenschwanz) zu Weiß übergeht. In diesem Stadium entspricht die 
Materie dem Weisen der allen Verlockungen zu widerstehen weiß. 
Man begnügt sich jedoch nicht mit dieser negativen Tugend; auch Ist 
die Feuerprobe^) noch durchzumachen, die Kalzination, die alles Ver= 

^Tn ± rh^^- ^''t 1"' '^^'^'"-«°" hat man dn vollkommen 
geremigtes Salz 0) von absoluter Transparenz. Solange der Initiand 

'^bTLtl Lauterkeit nicht erreicht hat, kann ihm das Licht nicht 
^ f nl r1 f' ^^.^^"d^^t '^-^ ini ersten Grad um die durch' 

greifende Rem gung. Es müssen jene Salzschichten krystallklar gemacht 
werden, die den inneren Sulphur ^^ des Subjecti wie eine Rinde urn= 
geben und .hn an seiner freien Ausstrahlung hindern Der Sulph^ 
,st als e m ß. d der expansiven Kraft anzusehen, als individuelle In"I 
tiative als W.lle. Ihm steht wie das Weib dem Mann der MercuH 



jiiiii ...— . — "-,-....-.. u... sLüti zwiscnen v und e • c<i kt oin R-u 
dessen, was uns im Menschen als sein stabiles Wese'n er he nt m 
ersten Grad w.rd an der Reinigung des Salzes zur Befreiung des SulDhur 
gearbeitet. Dem roten Sulphur entspricht die rote Säule J,be der sinn 
gemäß die L ehrlmge ihren Lohn enthalten. Im übrigen begnügt sich der 

') Tabula smaragdina 9. 

*) Visita intcriora terrae etc. - Tabula smaragdina 6, 8. 

') Tabula smaragdina 10, 

*) Man wird sich erinnern, daß auch in der Parabola die vier Proben 
durch die Elemente zu finden waren. 



254 "'■ SYNTHETISCHER TEIL 

erste Grad damit, den Aufgenommenen das universelle Licht (den flam= 
mendcn Stern) sehen zu Tassen. (WSH, p. 88 — 92.) 

Erst im zweiten Grad geht die Feuerprobe vor sich. Der feurige 
Sulphur muß ausgearbeitet, oder richtiger: ausgesandt, zum Wirken 
gebraucht werden. Das Feld der Tätigkeit des Gesellen bemißt sich 
gleichsam nach der Ausdehnung oder Tragweite seiner sulphurischcn 
Strahlung. Dabei tritt der Gesell mit der Welt in eine Beziehung von 
solch erhöhter Wirksamkeit, daß das intellektuelle Erfassen (welches 
dem ? = Prinzip entspricht) davon eine neue Erleuchtung (flammender 
Stern) erfährt und eine Verbindung des zuerst bloß individuellen Willens 
mit dem der Kollektivität anbahnt. Das scheint mir wenigstens der Sinn 
der bilderreichen, aber nicht ganz klaren Ausführungen WSH, p. 95^ 
bis 96^ 2U sein, die ich der Sicherheit halber im Originaltext mitteile^). — 
Sobald der rohe Stein behauen und geglättet ist, haben wir nicht mehr 
nach innen, sondern nach außen zu arbeiten. Was wir so schaffend aus= 
richten würden, wäre unbedeutend, wenn wir nicht das Geheimnis 
wüßten, Kraft von einer Kraft zu leihen, die (scheinbar) außerhalb unser 
liegt. Wo diese geheimnisvolle Kraft schöpfen, wenn nicht bei der 
Säule B, deren Name bedeutet: i.i.d. St.? Im Norden, dem Monde 
gegenüber aufgerichtet, dessen sanftes weibliches weißes Licht sie res 
flektiert, entspricht sie dem J, der ohne Unterlaß allen Wesen zufließt, 
um ihr Zcntralfcucr -^ zu unterhalten. Die Exaltation des letzteren 
führt zur Feuerprobe, deren Begriff Wirth stark in okkultistische 
Ideen ä la Eliphas Levi zu führen scheint. Endlich findet wieder 
eine Zirkulation statt, indem der Individualwille magnetartig den gött= 
liehen Willen herabzuholen sucht, immer wieder niederfällt, abermals 
emporsteigt, und so im Kreise fort, bis beide im „Philosophischen Feuer" 
zusammenkommen. Es ist der Kreislauf, von dem man in der Tabula 
smaragdina liest. Das unverbrennliche Wesen, das aus der Feuerprobe 
hervorgeht, ist der Phönix (ein von Alchcmisten viel gebrauchtes Bild). 
Der Gesell hat die Aufgabe, sich in den Phönix zu verwandeln. Zur 
Arbeit gehört aber nicht der -^ allein, sondern auch der 2 ; das Tun 
muß von der Intelligenz geleitet werden, Aktivität und Rezeptivitat 
müssen einander ergänzen. Darum hat der Gesell beide Säulen voll« 
ständig zu kennen. Und darum wird er auch zu der schon besprochenen 
androgynen Materie „Rebis". Das ist nur zu erzielen, wenn die ele= 
mentaren Anziehungen überwunden sind; deshalb wird die Figur Rebis 
auf dem Drachen stehend abgebildet. (WSH, p. 96— 101.) 

Was wird nun der Meister tun? Er wird sich mit dem großen Baus 
meistcr aller Welten identifizieren, um in ihm und durch ihn zu wirken. 
Wenn jemand sagt, daß das Mystik sei, so hat er nicht unrecht. Auf 
den drei aufeinanderfolgenden Wegen der Purgatio, Hluminatio und Unio 
sich entwickelnd, ist diese Mystik nicht minder logisch als die religiöse 
Mystik, die mit ihren Mortifikationcn, wären sie nur recht verstanden, 
das gleiche ausrichten würde. Die Mortifikation ist, das Wort spricht 



^) Siehe rückwärts die Anmerkung J. 



fli 



5. ABSCHNITT/KÖNIGLICHE KUNST 255 

es aus, die Bemühung zu irgendeinem Tode. Zweimal ist dem Maurer 
der Tod auferlegt: am Beginn in der seh. K. und am Schluß bei der 
definitiven Initiation im mittelsten Zimmer. Dieser zweite Tod ent» 
spricht der Vollendung des großen Magisteriums. Er bedeutet das voll- 
ständige Opfer seiner selbst, den Verzicht auf jeden persönlichen Wunsch. 
Er ist das Auslöschen jenes radikalen Egoismus, der den adamischen 
Fall hervorruft, indem er die Spiritualität ins Körperliche herabzieht. 
Das enge, kleine Ich zerfliegt in nichts vor dem hohen unpersönlichen 
Selbst, symbolisiert durch Hiram. Die mythische Sünde des ewigen, 
allgemein=menschlichen Adam wird so gesühnt. Der Baumeister des 
Tempels ist dem G. B. a. W. das, was in christlicher Vorstellung das 
fleisch gewordene Wort dem ewigen Vater. Um die Arbeit des univer= 
seilen Baus mit Mutzen zu leiten, muß der Meister in die genaueste 
Willens = vercinigung mit Gott eingehen. In nichts mehr Sklave, 
ist er um so mehr der Herr von allem, als sein Wille im Einklang mit dem= 
jenigen wirkt, der das Universum regiert. „Place cntre l'Abstrait et le 
Concret, entrc l'Intelligcnce crcatrice et la creation objectivc, l'Hommc 
ainsi conpu apparaJt commc le Mediateur par cxcellence ou le veritable 
Demiurge des ^coles gnostiques." Doch genügt es nicht, daß er das 
Licht aus seinem Urquell schöpfe, er muß auch denen eng verbunden 
sein, die er leiten soll bei der unendlichen Arbeit. Das notwendige Band 
ist die Sympathie, die Liebe. „Le Mattrc doit se faire aimer, et il ne 
peut y rfiussir qu'en aimant lui=meme avec toute la ferveur d'une gen$= 
rosite pousscc jusqu'au devouement absolu, jusqu'au sacrifice de soio 
meme." Der Pelikan^) ist die Hieroglyphe für diese liebende Aufopfe= 
rung, ohne welche alles Bemühen eitel bliebe. (WSH, p. 105.) 

Der Meistergrad, dieser notwendig letzte Grad, entspricht einem 
Ideal, das uns als eine Aufgabe gestellt ist; wir müssen nach ihm streben, 
wenn seine Verwirklichung auch über unsere Kräfte geht. Niemals 
wird unser Tempel vollendet sein, und keiner erwarte, in sich den wahren 
ewigen Hiram auferstehen zu sehen. {WSH, p. 94.) 

Wir finden also auch bei Wirth, wie das in drei Hauptstufen 
geteilte Werk mit der reinigenden Wendung nach innen beginnt 
und mit der todartigen Unio mystica endigt; finden auch hier im 
letzten Grad das unerreichbare Ideal, das wie ein Stern am Himmel 
dem Schiffskurs unseres Lebens eine feste Richtung geben soll. 
Die Bewertung der höchsten anagogischen Konzeption als eines 
perspektivischen Fluchtpunktes trägt den möglichen öberdeckungs= 
fehlem im anagogischen Aspekt der Elementartypen Rechnung. 

Die Dreiteilung, die man in dem großen Werke antrifft, erweist 
die manchmal angezweifelte innere Berechtigung der drei Grade 
in der Freimaurerei. Einem Bedürfnis entsprechend, haben sie 
sich, obgleich sie in der maurerischen Gestalt der königlichen Kunst 
anfangs (vor ca. zwei Jahrhunderten) noch nicht vorhanden waren, 

^) Wir kennen diesen hermetischen Vogel bereits. 



1' 



256 III. SYNTHETISCHER TEIL 

vcicder durchgesetzt; ich sage: „wieder", denn gleiche Bedürfnisse 
haben schon früher gleiche Formen hervorgebracht (vgl. L. Kels 
lers Schriften). Ob man nun sein Augenmerk auf die ethische Er= 
Ziehung überhaupt oder auf die intensive (Introvcrsions=)Form der= 
selben, die Mystik, richtet: auf alle Fälle handelt es sich um einen 
Entwicklungsvorgang, und um den symbolisch auszudrücken, 
sind Grade notwendig. Das zeitweise aufgetauchte Bestreben, die 
Grade zu vermehren, läßt sich rechtfertigen. Man kann das, was 
in drei Abschnitten untergebracht ist, auch z. B. auf sieben ver« 
teilen (7 Operationen der Alchemic, 7 Stufen der Kontemplation, 
7 Weihen usw.), obgleich es gewiß nicht nötig ist. Die Idee aber, 
die drei Grade abzuschaffen, kann nur einem gründlichen Ver= 
kennen des Wertes der bestehenden Symbolik entspringen. Daß 
die Maurerei ein Bund der gleichen Rechte ist, wird durch das Vor= 
handensein der Grade — vorausgesetzt, daß man ihre symbolische 
Bedeutung nicht überschreitet — nicht tangiert. Die Grade bilden 
einen Bestandteil des symbolischen Gebrauchtums selbst und sollen 
wie dieses unantastbar sein. ^ 

Die Symbole aller geistig hochstehenden kultischen Gemein= 
Schäften — wofür sich unserer Darstellung als Paradigma zunächst 
die königliche Kunst bot — stellen gleichsam Wahrheitstypen vor. 
Nicht die einzelnen Wahrheiten, die sie bedeuten mögen (oder die 
aus ihnen herausgedeutet werden können), sind das Wichtige, son* 
dern die Gesamtheit aller dieser Bedeutungen. Diese Gesamtheit 
(die nur durch eine Art Integration zu gewinnen wäre) ist etwas 
Unaussprechliches; und wenn es auch gelänge, dies Unaussprcch= 
liehe auszusprechen, wären die Worte des Aussprechens keinem 
endlichen Geist verständlich, wie es die Einzelwahrheiten sind. 

Die Symbole sind das Unabänderliche, die Einzelbedeutungen 
sind das Bunte, das Wechselnde')- Darum sollen die Symbole nie= 
mals zugunsten einer besonderen Bedeutung, die etwa Mode wird, 

^) Was die maurerischc Symbolik im besonderen betrifft, bin ich in 
Übereinstimmung mit Robert Fischer (Kat. Erl. III. Schlußw.): „Die 
Freimaurerei beruht auf Symbolen und Gebräuchen; in ihnen liegt ihre 
vorzugsweise Berechtigung dauernder Existenz. Sie sind für ewige Wahr= 
heiten geschaffen und absonderlich geeignet; sie schmiegen sich an Jedes 
Bildungsgrad, ja an jede Zeit an und fallen nicht, wie andere Produkte der 
Zeit, dieser selbst zum Opfer . . . Deshalb kann auch einer vollständigen 
Abschaffung unserer Symbole so wenig zugestimmt, als in eine Abschwächung 
derselben gewilligt, vielmehr muß darauf hingewirkt werden, daß ein klares 
Verständnis aus dem für unser sinnliches Auge notwendig Concretcn das 
unserm geistigen Auge entsprechende Abstracte herausschäle, daß die zu= 
sam mengesetzten Bilder in die einfachen Grundwahrheiten aufgelöst werden. 
Hierdurch erlangen die Symbole Leben und Bewegung und können nicht 
mehr als . . . der Zeit verfallende Dinge hingestellt werden." 



y. ABSCHNITT /KÖNIGLICHE KUNST 257 

geändert (ihr über das gegebene Verhältnis hinaus angenähert) 
werden. Das, was bei Meinungsverschiedenheiten verteidigt werden 
muB, sind nicht die Bedeutungen, sondern die Symbole selbst. 

Die Symbole sagen jedem seine Wahrheit. Zu jedem sprechen 
sie anders. Keiner erschöpft sie. Jeder sucht im Unbekannten zu= 
erst sein Ideal. Es kommt nicht so sehr darauf an, welches Ideal 
er sucht, sondern, daß er eines sucht. Das Streben selbst, nicht 
das Objekt des Strebens bildet die Grundlage der Entwicklung. 
Kein Suchender tritt mit voller Erkenntnis des Zieles seine Wandea 
rung an. Erst nach so mancher Zirkulation im philosophischen Ei 
und nach so manchem Gang durchs Farbenspiel dämmert jenes 
Licht, das die Umrisse des Vorbilds aller kleineren Ideale ahnen 
läßt. Wer Hoffnung haben will, in diesem Processus zu gutem Ende 
zu gelangen, vergesse aber ein gewisses sanftes Feuer nicht, das von 
Anfang bis zu Ende wirken muß: die Liebe. 

WEN SOLCHE LEHREN NICHT ERFREU'N, 
VERDIENET NICHT, EIN MENSCH ZU SEIN. 



Sllbcrer, Probleme der Mynik 17 



ANMERKUNGEN 



^ 



A (zu S. 49) — Ich setze nicht bloB jene Motivgleichungen her, 
die uns gleich anfangs, sondern auch solche, die für die >x'eiteren Be=. 
trachtungen wichtig sind. Meine Vi/iedcrgabe ist zum Teil abgekürzt. 
Die Gleichheitszeichen werden, wie Stucken erklärt, nicht verwendet, 
um absolute Kongruenz auszudrücken, sondern vorwiegend in der Be= 
deutung von „gehört zusammen mit" oder „alterniert mit". Stuckcns 
Gleichung lA lautet: Mose im Kasten^ Feuerfunke in der Lade = 
Bücher der Pandora ^ Evas Apfel; 1 B: Mose im Kasten = der Aus^ 
gesetzte = der Vaterlose = der Verfolgte = der Sintflutheld (der in 
der Arche Schwimmende). — II A: Evas Apfel -- Mose im Kasten ^ 
Onans Samen = Feuer = Soma = NX/issenstrank usw. — III B: Zer^ 
reißen des Mutterleibes = Köpf ung oder Zerstückelung ^ Aussetzung 
= Trennung der Ureltern. — IV B: Der (die) Zerstückelte = der (die) 
Wiederbelebte = der (die) Wiedergeborne. — VIA: PotipharoMotiv 
= Trennung der Ureltern = Onan=Motiv. — VII A: Die böse Sticf= 
muttcr= Weib des Potiphar = Menschenfresser. — VII B: Flucht vor 
dem „Menschenfresser" = Flucht vor Potiphars Weib = Flucht vor der 
bösen Stiefmutter = Trennung der Ureltern = magische Flucht. — 
IX A: Der geschlachtete Widder = Thors Böcke = Thyestesmahl = 
Soma. — XIII A: Der Ausgesetzte = der Verfolgte ^ das zerstückelte 
Kind= der geschlachtete Widder = das hilfreiche Tier. — XIX: Der 
„Uriasbrief" = ausgewechselter Brief = Wortraub (Fluch = Segen). — 
XX: Tragender Widder = Arche. — XXVIII: Ringkampf = Frauen;, 
raub = Somaraub = Offnen der Kiste (Offnen der Höhle) = Kleider= 
raub (der badenden Schwanenfrau). — XXIX: Entmannung = Zcr= 
reißen (Verbrennen) des Mutterleibes = Weltbrand = Sintflut. — 
XXXIIl A: Drachenkampf = Ringkampf = Gewinnen der ausgebotenen 
Königstochter = Frauenraub = Feuerraub = Sintflut. — XLA: In= 
zest=Motiv = Potiphar=Motiv. XL B: Inzest = übertreten eines (sitt= 
liehen) Verbotes. XL C: Der (die) zum Inzest Verleitende = „Mcn» 
schcnfrcsser" — XL IVA: Der die Tochter verweigernde Vater = 
„Menschenfresser". XLIV B: Trennung der Ureltern = Verweigerung 
der Tochter (Verweigerung der dem Drachenkämpfer versprochenen 
„Königstochter") = Unterschiebung. - XLV A: Sodomie =Unterp 
Schiebung = Vergewaltigung = Parthcnogenesis = Ehe von Sterblichen 
mit Unsterblichen = Verführung = Ehebruch = Inzest = Licbcsum« 



ANMERKUNGEN 



259 



armung der Ureltern = Ringkampf. — Außerdem ist Ehe von Sterb= 
liehen mit Unsterblichen = Inzest = Trennung der Ureltern. (Alles 
SAM, 5. Buch.) 

B (zu S.8i). — Daß die Vorstellungen Gold und Dreck nahe bei= 
cinanderliegen, zeigt sich in zahlreichen Gestalten und Nuancen im 
Mythos, im Märchen, im Volksglauben, Ich erwähne vor allem die Fis 
gur des Dukaten= oder Goldscheißers, die sich wohl aus einer abcr= 
gläubischen zu einer scherzhaften abgeschwächt hat und um die sich 
Redensarten ranken wie: „der hat Gold wie Mist; der muß einen Du= 
katcnscheißer im Hause haben . . /'; dann die Bezeichnung der blutenden 
Hämorrhoiden als goldene Ader; die Märchentiere, die als Exkremente 
Goid und Kostbarkeiten produzieren. Hieher gehört natürlich der 
Goldesel (KHM Nr. j6), der auf das Wort „Bricklebrit" anfängt „Gold 
zu speien von hinten und von vorne", oder (Pentam. Nr. i), der auf den 
Befehl „arre cacaure!" Gold, Perlen und Edelsteine als einen köstlichen 
Durchfall von sich gibt. (Arre ist ein Ermunterungsruf wie unser „hu!"; 
cacaure leitet sich natürlich von cacare, kacken, her, vielleicht mit einem 
Anklang an aurum, oro, Gold.) Es kommt in Sagen häufig vor, daß 
tierischer Mist, z. B. Pferdemist, in Gold verwandelt wird, wie auch um= 
gekehrt von bösen Geistern geschenktes Gold sich leicht in Mist (zuriick=) 
verwandelt. Gold ist in altbabylonischer Auffassung, die in viele Mythen 
übergeht, Dreck der Hölle oder Unterwelt. Wenn man einen Schatz, 
den niemand finden soll, vergräbt, tut man gut, auf den verscharrten 
als Goldwächter einen Kaktus zu setzen, nach altem Zauberbrauch. 
Eine Abschwächun? der Gleichung Mist== Gold scheint die zu sein: 
Kohlen = Gold. Bei Stucken findet man die Gleichung Exkremente = 
Rheingold = Sperma (SAM, S. 262) und daran geschlossen (S. 266ff.) 
eine Menge hierher gehörigen mythologischen Materials. Ich erwähne 
die durch Traumanalysen ermittelten ähnlichen Gleichungen Stekels 
(Spr. d. Tr., passim), ferner insbesondere die psychologisch interes- 
santen Ausführungen Freuds über den „Analcharakter" (Kl. Sehr 11 
S. I52ff.) sowie Ranks Angaben (Jb. ps. F. IV., S.jyff.). 

C (zu S. 165). — Nach |ung ist es ganz besonders die Gesamt- 
heit des Sonnenmythus, welche dartut, „daß die unterste Grundlage 
des , inzestuösen' Begehrens nicht auf die Kohabitation, son- 
dern auf den eigenartigen Gedanken hinausläuft, wieder Kind zu werden 
in den Elternschutz zurückzukehren, in die Mutter hinein zu gelangen' 
um wiederum von der Mutter geboren zu werden. Auf dem Wege zu 
diesem Ziele steht aber der Inzest, d. h. die Notwendigkeit, auf irgend» 
einem Wege wieder in der Mutter Leib hinein zu gelangen. Einer der 
einfachsten Wege wäre, die Mutter zu befruchten und sich identisch 
wieder zu erzeugen. Hier greift hindernd das Inzestverbot ein daher 
nun die Sonncn= oder Wiedergeburtsmythen von allen möglichen Vor- 
schlägen wimmeln, wie man den Inzest umgehen könnte. Ein sehr deut= 
hoher Umgehungsweg ist, die Mutter in ein anderes Wesen zu ver= 
wandeln, oder zu verjüngen, um sie nach erfolgter Geburt (respektive 
^ortptlanzung) wieder verschwinden, d.h. sich zurückverwandeln zu 

17* 



■rlI^*-.^JV^" 



-T. l«l-- .- — 



260 



ANMERKUNGEN 



lassen. Es ist nicht die inzestuöse Kohabitation, die gesucht wird- son. 
dem die ^X/icdergeburt, zu der man allerdings am ehesten durch Koha= 
bitation gelangen könnte. Dies ist aber nicht der einzige Weg, obschon 
vielleicht der ursprüngliche." (lung, Jb. ps. F. IV., S. 266f.) An 
einer andern Stelle wird ausgeführt: Die Abtrennung des Sohnes von 
der Mutter bedeutet den Abschied des Menschen von dem Gattungs» 
bewuBtsein des Tieres, von dem für das infantiUarchaischc Denken 
charakteristischen Mangel an Individualbewußtsein. „Erst durch die 
Gewaltsamkeit des „Inzestverbotes" konnte das sich selber bewußte 
Individuum geschaffen werden, das vorher gedankenlos eins war mit der 
Sippe, und so erst konnte die Idee des individuellen und endgültigen 
Todes möglich werden. So kam [gleichsaml durch Adams Sünde der 
Tod in die Welt . . . Der Neurotiker, der die Mutter nicht lassen kann, 
hat gute Gründe: die Todesangst hält ihn dort. Es scheint, als sei kein 
Begriff und kein Wort stark genug, die Bedeutung dieses Konfliktes 
auszudrücken. Ganze Religionen wurden gebaut, um der Größe dieses 
Konfliktes Worte zu leihen. Dieses, durch lahrtausende fortgesetzte 
Ringen nach Ausdruck kann gewiß seine Kraftquelle nicht in dem durch 
den Vulgärbegriff des Inzestes allzu eng gefaßten Tatbestand haben; 
vielmehr muß man wahrscheinlich das in letzter Linie und ursprünglich 
als „Inzestverbot" sich ausdrückende Gesetz als den Zwang zur 
Domestikation auffassen und das Religionssystem als Institution bes. 
zeichnen, welche die den Kulturzwecken nicht unmittelbar 
dienenden Triebkräfte animalischer Natur zunächst auf- 
nimmt, organisiert und allmählich zu sublimicrter An« 
Wendung fähig macht." (Jb. ps. F. IV., S.^uf-) 

D (zu S. 174). — Jung läßt die Libido von vornherein in zwei 
Strömungen, eine vorwärts und eine rückwärts gerichtete, geteilt sein: 
Wie die normale Libido einem beständigen Strome gleicht, der seine 
Wasser breit in die Welt der Wirklichkeit hinaus ergießt, so gleicht der 
Widerstand, dynamisch betrachtet, nicht etwa einem im Flußbett sich 
erhebenden Felsen, der vom Strom übcr= oder umflutet wird, sondern 
einem Rückströmen, statt nach der Mündung, nach der Quelle hin. 
Ein Teil der Seele will wohl das äußere Objekt, ein anderer Teil aber 
möchte zurück nach der subjektiven Welt, wo die luftigen und leicht ge- 
bauten Paläste der Phantasie winken. Man könnte diese Zwiespältigkeit 
menschlichen Wollens, wofür Bleuler von psychiatrischen Gesichts^ 
punkten aus den Begriff der Ambitendenz geprägt hat, als etwas immer 
und überall Vorhandenes annehmen und sich daran erinnern, daß auch 
der allerprimitivste motorische Impuls schon gegensätzlich ist, indem 
z B beim Streckakte auch die Beugemuskeln innerviert werden, 
(jb.'ps. F. IV., S.2i8.) 

E (zu S. 182). — Von den wunderbaren Fähigkeiten, die als 
Früchte der Yoga=Praxis gelten, werden am häufigsten die acht großen 
Kräfte {mahä=siddhi) erwähnt: 1. sich unendlich klein oder unsichtbar 
zu machen (animan), 2., J. äußerste Leichtigkeit resp. Schwere anzu- 
nehmen {laghiman, gariman), 4. sich ins Ungeheure zu vergrößern und 



ANMERKUNGEN 261 

an alles, auch an das Entfernteste, heranzureichen, wie 2. B. an den 
Mond mit der Fingerspitze (mahiman oder präpti), 5. widerstandslose 
Erfüllung aller Wünsche, z. B. des Wunsches, in d[e Erde unterzutauchen 
wie ins Wasser und wieder emporzutauchen {präkamya), 6. vollkommene 
Herrschaft über den Körper und die inneren Organe (isitva), 7. die Fähig= 
Itcit, den Lauf der Natur zu ändern (vasitva) und 8. sich durch den 
bloBen Willen überallhin zu versetzen (yatra kämävasayitva). Außer 
diesen acht wunderbaren Kräften werden noch manche andere namhaft 
gemacht, die zum Teil schon in den genannten enthalten sind : eine 
solche Steigerung der Sinnestätigkeit, daß die entlegensten und selbst 
übersinnliche Dinge, die Begebenheiten in anderen Welten, auf Pla=. 
netcn und Sternen, sowie auch die Vorgänge im eignen Innern und in 
dem andrer Menschen sinnlich wahrgenommen werden; die Kenntnis 
der Vergangenheit und Zukunft, der früheren Existenzen und der 
Todesstunde; das Verständnis der Sprache der Tiere; die Fähigkeit, 
Verstorbene erscheinen zu lassen usw. Diese wunderbaren Kräfte leiden 
aber an dem Nachteil, daß sie vergänglich sind wie alles andere von dem 
Menschen durch sein Verdienst Erworbene — mit Ausnahme der Er= 
lösung. (Garbe, Sämkhya u. Yoga, S.46.) 

F (zu S. 193). — Jung (Jb. in., S. 171) weist auf Maeter- 
lincks „inconscient supfiricur" (in „La Sagesse et la Destince") hin 
als einer prospektiven Potenz subliminalcr Kombinationen. Er bemerkt 
dazu; „Man wird mir diesmal kaum den Vorwurf des Mystizismus er= 
sparen. Vielleicht aber wäre die Sache doch zu überlegen: zweifellos 
enthält das UnbewuBte die psychologischen Kombinationen, die den 
Schwellenwert des Bewußtseins nicht erreichen. Die Analyse zerlegt 
diese Kombinationen in ihre historischen Determinanten, denn das ist 
eine der wesentlichen Aufgaben der Analyse, die Besetzungen der mit 
der zweckmäßigen Lebensführung konkurrierenden Komplexe durch 
Auflösung zu depotenzieren. Die Psychoanalyse arbeitet rückwärts, wie 
die Geschichtswissenschaft. So, wie ein großer Teil der Vergangenheit 
dermaßen entrückt ist, daß ihn die Kenntnis der Historie nicht mehr 
erreicht, so ist auch ein großer Teil der unbewußten Determination un=. 
erreichbar. Die Historie weiß aber zweierlei Dinge nicht, nämlich das 
in der Vergangenheit Verborgene und das in der Zukunft Verborgene. 
Beides wäre vielleicht mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit zu erreichen, 
crsteres als Postulat, letzteres als historische Prognose. Insofern im Heute 
schon das Morgen enthalten ist, und alle Fäden des Zukünftigen schon 
gelegt sind, könnte also eine vertiefte Erkenntnis der Gegenwart eine 
mehr oder minder weitreichende und sichere Prognose des Zukünftigen 
ermöglichen. Übertragen wir dieses Raisonnement, wie das schon Kant 
getan hat, auf das Psychologische, so muß sich notwendig dasselbe er^ 
geben; so wie nämlich dem Unbewußten nachweisbar längst unter= 
schwellig gewordene Erinnerungsspuren noch zugänglich sind, so auch 
gewisse sehr feine subliminalc Kombinationen nach vorwärts, welche 
für das zukünftige Geschehen, insofern solches durch unsere Psycho- 
logie bedingt ist, von allergrößter Bedeutung sind. So wenig aber die Ge= 



1 



262 



ANMERKUNGEN 



i! 



Schichtswissenschaft sich um die Zukunftskombinationen bekümmert, 
welche vielmehr das Objekt der Politik sind, so wenig sind auch die 
psychologischen Zukunftskombinationen Gegenstand der Analyse, son« 
dem wären vielmehr Objekt einer unendUch verfeinerten psychologischen 
Synthctik, welche den natürUchen Strömungswegen der Libido zu folgen 
verstünde. Das können wir nicht, wohl aber das Unbewußte, denn dort 
geschieht es, und es scheint, als ob von Zeit zu Zeit in gewissen Fällen 
bedeutsame Fragmente dieser Arbeit wenigstens in Träumen zutage 
träten, woher dann die vom Aberglauben längst geforderte prophetische 
Bedeutung der Träume käme. Die Abneigung der Exakten von heut= 
zutage gegen derlei wohl kaum als phantastisch zu bezeichnende Ge= 
dankengänge ist bloft eine Uberkompensation der Jahrtausende alten, 
aber allzu großen Neigung der Menschen, an die Wahrsagerei zu 
glauben." 

G (zu S. 200). — Die Nabelgegend spielt eine nicht geringe Rolle 
als Lokalisationsort für die ersten innern Empfindungen bei mystischen 
Introversionsübungen. Die Angaben der indischen YogasLehre stimmen 
mit den Erlebnissen der Omphalopsychikcr überein. Staudenmaief 
glaubt bei seinen magischen Versuchen, die z. T. auf die Hervorrufung 
extrem deutUcher Halluzinationen hinausliefen, beobachtet zu haben, 
daß nur dann lebenswahre himmlische oder religiöse Halluzinationen 
zustande kommen, wenn die „spezifischen" Nervenkomplexe (des vege- 
tativen Systems) „bis herunter zu den peripheren Endgebieten in der 
oberen Dünndarmgegend erregt sind." {Magie als exp. Naturw., S. izj.) 
Viele schwärmerische Autoren wissen Wunderdinge von Kräften in der 
Magengegend und im Sonnengeflecht zu erzählen. In einer Schrift 
über den Sitz der Seele versichert I. B. van Helmont, in dem Magen= 
munde sei ein stärkeres Gefühl als selbst im Auge usw.; das Sonnen= 
geflccht sei das wesentlichste Organ der Seele. Er berichtet auch taU 
gendcs Erlebnis. Er bereitete, um einige Versuche über Giftkräuter zu 
machen, die Wurzel des Eisenhütkins (Aconitum Napellus) und kostete 
sie nur mit der Spitze der Zunge, ohne etwas zu verschlucken. „So= 
gleich", sagt er, „schien mir mein Haupt wie mit einer Binde zusammen« 
geschnürt, und bald darauf ereignete sich mir ein sonderbarer Vorfall, 
von dem ich noch kein Beispiel wußte. Ich bemerkte nämlich rnit Ero 
staunen, daß ich nicht mehr mit dem Kopfe fühlte, empfand und dachte, 
sondern in der Magengegend, als hätte die Erkenntnis nun im Magen 
ihren Sitz genommen. Von dieser ungewohnten Erscheinung erschreckt, 
befragte ich mich selbst und untersuchte mich sorgfältig; allein ich 
überzeugte mich nur, daß mein Erkenntnisvermögen nun viel stärker 
und umsichtsvoller war. Diese geistige Klarheit war aber mit großer 
Lust gepaart. Ich schlief nicht, auch träumte ich nicht, ich war noch 
nüchtern, und meine Gesundheit vollkommen. Ich habe zuweilen tnt= 
zückungen gehabt, allein jene hatten mit dem Zustande, mit dem Magen 
zu fühlen, nichts gemein, welcher alle Mitarbeit des Kopfes ausschloß. 
Indessen unterbrach ich meine Freude durch die Sorge, daß mich dieses 
sogar zur Verrückung führen könnte. Allein mein Glaube an Gott und 



ANMERKUNGEN 263 

meine Hingebung in seinen Willen zerstreuten bald diese Furcht. Dieser 
Zustand dauerte zwei Stunden, nach welchen ich einigen Schwindel 
hatte. Ich habe nachher öfter von dem Eisenhiitlein zu kosten versucht, 
allein ich konnte nicht mehr denselben Erfolg erhalten." (Van HeU 
mont, Ortus Medic, p. 171; übers. Ennemoser, Gesch. d. Mag., 

S. 9i'5-) 

H (zu S. 278). — Für die alte wie für die neue königliche Kunst 

ist das Material der Mensch als Mensch, alles Rahmenwerks entledigt. ' 

„Nicht der Mann des gewöhnlichen gesellschaftlichen Lebens, sondern " j 

der Mensch als gleichberechtigtes und gleich verpflichtetes Wesen der | 

göttlichen Schöpfung tritt in den Tempel der Humanität ein mit der 

Verbindlichkeit [vgl. S, 278, Anm. j], sich seiner Aufgabe immer be= 

wüßt zu bleiben und alles abzulegen, was der Erfüllung der höchsten 

Aufgabe hindernd in den Weg kommen konnte." (R. Fischer.) Vgl. 

damit, was Hitchcock von der Materia des Steins der Weisen sagt: 

„Although mcn are of diverse dispositions . . ., yet the Alchemists insist ... 

that all the nations of mcn are of one biood; that is, of one nature; and i 

that in man by which he is one nature it is the special object of 

Alchemy to bring into life and action, by means of vx'hich, if it could 

univcrsally prevail, mankind would be constituted into a brothcrhood." . 

(HA, p. 48f.) — (Les epreuvcs . . .) „döbutent par le dcpouillemcnt 

des metaux. Or l'Alchimie recommande, une fois la matiere propice 
discernec, soigneusement cxaminee et reconnuc, de la nettoyer extea 

rieuremcnt, afin de la dcbarrasscr de tout corps etranger qui pourrait 

adherer accidcntellement ä sa surface. La matiere, en somme, doit etrc 

reduite a elle=meme. Or, c'est d'une maniere absolument analogue, que 

le r^cipiendaire est appele ä sc d^pouiller de tout ce qu'il possöde artifi= , I 

ciellement: il doit, lui aussi, etre strictement reduit ä lui=memc. En cet 

etat d'innoccnce primitive, de candeur philosophique retrouvfie, le sujet 

est emprisonnc dans un etroit reduit, oü ne penetre aucune lumierc 

exterieure. C'est le Cabinet de Reflexion, qui correspond au matras de 

l'Alchimiste, ä son CEuf philosophique hermctiquement lute. Le pro= 

fane y trouve le tombeau tenebrcux, oü, volontairement, il doit mourir ä 

son cxistence passee. En decomposant les ccorces qui s'opposent ä la 

libre Expansion du germe de l'individualitfi, cctte mort symbolique 

prelude ä la naissancc de l'etrc nouveau que sera l'Initi^." (WSH, 

p. 87f.} 

I (zu S. 254). — „Quant ä la Chambre de Compagnon tandue de 
rouge, eile figure . . . la sphfere d'action de notre individuaUtc, mcsur^e 
par l'etendue de notre rayonnement sulfureux. Ce rayonnement en= 
gendre une sorte de milieu rcfringcnt, qui refracte la lumi&re diffuse 
ambiantc [2 ist gemeint], pour la concentrcr sur le noyau spiritucl du 
sujet. Tel est le mecanisme de Tillumination dont bdncficient ceux qui 
ont vu briller l'Etoile Flamboyante. Tout etre porte en lui=meme cet 
astrc mystcrieux, mais trop souvent ä l'etat de vague ctincelle, ä pcine 
perceptible. C'est l'Enfant philosophique, le Logos immanent ou le 
Christ incarnc, que la legende fait nattre obscurfiment, au milieu des 



264 ANMERKUNGEN 

immondices d'unc grottc aervant d'dtable. L'Initiation devicnt la ve- 
stalc de ce feu Interieur -0-, Arch^e ou principe de toute individualite. 
Elle sait I'entretenir tant qu'il couve sous la cendre; puls eile s'applique 
h Ic nourrir judicieusemcnt, pour l'aviver cnfin, lorsqu'il doit vaincre 
les obstacles qui Temprisonnent et prfitendcnt le condsmner ä l'isolc- 
mcnt. II Importe, en effet, que le Fils soit mis en rapport avcc l'Exte« 

ricur Q, autrement dit, que l'Individu cntre en communion avec la 

Collectivit^ dont il rcUve/' (WSH, p.9$i.) 



QUELLEN 

Die Seitenangaben )m Text beziehen rieh auf die hier vereeichneten Ausgaben der BQchei».^ 

ALTE. (Vor 1800.) 

Agrippa ab Nettcshcym, Henricus Cornelius, Opera. 
Alchcmisten, Griechische, v. Berthelot, Hoefer (moderne). 
„Allgemeine (und GcneraU) Reformation der gantzen (weiten) Welt" 

vide „Fama". 
„Amor proximi" („Das Buch Amor Proximi Geflossen aus dem Oehl 

der Göttlichen Barmhertzigkcit . . .") Ans tag=Iicht gegeben per Anony« 

mum. Franckfurt und Leipzig, 1746. 
(Andreac, Valentin) Anonym, Chymische Hochzeit Christiani Rosen« 

crcutz. Anno 1459. Gedruckt zuerst zu Straßburg bcy Lazari Zetzners 

seel. Erben MDCXVI. Regenspurg, MDCCLXXXl (eigentlich Berlin, 

bei Nicolai). 
Arabi v. Horten (mod.). 

Arnaldus de Villa Nova, Chymische Schrifften. Aus dem Latein über- 
setzet durch Joh. Hoppodamum. Frankfurt und Hamburg, 1685. 
Bädaräyaiia v. Deussen (mod,). 
Basile, Giambattista v. mod. 
„Bauer" („Der grosse und der kleine Bauer"). Zwey Philosophische und 

Chymische Tractate, Leipzig, 1744. 
Beaumont, lohann, Historisch=Physiologisch= und Theologischer Tractat 

von Geistern. Aus der Englischen Sprache in die Teutschc mit Fleiß 

übersetzt von Theodor Arnold. Halle im Magdeburgischen, 1721. 
Bekker, Balthasar, Die Bezauberte Welt. Amsterdam, 1695. 
Bernhard, Graf von der Mark und Tcrvis, Abhandlung von der 

Natur des (philosophischen) Eyes. Hildesheim, 1780. 
„Bhagavads Gitä" v. Schlegel, Schroeder (mod.). 
Boehme, Jacob, Schriften. Gesammtausgabe von Johan Georg Gichtel. 

2 Bde. 1715. 
Bonaventura, Opera. 
Booz, Ada Mah (Dr. Adam Michael Birkholz), Die sieben heiligen 

Grundsäulen der Ewigkeit und Zeit. Leipzig, 1783. 
„Confessio" (der Fraternität R. C.) v. „Fama". 
. Das tyn, John (loannesDaustcnius), Rosarium, Visio. Vide„Sieben=Gestim", 
Eisenmenger, Johann Andrea, Entdecktes Judenthum. 2 Tic. Königs» 

berg, 1711. 
Eleazar, R- Abraham, R. Abraham! Eleazaris Uraltes Chymisches Werk. 

In 11 Theilenzum öffentlichen Druck befördert durch Julium Gervasium 

Schwartzburgicum. Erfurt, MDCCXXXV. 



266 QUELLEN 

„Fama Fraternitatis oder Entdeckung der Bruderschafft dess löblichen 

Ordens dess Rosen=Creut3es, Bcneben der Confession Oder Be= 

lianntnuss derselben Fraternitet . . . Sampt einem Dlscurs von alU 

gemeiner Reformation der gantzen Welt." Franckfurt am Mayn, 

- M.DC.XV.i) 

Fictuld, Hermann, Des . . . Chymisch» Philosophischen Probier=Steins 
Erste Classe, in welcher der wahren und ächten Adeptorum . . . Schriff= 
ten nach ihrem innerhchen Gehalt und Wcrth vorgestellt . . . worden. 
Dritte Auflage. Dresden, 1784. 
„Figuren der Rosenkreuzer." („Geheime — aus dem i6=ten und t7=tcn 
Jahrhundert.") Drei Hefte. Altona, lySyff. - Titel der einzelnen 
Hefte: 1. AVREVM SECVLVM REDIVIVVM. Henricus Mada» 
thanus, Theosophus. U. Ein güldener Tractat vom Philosophischen 
Steine. Von einem noch Lebenden, doch vngcnanten Philosopho . . . 
beschrieben. Anno M.DC.XXV. lU. Einfältig A B C Büchlein für 
junge Schüler so sich täglich fleissig üben in der Schule des H. Geistes . . . 

Von einem Bruder der Fraternitet CHRISTI p. p. — Auf 

des Kosenltreuzes 

dem Titelblatt der ersten beiden Hefte heißt es : „Aus einem alten Mscpt 

zum erstenmal ans Licht gestellt." In jedem Heft folgt dem Text eine 

Reihe von farbigen Tafeln. 
Plamellus, Nicolaus, Chymische Werke. In das Teutschc übersetzt von 

J. L. M. C. Anno MDCCLI. 
Fludd, Robert, alias de Fluctibus (auch Otreb), Davis Philosophiae et 

Alchymiac Fluddanae. Francofurti, M DC XXXIH. 

— — Sophiae cum Moria Certamen. MDCXXIX. 

— — Tractatus theologico=philosDphlcus in libros tres distributus, quorum I 

de Vita, II de Morte, IH de Resurrectione. Oppenheim, 1617- 

— — Schutzschrift für die Acchtheit der Rosenkreuzcrgesellschaft. über» 

setzt von Ada Mah Booz (Dr A. M. Birkholz.) Leipzig 1782. 
Frizius, loachimus, Summum Bonum, quod est verum Magiae, Cabalac, 

Alchymiae vcrae Subjcctum Fratrum Roseae Crucis verorum. (Frank» 

fürt), M.DC.XXIX. 
Helmont, loan. Baptista van, Ortus Mcdicinae. Ed. IV. Lugduni, 

M.DC.LXVIL 
Henoch v. Dillmann (mod.)- 
Hermes v. Fleischer, Rcitzenstein (mod.). 
1. C. H., Des Hermes Trismcgists wahrer alter Naturweg. Herausgegeben 

von einem ächten Preymäurer l. C. H, Leipzig, 178z. 
„Kabbala Denudata seu Doctrina Hebraeorum transcendentalis et meta« 

physica atquc thcologica". 2 Bde. Sulzbach, 1677; Frankfurt, 1684. 

(Herausgeber Knorr von Rosenroth.) 
Khunrath, Heinrich, Amphitheatrum Sapientiae Aeternae, solius verae, 

ChristianoaKabahsticum, Divino-Magicum, Tertriunum, Catholicon. 

Hanoviae, MDCIX. 

— — Tractat von den ersten Elementen. (Beygefüget: Unterricht für den 

Adeptengrad.) Herausgegeben von einem Verehrer der edlen Schmelza 
und Maurerkunst. Leipzig, 1784. 
_ _ Wahrhafter Bericht vom philosophischen Athanor. Leipzig, 1783. 

^) Diese Schriften sind übrigens zusammen mit der „Chymischen Hoch= 
zeit" unlängst in Neudruck erschienen (herausgegeben von Dr. Ferdinand 
Maack, Berlin, 191?). leitlef i"'* „Einleitungen". 



QUELLEN 267 

Lacinius, Janus, Praeciosa ac nobilissima artis chymiae collectanca. 

Norimbergae, M.D.LI HI. 
_ _ Pretiosa Margarita novella de Thcsauro, ac pretiosissimo Philoso= 

phorum Lapide. Venetiis, 1546. 
Leade, Jane, Der Baum des Glaubens (beigebunden den „Offenbarungen, 

die letzten Zeiten betreffend", Strasburg 1807). 

— — Ein Garten=Brunn gewässert durch die Siröhme der göttlichen Lust- 

barkeit, und hervorgrünend in mannichfaltigem Unterschiede geist= 

lieber Pflanzen. Amsterdam, 1697— 1700. 3 TIe. (L G B) 
_ — Offenbahrung der Offenbahrungen. Amsterdam, 1695. 
Limitibus, Philoteus de. Allgemeine Abbildung der ganzen Schöpfung. 

Aus dem Lateinischen übersczt und mit Anmerkungen begleitet von 

J. |. Grienstein. Philadelphia, 1792. 
Das Hermetische Triklinium oder drei Gespräche vom Stein der 

Weisen. Aus dem Lateinischen übersczt und mit Anmerkung begleitet 

von J. ]. Gricnstein. Philadelphia, 1792. 
Maier, Michael, Arcana Arcanissima. (ca. 1616.) 

— — Atalanta Fugiens. Oppcnheimii 1618. 

Cantilenae intellectuales de Phoenice rcdivivo. Traduites en Frangois . . . 

par M.L.L.M. Paris, M.DCC.LVlll. 

— — Symbola Aureae Mensae duodecim nationum. Francof. 1617. 
Tripus Aureus, hoc est, tres tractatus chymici selccti. Franco^ 

furti, 167S. n^(- 11 

Mangetus, Jo. Jacobus, Bibliothcca chemica curiosa. Genevae, M.UCC. 11 

3 Bde.^ 
„Manrcsa" v. mod. , .. , j ■■ j 

Mosheim, Johann Lorenz, Versuch einer unpartheuschcn und grund= 

liehen Ketzergeschichte. Helmstaedt, 1746- 
Mothc = Guyon, La Vie de Madame ]. M. B. de la Mothe=Guyon, ecnte 

par elIe=mSme. Paris, M.DCC.XC. 5 Bde. 
„Musaeum hermeticum reformatum et amplificatum, omncs sopho= 

spagyricae artis discipulos fidelissime erudiens." Francofurti, 1749- 
Mystiker, Deutsche, des XIV. Jahrhunderts, v. Pfeiffer (mod.). 
Nicolai, Friedrich, Versuch über die Beschuldigungen welche dem 

Tempelherrcnorden gemacht worden, und über dessen Gehcimniß; 

nebst einem Anhange über das Entstehen der Freimaurcrgescllschatt. 

2 Tle. Berlin und Stettin, 1782. 

Otreb V. Pludd. , . x w? i 

Faracelsus (A. Ph. Theophrasius Bombastes von Hohenheim), Werlte. 

^°sAusg. Huser, Basel, iy89-90- 1° Bde. Fol, = Ausg. Straftburg, 

1605 u. 1616—18. 2 Bde. 
Patanjali v. mod. 
Pernety Dom Antoinea Joseph, Dlctionnairc mytho=hcrmetique. 

Paris, M.DCC.LVin. 

— — Lcs Fahles Egyptiennes et Grecqucs d^voil^es & r.lduitcs au meme 

principe. Paris, M.DCC.LXXXVI. 2 Bde. 
Philaletha, Des Hochgelehrten Philalethae und anderer auserlesene Chy« 
mische Tractätlein ... ins Teutsche übersetzet von Johann Langen. 

Wienn, 1749- ^ , , , , 

Philaletha, Eugenius (Thomas Vaughan), Lumen de Lumine. Ins 
Teutsche übersetzet von I. R. S. M. C. Hof, 1750. 

— — Magia Adamica oder das Alterthum der Magie. Amsterdam, 1704- 



—rr—rrr: ■ 



268 QUELLEM 

Pistorius, loannes, Artis Cabalisticae, hoc est, rcconditae theologiae et 
philosophiae, scriptorum Tomus I. BasiUae, MDXIIIC. 

Platon, Werke. 

Plotinus V. Kiefer (mod.). 

Pordaffc, [ohn (Johann Pordädsch), Göttliche und Wahre Mctaphysica. 
Franckfurt und Leipzig, M DCC XV. 5 Bde. 

— — Gründlich Philosophisch Sendschreiben, Ein, vom rechten und wahren 

Steine der Weij^heit. Amsterdam, 1698. 

— — Sophia, das ist, Die HoldsceUge ewige Jungfrau der Göttlichen Weis- 

heit, Amsterdam, 1699. 

— — Theologia Mystica. Amsterdam 1698. 

— — Vier Tractätlein des Sceligen Johannes Pordädschens M. D. in Manu- 

schriptis hinterlassen. Amsterdam, 1704. 
Rcuchlin, loannes. De Arte Cabalistica libri tres. — De Verbo Mirifico 

libri III. Basilcae, M.D.LXI. 
Riplaeus, Georgias (George Ripley), Chymische Schriften. Ins Teutsche 

übersetzet durch Benjamin Roth=Scholtzen. Wienn, 1756. 
Rulandus, Martinus, Lexicon Alchemiae. In libera Francofurtensium 

Repub. M DCXIl. 
Ruysbroecb, Johann van, v. mod. 

Samkara v. Dcusscn (mod.). 

S(chrödcr), Neue Alchym istische Bibliothek für den Naturliundiger unsers 

Jahrhunderts ausgesucht. 4 Sammlgn in 2 Bdn. Frankf. u. Leipz. 1772. 
Sendivogius, Michael, Chymische Schriften. Nebst einem kurzen Vor.. 

bcricht ans Liecht gesteUet durch Friedrich Roth=Scholtzcn. Wienn, 1750. 
„Sieben = Gestirn, Alchimistisch, Das ist. Sieben schöne und aus» 

erlesene Tractätlein vom Stein der Weisen." Frankfurt am Main, 1756. 
Sperber, Julius, Mysterium magnum, Amsterdam 1660. 

— — Tractatus, Ein Feiner, von vielerley wunderbarlichen . . . Dingen. 

Amsterdam 1662. 
(Starck, Johann August) Anonym, Lieber die alten und neuen Mysterien. 

Berlin, 1782. 
Svätmäräm Svami v. mod. 
Tauler, Joannes, Predig, fast fruchtbar zu eim recht christlichen leben. 

Basel, M.D.XXII. 
Tausendeine Nacht v. Erzählungen (mod,). 
Theatrum Chemicum, praecipuos selectorum auctorum tractatus de che« 

miac et lapidis philosophici antiquitate, veritate . . . continens. Argento« 

rati, M.DC.LIX-M.DC.LXl. 6 Bde. 
Valentinus, Basilius, Chymische Schriften. In drey Theile verfasset, 

samt einer neuen Vorrede , . .von Bened. Nie. Petraeo. Leipzig, 1769, 
Villars, Abbd de, Le Comte de Gabalis, ou Entreticns sur les Sciences 

Secrötes. Londres, M.DCC.XLII. 
„Wasserstein der Weisen". Vormahlen durch Lucas Jennis ausgegeben, 

nunmehro aber wiederum neu aufgelegt , . . von dem F. R. C. Franke 

fürt und Leipzig, 1760. 
Welling, Georgius, Opus mago=cabbalisticum et thcosophicum. Dar» 

innen der Ursprung, Natur, . . . des Saltzes, Schwefels und Mercurii 

in dreycn Tbeilen beschrieben . . . wird. Homburg vor der Höhe, i7?5. 
„Zohar" v. de Pauly (mod.). 
Zosimos V, Berthelot, Hoefer (mod.). 



r 



. QUELLEN 269 

MODERNE. (Von 1800 an.) 

Abraham, Dr. Karl, Traum und Mythus. Leipzig und NX'icn, 1909. 
Adler, Dr. Alfred, Über den nervösen Charakter. Wiesbaden, 191z. 

— — Die psychische Behandlung der Trigeminusneuralgie, Zentralbl. f. 

Psych., I-, Heft 1/2. 

— — Der psychische Hermaphroditismus im Leben und in der Neurose. — 

Fortschritte der Medizin, Leipzig, 1910, Heft 16. ' 

Basile, Giambattista, Das Märchen aller Märchen oder das Penta= 

meron. Neu bearb. von Hans Floerkc. z Bde. München u, Leipzig, 1909. 
Bastian, Adolf, Der Mensch in der Geschichte. 3 Bde. Leipzig, 1860. 
Bauer, Prof. A., Chemie und Alchymie in Osterreich bis zum beginnenden 

XIX. Jahrhundert. Wien, 1887. 
Baur, Dr. Ferdinand Christian, Die christliche Gnosis. Tübingen, 1835. 
Berthelot, Marcellin, CoUection des anciens Alchimistes Grecs, texte 

et traduction. Avcc la coUaboration de Ch.=M. RucUo. Paris, 1887 

ä 1888. 3 vols. 

— — Introduction ä l'Etudc de la Chimie des anciens et du moyen=§gc. 

Paris, !889. 

— — Les Origines de l'Alchimie. Paris, 1885. 

~ — Die Chemie im Altertum und im Mittelalter. Übertragen von E m m a 
Kalliwoda. Mit Anmerkungen von Dr. Franz Strunz. Leipzig 
und Wien, 1909. 

Besetzny, Dr. Emil, Die Sphinx. Freimaur. Taschenbuch. Wien, 1877. 

Bischoff, Dr. Erich, Die Kabbalah. Leipzig, 1905. 

Blau, Dr. Ludwig, Das altjüdische Zauberwesen. Straßburg i. E-, 1898. 

Boas, Franz, Indianische Sagen von der Nord=Pacifischen Küste Amerikas. 

Berlin, 1895. 

Bousset, Dr. Wilhelm, Hauptprobleme der Gnosis. Göttingen, 1907. 

Brabb ee, Gustav, Sub Rosa. Vertrauliche Mitteilungen aus dem maure- 
rischen Leben unserer Großväter. Wien, 1879. 

Brandeis, ]., Sippurim. 2. Aufl. Prag, 1889. 

Brandt, Wilhelm, Mandäische Schriften. Göttingen, 1895, 

Brugsch, Heinrich, Religion und Mythologie der alten Ägypter. 2. verm. 
Ausg. Leipzig, 1891. 

Buhle, Johann Gottlieb, Clber den Ursprung und die vornehmsten 
Schicksale der Orden der Rosenkreuzer und Freymaurcr. Göttingen, 1804. 

Comenius = Gesellschaft, Monatshefte der C.=G.für Kultur und Geistes- 
leben. Herausgegeben von Ludwig Keller (Berlin). Jena. 

Creuzer, Dr. Friedrich, Symbolik und Mythologie der alten Völker. 
2. Aufl. 6 Bde. Leipzig und Darmstadt, i8i9ff. 

Deussen, Dr. Paul, Allgemeine Geschichte der Philosophie. Leipzig. 

— — Sechzig Upanishad's des Veda. 2. Aufl. Leipzig, 1905. 

— — Das System des Vedänta. Nach den Brahma-Sötra's des B äda- 

räyana und dem Kommentare des Can^ara über dieselben. 2. Aufl. 
Leipzig, 1906. 

— — Die Sütra's des Vedanta . . . nebst dem vollständigen Commcntare des 

(^ankara. Leipzig, 1887. 
Dieterich, Albrecht, Mutter Erde. Leipzig 1905. 
Dillmann, Dr. A., Das Buch Henoch. Leipzig, 1853. 
Dulaurc, Jacques = Antoine, Die Zeugung in Glauben, Sitten und 

Bräuchen der Völker. Verdeutscht und ergänzt von Friedrich S. 

Krauss und Karl Reiskcl. Leipzig, 1909. 



^ 



J1 



270 QUELLEN 

Ehrenreich, Paul, Die aUgemeine Mythologie und ihre ethnologischen 

Grundlagen. Leipzig, 1910. 
Ennemoser, Dr. loseph, Geschichte der Magie. Leipzig, 1S44. 
Erman, Adolf, Die Ägyptische Religion. Berlin, 1905. 
Erzählungen aus den Tausend und ein Nächten , Die. Ausgabe 
Felix Paul Greve. Leipzig, MDCCCCVII-MDCCCCVIIL 12 Bde. 
Ferenczy, Dr. Sändor, IntrojeUtion und Übertragung. Jb. ps. F. 1. 2. 
Symbolische Darstellung des Lust- und Realitätsprinzips im Oedipus» 

Mythos, imago, 1. 3- , c. , , n - o 

Ferrero,Guillaume, Les Loispsychologiques du Symbolisme. Paris, 1K95. 
Fichte, Johann Gottlieb, Die Anweisung zum secligen Leben. Berlin, 

(8o6. ^ 

Findel, 1- G., Geschichte der Freimaurerei. 5. Aufl. Leipzig, 1870- 
Fischer Robert, Erläuterung der Katechismen der ) oh. = Freimaurerei. 

Fleischer, Prof. Dr. H. L., Hermes Trismegistus an die menschliche 

Seele. Leipzig, 1870. 
Flournoy, Th., Des Indes ä la Planete Mars. 4. 6d. Paris. 
Franck, Ad., La Kabbale. Paris, 1892. 
Frei mark, Hans, Moderne Theosophcn und ihre Theosophie. Leipz., 191z. 

— — Okkultismus und Sexualität. Leipzig, 1909. 

— — Okkultistische Bewegung, Die. Leipzig, 1912. 

Freud, Prof. Dr. Sigmund, Drei Abhandlungen zur Sexualthcorie. Leip- 
zig und VX^ien, 1905. 

— — Dynamik der Übertragung, Zur. Zentralbl. f. Psych. 11.4- 

— — Formulierungen über die zwei Prinzipien des psychischen Geschehens. 

)b. ps. P. III. 1. 

— — Psychopathologie des Alltagslebens, Zur. ■?. Aufl. Berlin, 1910. 

— — Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre. 2 Bde. Leipzig und 

Wien, 1906, 1909. 

— — Traumdeutung, Die. 3. Aufl. Leipzig und Wien, 1911. 

_ _ \J7ahn, Der, und die Träume in W. Jensens „Gradiva". Leipzig und 

Wien, 1907. 
Frobenius, Leo, Das Zeitalter des Sonnengottes. I. Bd. Berlin, 1904. 
Furtmüller, Dr. Karl, Psychoanalyse und Ethik. München, 1912' 
Garbe, Richard, Die Sämkhya=Philosophie. Leipzig, 1894. 

— — Sämkhya und Yoga. Grundriß der Indo=Arischen Philologie, heraus« 

gegeben von Georg Bühler, III. 4- Straßburg, 1896. 
Gneiting, i.M.(I. Krebs), Maurerische Mitteilungen. 4 Bändchen. Stutt« 

gart, 1851 — 1853. 
Goldziher, Ignaz, Der Mythus bei den Hebräern. Leipzig, 1876. 
Görrcs, J., Die christliche Mystik. 4 Bde. Regensburg, 1836—1842. 
Grimm, Brüder, Deutsche Sagen (D S). 

— — Kinder- und Hausmärchen (KHM). 

— Jacob, Deutsche Mythologie. 4. Ausg., von Elard Hugo Meyer. 

3 Bde. Gütersloh, 1876—1878. 
Haltricb, losef , Deutsche Volksmärchen aus dem Sachsenlande in Sieben» 

bürgen. 4. Aufl. Wien, Hermannstadt, 1885. (Siebenbg.=deutsche 

Volksbücher, Bd. II.) 
Hart mann, Dr. Franz, Secrct Symbols of theRosicrucians. Boston, 1888. 
. (Eine mangelhafte englische Wiedergabe des deutschen Werkes: „Ge- 
; heime Figuren der RosenUreuzer".) 



QUELLEN 271 

Havelock Ellis, Die Welt der Träume. Deutsche Ausgabe von Dr. Hans 

Kurella. Würzbur^, 1911. 
(Hitchcock Ethan Allen) Anonym, The Story of the Red Book of Appin. 

(Als Vervollständigung dazu:) Appendix to the Story . . . (Beides:) New 

York, 1865. 

— — Remarks upon Alchemy and the Alchemists. Boston, 1857. (HA) 
~ — Swedenborg, a Hermetic PhUosopher. Being a sequel to „Remarks 

on Alchemy and the Alchemists". New York, 1858. 

— — Das rote Buch von Appin. Obertr. von Sir Galahad. Leipzig, 1910. 
Hoefer, Ferdinand, Histoire de la Chimie. 2 vols. Paris, 1842—1844. 
Höhler, Wilhelm, Hermetische Philosophie und Freimaurerei. Ludwigs« 

hafen am Rhein, 1905. 
Hossbach, Wilhelm, Johann Valentin Andrea und sein Zeitalter. Berlin, 

1819. 
Horst, Georg Conrad, Dämonomagic, oder Geschichte des Glaubens an 

Zauberei. 2 TIe. Frankfurt a. M., 1818. 

— — Deuteroskopie. 2 Bdchen, Prankfurt a. M., 1850. 
Zauber=Bibliothek. 6 Bde. Mainz, 1821 ff. 

Horten, M., Mystische Texte aus dem Islam. Drei Gedichte des Arabi 

1240. Kleine Texte f. Vorlesgn. u. übgn., herausg. von Hans Lietz= 

mann, Nr. 105. Bonn, 1912. 
„Imago", Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse auf die Geistes» 

Wissenschaften. Herausg. v. Prof. Dr. Sigmund Freud. Wien, I9i2f. 
Inman, Thomas M. D., Ancient Pagan and Modern Christian Symbolism. 

4. ed. New York, 1884. 
Janet, Pierre, L'Automatisme Psychologiquc. Paris, 1889. 

— — Les Nevroses. Paris, 1910. 

„Jahrbuch für psychoanalytische und psych opathologi sehe Forschungen." 
Herausgegeben von Prof. Dr. E. Bleuler und Prof. Dr. S. Freud. Leip- 
zig und Wien, i909ff. {Jb. ps. F.) 

Jeremias, Alfred, Alte Testament, Das, im Lichte des Alten Orients. 
2. Aufl. Leipzig, 1906. 

Babylonischoassyrischen Vorstellungen vom Leben nach dem Tode, 

Die. Leipzig, 1887. 
Jodl, Friedrich, Geschichte der Ethik. 2 Bde. 2. Aufl. Stuttgart und 

Berlin, 1906, 1912. 

Jung, Dr. C. G., Bedeutung des Vaters für das Schicksal des Einzelnen, Die. 
)b. PS. P. I. 2. 

— — Konflikte der kindlichen Seele, Ober. Jb. ps. F. IL 1. 

— — Psychologie und Pathologie sogenannter occulter Phänomene, Zur. 

Leipzig, 1902. 

— — Wandlungen und Symbole der Libido. Beiträge zur Entwicklungs» 

geschichte des Denkens. Jb. ps. F. III.— IV. 
Katsch, Dr. Ferdinand, Die Entstehung und der wahre Endzweck der 

Freimaurerei. Berlin, 1897. 
Keller, Dr. Ludwig, Anfänge der Renaissance, Die, und die Kuhgesello 

Schäften des Humanismus im XlII. und XIV. Jahrhundert. Leipzig 

und Jena, 1903. 

— — Bibel, Winkelmaß und Zirkel, Jena, 1910. 

— — Geistigen Grundlagen der Freimaurerei, Die, und das öffentliche 

Leben. Jena, 1911. 



272 QUELLEN 

Keller, Dr. Ludwig;, Geschichte der Bauhütten und der Hüttengeheim« 
nisse. Zur. Leipzig und Jena, 1898. 

— — Großloge Indissolubilis, Die, und andere Großlogensystejne des 16., 
17. und 18. Jahrhunderts. Jena, 1908. 

— — Heiligen Zahlen, Die, und die Symbolik der Katakomben. Leipaig 
und Jena, 1906, 

— — Idee der Humanität, Die, und die Comenius=Gesellschaft. Jena, 1908. 

— — Italienischen Akademien des 18. Jahrhunderts, Die, und die Anfänge 
des Maurerbundes in den romanischen und den nordischen Ländern. 
Leipzig und Jena, 1905. 

— — Latomien und Loggien in alter Zeit. Leipzig und Jena, 1906. 

— — Römische Akademie, Die, und die altchristlichen Katakomben im 
Zeitalter der Renaissance. Leipzig und Jena, 1899. 

— — Sozietäten des Humanismus und die Sprach gesellschaften, Die. Jena, 
1909. 

— — Tempelherren, Die, und die Freimaurer. Leipzig und Jena, «905. 
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~ — ~ — Beiträge zur. 3 Stücke. Braunschweig, 1869 und 1875. 
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— — Lohengrinsage, Die. Leipzig und Wien, 1911. 

— — Symbolschichtung im Wecktraum, Die, und ihre Wiederkehr im 

mythischen Denken. Jb. ps. F. IV. 1. 

— — Völkerpsychologische Parallelen zu den infantilen Scxualtheorien. 

Zentralbl. f. Psych. 11. 7 — 8. 

Reitzenstein, R., Hellenistischen Mystericnrcligioncn, Die. Leipzig, 1910. 

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Scheible, \., Das Kloster. Meist aus der altern deutschen VoIks=, Wunder«, 

Curiositäten=, und vorzugsweise komischen Literatur. 12 Bde. Stutt« 

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Schmidt, Richard, Fakire und Fakirtum im alten und modernen Indien. 

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Schneider, Hermann, Kultur und Denken der alten Ägypter. Leipzig, 

1907. 
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Schrocder, Leopold von, Bhagavad=Gita. Des Erhabenen Sang, (ena, 

1912. 
Schubert, Dr. G. H. von. Die Symbolik des Traumes. 5. Aufl. Letp= 

zig, 1840. 
Silberer, Herbert, Charakteristik des lekanomantischen Schauens, Zur. 

ZentralbL f. Psych. HL z-j. 
_ _ Kategorien der Symbolik, Von den. Zentralbl. f. Psych. U. 4. 

— — Lekanomantische Versuche. Zentralbl. f. Psych. H. 7— 10. 

— — Mantik und Psychanalyse. Zentralbl. f. Psych. IL z. 

— — Phantasie und Mythos. Vornehmlich vom Gesichtspunkte der funke 

tionalen Kategorie aas betrachtet. Jb. ps. F. II. 2. 

— — Prinzipielle Anregung, Eine. Jb. ps. F. IV. 2. 

— — Spermatozoenträumc, Zur Frage der. Jb. ps. F. IV. 2. 
_ _ Symbolbildung. Jh. ps. F. HI. 2., IV. 2. 

— — Symbolik des Erwachens und Schwellensymbolik überhaupt. Jb. 

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Spielrein, Dr. Sabina, Ober den psychologischen Inhalt eines Falles von 

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_ _ Die Destruktion als Ursache des Werdens, (b. ps. F. IV. 1. 
Starcke, Dr. C. N-, Freimaurerei als Lebenskunst. Berlin, 1911. 
Stauden maicr, Dr. Ludwig, Die Magie als experimentelle Naturwissen= 

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SteUeL Dr. Wilhelm, Nervöse Angstzustände und ihre Behandlung. 

2. Aufl. Berlin und Wien, 1912. 
_ _ Sprache des Traumes, Die. Wiesbaden, 1911. 

— — Traumdeutung, Fortschritte in der. Zentralbl. f. Psych. HL 
_ _ Träume der Dichter, Die. Wiesbaden, 1912. 

Strunz, Dr. Franz, Naturbetrachtung und Naturerkenntnis Im Altertum. 
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Thcophrastus Paracelsus. Jena, 1903- 

Stucken, Eduard, Astralmythen. Religionsgeschichtliche Untersuchungen. 

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V. _..--^w..^_ —^ttmotutaim 



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Freud. Bd. Ulf. von Dr. Wilhelm Stekcl. Wiesbaden, i9ioff. 

(Zb.f. Ps.). 



L. 



INDEX 



Aben, Eben (ps), njf., 198. - 

Abspaltung 40, 69. 

Adam yzf., 109, 159, 168, i87ff., 
203, 255, 260. 

Affektleben zzif., 102, 2o6f., 227f. 

Aison 14,, 57, 71. 

Akademien ii6ff. 

Akazie 129. 

aktuell i9^f. 

Aladdin 61. 

Alaun 1 19, 225. 

Alchemie i8f., yjff., 94ff., ,,2ff., 
ijyff., löjf., i69ff., 175, 187, 
20off., 23 1 ff., zjyf, 265. 

Alembicus 98, 106. 

Allgeist 107, 221 ff. 

Alraun 93. 

Ambrosia 6y. 

Anabasis 19. 

anagogisch ijSff., i49ff., 203ff. 

androgyn v. Hermaphrodit- 
Angst 7ff., 21, 36ff., 44, 48f., 67f., 

166, i75ff-. 196, 2.77- 
anima v. Seele, 
animalisch 103, 114. 
Antaios 172. 
Antimon 100, 102. 
Apfel 55, 83. 

Apperzeption (mythologische) 204ff. 
Apokatastasis 231. 
argentum vivum = Quecksilber, 
Arbeit 178. 
Armut 107 f. 
Arsenik 100. 

Askese 155, 185, t9off., 2i3f. 
Aspekte j6iff., 203ff. 
astrale Deutung 44, 139, 207 ff. 
asvamedha 50. 
Athanor 86. 
ätman V. Allgcist. 



Audhumla 50. 

Auferstehung 9, 12, i4ff., 55ff., 85, 

92, 124, laSf.f 194, vgl, Wiedera 

geburt. 
Aufnahme 8, 257. 
Auflösung (zergehen, dlssolutio) 14, 

41, 80, 87, I02f., 2i3f., 222. 
Ausspeien 70, 72, 199. 
Auterotik 155, 167 f., »82 vgl. auch 

Onanie, 
autosymbolisch 150. 

Bad 1?, 71, 80, 86. 

Bärcntrauni 47ff. 

Basilisk 90. 

Baum 47ff., 129, 189, 248. 

Baumeister 101, 105, 1 i3f., 243, 

Z46, 254 f. 
Bessermacben 5of., 65, Äyf., i67f., 

170, 194, =wissen 46, ^zeugen 63, 

67ff., 87, i67f., 170, 194. 
Blei 75, 77, 101 f., 115. 
Blut 9, 17, 38ff., 68, 70, 8t, 85, 9off., 

114, 129, i35ff-. 242- 
B... 129, 248, 2?4. 
brahman vgl. Allgeist. 
Bräutigam und Braut 11 ff., 59ff., 

8of,, 85, 120, 221, 225f., 249ff. 

vgl. unio. 
Brunnen 46, 60, 64, 104, 242. 
Bundeslade 126, 199, 

Calcinatio 80, 102, 255. 

Ceridwen 195 f. 

Charakter 24, 99f., 219. 

Chemie 74ff., 94ff., 204. 

Christentum 108, tiöf., 120. 

Christus 57f., 101, lojf., io8f,, 
ii3ff., 136, 144, i8of., i87ff., 
195, zoof., 247, 251, 263. 



INDEX 



277 



Chymische Gesellschaften tizf., 

iziff. 
circularef Processus loo, 211. 
coitus 15, 65ff., 80, 86ff., i59- 
conceptio 79^-1 86ff. 

congelatio (und coagulatio) 15, lozf. 

conjuncüo 15, 79ff., 104, 125. 

contritio 80, 8fc, 219. 

corpus V. Körper. 

Dämonen 170, 179, 253. 
destillaüo 15, 98, io6f., 213. 
Determination 27, 152 f. 
dissolutio V. Auflösung. 
Domestikation des Menschen 167, 

175, 260. 
Drache 58, 47, 49, 76, Sjff., 99r »27. 

128, 154, »72, »75^- 
Dramatisierung 40 f. 
drei 15, 77, 98, 115, 118, i59ff-r 

I77f., 214. 227f., zjSf., 241, 243, 

255 f. 

Ei 76, 82, 86, 95, 97, 2?2, 265. 
Einheit 41, 79f-F 83, 98f., io4f., jo6f., 

118, aijff. 
Eisen 77 vgl- Mars. 
Elementargedankenlehrc 210. 
Elementartypen löoff., 193« 2o6f., 

235- 255- 
Elemente 73, 84, 155, Z53. 
Elixier 82, 88. 

Eltern 7, 30, 37, 45ff-F 72, 83, i66f. 
Empfindungen, geistliche 168, \79^-i 

199 f. 
Entartungstheorie 210. 
Erdbebentraum 63. 
Erdbcerentraum 25f., 39, 42f., 65. 
Erde ly, 63ff.. 76, 81, 85, looff., 

114, i23f., 135, i43f., 187, 2i8ff., 

weiße — )02, 219, 231. 
Erweiterung der Persönlichkeit 164, 

171, i82ff., 235. 
Erz 103. 
Erziehung 37, 99^^-, i6off., i84ff., 

233ff- 
Eschatologie 231. 
Essig 99 ff. 
Ethik 19, 24, z9f., 41, 98 ff-, ii4ff., 

]34ff., 160, i62ff., I78ff., 207, 

210, 21lff., 232ff. 

Examen 8f., 21, j6if., i6i., 135. 
I4off., 244, 25?- 



Faeces 62, 71, 8i, 87, 103. 

Familienroman 58, 72, 139. 

Farben 82, 88, 102, 212, 230. 

Faulheit 167, i74ff. 

Fäulnis vgl. putrefactio. 

Ferment 76, 86, 98. 

Feuer i?ff., 69, 80, 82, 85, 92, loof., 

103, logf., 115, "9^-. i?5r 189. 

215, 2?9^-» 254, 257, Stroh- 

21 3 f., =Raub 61. 
figieren vgl. fixatio. 
fimus 7of., 81. 86ff., Qoff., 232, 259. 
fixatio 75, 103, 214, 246. 
flammender Stern 124, 126, 259, 

247f., 2f4r 263. 
Fleisch i28f., 190. 
fliegende Post 67, 136?. 
Flut V. Sintflut. 
Frage 46f. vgl, Examen, Zauber^ 

wort. 
Freiheit i04f., 127, 183, 2i8ff., 235, 

255. 
Freimaurerei 19, iioff., 236ff. 
Friede 17, 98, 104. 
fünf ii8f. 

funktional i49ff., 194 vgl. auch Ka- 
tegorien, 
furchtbare Mutter 167, 17?, 196. 

G 126, 247. 

Garten lof., 35, 39, 58, 60, 63, 65, 

135- 
Gäyömard 50. 
Gebet 107, 156. 
Geburt 53. 57ff., 80, 86, 88, I94ff-, 

sTräume 61 ff. 
Geduld 2i?f., 228f. 
Gefahr 9ff., 36ff., 85, 171 ff. 
Gefängnis ijff., 68ff., 86ff., 202, 

263 vgl. Gefäß. 
Gefäß i>ff., 56f., 64, 68ff., 76, 8of., 

84f., 9off-f 97- i02r *05. >56f., 

195, 202, 213, 277- 241, 245- 255. 
Geheimnis 8, 18, 68f., 73, 8off., 91, 

98, 108, 257 ff. 
Geist 15, 77, 81, 98f., I02ff., ii4f., 

i44f., 213, 226ff. 
Geometrie 238f. 

Gesellengrad 126, 131, 247 f., 254. 
Gewissen 41, 43f., 68, 99ff., 137, 

144, 179- 185, ziiff., 228, 238. 
Gift 70, 81, 100, 176, 178, 196. 



278 



INDEX 



Glas (auch Krystall) if, 39, 68f,, 

109, 219, 245. 255. 
Glück 17, 7y, 40, 178 vgl. Schatz 

und Seligkeit, 
Gnostiker 117, 250. 
Gold 17, 75ff., 79, 81 ff., 94ff., 

1 i4f., ii8f., 131, 182 f., ZOO, 

zu, 222f., 228, 252, 259; =Stein 

V, Stein. 
GoId= und Rosenkreuscr 111, ijof., 

I,5ff. 
Gott 17, 73, 100, ii'jf., ii8ff., 155, 

iSji., ziiff., 259ff. 
Grab (Graben, Grube) 9, 14, yo, 

58, 65, S^ff., i27ff., i88f., 194, 

257. 249, 251, 265. 
Grade 82, 105, 113, 123, ijif., ijsf., 

2uf., 245!, ajsf. vgl. Stufen, 
großes Werk v. Werk, 
gunas 178, 216, 224. 
Gutturale 241, 

Hauptarbeit 82, 86. 

Haut i28f., 190. 

Hawwa (Eva) 52f., 81. 

Hemmung yff., 21, 36ff., 45, 58ff., 

67f., 85f., 171. 
Herakies 38, 84, 106, 171, 187. 
Hermaphrodit 50, 59, 81, 85, 126, 

203, 248. 
Hermes 74, 94f., 124!., 217; «Stab 

84 f., 178. 
hermetisch i8f., 74, 76, 94ff., i34ff., 

190, 21 1 ff. 
Hiram 124, zyy. 
Homunculus Sgff., 203. 
Honig 100. 
Horus 55, 129. 
Hüter 41, 128; Hüterin der Schwelle 

176. 
hypnagogisch 35, i49ff. 

lason 47, 57^-. 85. 
ida lyöf. 

Ideal 100, 16z, 168, 211 f., 21 8f., 

234, 250, 25z, 255, 257, 
lUusionstheorJe 206. 
Imago 143, lyöff. 
Imbibition 15, 213. 
Indra 47, 
Infantiles 28, 59, 7of., 161; infantile 

Zeugungstbeorien 53, 57, 71, 81, 

87, 89 ff. 



Intellekt loz. 

Introversion i55ff., lyiff., i94ff., 

237. 
Inzest 13, 4zff., 87, 103, i39ff., 

161 ff,, i74ff., 196, 2o8f., 2 59f. 

vgl. Odipus, 
Isis 53 ff. 
Istar 65. 
isvara 183. 

Jahwe y2f. 

i 129, 253. 

Jerusalem 119, 2)9ff., 246ff. 

Jesus V. Christus. 

Johannes 121, i8of., 239, 245ff. 

Josua 47. 

Jungfräulichkeit 42, 6of., 81, 87f., 

219, 251. 
Jupiter 77, 170. 

Kabbalah 18, 127, 135, 198. 
Kampf 9, 38, 49- 
Kantischc Ethik 182, 212. 
Kastration 52ff., 170, 192, 2o8f. 
Kategorien der Symbolik i49ff. 
Kind 30, 37, 46ff., löjff. 
Kleider 13, ijf., 136, 240, 252. 
Klopfen ii4f., 135, 140, 244. 
Knochen 9, 38ff., yöff., 8y, i28f., 

190. 
Kochen 56f., 82, Syf., 92f., 191, 

195. 
Komplex 23. 
Königi6f.,37, 40,43, 47, 72f., 73^, 

8iff., 103, izo, 124, 127, I39ff., 

225f., 235, 243- 
Königin i5f., 72, 120, 22?f., 237. 
Korn öjf., 69, 76, loof., 104, 128, 

188, 220, 231, 247. 
Körper i4f., 74f., 77, 87, 98f., 

lozff., 113, i44f., zz6if., zjof. 
Kosmogonie joff,, 70, 76, 94, 201 f., 

2l8f. 

Kostbarkeit v. Schatz. 

Kot v. fimus, faeccs. 

Kräfte = Inventar lözff., 193, 203, 

206, 
Kreis oder Kugel 8, 13, 76, 83, 86, 

100, iiSff., 192, 230, 254. 
Kreuz 104 f., 109, iiSff. 
Kronos J2. 
Krün 198. 



ffiB 



INDEX 



279 



Kubus V. Rechteck. 

Kugel V. Kreis. 

Kultur (= Entwicklung) v. Erziehung 

und Ethik. 
kundaltni lyöf. 
Kunst 158, 195, 255; königliche ~ 

18, i24f., 127, 155, 23zff., 26?; 

hermetische ~ 18, 94ff., izjü., 

211 ff. 
Kupfer 77, V. auch Venus. 

Lapis, Philosophorum, v. Stein der 

Weisen, 
latent 26f., 40, 42. 
Lebenswasser v. Wasser. 
Lehrlingsgrad 277ff., 252!. 
Leib V. Körper. 
Leichnam v. Tod. 
Lemminkäinen 56. 
Letten 105. 
Liebe izff., 40, 69, 100, i6jt., aizf., 

2i7f-. Z20, 27of., 244, 247, 249, 

255, 2?7. 
Libido 56, 131, 155, 159, 161, i65ff., 

i72ff., 194, 216, 218, 251, z6o. 
Licht lojf., 109, 115, 120, i99ff-. 

257. 
Lichter 109, 125, 259. 
Lilie Si, 1 19. 

Loge 114, ii6ff., 135, 237ff. 
Löwe 8f., 12, 37f., 4z, 47ff., 8iff., 

99, 135, 160, 186, 202. 

Luft 1?, 70r 87, 104, 135, 244. 

Luna V. Mond. 
Lust 36. 

M.. B 129. 

magnum opus v. Werk. 

Makrokosmos 113. 

Mann, männlich 40, 49, 76, 79^-. 

119, 248, 253, vgl. Bräutigam, SuU 

phur usw. 
manifest 26f., 40. 
Märchen 17!, 2off., jjÜ., 44ff., 

ijSff-, 164, 207. 
Marduk 51. 
Mars 77, 170, 178. 
Materie (erste) v. prima materia. 
materia cruda 75, vgl. auch Roh= 

zustand, 
materiale Kategorie I49ff., v. auch 

Kategorien, 



Mauer 9ff., jSf., 42, 48ff., 86, 135. 
maya 228. 

Medeia 14, 57, 7«, 84. 
Mehl 65ff., 86, 88. 
Mclstergrad 129, 244, 249ff., 254f. 
M. V. St. 239, 250. 
Meisterwort 245 f. 
Mensch 79, 98ff., 113^^-- 221, 263. 
menstruum 81, 88, 90. 
Mercurius 75^-. S+ff., 98ff., 137, 
170, 2i4f., 221 , 227f., 248, 

2?3f- 

Messe 106. 

Metalle 77^-> 82. 84. 101, 136, 170. 

Mi grationsth Coric (für Mythen) 210. 

Mikrokosmos 98, iijf., 170. 

Milch 70, 81, 88. 

mineralisch 103. 

Mond 77, 79. S>- 83, 102, iipf., 
i24ff., 14,4, 170, 221, 225, 227f., 
259, 247 f., vgl. Silber, McrcurLus. 

monstra goff. 

Moral 24, 30, 68, 165. 

Motive 34, 53, 165, 209; =GlcU 
chungen 49, 70, 84, 25Sf. 

Mühle 11 f., 65ff., 80, 86, i35ff. 

multiplicatio 82. 

Mutter 13, jo, 42ff,, 76, 81, 86ff., 

103, )59ff- iföff., 172, i75ff- 

i94ff., 259f. 
Muttcrleibsphantasie 63, 66ff., 143, 

198 vgl. Uterus. 
Mystik (Wesen der) 19, lOf, ijy, 

l62ff,, 172ff., 210ff. 

Mythos, Mythologie 19, 29, 33ff., 
44ff., 129, ijSff., 193, 204ff. 

Nabel 177, 200, 262, 

Nacharbeit 82. 

Naßhut 56. 

Natur 8, 10, 82, 86, 89, 98f-f., 118, 

130, i35f., 178, 184, 190, 2i4f., 

227, 242 ; =Kcrn der Mythen 207ff. ; 

^wissenschaftliche Deutung i38ff., 

204 ff. 
Nephthys 54f. 
Neues Testament looff. 
neun 72, 85, 92. 
Neurose 25!, 30, 155, 175, 193. 
Neuschöpfung (mystische) 1 94, 20 1 f. 

vgl. Jerusalem. 
Noutt 51. . ^..^ 



280 



INDEX 



nutritio i6f., 6g, 72, So, 88, giff., 

2ZO. 

Objekt zizf, 218, 2E2ff. 
Odipus=Komp]ex zgf., 44,ff., 145, 

157. 166, 208. 
Ofen 86, 98, 102, 110, 245. 
Ol 100, 189. 
Onanie 59ff. 

Opfer lyS, i86ff., 257f., z4of., 2yy. 
Osiris yjff., 75, 84, 129. 
Ostern 105, 241. 

ralingencsie 92. 

Parabola yff., 2off., jjff., 78ff., 

110, ijjff., 1561, 194,201 f., 226, 

252 f. 
Paradies 45, i^yf., 167. 
Particular (=Medizin) 109. 
Paulus 99, 
Pcctorale 241, 247. 
Pelikan 82, 136, 255. 
Pelops 57. 

Pfauenschwanz 8z, 230, 255. 
Phallos 46ff., 84, 176, 192. 
Phantasie 33ff., 40, 72f, i38ff., 

I49ff., i95f., zo4f. 

philosophisches Ei v. Ei. 

Phoenix 124, 254. 

pirigalä i76f. 

Planeten 77, 170, 230, 247. 

potentiell 193, 246. 

prakrti 178, 224. 

prana 176 f. 

Pratum felicitatis 8, 35!, 45, 135, 

vg-1. Paradies, 
prima materia 75:, 8of., 97ff., 245. 
Programm i93f., 231, 240. 
projectio 82, 136, 248. 
Prüfungstraum v. Examen. 
PsychanaJysc i8f., aaff., 33ff., ySf., 

I37ffv I49ff-, 179, 192, 203ff., 
232. 

Psychose lyy, i77f. 

purificatio 99, 102, 191, vgl. Reim= 

gung. 
putrefactio 15, öpff-, 8of., 84^, 90, 

104, 128, 137, i86f., 219, 237. 
Pwancku 5 1 . 

Quecksilber 75ff., 100, 1 23, vgl, Mer= 
curius. 



Rabe 8z, 220, vgl. schwarz, 
rajas v. gunas. 

Rebis 85, 118, i26f., 205, 248, 2^4. 
Rechteck (Viereck, Kubus) it, 63, 

ii4f., 119, i2ifF., 187, 245. 
rechts und links 9ff,, 58ff., 59, 121. 
rectificatio v. Reinigung. 
Regen 11, i4f., 63ff., 213, 253; 

!.bogen 11, if, 70, 82, vgl. Pfauen- 
schwanz. 
Regression 28f,, ijöf. 
Reinigung 15, 80, 100, 102, io9f., 

Ii4f., 123, 137, 227f., 237, 246, 

253. 
Religion 74, 94ff., ji3ff., lyjf., 

i62ff., 210, 260. 
retrograder Aspekt v. Aspekte. 
Reue, Zerknirschung 13, 188, 219. 
Riese 47, 50, 198. 
Rohzustand 100, löffff., 246. 
Rosen lof., 39ff-, 59^-, 65, Sjf., 114, 

119, 122, i35f. 
Rosenkreuzer 18, iioff., i33ff. 
rot 9ff., 16, 3Sff., 59, 68, 79ff., 102, 

114, 119, I35f., 23of., 253. 
Rücksicht auf Daratellbarkcit 26 f., 41 . 

Sal 77, 98, i23f., 227f., 24yf., 253. 
Same 69, 76, 81, 83ff., 24?, 247. 
samkhya 107, 178, 183, 216, 224f. 
sattva V. gunas. 
Saturn 77, 101 f., 124, 170. 
Säulen 117, 127, 246, 2?3f. 
Schatz ijff., 37, 40, 7tff., 98, 132, 

I72ff., I94ff-, 252, 237f., 245, 

251 f. 
Schizophrenie 177. 
Schlange 57, 83ff., 99f., 126, i75ff. 
Schlüssel 11, 6i, zj-jü. 
schmelzen 14,41, 80, 102, )09f., 241, 
Schmutz, schmutzig 10, 61 f., vgl. 

auch fimus. 
Schuldgefühl 43. v. Ang:st. 
Schwan 82. 
Schwarz 12, 14, 67ff., 82, 85, 87, 

ijöf., i86f., 202, 219, 230. 
seh. K. 237, 25zf. 
Schwefel v. Sulphur. 
SchwcUensymboiik 35, 73, 152, 156. 
Schwester 13, 16, 42ff., 541,, 69. 
Schwindler 93, iiif., 132. 
sechs nSf., i25f., 139. 



--j^jaSinL 



--J=»JCT.g.-^ — ^ 



mSe=. 



INDEX 



281 



Seele 1?, 70- 74f- 77, 87, 98*- 
lozff., ii3ff-, 144. 213, 22lf., 
ZE7ff., Z41. 

sekundäre Bearbeitung: 26f. 

SelbstGrkennen24,9Sff.,t79,2?7,Z40. 

Selbstmord löyf., 178- 

Seligkeit 17, 55. >05, >>'5' 2*^' ^^4- 

Sem 198. 

Seminalistcn 95. 

separatio 115, 240. 

Set 54f- 

Sexualität 22 ff., 57, ?9ff-' 79f-< S^ff., 
131, i66ff., 182, 192, 225f. 

Shou yi. 

S 241. 

siddhi 168, 182, i95f., 26of. 
sieben 77, 120,125, 139. i67ff., 229!., 

Siegel 15. 69, 76, 86, Z57. 248. 
Silber 16, 75. 77. 79. 82, io2f., 114» 

vgl. Mond. 
Simson 47. 65. 

Sintflut 70, i3f. 172, 196, 20if. 
Smaragdtafel 94ff. 
Sohn 45f-. 49ff-. 84^-. >05. 129. 

I59ff., 164. 
Sol V. Sonne. 
solutio V. Auflosung. 
Soma 64f., 72, 88, 159- 
Sonne 1 1 f., ifff-, 77. 79.85. 9?. «02, 
109, iiSff., 144, 170, 199^^-. 214, 
221, 225, 22y, 227f., 239, Z47f-. 
vgl. Gold, Sulphur, 
Sphinx 47, zozf. 
Sperma 68, 70, 81, goff., loy. 
spcrmatiscbe Materie 81, 9?. 
Spiritus V. Geist. 
Stadt Gottes v. Jerusalem. 
Stein (der Weisen) 72, 75!, 80, ßzff., 
98ff., i?6, 215, 2z6f., 256ff.; 
Bau— 113, 119, 187, 246; Gold — 
247; himmlischer und irdischer — 
105, iijf-, 251, 250; Salz— 245ff.; 
weißer — zi9ff.; — Aben vide 
Aben; — der Tiefe i9Sf.r 202. 
Sterkoristen 8i, 93. 
stinken 15, 67, 70, 87, 137. 
Stomachale 241. 
Stufen 125, 190, 229ff., 233^ vgl. 

Grade, 
sublimatio 82, 102, 104, 114, lözff., 
192, 214, 260. 



SubjeH (erkennendes, wollendes) 

212f., 222ff. 

subjectum 80, 8y, 93, 97f., 123, 22z, 

Z37f-. Z5zf- 
suchen 82, 98f., IH*'-. '29, >5*. »40/ 

229, 237 f., 244, 257. 
Sudler 10, 61, 81, 86, 93- 94/ 96, 

107, 152. 
Sulphur 76f., 79. 83, 9ßff-, i^ji-. 

156, i38, 2i4f., 222, 227f., 248, 

255^- 
Supcrfluitätcn 80, 102, 238, 240, 

263. _ 

susumna 176. 

susupti 223, 226. 

Talicsin 195^^- 

tamas v. gunas. 

Tau 15, 70, 81. 

Tempelbau 113, »*9. 242, 246. 

Thors Böcke jöf. 

Thot 74- 

Thubalkain 127, 241. 

Thyc5teE=Mahl 57 

Tiamat 51, 202. 

Tinktur 82, 85, 125, 135*-. 231. 

tingiercn 74f., 82, 114. 

Titanen, titanisch 24, z6, 29, 52, 73, 

157, i6off., aojf., 232. 
Tod 14^-. 45. 48ff., 85ff., 103, 119. 

iz7ff., 156, j66ff., 172, i86ff., 

219, 225*"., 230, 257, 240, 247, 

249ff-. 254f., 263. 
Tränen 14, 70, 114, 124, 249^, 253. 
transmutatio 75, 98, 103, 114, zizf., 

22off. 
Traum i7f., 2off., 33ff-, 149^^-. '97; 

«Arbeit z6, i54f.; =Entstel!ung 

23ff., 40; cGedankcn 26f., i52f. 
Trennung der Eltern 49ff., 201. 
Tricbieben 22ff., 36, löyff. 
Trotz 46, 167. 
Trunk 17, 72, 3o, 114, 213. 
Tür loff., 35, 59, 41 f., 6of., Sjf., 
i40f., 144. «76, 237, 239, 243f., 
249. 
Typen, typische Bilder 33, 1 53, 
158^., 192^-. 204. 232ff., 256. 

Öberdeckungsfchlcr 161, 255. 
Uberdeterminierung 27. 
Überflüssiges v. Superfluitäten. 



282 



INDEX 



^- 



übermenschliche Fähigkeiten 75, 91 f. 

I75ff., 211. 
Übungen, geistliche lysf, lyöif., 

unbewußt 22ff., 7Sf., 17z, 174, 179, 

zio, 254, 261. 
unificatio v. unio. 
Universal {=Mcdizin) 7?, 100, 109, 

unio mystica io4f., 125, 126, 192, 

2Ilff., 249ff. 

Unterwelt 24, 45, 6y, 68, 72, 199, 
202, 

unzerstörlich, unverbrennlich 17, 
jooff., 114, ,56, 185, 214, zi6, 
252. 

Uranos 52. 

urina yoL, 81, 88. 

Urmotive 165. 

Urstier 50. 

Urstoff 64, 75, 81, 87. 

Uterus 45f., 57, 61 ff., 86ff., 91 ff., 
>03, 195, 198. ^ 

Vater 50, 45ff., Sjff., 129, i,9ff., 
i59ff-, i86ff., 194, 2J5, 240. 

vedanfa 225 ff, 

vegetabilisch 101, 105. 

Venus 77, 81, ioo, 170, 178. 

Verbrechen, verbrecherisch 22, 120 
i36f., 166, 178. 

Verdichtung 26f., lyz, 

Verdrängung 22ff. 

Verengerung der Persönlichkeit 182. 

Verhüllung 22ff., 4off. 

Verinnerlichung i54ff., iS^ff., 206, 

Verschiebung 26f., 44. 
verschlingen 70, 87f., 172, 207f. 
Verwandlung v. transmutatio. 
Verweigerung 47, 58. 
Verwesung v. putrefactio. 
vier 1 i8f., 155. 
Viereck v. Rechteck. 
Vipern loo. 
Visnu 172. 
Vitriol 124. 
volati! 75, 255. 
Vorarbeit 8z, 100. 

Wächter v. Hüter. 
Wäinämöinen 198. 



Wald 7, 34f., 45, 82. 

Wärme 13H., 69^., 86f., 9if., 213 

vgl. Feuer., 
waschen v. Reinigung. 
Wasser 1 iff., 46, öjff., 81, 8;ff., 92, 

99f i02ff., ii8f., 155, 137, ,91, 

19?. 215. Z49- 
Weg' 7ff., 34f., 38, 41, 45, 67f., iQ6f., 

134, i40ff., i7lff., 212, 237, 241, 

24? ff. 
Weib, weiblich 37!, 40!, 44, 60, 

76, 79ff-- iJ9i248, 253, vgl. Braut, 

weiß usw. 
weiß 9ff., ,yf., 78ff., 59, 68, 79ff., 

lozff., 114, 1,9, 155^ 2,9^ 23of., 

253. 
Werk 76, 79ff., 97ff., ,14!, ,25, 

i35f-, i7of., 176, l82ff., 210ff., 

236ff. 

Wermut 100. 

Wiederbelebung v. Auferstehung. 

Wiedergeburt67ff., 10?, i94ff.,2iof, 

277, 247*f., 259f-, vgl. Auferste= 

hung. 
Wille 110, 142, 144, 218, 236f., 253, 

2y?; =Konflikte 36, 4iff., 68, 166, 

171, 176, 219, 23off. 
Winkelhaken ii7f., 127. 
Wißbegierde 46, 170. 
Wunsch 22ff., 73, 2i6ff.; ^Erfül« 

lung 22ff., 3;f., 40, 42, 68, 72f., 

141 f. 

Yang, Yin 51. 
Ymir 50, 202. 
yoga 107, i76f., 183, 212, 224f. 

Zahlen, heilige ii6ff. 
Zauberei i77f., 219, 232. 
Zauberwort i98f., vgl. Soma. 
zehn 12, 68, 135. 

Zeichenerklärung: 
2 Mercurius. 
^ Sulphur. 

G Sal. 

V^ Kosmos, Stein der Weisen. 
/\ Feuer. 
A Luft. 

V Wasser. 

V Erde. 
O Alaun. 

Gold usw. 



^m 



INDEX 



283 



]) Silber usw. 

CJ' Eisen. 

^ Zinn. 

9 Kupfer. 

f Blei. 

>i* Essig, Kreuz. 
Zensur zzff., ^iti. 
Zerreißung des Mutterleibes 55, 196, 

199- 



Zerstückelung 9, 78, igÜ., 8^i., 9^, 

i28f., i9off., 250. 
Zinn 77. 
Zirkel 118, 121, 124, 126, 258, 240, 

vgl. Kreis, 
zwei 9ff., 40. 49- 59. 61, 76^., 79ffT 

98, io2ff., iiSf-, i76f., zi4ff., 

250, ZJ'jf. 



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Redigiert von Dr. Otto Rank und Hanns Sa(f)s 

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Internationale Zeitschrift 

" für 

Ärztliche Psychoanalyse 

Offizielles Organ der International. Psydioanalytisdien Vereinigung 
Herausgegeben von Prof. Dr. Sigm. F*rcud 

Redigiert von 

Dr. S. Ferenczi Dr. Otto Rank 

Bv<)«pnt Wien 

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WIEN UND LEIPZIG 
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